Zum Gedenken an George R. Stewart

Bibliotheka Phantastika erinnert ohne besonderen Anlass* an George R. Stewart. Der am 31. Mai 1895 in Sewickley, Pennsylvania, geborene und am 22. August 1980 im Alter von 85 Jahren verstorbene George Rippey Stewart war Sprachforscher und Englischprofessor an der University of California in Berkeley und hat etliche Romane und Sachbücher geschrieben. Zwei dieser Romane – nämlich Storm (1941; dt. Sturm (1950)) und Fire (1948; dt. Feuer (1952)) – könnte man als Katastrophenromane bezeichnen; der titelgebende Sturm im ersten dieser Romane wird Maria genannt, was der Auslöser dafür war, dass daraufhin das Nationale Wetteramt der USA Taifune und Hurrikans mit Frauennamen bezeichnet hat. Aber der Grund, warum George R. Stewart heute hier auftaucht, ist nicht diese durchaus fragwürdige Tradition, sondern sein einziger Ausflug in die SF, den man – mit ein wenig gutem Willen – ebenfalls als Katastrophenroman bezeichnen könnte, wobei es in ihm um die größte aller Katastrophen geht.
Earth Abides von George R. StewartIn Earth Abides (1949; dt. Leben ohne Ende (1952; rev. NA 2016)) hat die Katastrophe allerdings bereits stattgefunden, als Isherwood Williams nach einem Ausflug in die Berge – der länger gedauert hat als geplant, da er dort von einer Schlange gebissen wurde und erst wieder genesen musste – ins heimische Berkeley zurückkehrt und die Stadt menschenleer vorfindet, genau wie die nähere und weitere Umgebung. In alten Zeitungen liest er etwas über den Ausbruch einer Seuche, und stößt schließlich bei weiteren Fahrten auf erste Überlebende, doch beschließ er zunächst, lieber allein zu bleiben. In den Läden gibt es noch (haltbare) Nahrungsmittel, die Wasserversorgung funktioniert noch, und es gibt sogar noch Strom – zumindest ein Weilchen. Und dann begegnet er einer jungen Frau namens Emma …
Earth Abides ist zwar ein Post-Doomsday-Roman (und nicht nur nach Meinung von John Clute einer der besten), unterscheidet sich aber deutlich von den meisten Werken dieses Genres, denn in ihm stehen keineswegs gewalttätige Auseinandersetzungen – sei es zwischen Gruppen von Überlebenden oder mit Zombies oder anderen “Veränderten” – im Mittelpunkt. Statt dessen begleiten wir Isherwood Williams, der nach der Katastrophe noch viele Jahrzehnte weiterlebt und zum Anführer – oder sagen wir lieber Spiritus Rector – eines kleinen “Stammes” wird und versucht, die Errungenschaften der Zivilisation zu bewahren und weiterzugeben, auch wenn sich das in der sich immer weiter verändernden Welt als zunehmend problematisch erweist.
Auch erzählerisch ist Earth Abides verglichen mit neueren Werken eher ungewöhnlich (und durch den Mangel an Action und die narrativen Raffungen für Leserinnen und Leser, die bislang nur moderne Werke kennen, vielleicht schwere Kost), denn Stewart ist zwar teilweise ganz nah bei seinen Protagonisten, zoomt aber auch manchmal fast schon in Stapledon-Manier auf und erweitert den Blickwinkel, sorgt für eine ganz andere Einordnung des Geschehens.
Natürlich merkt man dem Roman, der 1951 mit dem erstmals vergebenen International Fantasy Award ausgezeichnet wurde, in mehr als einer Hinsicht sein Alter an, aber die einzigartige, keineswegs düstere, sondern eher wehmütige Stimmung, die diesen Abgesang auf unsere Art zu leben durchzieht, macht ihn auch heute noch lesenswert.
Noch eine kleine Anmerkung: Ish, Isherwoods Spitzname, ist eine direkte Referenz an Ishi, den letzten Überlebenden der Yahi, über den Theodora Kroeber, die Mutter von Ursula K. Le Guin, ein Buch mit dem Titel Ishi in Two Worlds (1961; dt. Der Mann, der aus der Steinzeit kam (1967)) verfasst hat, das auch als Vorlage für Dokumentar- und Spielfilme gedient hat.

* – der besondere Anlass war ursprünglich George R. Stewarts 125. Geburtstag im letzten Jahr, doch zum damaligen Zeitpunkt hatten wir gerade Probleme mit dem Blog

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Zum 65. Geburtstag von Gillian Bradshaw

