Der eab-Wunschzettel

Wenn Büchertürme unter dem Weihnachtsbaum verhindern, dass dieser umkippt; wenn man verschämt zwischen Weihnachten und Neujahr in den Buchladen schleicht, um Tantes liebgemeintes, aber verstörendes Geschenk 50 Shades of Grey gegen den neuen Abraham/Sanderson/Okorafor einzutauschen, wenn man sich vornimmt, in den Feiertagen nur zu lesen und dann doch nur isst – dann ist es wieder da, das Weihnachtsfest!

Eine der schönsten Weihnachtstraditionen ist sicherlich das Verfassen eines Wunschzettels von der Länge von Pats Bart und mit Wünschen von ähnlicher Bodenständigkeit wie “Bitte ein (Einhorn)-Pony”. Wir vom eab haben uns mit unserer Wunschliste auseinander gesetzt und folgendes aufgetan:

Wulfila wünscht sich eine liebevollere sprachliche Gestaltung der Fantasy, im Englischen wie im Deutschen! Wenn Romane überwiegend aus schlichter Umgangssprache und Kraftausdrücken bestehen, mag das vielleicht im ersten Moment noch als Milieuschilderung durchgehen, aber letztendlich wird so viel zu viel von den Möglichkeiten und dem Zauber verschenkt, die einem wirklich kunstvollen und bewussten Sprachgebrauch innewohnen.

Ganz oben auf Mistkaeferls Liste steht eine schicke Röntgenbrille für eBooks, die ihr (vielleicht mit einem irisierenden Schimmer oder so) anzeigt, wenn sich hinter dem Cover eine Perle verbirgt, damit sie endlich ein bisschen von der ganzen Fülle profitieren kann, die da vermutlich veröffentlicht wird, ohne Stunden ihres Lebens mit Müll-Leseproben verbringen zu müssen.

Gero greift nach den Sternen und wünscht sich mehr Mut von den deutschen Verlagen und Autoren. Mut, mal etwas Außergewöhnliches zu versuchen, Mut, selbst neues Terrain zu erkunden und nicht immer vermeintlichen oder echten Trends hinterherzuhecheln oder Trittbrettfahrer des Erfolgs zu spielen. Die Fantasy sei schließlich ein Genre, das unglaublich viele Möglichkeiten bietet, spannende, nachdenklich machende, berührende, verstörende, tröstliche etc.pp. Geschichten zu erzählen – man möge diese Möglichkeiten doch bitte ein bisschen mehr nutzen! Und natürlich wünscht er sich dann von den Lesern und Leserinnen auch mehr Offenheit und Neugier, mehr Bereitschaft, Unbekanntes zu entdecken und sich auch einmal auf eine Reise zu begeben, deren Ende nicht schon anhand der Covergestaltung absehbar ist.

Colophonius hätte gegen ein Einhornpony nichts einzuwenden, würde sich aber auch schon mit einfallsreichen, mutigen Jungautoren begnügen, welche abseits der zahlreichen Normativitäten neue Wege beschreiten und auch in ihrer Literatur auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Anders gesagt: was die Welt jetzt braucht, ist ein SF-Bestseller eines afrikanischen, transsexuellen und muslimischen Autors über eine Parallelwelt, in der diese drei Attribute keine Rolle spielen.

Nicht eindeutig entscheiden zwischen zwei Wünschen kann sich moyashi, die sich einerseits wünscht, Jugendbücher würden wieder mehr Abenteuer und Abwechslung zum Inhalt haben als die ewig gleichen schmachtenden Teenager in einer unnötigen Dreiecksliebelei. Andererseits hätte sie gerne eBooks ohne hartes DRM, damit es für die Käufer (und sie selbst) nicht immer so eine elende Plackerei ist mit dem Sichern der Bibliothek (die Raubkopierer haben eh keine Schwierigkeiten DRM zu umgehen, daher hält sie das aktuelle System für großen Schwachsinn).

Wir sind voller Hoffnung, dass die jeweils präferierte weihnachtliche Ausliefer- und Wunscherfüllungsfigur sich diese Liste hier zu Herzen nimmt und wir im neuen Bücherjahr 2014 reichlich beschenkt werden! In diesem Sinne wünschen wir euch ein lichthelles, freudebringendes Fest und schöne Feiertage, einen guten Start ins neue Jahr und viele, viele neue Welten, die sich unter eurem Weihnachtsbaum tummeln!