Bibliotheka Phantastika gratuliert nachträglich Gillian Bradshaw, die vor zweieinhalb Wochen ihren 65. Geburtstag feiern konnte. Es ist eigentlich ziemlich selten, dass eine Autorin, die mit ihrem unzweifelhaft der Fantasy zurechenbaren Erstling recht erfolgreich ist, sich danach von der Fantasy ab- und einem nicht-phantastischen Genre zuwendet, aber genau das hat die am 14. Mai 1956 in Washington DC geborene Gillian Marucha Bradshaw getan. Denn nach der aus Hawk of May (1980), Kingdom of Summer (1981) und In Winter’s Shadow (1982) bestehenden Artus*-Trilogie mit dem Titel Down the Long Wind hat sie zunächst ein paar Jahre lang historische Romane geschrieben, die keine (oder allenfalls marginale) phantastische Elemente enthalten. Wobei diese Tendenz in gewisser Hinsicht schon an den Bänden ihrer etwas anderen Artus-Trilogie ablesbar war.
Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Artus anscheinend ein sehr angesagtes Thema: so legte Mary Stewart 1979 den letzten Band ihrer Merlin Trilogy vor, von Richard Monaco erschienen 1977-1980 die ersten drei Bände seiner Saga of Parsival, Thomas Berger steuerte 1978 Arthur Hawk of May von Gillian BradshawRex bei, David Drake 1979 The Dragon Lord, Parke Godwin veröffentlichte 1980 Firelord, und als Marion Zimmer Bradley dann schließlich 1983 mit The Mists of Avalon ein nicht nur im englischen Sprachraum erfolgreicher, sondern auch in viele Sprachen übersetzter Bestseller glückte, öffnete sie die Schleusen für die nächste Flutwelle an Artus-Romanen. Alle genannten Werke interpretieren den Mythos jeweils auf ihre eigene Weise, und genau das macht auch Gillian Bradshaw, wobei die große Besonderheit ihrer Version darin besteht, dass ihre Artus-Trilogie – die völlig zu recht als die vielleicht schönste Nacherzählung des Mythos gilt – gar keine solche, sondern eine Gawain-Trilogie ist. In der Gawain allerdings Gwalchmai heißt (wie generell viele Figuren die ungebräuchlicheren und daher ungewohnten keltischen Namen tragen).
Gwalchmai – der titelgebende Hawk of May und Ich-Erzähler des ersten Bands – ist der mittlere Sohn von König Lot und Königin Morgawse von den Orkneys, die sich nach dem Tod Uther Pendragons zwar Artus unterworfen haben, doch im Geheimen an seinem Sturz arbeiten. König Lot verachtet Gwalchmai, der im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Agravain kein Krieger ist, und daher schließt er sich seiner Mutter an, die sich der Zauberei verschrieben hat. Doch als Morgawse bei einem magischen Ritual zu weit geht, wendet Gwalchmai sich entsetzt von ihr ab und flieht. Das Ziel seiner Flucht ist der Hof von König Artus, doch dort ist er längst nicht so willkommen, wie er gehofft hat – und das, obwohl er ein magisches Schwert und ein ganz besonderes Pferd mitbringt … Der zweite Band Kingdom of Summer wird aus der Sicht von Rhys ap Sion erzählt, einem Bauernjungen, den Gwalchmai als Knappe mit nach Camlann gebracht hat und der direkt in die Auseinandersetzung zwischen Gwalchmai und seiner Mutter, die sich mit Maelgwn, dem König von Erin, gegen Artus verbündet hat, hineingezogen wird. Im dritten Band In Winter’s Shadow kommt Medraut, Gwalchmais jüngster Bruder, der Artus aus tiefstem Herzen hasst, nach Camlann und beginnt, Unfrieden unter Artus’ Gefolgsleuten zu stiften. Königin Gwynhwyfar, die Ich-Erzählerin, erkennt wie einige andere die Gefahr, die Medraut für Artus und seine Vision eines geeinten Britannien darstellt, doch letztlich ist sie – wenn auch unbeabsichtigt – mit verantwortlich für die Geschehnisse, die zum allseits bekannten Ergebnis führen …
Der Falke des Lichts von Gillian BradshawDie drei Bände, die auf Deutsch als Der Falke des Lichts (1982), Das Königreich des Sommers (1983) und Die Krone von Camelot (1984) – teils unter dem Obertitel Die Ritter der Tafelrunde, teils als Die Artus-Saga – erschienen sind (und zwar in etlichen Versionen in sechs verschiedenen Verlagen bzw. Imprints), unterscheiden sich in Bezug auf ihre Stimmung deutlich voneinander. Das liegt einerseits natürlich am jeweiligen Thema, andererseits an den unterschiedlichen Ich-Erzählern. Gwalchmai, der mit Lugh of the Long Hand verwandt ist und seiner Mutter bei ihren Zaubereien zugesehen hat, blickt naturgemäß ganz anders auf die Welt als der bodenständige Rhys oder die christlich erzogene Gwynhwyfar, die durch ihre Rolle auch immer das große Ganze im Blick haben muss. Doch ganz egal, wer die Geschichte erzählt – allen drei Bänden gemein ist Bradshaws fast poetische und ungemein lesbare Erzählstimme.
Nach dem Abschluss ihrer Version des Artus-Mythos wandte Gillian Bradshaw sich – wie schon erwähnt – dem historischen Roman zu und veröffentlichte im Jahresabstand drei Romane, die in der Spätantike im östlichen Teil des zerfallenden römischen Imperiums spielen und in deren Mittelpunkt jeweils eine interessante Frauenfigur steht. In The Beacon at Alexandria (1986; dt. Der Leuchtturm von Alexandria (1988)) ist dies die junge Charis, die vor einer ungewollten Heirat als Eunuch verkleidet nach Alexandria flieht, um dort Medizin zu studieren und dabei in Ereignisse gerät, die sie letztlich bis an die Grenze von Thrakien führen. In The Bearkeeper’s Daughter (1987; dt. Die Tochter des Bärenzähmers (1989)) ist es die aus einfachen Verhältnissen stammende Kaiserin Theodora (auf die sich der Titel bezieht), und in Imperial Purple (1988 (US-Ausgabe); auch als The Colour of Power (1989 UK); dt. Die Seidenweberin (1991)) gerät Demetrias, eine als Seidenweberin in Tyrus lebende Sklavin des byzantinischen Staats in ein Komplott mit dem Ziel, Kaiser Theodosius zu stürzen. Alle drei Romane schildern das Leben in spätrömischer Zeit auf faszinierende Weise und gewähren einen Blick in Ecken des Imperiums, die ansonsten nicht so oft als Handlungsschauplatz dienen; The Beacon at Alexandria ist darüberhinaus eines der überzeugendsten Beispiele für das (vor allem im historischen Roman) gern genutzte Motiv der als Mann verkleideten Frau.
Horses of Heaven von Gillian BradshawHorses of Heaven (1991; dt. Himmelsreiter (1992)) unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den vorangegangenen Romanen: im Setting (dem Königreich Ferghana im äußersten nordöstlichen Zipfel des längst zerfallenen ehemaligen Riesenreichs Alexanders des Großen im zweiten vorchristlichen Jahrhundert – sprich: einem Gebiet und einer Zeit, über die nur sehr wenig bekannt ist), im Thema (einer politischen Heirat zwischen Mauakes, dem sakischen König von Ferghana, und Heliokleia, einer griechisch-baktrischen Prinzessin, und den Problemen, die sich aus ihren unterschiedlichen religiösen Hintergründen, Wünschen und Zielen ergeben, wobei Mauakes’ Sohn Izak die problematische Gemengelage noch zusätzlich verkompliziert) und last but not least in der Tatsache, dass in Horses of Heaven erstmals wieder deutliche Fantasyelemente vorhanden sind, die unter anderem auf die dem Roman zugrundeliegende griechische Sage zurückzuführen sind (auf die auch der Originaltitel verweist) und ihn mehr oder weniger zu einem historischen Fantasyroman machen.
Danach folgten drei Fantasykinderbücher, die Gillian Bradshaw auf Anregung ihrer Söhne hin geschrieben hat (bzw. deren Inhalt sie sich zusammen mit ihnen ausgedacht hat): The Dragon and the Thief (1991), The Land of Gold (1992) und Beyond the North Wind (1993), ehe sie sich mit Island of Ghosts (1998) erneut dem historischen Roman zugewandt hat.