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Zum 70. Geburtstag von Chris Bunch

Bibliotheka Phantastika erinnert an Chris Bunch, der heute 70 Jahre alt geworden wäre. Auf sich aufmerksam machte der am 22. Dezember 1943 in Fresno, Kalifornien, geborene Christopher Renshaw Bunch zunächst als Autor mehrerer gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Allan Cole geschriebener Romane, womit die beiden eine Zusammenarbeit fortsetzten, die zuvor schon zu einer Vielzahl gemeinsam verfasster Drehbücher geführt hatte. Diese Bücher – oder genauer: die vier Bände der zur Fantasy zählenden Anteros Saga – wurden bereits im Text zu Allan Coles Geburtstag kurz vorgestellt, weshalb es an dieser Stelle nur um Chris Bunchs Autorenkarriere nach dem Zerbrechen der langjährigen Freundschaft mit Allan Cole und dem Ende der gemeinsamen Projekte gehen wird.
The Demon King von Chris BunchDenn fortgesetzt hat Chris Bunch seine Autorenkarriere durchaus und dabei allein deutlich mehr Bücher geschrieben als sein ehemaliger Kollege. Sein erstes im Alleingang realisiertes Projekt war eine SF-Trilogie mit dem Titel Shadow Warrior (1996/97), ehe er sich mit der Seer King Trilogy der Fantasy zuwandte. Auch in ihr erzählt ein alter Kämpe rückblickend sein Leben, doch wer auf Fantasy von der Qualität der Saga um die Fernen Königreiche gehofft hatte, sah sich rasch bitter enttäuscht, denn außer ihrer Struktur haben die beiden Werke wenig gemeinsam. In The Seer King und den beiden Fortsetzungen The Demon King (1998) und The Warrior King (1999) erzählt Damastes a Cimabue von seinem Aufstieg und Fall als rechte Hand, Freund, General und schließlich erbitterter Feind des Magiers und zeitweiligen Imperators Tenedos – nur leider bleibt der Ich-Erzähler dabei ein Unsympath, dessen viel zu häufige, detailliert geschilderte und nichts zur Handlung beitragende sexuelle Abenteuer ein zumindest fragwürdiges Frauenbild sichtbar werden lassen. Dass das Setting wie ein wahllos zusammengesuchtes Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen wirkt, trägt auch nicht unbedingt zur Lesefreude bei, da nützen noch nicht einmal Bunchs unbestreitbar vorhandene Fähigkeiten bei der Schilderung militärischer – auch taktischer – Aktionen und Kämpfe etwas. Von daher war die Trilogie, die auf Deutsch als Der Magier von Numantia mit den Einzeltiteln Der dunkle Thron (1999), Der Preis der Macht und Fluch der Wiederkehr (beide 2000) erschienen ist, eine herbe Enttäuschung, die von Locus-Rezensentin Faren Miller einst nicht zu Unrecht als “Jackie Collins for the epic-fantasy set” bezeichnet wurde.
Auch der zwergenhafte Juwelenhändler Peirol, der Held des Einzelromans The Empire Stone (2000; dt. Der Stein der Macht (2000)), ist ein ein bisschen zu sehr von sich selbst überzeugter großartiger Kämpfer, gewitzter und betrügerischer Händler und überragender Liebhaber, um so richtig sympathisch zu sein, weswegen seine Suche nach dem mächtigen, Empire Stone genannten Juwel, die den weitaus größten Teil des Buches einnimmt, den Leser trotz einzelner origineller Ideen kalt lässt.
Überraschenderweise findet sich im nächsten Einzelroman Corsair (2001; dt. Der Pirat von Saros (2001)) dann doch noch zumindest ansatzweise ein bisschen was von dem Zauber, der den Reiz der Romane um die Fernen Königreiche ausgemacht hatte. Was möglicherweise mit Setting und Plot zusammenhängt, ganz sicher aber auch damit, dass Chris Bunch in diesem Roman dankenswerterweise darauf verzichtet, die Handlung mit wahllos eingestreuten Sex-Szenen aufzupeppen. Held der Geschichte ist der junge Gareth, der zum Piraten wird, nachdem seine Eltern von geheimnisvollen Sklavenhändlern getötet wurden, und der nun vor Corsair von Chris Bunchallem die Schiffe der verhassten Mörder seiner Eltern ausraubt. Als er sich allerdings ihrer großen Schatzflotte bemächtigen will, muss er feststellen, dass sich hinter den Sklavenhändlern weitaus mehr verbirgt, als er geahnt hat … Corsair ist ein in weiten Teilen gelungener Entwicklungs- und Abenteuerroman, und Gareth die mit Abstand sympathischste Figur, die Chris Bunch für seine allein verfassten Fantasyromane geschaffen hat. Dass am Ende des Buches noch etliche lose Handlungsfäden übrig sind und ein paar Fragen allenfalls angerissen wurden, deutet darauf hin, dass Gareth nach dem Willen seines Schöpfers vielleicht noch weitere Abenteuer hätte erleben sollen, doch dazu ist es – und in diesem Fall kann man durchaus “leider” sagen – nicht gekommen.
Stattdessen folgte mit Storm of Wings (2002; dt. Herrscher der Lüfte (2004)), Knighthood of the Dragon (2003; dt. Dunkle Schwingen (2005)) und The Last Battle (2004; dt. Dämonenfänge (nur im Sammelband)) die Dragonmaster Trilogy (dt. Die Drachenkrieger (und unter diesem Titel 2007 auch als Sammelband mit den Teilen 1, 2 und 3)), in der der Bauernjunge Hal, der anfags davon träumt, eines Tages auf dem Rücken eines Drachen zu reiten, bei Ausbruch des Krieges die Chance bekommt, diesen Traum zu verwirklichen und zum Drachenreiter zu werden. Allerdings stimmt das, was er sich zuvor erträumt hat, nicht unbedingt mit der Wirklichkeit überein …
Außer diesen Fantasyromanen und -zyklen hat Chris Bunch noch zwei SF-Serien verfasst: The Last Legion (1999-2001) und Star Risk (2002-20005). Letztere ist nicht nur sein einziges SF- oder Fantasywerk, das nie auf Deutsch erschienen ist (was insofern bedauerlich ist, als Star Risk die beste seiner allein verfassten SF-Serien ist), sondern auch das einzige, das er nicht selbst zum Abschluss bringen konnte. Denn am 04. Juli 2005 ist Chris Bunch nach langer Krankheit gestorben, und zu diesem Zeitpunkt hatte er nur die Outline des geplanten fünften Bandes verfasst, der schließlich kurze Zeit später von Steve und Dal Perry auf der Basis dieser Outline geschrieben wurde.

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Zum 65. Geburtstag von Sean McMullen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Sean McMullen, der heute seinen 65. Geburtstag feiert. Der am 21. Dezember 1948 in Sale, Victoria, Australien geborene Sean Christopher McMullen zählte zu der Reihe von SF- und Fantasy-Autoren vom fünften Kontinent, die sich ab Mitte der 1990er auf dem internationalen Markt etablieren konnten.
Sein erster in den USA veröffentlichter Roman war The Centurion’s Empire (1998), in dem der römische Centurio Vitellan Bavalius dank eines venenum immortale vom ersten nachchristlichen bis ins 21. Jahrhundert überlebt und – unterbrochen von langen, durch das Mittel erzwungenen Schlafpausen – immer wieder Anteil an geschichtlichen Ereignissen hat. Deutlich mehr Eindruck als dieser Roman machte allerdings Souls in the Great Machine (1999), die überarbeitete Ausgabe von McMullens australischem Debüt Voices in the Light (1994) und dessen Fortsetzung Mirrorsun Rising (1995) und zugleich der Auftakt der Greatwinter-Sequenz. Souls in the Great Machine (dt. Seelen in der Großen Maschine (2006) führt in ein Australien, das gut anderthalb Jahrtausende nach einem weltumspannenden Atomkrieg und dem nachfolgenden “Großen Winter” in unzählige Stadtstaaten zerfallen ist und in dem es weder Elektrizität noch Dampfmaschinen gibt, sondern stattdessen Lichtfunkverkehr, Galeerenzüge – und den Kalkulor, einen Eyes of the Calculor von Sean McMullenriesigen Computer aus menschlichen Komponenten. Natürlich gibt es auch in dieser Welt die anscheinend unvermeidlichen Machtkämpfe, und zudem droht der nächste “Große Winter”; darüber hinaus ergeht in regelmäßigen Abständen der geheimnisvolle “Ruf”, der Menschen und Tiere gleichermaßen wie in Trance zu einem tödlich endenden Marsch gen Süden aufbrechen lässt. Auch wenn die Folgebände The Miocene Arrow(2000) und Eyes of the Calculor (2001) dem Zyklus nicht zuletzt durch das Auftreten von Aliens einen deutlicheren SF-Touch verleihen, hat McMullen mit der Greatwinter Saga bewiesen, dass er nicht nur mit postapokalyptischen Szenarien etwas anfangen bzw. ihnen neue Impulse verleihen kann, sondern auch in der Lage ist, eine in sich stimmige vorindustrielle Gesellschaft zu entwerfen und zu schildern.
Für seine Fantasy-Reihe The Moonworlds Saga arbeitete er nicht nur eine Welt aus, die von den üblichen Versatzstücken der Fantasy sehr stark abweicht und nicht unmittelbar auf eine historische Epoche oder Landschaft zurückgreift, sondern machte sich mit den Gegebenheiten vertraut, denen er seine Figuren aussetzen wollte, indem er zum Beispiel in Rüstung durch die australische Wüste stapfte. Dass er auf Genre-Konventionen pfeift, wird schon im ersten Band der Reihe klar, The Voyage of the Shadowmoon (2002, dt. Die Fahrt der Shadowmoon und Der Fluch der Shadowmoon (beide 2006)), wenn gleich zu Beginn eine Katastrophe über den Kontinent Torea hereinbricht, deren Verhinderung Stoff für so manche Queste geboten hätte. Auch im Nachfolger Glass Dragons (2004, dt. Die Rache der Shadowmoon und Die Schlacht der Shadowmoon (beide 2007)) ist sich McMullen nicht zu schade, den magischen Super-GAU, der sich anbahnt, auch wirklich eintreten zu lassen und seine liebevoll entworfene Welt, in der sich etliche religiöse und magische Orden, personifizierte Schicksalsmächte und verschiedenste Staatengebilde tummeln, ordentlich zu verwüsten. Mit humorvollen Charakterkonstellationen, wie etwa dem philantropen Vampir Laron oder der auf Süßspeisen versessenen Magierin Wensomer, aberwitzigen Abenteuern mit chaotischen Fraktionswechseln und Enthüllungen und einer Magie, die bisweilen an Technik erinnert, bewegt sich die Moonworlds Saga in einem Graubereich zwischen den Subgenres und etablierten Erzählstrukturen, was ein Grund sein könnte, weshalb der Reihe nie der richtig große Erfolg beschieden war. Nach zwei weiteren – diesmal direkt aufeinander aufbauenden – Bänden in der ansonsten eher lose zusammenhängenden Reihe, Voidfarer (2006) und The Time Engine (2008, der erste wurde Glass Dragons von Sean McMullennoch als Der Geist der Shadowmoon und Die Legende der Shadowmoon (2007, 2008) übersetzt), war vorerst Schluss, obwohl man das Gefühl hatte, Verral und seine Bewohner hätten noch eine Menge Geschichten zu bieten.
Bis auf eine nur in Australien veröffentliche Zeitreise-Reihe für junge Leser, von der bislang zwei Bände erschienen sind, scheint sich Sean McMullen mittlerweile vor allem auf Kurzgeschichten und Noveletten verlegt zu haben, die 2013 in den beiden Sammlungen Ghosts of Engines Past und Colours of the Soul versammelt wurden, und man kann es durchaus bedauern, dass damit ein experimentierfreudiger und unkonventioneller Autor mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden ist.