Island of Ghosts (dt. Die Reiter der Sarmaten (1992))** spielt dann wieder im römischen Imperium, dieses Mal im zweiten nachchristlichen Jahrhundert an seiner Westgrenze – oder, genauer: auf den britischen Inseln. Hierhin wurde ein Kontingent sarmatischer Auxiliartruppen abkommandiert, um die römischen Einheiten unter Centurio Facilis zu unterstützen. Die schwer gepanzerten Lanzenreiter werden von drei Kommandeuren angeführt, die alsbald in den unter der Oberfläche schwelenden Konflikt zwischen den einheimischen Kelten und den römischen Besatzern hineingezogen werden, und Ariantes, der besonnenste der drei Anführer, muss eine folgenschwere Entscheidung treffen. Island of Ghosts – der Titel ist eine Anspielung darauf, dass für die Sarmaten das Meer etwas vollkommen Unbekanntes und Unverständliches ist und auf einer Insel in diesem Meer eigentlich nur Geister leben können – ist ein spannender Abenteuerroman mit Intrigen, Schlachten und Kämpfen, und der Ich-Erzähler Ariantes ist eine Figur, die auch sehr gut in einen Guy-Gavriel-Kay-Roman passen würde.***
Säulen im Sand von Gillian BradshawMit The Sand-Reckoner (2000; dt. Säulen im Sand (1997)) ist Gillian Bradshaw erstmals von ihrem Konzept abgewichen, keine historischen Personen zu Hauptfiguren ihrer Geschichten zu machen, denn im Mittelpunkt des Romans steht der griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes, der während des ersten punischen Kriegs in seine Heimatstadt Syrakus zurückkehrt, als sie von einer römischen Invasion bedroht wird. Bradshaw, die sich nach eigener Aussage von Physikern in ihrem Freundeskreis inspirieren ließ, zeichnet Archimedes als sympathischen Nerd, der mit den alltäglichen Tücken des Daseins wesentlich mehr Probleme hat, als damit, seine theoretischen Erkenntnisse in für kriegerische Zwecke anwendbare Konzepte umzuwandeln – und der irgendwann erkennt, dass es neben der Schönheit der Mathematik auch noch andere schöne Dinge gibt.
Nach einem kurzen Ausflug in die SF – The Wrong Reflection (2000) und Dangerous Notes (2001) – machte Gillian Bradshaw auf ihrer Rückkehr aus der Zukunft mit The Wolf Hunt (2001) ausnahms- und für sie untypischerweise im Mittelalter Station, denn der auf Deutsch als Das Lied des Wolfes (1997) erschienene Roman spielt im 12. Jahrhundert und basiert auf Bisclavret, einem der zwölf Lais der mittelalterlichen französischen Dichterin Marie de France und wartet mit edlen Rittern, schönen, aber nicht immer vertrauenswürdigen Frauen, einem Werwolf und einer Liebesgeschichte auf, die etwas mehr als sonst im Mittelpunkt der Handlung steht.
In Cleopatra’s Heir (2002; dt. Der Sohn der Cleopatra (2006)) geht es dann wieder zurück in die römische Antike; nach Archimedes in The Sand-Reckoner ist mit Caesarion, dem Sohn von Caesar und Cleopatra in diesem Roman – dem letzten, der ins Deutsche übersetzt wurde – erneut eine historische Person die Hauptfigur. Dieses Mal hat Gillian Bradshaw sich allerdings ziemliche Freiheiten genommen (so dass man den Roman fast als Alternativwelt-Geschichte bezeichnen könnte), denn Caesarions kurzes Leben bietet nicht viel Raum für eine romanlange Handlung. Render Unto Caesar (2003) spielt – wie schon der vorangegangene Roman – im 1. vorchristlichen Jahrhundert, allerdings erstmals im Zentrum des römischen Imperiums: sprich, in Rom. Hier versucht der aus Alexandria stammende griechische Händler Hermogenes bei einem mächtigen Konsul ihm zustehendes Geld einzutreiben, was sich als reichlich schwierig erweist, obwohl er mit der Gladiatrix Cantabra eine Verbündete gewinnt, die ihm tatkräftig zur Seite steht.
Nach einem Zwischenspiel in Form eines SF-Thrillers – The Somers Treatment (2003) – geht es in Alchemy of Fire (2004) ins Jahr 672 n.Chr. und nach Konstantinopel, wo Anna, die Ex-Konkubine eines Bruders des Kaisers, ein einfaches Leben als Parfümherstellerin führt und versucht, ihre Tochter abseits der Palastintrigen aufwachsen zu lassen. Das funktioniert so lange, bis sie den aus Baalbek stammenden Alchemisten Kallinikos kennenlernt, der an einer geheimen Waffe arbeitet, die sich letztlich als griechisches Feuer entpuppt und Konstantinopel bei einem vermutlich alsbald bevorstehenden Angriff der Araber vielleicht das Schicksal seiner Heimatstadt ersparen könnte.
Danach schrieb Gillian Bradshaw zwei zeitgenössische Thriller – The Elixir of Youth (2006) dreht sich um Stammzellenforschung, Bloodwood (2007) um illegale Abholzung – ehe sie sich wieder Zeiten und Schauplätzen zuwandte, die sie bereits zuvor besucht hatte.
The Dark North (2007) – das ist Anfang des dritten Jahrhunderts das nördliche Britannien, oder, genauer, die Gegend um den Hadrianswall, die schon in Island of Ghosts Schauplatz der Handlung war, und auch dieses Mal ist mit dem aus Äthiopien stammenden Kundschafter Memnon ein Nichtrömer die zentrale Figur. Genau wie Ariantes, der Anführer der sarmatischen Lanzenreiter, gerät auch Memnon in eine Intrige, die sich dieses Mal allerdings in der Familie von Kaiser Septimius Severus entspinnt, der höchstpersönlich den Feldzug anführt, durch den endlich Caledonia (das ist mehr oder weniger Schottland) dem Imperium einverleibt werden soll. In The Sun’s Bride (2008) geht es zurück ins östliche Mittelmeer des dritten vorchristlichen Jahrhunderts, oder genauer nach Rhodos, der Insel, deren Beiname dem Roman – in dem der Steuermann Isokrates auf der Jagd nach Piraten in eine größere Intrige gerät – seinen Titel verleiht.
Mit ihren nächsten beiden Romanen London in Chains (2009) und A Corruptible Crown (2011) wandte Gillian Bradshaw sich dann einem ganz anderen Setting zu, denn in ihnen erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die in den Wirren des englischen Bürgerkriegs (1641-1652) nicht nur zu überleben, sondern sich eine Existenz aufzubauen versucht. Dies waren die letzten historischen Romane, die Gillian Bradshaw veröffentlicht hat – und die letzten Romane für Erwachsene, die bei einem Verlag erschienen sind. Ihr nächstes Projekt hat sie nämlich als Selfpublisherin herausgebracht, weil sie anscheinend keinen Verlag dafür gefunden hat – und das, obwohl es gewissermaßen eine Rückkehr zu ihren Anfängen darstellt.
Denn bei der 2011 nur als eBooks erschienenen, aus den vier Bänden Magic’s Poison, The Enchanted Archive, The Duke’s Murder und The Iron Cage bestehenden Sequenz, deren Obertitel mit dem des ersten Bands identisch ist, handelt es sich um einen echten Fantasyzyklus, der in einem vage an Nordwesteuropa erinnernden, ahistorischen Setting angesiedelt ist und in dem es um politische Intrigen und den Einsatz von Magie geht, die mit einem angeblich schon lange ausgestorbenen Volk von Schlangenmenschen zusammenhängt.°
Danach hat es nur noch zwei SF-Kinderbücher von ihr gegeben – The Alien in the Garden (2014) und Aliens on Holiday (2016) – und seither ist Gillian Bradshaw als Autorin verstummt. Über die Hintergründe kann man nur spekulieren. In ihrem nicht mehr existierenden Blog hat sie einmal etwas von einem Writer’s Block angedeutet, und wahrscheinlich hat sich auch die Tatsache, dass sie für ihr Fantasyprojekt keinen Verlag gefunden hat, nicht unbedingt förderlich auf ihre Motivation ausgewirkt. Vielleicht hat sie aber auch einfach nur festgestellt, dass sie alle Geschichten erzählt hat, die sie erzählen wollte (genau so, wie sie anscheinend nach Beendigung der Artus-Trilogie festgestellt hat, dass ihr Metier eher der historische Roman und nicht die Fantasy ist). Letzteres war vor allem für die Fantasyafficionados bedauerlich, denn so viel Fantasy wie in Hawk of May ist weder in Horses of Heaven noch in The Wolf Hunt (sondern allenfalls im Magic’s-Poison-Vierteiler) zu finden. Dass es jetzt möglicherweise auch keine historischen Romane mehr von ihr geben wird – egal, ob mit oder ganz ohne phantastische Elemente – macht das Bedauern keineswegs geringer.