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Neu rezensiert: Nuramon

Nuramon von James A. SullivanNuramon ist als einziger Elf in der Menschenwelt zurückgeblieben, als sie auf ewig von der Heimat der Elfen getrennt wurde. Obwohl er zunächst wenig erpicht darauf ist, Kontakte zu Menschen zu knüpfen, entschließt er sich, seine Magie bei der Verteidigung der Stadt Teredyr zum Einsatz zu bringen, in deren Nähe er lebt, und gerät infolgedessen immer tiefer in menschliche Angelegenheiten hinein. Wider Erwarten scheint er sein Glück zu finden, als er sich in die Grafentochter Daoramu verliebt. Doch nicht jeder steht der Verbindung aufgeschlossen gegenüber, und die bedrohliche Magie, die sich immer weiter in der Welt ausbreitet, ruht ebenso wenig wie alte und neue Feinde …

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Zum 105. Geburtstag von Mária Szepes

Bibliotheka Phantastika erinnert an Mária Szepes, deren Geburtstag sich heute zum 105. mal jährt. Als die am 14. Dezember 1908 als Magdolna Scherbach in Budapest geborene Mária Szepes 1946 ihren ersten Roman A Vörös Oroszlán unter dem Pseudonym Mária Orsi veröffentlichte, hatte sie bereits mehrere Karrieren als Schauspielerin, Journalistin, Drehbuch- und Sachbuchautorin hinter sich (und die Heirat mit Béla Szepes). Der während des Zweiten Weltkriegs in einem Versteck geschriebene Roman sollte zu einem Bestseller der esoterischen Literatur werden – allerdings standen seine Chancen dafür anfangs denkbar schlecht, denn A Vörös Oroszlán wurde von den kommunistischen Machthabern als nicht systemkonform eingestuft, verboten und bis auf vier Exemplare vernichtet. Diese wurden von Szepes’ Anhängern abgetippt und vervielfältigt, und schließlich gelangte der Roman fast 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nach Deutschland, wo seine Übersetzung 1984 als Der Rote Löwe auf den Markt kam.
Der Rote Löwe von Mária SzepesWorum geht es nun in diesem Roman, den das stalinistische Rákosi-Regime für so gefährlich gehalten hat, dass es ihn verboten hat und vernichten ließ? Der Rote Löwe erzählt die Geschichte des 1535 geborenen Müllersohns Hans Burger, der nach dem Tod seines Vaters früh sein Elternhaus verlässt und alsbald Schüler des Alchemisten und Wanderarztes Rochard wird. Besagter Rochard besitzt ein großes Geheimnis – ein Pulver namens Der Rote Löwe, das demjenigen, der es zu sich nimmt, die Unsterblichkeit verleiht. Hans Burger will dieses Pulver unbedingt haben, koste es, was es wolle – und er verschafft es sich auch, allerdings zu einem hohen Preis, denn er ist nun zur Unsterblichkeit verflucht. Er kann zwar körperlich sehr wohl sterben, wird aber durch die Jahrhunderte immer aufs Neue mit all seinen Erinnerungen unter den verschiedensten Lebensumständen wiedergeboren, und all seine Versuche, sich von seinem Fluch zu erlösen, scheinen vergebens … Mária Szepes schildert Hans Burgers Streben nach der Unsterblichkeit ebenso wie seine lange vergebliche Suche nach Erlösung in dichten, packenden Bildern, führt ihren Helden dabei durch die europäische Geschichte und lässt ihn Bekanntschaft mit historischen Persönlichkeiten machen. Doch mindestens ebenso wichtig und interessant sind die Einblicke in die dem Normalsterblichen normalerweise verschlossene Welt der Geheimgesellschaften und der über esoterisches oder okkultes Geheimwissen verfügenden Initiierten bzw. in die Welt der Alchemie. Und letztlich erzählt Der Rote Löwe auch davon, wie aus einem niederträchtigen und selbstsüchtigen Menschen ein selbstloser Diener an der Menschheit wird, der schließlich eine deutlich höhere Daseinsstufe erreicht.
Der Rote Löwe war nicht Mária Szepes’ erster Roman auf Deutsch – bereits 1982 war mit Spiegeltür in der See (1982; OT: Tükörajtó a tengerben (1975)) ein SF-Roman mit mehr oder minder starken esoterischen Untertönen erschienen –, aber ihr bei weitem erfolgreichster, der mehrere Auflagen erlebte (2002 bzw. 2004 auch überarbeitet und mit einem informativen Vorwort von Hans Joachim Alpers versehen). Nicht zuletzt dieser Erfolg dürfte dafür gesorgt haben, dass auch danach weitere Romane von Mária Szepes auf Deutsch erschienen sind, die sich entweder – wie Der Zauberspiegel (1988; OT: Varázstükör (ca. 1989)) – ausschließlich um esoterische Themen drehen, oder SF- bzw. phantastische Inhalte mit einer starken esoterischen Komponente bieten. Im Einzelnen waren das Sonnenwind (1986; OT: Napszél (1983)), Märchenland Gondwana (1993; OT: A Meses Gondvana (1992)), Die lebenden Statuen von Surayana (1998; OT: Surayana élö szobrai (1971)) und der von ihr selbst als ihr Hauptwerk bezeichnete Raguel-Zweiteiler Der Berg der Adepten und Weltendaemmerung (beide 1993; OT: Raguel 7 tanítványa (1991)), die allerdings allesamt nicht annähernd so erfolgreich waren wie Der Rote Löwe.
Außer diesen Romanen sind noch mehrere Kinder- und Sachbücher von ihr auf Deutsch erschienen, doch das am leichtesten zugängliche und auch für nicht oder kaum an Esoterik interessierte Leser und Leserinnen lesbarste Werk der am 03. September 2007 im Alter von beinahe 99 Jahren verstorbenen Mária Szepes ist und bleibt zweifellos jener Roman, in dessen Mittelpunkt Hans Burger und sein Streben nach bzw. Hadern mit der Unsterblichkeit stehen.

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Neu rezensiert: Shadow Games

Cover von The Books of the South von Glen CookNach dem Fall des Dominators macht sich die Black Company auf den Weg nach Süden und damit zu einer Reise in die eigene Vergangenheit – nach Khatovar. Dabei finden sich nicht nur neue Rekruten für die geschrumpfte Truppe, sondern auch neue Herausforderungen. Denn als die Gruppe die Stadt Taglios erreicht, sieht sie sich erneut dunklen Mächten gegenüber, die ihren Weg blockieren. Im Auftrag der Stadt Taglios, mit der die Black Company scheinbar mehr verbindet als ein Vertrag, muss Croaker nun seine Rolle als Hauptmann tatsächlich voll ausfüllen.