* – auch wenn Artus im Original natürlich Arthur heißt, habe ich mich für das hierzulande so gebräuchliche Artus entschieden (aber die anderen originalen Namen beibehalten)
** – ich habe die Sache mehrfach überprüft, aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass dieser und die beiden folgenden Romane zuerst auf Deutsch und danach erst auf Englisch erschienen sind, sprich: dass es sich bei den deutschen Ausgaben eigentlich um Welterstveröffentlichunge handelt
*** – fun fact: es gibt ernstzunehmende Historiker, die der Ansicht sind, dass das historisch verbürgte Auftreten der sarmatischen Lanzenreiter in Britannien und Gallien sich zumindest in Teilen des Artus-Mythos niedergeschlagen hat
° – mehr kann ich dazu leider nicht sagen, denn ich bin erst bei der Recherche für diesen Beitrag auf die vier Bücher gestoßen … und aufgrund meiner Nicht-Begeisterung für eBooks wird es wohl auch noch dauern, bis ich mir sie zulegen werde

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Spotlight: C.J. Cutcliffe Hyne

Bibliotheka Phantastika wirft anlässlich seines vorgestrigen 155. Geburtstags einen kurzen Blick auf das Werk von C.J. Cutcliffe Hyne.* Der am 11. Mai 1865 in Bibury, einem Dorf in der im Südwesten Englands gelegenen Grafschaft Gloucestershire geborene und am 10. März 1944 verstorbene Charles John Cutcliffe Wright Hyne war ein zu seinen Lebzeiten recht erfolgreicher Autor von Abenteuer- und phantastischen Geschichten, die teils auch unter dem Pseudonym Weatherby Chesney erschienen sind.
Seine Karriere begann mit Beneath Your Very Boots, Being a Few Striking Episodes from the Life of Anthony Merlwood Haltoun, Esq. (1889), einem Lost-World-Roman über ein in Höhlen unter England gelegenes, von Flüchtlingen “von oben” geschaffenes Pseudo-Utopia, das sich mittels fortgeschrittener Technologie gegen Eindringlinge aus der Oberwelt verteidigt. Danach folgten die Robinsonade The New Eden (1892) sowie The Recipe of Diamonds (1893), ein Roman, in dem es um die Formel zur Transmutation von Metallen geht.
Mitte der 1890er Jahre begann Hynes, seine reichhaltigen, aber nicht unbedingt der Wahrheit entsprechenden Reiseerinnerungen auszuschlachten und sie als Grundlage für sein lange Jahre populärstes Werk – die Geschichten um Captain Kettle – zu verwenden. Diese Geschichten wurden häufig im Pearson’s Magazine vorabgedruckt, einer von Januar 1896 bis November 1939 erscheinenden Monatszeitschrift, die als Konkurrenz zum The Strand Magazine gegründet worden war (in dem bekanntermaßen Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes seine Fälle löste), und die sich immerhin mit dem Vorabdruck von H.G. Wells’ The War of the Worlds (April bis September 1897, Buchausgabe 1898) schmücken konnte.
The Lost ContinentKnapp zwei Jahre später wurde dann im Pearson’s Magazine auch der Roman vorabgedruckt, der der Grund ist, warum C.J. Cutcliffe Hyne heute hier auftaucht – und der der einzige Grund sein dürfte, warum man sich heute überhaupt noch an ihn erinnert: The Lost Continent (Juli-Dezember 1899; rev. Buchausgabe 1900).
The Lost Continent ist einer der ersten Romane, der den Untergang von Atlantis thematisiert, und sehr wahrscheinlich der erste, der besagten Untergang als packende Abenteuerhandlung inszeniert.** Erzählt wird das Ganze von Deucalion, einem Kriegerpriester, der sozusagen mittendrin und nicht nur dabei war (sein Bericht wird in einem kurzen einleitenden Kapitel von zwei Forschern in einer Höhle auf Gran Canaria gefunden), denn er wird – nach zwanzig Jahren als Vizekönig der atlantischen Kolonie Yucatan – nach Atlantis zurückgerufen. Dort herrscht inzwischen die ebenso wunderschöne und verführerische wie unberechenbare Phorenice, die den Thron usurpiert und sich selbst zur Göttin erklärt hat. Unter ihrer Herrschaft steht es im Land allerdings nicht zum Besten, denn Teile der Bevölkerung hungern und rebellieren. Und als Phorenice sich dann auch noch Deucalion als neuen Ehemann ausguckt – der sich allerdings zwischenzeitlich in die sittsame Naïs verliebt hat – setzt sie eine Kette aus Ereignissen in Gang, die letztlich zum Untergang des ganzen Kontinents führen …
Auch wenn man dem Roman natürlich in vielerlei Hinsicht sein Alter anmerkt, funktioniert er als Abenteuergeschichte immer noch erstaunlich gut; außerdem ist er – als Bindeglied zwischen den Lost-Race-Romanen eines Henry Rider Haggard (dessen Ayesha vermutlich das Vorbild für Phorenice war) und den mit mehr phantastischen Elementen angereicherten Geschichten, die wenig später in den Pulps auftauchen sollten – auch genrehistorisch interessant, denn er wartet neben dem Love Triangle, an dessen einem Eckpunkt eine Femme Fatale steht (wie es z.B. später bei A. Merritt häufig der Fall war) auch mit Meeres- und Flugsauriern, Drogen, die in einen todesähnlichen Schlaf versetzen können, mittels Solarenergie betriebenen Schiffen und Magie auf. Aber man muss auch sagen, dass es um dieses Atlantis letztlich nicht schade ist, denn selbst Deucalion, der ja einen Sympathieträger darstellen soll, ist das Leben und Leiden der einfachen Bevölkerung vollkommen gleichgültig, und die aus fernen Ländern (d.h. zumeist aus Europa) stammenden Sklaven verachtet er zutiefst.
Vielleicht schlägt hier ein bisschen C.J. Cutcliffe Hynes eigene Verachtung für andere Ethnien, Länder, Religionen und für Frauen durch, die vor allem seine Captain-Kettle-Geschichten heute unlesbar machen (auch wenn eine dieser Geschichten, in denen Kettle mit einem Schiff auf dem Kongo unterwegs ist, Joseph Conrad beim Schreiben von Heart of Darkness beeinflusst haben soll). Hynes rassistische und menschenverachtende Einstellung ist auch der Grund, warum wir an ihn nicht explizit erinnern – und schon gar nicht seiner gedenken – wollten, sondern eine neutralere Überschrift gewählt haben. Und was The Lost Continent angeht, könnte man auch sagen, dass die Götter selbst beschlossen haben, die arroganten Atlanter und ihre Kultur vom Antlitz der Erde zu tilgen …
Dass der Roman selbst – im Gegensatz zu Hynes anderen Werken – nicht auf ähnliche Weise von der Bildfläche verschwunden ist, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Lin Carter ihn 1972 in die von ihm herausgegebene Ballantine-Adult-Fantasy-Reihe aufgenommen hat; zumindest ist er seither immer mal wieder bei anderen Verlagen veröffentlicht worden.

* – die Erklärung für die etwas andere Überschrift findet sich am Ende des Texts
** – die Veröffentlichung von Ignatius Donnellys “Sachbuch” Atlantis: The Antediluvian World (1882) hatte eine wahre Flut von Atlantis-Romanen nach sich gezogen, doch die meisten drehen sich entweder um okkulte Themen oder sind mehr oder weniger unverhüllte politische Traktate

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Zum 70. Geburtstag von Geoff Ryman

Bibliotheka Phantastika gratuliert Geoff Ryman, der heute 70 Jahre alt wird. Trotz seines nicht allzu umfangreichen Œuvres gilt der am 09. Mai 1951 in Kanada geborene Geoffrey Charles Ryman, der im Alter von elf Jahren mit seinen Eltern in die USA gezogen ist und seit 1973 in Großbritannien lebt, als einer der wichtigeren SF- und Fantasy-Autoren vor allem der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seine SF-Romane beziehen sich weitaus direkter auf unsere moderne Welt, als dies bei den meisten seiner Kolleginnen und Kollegen der Fall ist – man könnte auch sagen, dass sie durch die Linse der SF einen Blick auf unsere Welt werfen –, und sein Fantasyroman folgt nur vordergründig (und nur in einer Hinsicht) traditionellen Erzählmustern.
The Unconquered CountryRyman, der lange für die britische Regierung gearbeitet hat und u.a. mit seinem Web-Design-Team für die Erstellung etlicher offizieller Webseiten verantwortlich war, hat bereits in den 70er Jahren mit dem Schreiben begonnen und mit “The Diary of the Translator” in der von (der damals noch mit Michael Moorcock verheirateten) Hilary Bailey herausgegebenen Anthologie New Worlds Ten (1976) seine erste Story veröffentlicht. Einige wenige weitere folgten, doch wirklich Aufsehen erregte erst “The Unconquered Country: A Life History” (in Interzone #7, Spring 1984) – dann allerdings so richtig. Die Geschichte, die man vielleicht am ehesten als eine Art magische Fabel bezeichnen könnte, spielt in einem alternativen Kambodscha; hier lebt die junge Third, die – um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen – ihr Blut verkaufen und ihren Schoß vermieten muss, um darin Haushaltsgeräte oder Waffen wachsen zu lassen. Third stammt aus einem Dorf, in dem die Häuser ebenso gelebt haben wie ihre Bewohner, doch von dort wurde sie in einem Krieg vertrieben, den The Neighbours angezettelt haben, und jetzt lebt sie in einer Stadt, deren Häuser nur tote Hüllen sind. Als sie und ihr Volk von den Rebels befreit werden, kommt Hoffnung auf – die sich jedoch nur allzu bald als trügerisch erweist … “The Unconquered Country” ist eine intensive, bewegende Erzählung, die trotz ihrer bedrückenden Thematik längst nicht so düster ist, wie man vielleicht meinen könnte; sie gewann den BSFA und den World Fantasy Award (in der Kategorie Best Short Fiction bzw. Best Novella) und machte Geoff Ryman auf einen Schlag bekannt.
The Warrior Who Carried Life Rymans erster Roman The Warrior Who Carried Life (1985) ist eindeutiger der Fantasy zuzurechnen als die o.g. Erzählung, doch auch in ihm hat er neue Wege beschritten. Erzählt wird die Geschichte von Cal Cara Kerig, die im Alter von fünf Jahren miterleben muss, wie ihre Mutter getötet wird, weil sie einen magischen Ort besucht hat, den zu betreten nur Männern erlaubt ist. Und als Cara ein Teenager ist, wird sie – genau wie ihre ganze restliche Familie – von den Galu, den Herrschern des Landes, verstümmelt. Hilfe findet sie bei den ausgestoßenen Frauen ihres Dorfes, die ihren Körper mittels Magie für ein Jahr in den eines Tieres verwandeln können, und Cara wählt – zur allgemeinen Überraschung – den des gefährlichsten, tödlichsten “Tiers”, das sie kennt: den Körper eines Mannes. Natürlich zieht sie anschließend los, um sich zu rächen, doch ihr Rachefeldzug nimmt bald eine ungewöhnliche Richtung, einerseits, weil sie feststellen muss, dass es nicht reicht, einfach nur den Körper eines Mannes zu haben, und andererseits, weil eine mythologische Komponente ins Spiel kommt. Cara ist nämlich mit den Geschichten über Keekamis aufgewachsen, dessen Quest ihn einst in den verschollenen Garden of Eden geführt hat, wo er die Geschichte des ersten Menschenpaars erfahren hat. Doch als Cara den Spuren des Helden ihrer Kindheit folgt, muss sie feststellen, dass die Geschichten über ihn voller Lügen sind … Der Orden der Frauen (1986) – so der deutsche Titel – ist ein Roman, der sich völlig anders entwickelt, als man nach den ersten Seiten erwarten könnte, und der sich nicht nur schon sehr frühzeitig mit Genderthemen auseinandersetzt, sondern auch zeigt, welche subversiven Möglichkeiten die ach so traditionelle typische Fantasy-Quest sehr wohl bietet. Darüberhinaus wartet er mit den Galu – die zwar wie Männer aussehen mögen, aber in Wirklichkeit Monstren sind, die Hass und Gewalt benötigen, um zu existieren – mit einer ebenso originellen wie erschreckenden Form des Bösen auf, und ist ganz nebenbei ein weiteres wunderbares Beispiel für die Vielfalt der Fantasy der 80er Jahre (und den damaligen Mut (?) der deutschen Verlage, auch solche ungewöhnlichen Werke zu veröffentlichen).
The Child Garden1986 erschien The Unconquered Contry: A Life History (dt. Das unbesiegte Land (1994)), die – gerade mal ein paar hundert Worte längere – Romanversion der o.e. Geschichte, ehe mit The Child Garden (1989; dt. Ein Garten für Kinder oder eine Posse (1992)) Rymans zweiter “echter” Roman folgte, in den die Erzählung “Love Sickness” (in Interzone #20, Summer 1987, und Interzone #21, Autumn 1987) eingeflossen ist. In einer nicht allzu fernen Zukunft – in der in London durch den Klimawandel beinahe tropische Verhältnisse herrschen – ist es gelungen, den Krebs zu besiegen, allerdings mit dem fatalen Nebeneffekt, dass die Lebenserwartung der Menschen drastisch gesunken ist. Die Gentechnik durchdringt das ganze Dasein, macht z.B. aus Häusern oder Maschinen künstliche Lebensformen und sorgt in Form modifizierter Viren auch für die Bildung der Kinder, die schneller als früher erwachsen werden müssen. Milena Shibush ist immun gegen diese Viren und muss sich jegliches Wissen auf die klassische Weise aneignen; doch sie weicht nicht nur, was das betrifft, von der allgemeinen sozialen Konformität ab – sie ist auch homosesexuell, etwas, das normalerweise als bad grammar bezeichnet und von den Viren “kuriert” wird. Als sie die genetisch veränderte Sängerin Rolfa kennenlernt und sich in sie verliebt, gerät ihr Geheimnis in Gefahr – doch dann stellt sich heraus, dass sie bzw. ihre Immunität gegen fast alle Viren genau das ist, was der Consensus, die herrschende AI, möglicherweise braucht, um die nächste Stufe der Evolution zu erreichen … The Child Garden wurde mit dem Arthur C. Clarke Award und dem John W. Campbell Memorial Award ausgezeichnet und ist ein ebenso anstrengender wie faszinierender Roman, der sich u.a. um die Frage dreht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und wie sich geänderte Antworten auf diese Frage auf einer persönlichen und einer allgemeinen Ebene auswirken. Und es ist auch ein Roman über den Verlust der Kindheit, denn bereits in den Kindern ist das Wissen um den in nicht allzu ferner Zukunft bevorstehenden Tod immer präsent.
In “Was …” (1992), Rymans nächstem, vermutlich allenfalls marginal phantastischem Roman, geht es um das Leben des kleinen Mädchens aus Kansas, dessen Schicksal Frank L. Baum zu den Oz-Romanen inspiriert hat. Two Five Three: A Novel for the Internet about London Underground in Seven Cars and a Crash (1996) wurde zuerst im Internet (incl. Hyperlinks) veröffentlicht und gilt als erster Internet-Roman; die (überarbeitete) Printfassung 253: The Print Remix gewann den Philip K. Dick Award und ist auf Deutsch als 253. Der U-Bahn-Roman (2000) erschienen. Lust: Or No Harm Done (2001), ein phantastischer Roman, in dem der schwule Protagonist über sein Leben nachsinnt (die phantastische Komponente besteht darin, dass er Simulacra von fiktiven Personen ins Dasein träumen kann), und der mit dem BSFA, dem James Tiptree, jr. Award, dem Sunburst Award und dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnete, aus der Story “Have not Have” (in The Magazine of F&SF, April 2001) hervorgegangene SF-Roman Air (2004), der sich mit den für die Evolution einer Spezies anscheinend unerlässlichen Veränderungen befasst (und der Tatsache, dass das, was nachkommt, nicht notwendigerweise besser oder schlechter, sondern vor allem anders ist), waren die letzten Romane, die Geoff Ryman zur Phantastik beigesteuert hat, denn bei The King’s Last Song (2006) handelt es sich um einen in Kambodscha spielenden, historischen Roman.
Seither hat Geoff Ryman ein gutes Dutzend weitere kürzere und längere Erzählungen vorgelegt, von denen vor allem die Novelette “Pol Pot’s Beautiful Daughter (Fantasy)” (im Magazine of F&SF, Oktober-November 2006) – eine Geistergeschichte, die als Pol Pots wunderschöne Tochter (2014) die Titelstory der gleichnamigen, hierzulande als Originlazusammenstellung erschienenen Kurzgeschichtensammlung* bildet – noch eine besondere Erwähnung verdient, und mit “What We Found” (im Magazine of F&SF, September-Oktober 2011) hat er erstmals den Nebula Award gewonnen, doch verglichen mit seinem früheren Ausstoß ist es ziemlich ruhig um ihn geworden.

* – Kurzgeschichtensammlung trifft es nicht ganz, denn in dem Band ist mit Das unbesiegte Land auch ein Kurzroman enthalten – aber wie soll man eine derartige Sammlung sonst nennen?