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Zum 60. Geburtstag von Janny Wurts

Bibliotheka Phantastika gratuliert Janny Wurts, die heute 60 Jahre alt wird. Schon seit ihrer Kindheit hatte die am 10. Dezember 1953 in Bryn Mawr, Pennsylvania, geborene Janny Wurts Interesse am Schreiben und am Zeichnen, von daher ist es kein Wunder, dass sie sich anfangs sowohl als Grafikerin wie auch als Autorin einen Namen gemacht hat. Mittlerweile ist die Grafikerin Janny Wurts zugunsten der Autorin in den Hintergrund getreten, auch wenn sie es sich normalerweise nicht nehmen lässt, die Cover ihrer Romane selbst zu gestalten – was immerhin den Vorteil hat, dass man als Leser davon ausgehen kann, dass das, was man auf dem Cover sieht, auch das ist, was die Autorin da haben wollte.

Janny Wurts’ erste professionelle Veröffentlichung war Sorcerer’s Legacy (1982, rev. 1989), ein nicht weiter bemerkenswerter Roman um eine verwitwete, aber zum Glück schwangere Herzogin, einen zeugungsunfähigen Prinzen, einen altruistischen Magier, einen schurkischen Schurken und die aus diesen und weiteren Ingredienzen resultierenden Palastintrigen. Zwei Jahre später erschien mit Stormwarden der erste Band des Cycle of Fire (unter diesem Titel 1999 auch als Sammelband), der sich einer beispielsweise auch von Marion Zimmer Bradley oder Anne McCaffrey benutzten Prämisse bedient: die Besatzung eines auf einer fernen Welt notgelandeten Raumschiffs hat ihre Herkunft vergessen, und folgerichtig sind die Menschen auf eine mittelalterliche Zivilisationsstufe zurückgefallen. Da sie aber nicht nur ihre Herkunft vergessen haben, sondern auch das, was sie mitgebracht haben, kämpfen sie nun – unterstützt von einem “magischen” Wesen, das einmal der Schiffscomputer war – gegen Dämonen statt Aliens. Die mit Keeper of the Keys und Shadowfane (beide 1988) fortgesetzte und auf Deutsch als Zyklus des Feuers mit den Einzeltiteln Sturmwächter, Schlüsselhüter und Schattentempel (alle 2000) erschienene Trilogie funktioniert als Entwicklungsroman der beiden Hauptfiguren ebenso wie als phantastische Abenteuergeschichte.

Dass zwischen dem ersten und den beiden nachfolgenden Bänden des Cycle of Fire so viel Zeit verstrichen ist, hat vermutlich damit zu tun, dass Janny Wurts zwischenzeitlich an dem Werk gearbeitet hat, das bis heute ihr bei weitem bekanntestes und erfolgreichstes geblieben ist, denn 1987 erschien mit Daughter of the Empire der gemeinsam mit Raymond E. Feist verfasste erste Band der Kelewan oder auch Empire Trilogy. Im Mittelpunkt dieses Romans und seiner beiden Fortsetzungen Servant of the Empire (1990) und Mistress of the Empire (1992) steht Mara von den Acoma, die auf Kelewan – der von Raymond E. Feist erschaffenen Welt auf der anderen Seite des Spalts, der er in Magician bereits einen Besuch abgestattet hatte – unversehens an die Spitze ihres Hauses gelangt und es gegen Intrigen und militärische Angriffe verteidigen muss. Da Mara aber keine dumme, schwache Frau ist, sondern es versteht, ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln, sich die richtigen Verbündeten zu suchen und letztlich das Game of Council – das komplizierte Spiel um die Macht, das die mächtigen Adelshäuser der Tsurani unentwegt spielen – besser zu beherrschen als alle anderen, ist es kein Wunder, dass ihr weit mehr gelingt als nur ihr Haus zu retten. Die Kelewan-Saga – die auf Deutsch in sechs Bänden als Die Auserwählte, Die Stunde der Wahrheit, Der Sklave von Midkemia, Zeit des Aufbruchs, Die schwarzen Roben und Tag der Entscheidung (alle 1998) erschienen ist – erweist sich als gelungenes Beispiel dafür, dass die Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher Autoren erstaunliche Synergie-Effekte haben kann, denn die hier vorhandene Mischung aus geradliniger Abenteuerhandlung, nachvollziehbar agierenden Figuren, politischen Intrigen und einem Setting mit mehr als einem Hauch Exotik (in Form der nichtmenschlichen Cho-ja) ergibt ein in jeder Hinsicht lesenswertes Werk.