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Zum 80. Geburtstag von Lyndon Hardy

Bibliotheka Phantastika gratuliert – natürlich wieder verspätet – Lyndon Hardy, der heute vor zwei Wochen seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Wenn dieser Beitrag wie ursprünglich geplant vor fünf Jahren zu Hardys 75. Geburtstag erschienen wäre, dann hätte der zweite Satz vermutlich gelautet, dass der am 16. April 1971 in Los Angeles geborene Lyndon Maurice Hardy – genau wie manche seiner Kollegen und Kolleginnen – in den 80er Jahren nur ein kurzes Gastspiel im Genre bzw. als Autor gegeben hat und nie zurückgekehrt ist. In den letzten fünf Jahren sind allerdings noch ein paar Romane hinzugekommen, die die drei nur locker zusammenhängenden Bände der Magic by the Numbers Sequenz fortführen.
Im ersten, Master of the Five Magics (1980), lernen wir den jungen Alodar kennen; einen Lehrling der Kunst der Thaumaturgy, der geringsten der magischen Künste in der Welt Arcadia. Das versetzt Alodars hochfliegenden Plänen – als Sohn eines einst mächtigen Adligen ist ihm Ehrgeiz nicht fremd – einen ziemlichen Dämpfer, denn als einfacher Thaumaturg stehen seine Chancen schlecht, die Hand der schönen Königin Vedora von Procolon zu gewinnen, die sich mit aufständischen, möglicherweise von Dämonen besessenen Adligen herumschlagen muss; dass er ihr sogar schon einmal das Leben gerettet hat, verbessert seine Chancen auch nicht nennenswert. Doch Alodar gibt nicht auf, sondern erlernt nach und nach die anderen magischen Künste (als da wären: Alchemy, Magic, Sorcery und Wizardry) und wird so zum Archmage – doch reicht das wirklich aus, sich dem Fürsten der Finsternis entgegenzustellen und nicht nur seine Königin, sondern seine ganze Welt zu retten?
Master of the Five Magics von Lyndon HardyMaster of the Five Magics wartet mit fast allem auf, was in der Fantasy der 80er Jahre häufig zu finden war: einem mehr oder weniger sympathischen jungen Helden, in dem mehr steckt, als man anfangs glaubt, dem typischen pseudomittelalterlichen Setting mit dem Sahnehäubchen aus Magie und … sagen wir eher grob gezeichneten Figuren. Was den Roman allerdings von so ziemlich allen anderen im gleichen Jahrzehnt veröffentlichten Werken (und auch vom Großteil der Fantasy generell) unterscheidet, ist sein Umgang mit der Magie. Lyndon Hardy hat nämlich eines der überzeugendsten Beispiele für einen Hard Fantasy Roman geschrieben, in dem er nicht nur ein, sondern gleich fünf Magie-Systeme und ihr Verhältnis zueinander präsentiert, und in dem es seinem jungen Helden gelingt, mithilfe einer magischen Kunst die Geheimnisse einer anderen zu entschlüsseln, und er es so letztlich schafft, alle zu meistern.
Wohingegen Jemidon, der Protagonist von Secret of the Sixth Magic (1984), dem zweiten Band der Reihe, schon froh wäre, wenn er es wenigstens in einer der magischen Künste zur Meisterschaft bringen würde; doch egal, an welcher er sich auch versucht, er scheint für keine geeignet zu sein. Allerdings entdeckt er im Laufe seiner Versuche eher zufällig, dass es eine bislang unbekannte sechste Form der Magie gibt – eine Art Metamagie, der die anderen fünf Formen unterworfen sind.
In Riddle of the Seven Realms (1988) wird der Dämon Astron in die Welt der Menschen geschickt, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Er lernt mehrere Menschen kennen, die sich aus unterschiedlichen Gründen seiner Queste anschließen, was letztlich zu einem wilden Trip durch etliche Dimensionen führt, die alle nach ihren eigenen Regeln funktionieren.
Die drei Bände der Magic by the Numbers Sequenz – die als Magic-Zyklus mit den Titeln Der Herr der fünf Zauber, Das Geheimnis des sechsten Zaubers und Das Rätsel der sieben Sphären (alle 1989) auch auf Deutsch erschienen sind – kann man als ein schönes Beispiel für die Bandbreite und thematische Vielfalt der Fantasy der 80er Jahre betrachten; auch wenn der erste Band sicher der originellste und beste ist, bieten auch die beiden anderen eine interessante Abwechslung zu den damals allgegenwärtigen, mehr oder weniger tolkienesken Questen.
Nach der Veröffentlichung von Riddle of the Seven Realms ist Lyndon Hardy als Autor viele Jahre lang verstummt, doch 2017 ist er mit The Archimage’s Fourth Daughter nach fast dreißig Jahren in die Welt der Magic by the Numbers Sequenz zurückgekehrt, und mittlerweile sind mit Magic Times Three und Double Magic (beide 2020) noch zwei weitere Romane erschienen.

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Zum Gedenken an E.A. Wyke-Smith

Bibliotheka Phantastika erinnert an E.A. Wyke-Smith, dessen Geburtstag sich am Montag vor einer Woche zum 150. Mal gejährt hat. Wer mit diesem Namen nicht allzuviel anfangen kann, dürfte sich in allerbester Gesellschaft befinden, denn der am 12. April 1871 im Vereinigten Königreich geborene Edward Augustine Smith (die ältere Form seines Familiennamens hat er erst später angenommen*) ist auch in seiner Heimat vor allem aufgrund eines einzigen – seines letzten – Buchs bekannt.
Wyke-Smith hat erst mit fünfzig Jahren zu schreiben begonnen bzw. seinen ersten Roman – das Kinderbuch Bill of the Bustingforths (1921) – veröffentlicht; zuvor hat er ein so gar nicht den Wünschen seines Vaters entsprechendes Leben als Weltenbummler und Abenteurer geführt. Nachdem er bei den Horse Guards at Whitehall seinen Militärdienst geleistet hatte, hat er auf einem der letzten Windjammer angeheuert und ist nach Australien und zur amerikanischen Westküste gesegelt und hat anschließend im Westen der USA als Cowboy gearbeitet, ehe er nach England zurückgekehrt ist und Bergbauwesen studiert hat. Danach ist er wieder in die Welt hinausgezogen und hat sich als beratender Ingenieur um Minen in den USA, Mexiko, Skandinavien, Spanien, Mittel- und Südamerika, sowie Ägypten und auf der Sinai-Halbinsel (wo er auch seine Dienstzeit während des Ersten Weltkriegs verbracht hat) gekümmert. Zu schreiben begonnen hat Wyke-Smith anscheinend auf Wunsch seiner Kinder, die wollten, dass er eine der Geschichten, die er ihnen immer erzählt hat, zu Papier bringt (und außerdem möglicherweise – wie John Clute vermutet** – um seine Kriegserfahrungen zu verarbeiten) – und das Ergebnis war dann das bereits erwähnte Kinderbuch.
Weitere Kinderbücher und Romane für Erwachsene folgten in kurzen Abständen, und 1927 ist schließlich sein letztes Buch – und damit der Grund, warum E.A. Wyke-Smith überhaupt hier auftaucht – erschienen: The Marvellous Land of Snergs.
The Marvellous Land of SnergsThe Marvellous Land of Snergs kann man am ehesten als märchenhaftes Kinderbuch in der Tradition z.B. der Curdie-Romane von George MacDonald bezeichnen – und es ist außerdem das Buch, von dem J.R.R. Tolkien in einem seiner Briefe als “an unconscious source-book! for the Hobbits, not of anything else” gesprochen hat.*** Was man angesichts besagter Snergs – “a race of people only slightly taller than the average table, but broad in the shoulders and of great strength” –, die häufigen Festivitäten jedweder Art alles andere als abhold sind, durchaus nachvollziehen kann.
Die Geschichte beginnt in der – geografisch nicht genau zu verortenden – Watkyns Bay, in der die S.R.S.C. (Society for the Removal of Superfluous Children) beheimatet ist, eine Institution, in der sich Miss Watkyns mit der Unterstützung von Miss Gribblestone und Miss Scadging um vernachlässigte oder missbrauchte Kinder kümmert (wobei sie sehr sorgsam darauf achtet, nur wirklich ungeliebte oder ungewollte Kinder zu sich zu holen). Außerdem befindet sich in der Bucht auch das Lager von Käpt’n Vanderdecken und seiner Crew, die hier zufällig angelandet sind und sich häuslich eingerichtet haben, da weder der Kapitän noch die Mannschaft der Flying Dutchman sonderlich viel Lust haben, weiter die Meere zu befahren. Und zum Landesinnern hin schließt sich an die idyllische Bucht das ebenso idyllische Königreich der Snergs an, das durch einen tiefen, nicht zu überquerenden Fluss von der angrenzenden Region getrennt wird, die dem Vernehmen nach von einem grausamen Tyrannen beherrscht wird und in der es üble Oger und schlimme Hexen geben soll. Eines Tages reißen Joe und Sylvia – zwei der Kinder, um die Miss Watkyns sich kümmert – aus, um Abenteuer zu erleben. Sie verirren sich alsbald im Wald und werden von Gorbo gerettet, einem Snerg, der bei seinem eigenen Volk eine Art Außenseiter ist. Gorbo führt sie in die Stadt der Snergs, wo ihnen zu Ehren sogleich ein Fest veranstaltet wird (immerhin ist das letzte schon wieder sieben Tage her). Am nächsten Tag will Gorbo den Kindern die Umgebung der Stadt zeigen, doch dabei verirren sie sich im Forest of Twisted Trees, finden einen Baum mit einer Tür, durch die sie in einen Tunnel geraten … und landen schließlich in der Region jenseits des Flusses – also dort, wo es gefährlich sein soll …
Im weiteren Verlauf der Handlung begegnen Gorbo und die beiden Kinder u.a. einem Oger, der behauptet, keine Kinder mehr zu fressen, sondern zum Vegetarier geworden zu sein, der Hexe Mother Meldrum, die plant, den König zu ermorden, und besagtem König, der angeblich eine Vorliebe dafür hat, kleine Kinder enthaupten zu lassen. Natürlich geht das ganze Abenteuer – wie es sich für ein Kinderbuch gehört – gut aus. Und natürlich sollte man weder ein ausgefeiltes Worldbuilding noch eine sonderlich komplexe Handlung erwarten, denn letztere ist voll und ganz auf die angedachte Leserschaft zugeschnitten. Oder, anders gesagt: wer an J.R.R. Tolkiens The Hobbit Spaß hatte und keine Probleme mit dem teilweise etwas sehr kindischen Humor oder der gelegentlichen direkten Leseransprache hat, dürfte auch an The Marvellous Land of Snergs Gefallen finden; wer damit schon beim Hobbit nicht klar gekommen ist, eher nicht.
In den 90er Jahren wurde der Roman in den USA “wiederentdeckt”, und er ist knapp zwanzig Jahre später als einziges von Wyke-Smiths Werken als Das wunderbare Land der Schnerge (2013) auch auf Deutsch erschienen, wenn auch nur in einer limitierten (und damit nicht ganz billigen) Ausgabe. E.A. Wyke-Smith hat übrigens den Roman, für dessen Protagonisten sein Buch ein “unconscious source-book” war, nie zu Gesicht bekommen, denn er ist bereits am 16. Mai 1935 – zwei Jahre vor Erscheinen des Hobbit – im Alter von 64 Jahren gestorben.

* – dieser Möglichkeit, den (anscheinend als langweilig empfundenen?) Familiennamen ein bisschen interessanter zu machen, hat sich fast 100 Jahre später auch ein mittels des Kürzels BWS leicht zu identifizierender Comic-Künstler bedient
** – im entsprechenden Autoreneintrag in der Encyclopedia of Fantasy
*** – Letter 163 to W.H. Auden

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Zum 70. Geburtstag von Bruce Fergusson

Bibliotheka Phantastika gratuliert – mal wieder verspätet – Bruce Fergusson, der am vergangenen Sonntag seinen 70. Geburtstag feiern konnte. Der am 07. März 1951 in Bridgeport, Connecticut, geborene Bruce Chandler Fergusson zählt zu den Autoren, die in den 80er Jahren ein kurzes Gastspiel auf der phantastischen Bühne gegeben haben und nach zwei, drei Büchern wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Doch im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen ist er im neuen Jahrtausend zur Fantasy (und in seine alte Welt) zurückgekehrt und hat ziemlich genau da weitergemacht, wo er vierundzwanzig Jahre zuvor aufgehört hatte.
The Shadow of His Wings von Bruce FergussonAngefangen hat alles 1987, als Bruce Fergusson mit The Shadow of His Wings seinen ersten Roman veröffentlicht hat, nachdem er zuvor – nach Abschluss seines Studiums an der Wesleyan University – als Journalist erste Erfahrungen mit dem Schreiben gemacht hatte. Im Mittelpunkt des Romans steht der junge Lukan Barra, der gerade keine allzu glückliche Zeit im Königreich Myrcia erlebt. Das liegt einerseits an seinem verbrecherischenen Bruder Vearus, der nicht nur vor kurzem aus der Verbannung zurückgekehrt ist, sondern auch beeindruckende magische Fähigkeiten aus seinem erzwungenen Exil mitgebracht hat und mit ihrer Hilfe zum Berater von Sanctor Grouin, dem despotischen Herrschers Myrcias, aufgestiegen ist, und andererseits an den Truppen aus dem benachbarten Königreich Skarria, die unter ihrem gefürchteten Anführer Gortahork, dem “Hook of the East” in Myrcia eingefallen sind und nun die Hauptstadt Castlecliff bedrohen. Und so muss der zwangsrekrutierte Lukan erst in eine Schlacht ziehen, die er mit Mühe und Not überlebt, und dann landet er auch noch ungerechtfertigterweise im Gefängnis. Immerhin bietet sich ihm ein Ausweg, als der Sanctor in seiner Verzweiflung demjenigen seinen Thron verspricht, der es schafft, den Erseiyr zum Eingreifen zu bewegen, ein unsterbliches geflügeltes Wesen, das die Myrcianer ebensosehr fürchten wie verehren, und das in einer mit den Schätzen jahrhundertelanger Opfergaben gefüllten Höhle hoch oben auf einem Berggipfel haust …
Der Blick, den der Ich-Erzähler Lukan Barra in The Shadow of His Wings seinen Leserinnen und Lesern auf eine typische pseudo-mittelalterliche Gesellschaft in einem ebenso typischen pseudo-mittelalterlichen Fantasy-Königreich gewährt, ist – auch und vor allem in Anbetracht des Erscheinungsjahrs des Romans – vergleichsweise ungewöhnlich, denn Lukan ist weder ein “Auserwählter” noch von Adel oder reich, sondern ein Mitglied der Unterschicht, das fernab vom Glanz irgendwelcher Herrscherhöfe auch schon, ehe seine echten Probleme anfangen, eher schlecht als recht über die Runden kommt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder im Grunde ein herzensguter, wenn auch gelegentlich – vor allem, wenn es um Vearus’ Ex-Freundin Rui geht – etwas begriffstutziger Kerl ist. Was wiederum dazu führt, dass er lange braucht, um zu begreifen, wie sehr die Begegnung mit dem Erseiyr sein Leben verändern wird.
The Mace of Souls von Bruce FergussonAuch Falca Breks, der Protagonist von The Mace of Souls (1989), führt ein Leben am Rande der Gesellschaft, aber im Gegensatz zu Lukan Barra ist er kein guter Mensch, sondern ein brutaler Straßendieb und Schutzgeld-Erpresser, der in den Docks von Draica, seiner Heimatstadt (die gleichzeitig die Hauptstadt des Königreichs Lucidor ist) mit seiner Bande sein Unwesen treibt. Er will unbedingt weg aus Draica, und dafür braucht er Geld, viel Geld – und als eines Abends die hübsche Amala Damarr, die unzweifelhaft den reichen, besseren Kreisen des Königreichs entstammt, in den Docks auftaucht, scheint sein Ziel plötzlich zum Greifen nah. Doch Falca hat nicht mit seinen eigenen Gefühlen gerechnet, denn dummerweise verliebt er sich in Amala und muss alle Pläne über den Haufen schmeißen; schlimmer noch – als ein religiöser Eiferer namens Saphrax mittels Magie Amalas Seele raubt und in dem titelgebenden Mace einsperrt, bleibt ihm keine andere Wahl, als sich an die Verfolgung von Saphrax zu machen, der die Seele seinem hungrigen Gott opfern will …
Beide Romane eint nicht nur ihr Hintergund – die Six Kingdoms, in denen außer Menschen auch noch die hünenhaften Stoneskins und die kleinwüchsigen Timberlimbs leben – sondern auch die Tatsache, dass die jeweiligen Protagonisten sich im Laufe der Handlung verändern, dass ihre Reise im Außen zu einer Verwandlung im Inneren führt. Doch während Lukan Barra in The Shadow of His Wings vor allem neue Fähigkeiten in sich entdeckt, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie besitzt, macht Falca Breks eine echte Transformation durch (die vielleicht ein bisschen zu glatt läuft, was man dem Roman ebenso vorwerfen könnte wie die sich aus heiterem Himmel doch sehr plötzlich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen wie Falca und Amala). Hinzu kommt, dass in beiden Romanen bereits viele Elemente enthalten sind, die sie sprachlich und von der Erzählhaltung her wie Vorläufer der etliche Jahre später einsetzenden Grim-&-Gritty- oder Grimdark-Welle wirken lassen. Das gilt für einige für die damalige Zeit vergleichsweise drastische Szenen wie auch für den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Fantasyland bzw. auf das Leben der Unterschicht abseits von Adligen, Helden und weisen Mentoren.
So betrachtet, war Bruce Fergusson mit seinen Romanen vielleicht einfach ein bisschen zu früh dran, denn nach The Mace of Souls war zunächst einmal Schluss mit Geschichten aus den Six Kingdoms. Erst recht in Deutschland, wo nur der erste Band als Der Schatten seiner Flügel (1990) erschienen ist.
Doch vierundzwanzig Jahre später ist Bruce Fergusson mit Pass on the Cup of Dreams (2013) in die Six Kingdoms zurückgekehrt und hat die Geschichte von Falca Breks (und indirekt auch die von Lukan Barra) weitergeführt, und inzwischen ist mit Kraken’s Claw (2019) ein vierter Band erschienen, der sich ebenfalls um die weiteren Abenteuer Falcas dreht. Außerdem liegt mit “A Beast in Ruins” eine bereits 1988 (in der Winter-Ausgabe des Magazins Argos) erstmals veröffentlichte Story als eBook vor, und in The Six Kingdoms Codex: A Companion Volume to the Six Kingdoms Novels (ebenfalls als eBook) gibt es neben einer weitere Story zusätzliches Hintergrundmaterial (u.a. eine Karte und ein Glossar).
Außerhalb der Fantasy hat Bruce Fergusson noch drei Krimis bzw. Thriller geschrieben, die zwischen 1999 und 2015 erschienen sind.