Parallel zum letzten Band der Empire Trilogy erschien mit The Master of Whitestorm (1992) ein Einzelroman, den Janny Wurts wieder allein verfasst hatte, und den man vielleicht als eine Art Fingerübung zu dem umfangreichen Zyklus betrachten kann, den sie ein Jahr später mit The Curse of the Mistwraith begonnen hat und an dem sie heute noch schreibt: The War of Light and Shadow. In diesem auf elf bzw. zwölf Bände angelegten Zyklus (der eigentliche zweite Band wurde aus Umfangsgründen auch im Original fast immer gesplittet), von dem bisher neben dem bereits erwähnten Auftaktroman acht Bände – nämlich Ships of Merior (1994), Warhost of Vastmark (1995), Fugitive Prince (1997), Grand Conspiracy (1999), Peril’s Gate (2001), Traitor’s Knot (2004), Stormed Fortress (2007) und Initiate’s Trial (2011) – vorliegen, geht es um die im Rahmen des ersten Bandes zu ewiger Feindschaft verfluchten Halbbrüder Arithon, den Master of Shadow, und Lysaer, den Lord of Light, und um die Rolle, die sie beide in einer viel größeren Geschichte spielen, die vor langer Zeit begonnen hat. Wer nun allerdings meint, es ginge um den üblichen Kampf zwischen Licht und Schatten, der befindet sich auf dem Holzweg. Das Ganze ist Dank einer Reihe von Fraktionen und Gruppen, die mit teilweise recht unterschiedlichen Zielen ebenfalls in dem Konflikt mitmischen, und der Tatsache, dass der Zyklus in mehrere Unterzyklen (“Arcs”) aufgeteilt ist, deutlich komplexer als es anfangs scheint. Was zusammen mit dem alles andere als leicht lesbaren, komplizierten Stil, dessen sich Janny Wurts hier bedient, möglicherweise mit dafür verantwortlich ist, dass The War of Light and Shadow auch in den USA und England nicht annähernd den Bekanntheitsgrad hat, den ein Mehrteiler, der von einem Rezensenten einmal nicht ganz unzutreffend als “The Wheel of Time for adults” bezeichnet wurde, eigentlich haben müsste. Inwieweit das auch im Hinblick auf die Spannungsbögen allem Anschein nach stringent durchkonzipierte Werk letztlich gelungen ist, wird sich natürlich erst abschließend beurteilen lassen, wenn die beiden noch ausstehenden Romane (die Destiny’s Conflict und Song of the Mysteries heißen werden) erschienen sind. Deutschsprachigen Leserinnen und Lesern wird das allerdings wieder einmal schwer gemacht, denn hierzulande wurden nur die Bände I-III gesplittet unter dem Zyklustitel Der Fluch des Nebelgeistes (Einzeltitel: Meister der Schatten, Herr des Lichts (beide 1998), Die Schiffe von Merior, Die Saat der Zwietracht, Die Streitmacht von Vastmark, Das Schiff der Hoffnung (alle 1999)) und die Bände IV und V unter dem Zyklustitel Die Schattenkriege (Einzeltitel: Die Rückkehr des Nebelgeistes, Jäger und Gejagte, Die Verschwörung des Lichts (alle 2002) und Spiel der Schatten (2003)) veröffentlicht.

Wer sich deswegen an Janny Wurts im Original versuchen will, dem sei neben dem bereits erwähnten The Master of Whitestorm noch ihr 2002 erschienener Einzelroman To Ride Hell’s Chasm empfohlen. Beide Titel sind einerseits stilistisch und vom Erzählduktus her recht nah an The War of Light and Shadow dran, aber dank der überschaubaren Zahl der Hauptfiguren und des nicht annähernd so üppig ausgestalteten Settings wesentlich zugänglicher. Wer hier mit Janny Wurts’ Stil klarkommt, entdeckt möglicherweise eine Autorin für sich, die dann noch reichlich Lesestoff bietet.

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An Astronaut’s Guide to Life on Earth

Gravity – Alfonso Cuaróns Weltraumthriller und Kassenschlager 2013 – brachte uns George Clooney im Weltraum, CSA und NASA brachten uns Colonel Chris Hadfield. Die Schönheit des einen ist stark bemüht, den Sternenhimmel verblassen zu lassen, während der Schnurrbart des anderen mehr vom Universum gesehen hat als Spocks Augenbrauen.

Dem Umstand, dass der kanadische Astronaut während seines All-Aufenthaltes und seiner Funktion als Commander der International Space Station zum Star und Sternchen wurde, wohnt eine gewisse linguistische Poesie inne. Mit seinen Fotografien unseres Planeten aus der Satellitenperspektive brachte er weit mehr als eine abgespeckte Version von Google Maps in unsere Wohnzimmer: der Weltraum wurde greif- und erlebbar, ohne Adams’sche Lensflares, ohne Beamer und ohne grüne oder tentakulöse Besucher, weit ab von Science Fiction und ganz nah an Rocket Science. Und das bedeutet: Zähneputzen wird zur Herausforderung, Tränen sollte man sich dennoch verkneifen, aber immerhin gibt’s Erdnussbuttersandwiches:

Die kollektive Sehnsucht nach den Sternen, sie ist zurück und dank Erdnussbutter, Schnurrbart, Witz, Soyuz und Verstand wieder salonfähig. Zurück ist auch Chris Hadfield, der im Mai 2013 auf die Erde zurückkehrte und seitdem nicht nur begehrter Interviewpartner, sondern auch Autor geworden ist. In seinem Buch An Astronaut’s Guide to Life on Earth beschreibt Hadfield seinen Weg vom mondlandungsbegeisterten Kind zum ersten kanadischen Astronauten, der einen Space Walk vollzog, und nimmt den Leser mit auf eine Reise weg von unserem Planeten, hin zu dem Stoff, aus dem ein ganzes Genre gemacht ist.

Sucht man nach der Lektüre nach einem Wort, was den Autor perfekt beschreibt, wäre es wohl „down to earth“, und auch darin wohnt eine gewisse Poesie. Ehrlich und humorvoll schildert er nicht nur den All-, sondern auch den Erd-Tag und gibt Einblick in ein Leben, das beinah von Anfang an auf ein Ziel ausgerichtet war, das ferner nicht hätte sein können. Neben den Weisheiten, die man vermutlich automatisch erlangt, wenn man in fünf Monaten 62 Millionen Meilen im All zurücklegt und dabei gefilterten Eigenurin trinkt, begeistert vor allem der Enthusiasmus, mit der Hadfield von der wissenschaftlichen Errungenschaft, welche die ISS darstellt, erzählt.

Dabei ist Hadfield alles andere als ein Träumer. Realistisch und bodenständig erzählt er vom Preis, den eine Familie zahlen muss, wenn der Vater es sich zum Ziel gemacht hat, in ein Vehikel zu steigen, dessen Sinn es ist, unter ihm zu explodieren. Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Buch direkt und wenig blumig zwar auch von Träumen erzählt, aber die Realität letztlich doch größer, noch mächtiger erscheint:

„It’s every science fiction book come true, every little kid’s dream realized: a large, capable, fully human creation orbiting up in the universe.“

Während man sich dies auf der Zunge zergehen lässt, vielleicht mit einem kleinen Chocolate Pudding Cake dazu, blicken irgendwo auf der Welt – oder darum herum – menschliche Augen und Teleskope noch tiefer ins All. Hadfield blickt zurück auf seine Reise und weckt damit im Leser Forscherdrang, Abenteuerlust, Sternweh und das Gefühl, dass die Menschheit (die zwar auch für den Aralsee verantwortlich ist) gemeinsam auch Dinge schaffen kann, die weitaus phantastischer sind als so mancher Traum.

Nur ein Beispiel:

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Neu rezensiert: The Guild of Xenolinguists

The Guild of Xenolinguists von Sheila FinchAls die Menschheit entdeckt, dass es Aliens gibt, ist eine der ersten Prioritäten, die Sprachbarriere zu überwinden. Dazu wird die Gilde der Xenolinguisten ins Leben gerufen – und im Laufe der Zeit gewinnt sie an Bedeutung für die Zivilisationen des Universums, denn es stellt sich heraus, dass der menschliche Stimmapparat besser als alle anderen dafür ausgestattet ist, die Lautäußerungen unterschiedlicher Spezies zu erlernen. Als ›Lingsters‹ sind die Gildenmitglieder begehrte und teure Experten, die nicht selten an vorderster Front eingesetzt werden und mit dem Verständnis der Sprache auch zwischen den Kulturen vermitteln sollen. Doch all das hat einen Preis …

Zur ganzen Rezension bitte hier entlang.

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Neu rezensiert: Undersea

Undersea von Geoffrey MorrisonNach einer Katastrophe, die das Leben auf der verstrahlten Erdoberfläche unmöglich macht, befinden sich die letzten Überlebenden der Menschheit auf zwei großen Unterseeschiffen. Generationen sind vergangen, als die Stadträtin Ralla eine Entdeckung macht, die das Überleben auf ihrem Schiff, der »Universalis«, gefährdet. Doch ihre Kollegen schenken ihr kein Gehör. Unterdessen schafft es der Fischer und gelangweilte Trunkenbold Thom Vargas, einen Schritt auf der Karriereleiter nach oben zu tun und einen Posten als Shuttle-Pilot zu ergattern. Noch bevor er sich darüber freuen kann, bringt ihn sein erster Passagier, Ralla Gattley, in Schwierigkeiten, denen er sich in keiner Form gewachsen fühlt.

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