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Zum 40. Geburtstag von Ilana C. Myer

Bibliotheka Phantastika gratuliert – wieder einmal ziemlich nachträglich – Ilana C. Myer, die bereits im Januar ihren 40. Geburtstag feiern konnte. Ilana C. Myer ist eine der Autorinnen, die in den letzten Jahren ihr literarisches Debut in der Fantasy gegeben haben; geschrieben und veröffentlicht hat sie schon vorher, allerdings im journalistischen Bereich – für Magazine wie die Huffington Post, The Globe and Mail und The Los Angeles Review of Books – und unter ihrem richtigen Namen, denn geboren wurde sie am 19. Januar 1981 in New York City als Ilana Chaya Teitelbaum. Doch als die Veröffentlichung ihres ersten Romans absehbar war, hat sie sich für das Myer-Pseudonym entschieden, da ihrer Meinung nach ihr richtiger Name zu lang für ein Buchcover ist.
Besagter erster Roman ist 2015 unter dem Titel Last Song Before Night erschienen, und wie man vielleicht schon ahnen kann, spielt Musik in ihm eine wesentliche Rolle. Denn Musik und die Poets, die sie komponieren und vortragen, sind wichtige Säulen des sozialen und kulturellen Lebens im Königreich Eivar. Wenn auch nicht mehr so bedeutend wie zu den Zeiten, in denen mit der Musik eine mächtige Magie verbunden war, doch seit diese Magie korrumpiert wurde und zur Ausbreitung einer schrecklichen Seuche geführt hat, wurde die Musik ihres magischen Gehalts beraubt, und die Poeten müssen sich ihre Lieder vom Court Poet, dem wichtigsten Berater des Königs, genehmigen lassen, um zu verhindern, dass sich das Unheil wiederholt. Auch für Lin spielt die Musik eine wesentliche Rolle, und sie ist vor allem deshalb nach Tamryllin gekommen, um sich an der dortigen Akademie zur Poetin ausbilden zu lassen und ihr unbestreitbar vorhandenes großes musikalisches Talent weiterzuentwickeln – doch Frauen ist das nicht erlaubt. Dies ist ein weiterer Rückschlag für Lin, die eigentlich Kimbralin Amaristoth heißt und auf der Flucht vor ihrer schrecklichen Familie ist, und selbst als sie den berühmten Poeten Valanir Ocune kennenlernt, der sie unter seine Fittiche nimmt, bessert sich ihre Situation nicht wirklich, denn bei dieser Gelegenheit erfährt sie, dass die Red Death genannte Suche zurückgekehrt ist – und dass sie dazu ausersehen ist, den “Pfad” zu beschreiten, der die Magie in die Musik zurückbringen wird …
Last Song Before Night von Ilana C. MyerLast Song Before Night ist ein ziemlich klassischer High-Fantasy-Roman, in dem all das drin ist, was man von derartigen Romanen kennt: das typische pseudomittelalterliche Königreich, die Auserwählte, die dazu ausersehen ist, das Reich vor der großen Gefahr zu retten, und klar und eindeutig gezeichnete Figuren, bei denen rasch offensichtlich ist, ob sie zu den Guten oder den Bösen gehören. Allerdings nutzt Myer dieses Setting, um durchaus moderne Themen wie etwa die Unterdrückung der Frauen und Zensur zu behandeln, und ihre Figuren (von denen es ein gutes halbes Dutzend wichtige gibt) haben alle eine Vergangenheit, die ihre Gegenwart bestimmt. Was gelegentlich dazu führt, dass der große Plot ein bisschen hinter den persönlichen Problemen der Protagonisten verschwindet bzw. nicht so recht von der Stelle kommt.
Andererseits kann der Roman mit einer über weite Strecken fast schon poetischen Sprache punkten, und Tamryllin ist eine Stadt, in der man gerne deutlich mehr Zeit verbringen würde. Außerdem werden die wichtigsten Handlungsstränge am Ende abgeschlossen, so dass man Last Song Before Night auch als Einzelroman lesen kann.
Unterm Strich ist Ilana C. Myers Erstling vor allem ein Versprechen, denn trotz der einen oder anderen Schwäche kann man ihr Potential als Geschichtenerzählerin erkennen – und es scheint ganz so, als hätte sie es bei den Fortsetzungen Fire Dance (2018) und The Poet King (2020), die das Ganze zu einer mittlerweile unter dem Obertitel The Harp and the Ring laufenden Trilogie ergänzen, schon deutlich weiter ausgeschöpft.

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Zum 100. Geburtstag von Kenneth Bulmer

Bibliotheka Phantastika erinnert an Kenneth Bulmer, dessen Geburtstag sich bereits im Januar zum 100. Mal gejährt hat. Der am 14. Januar 1921 in London geborene Henry Kenneth Bulmer war ein ungemein fleißiger Autor, der unter einer Vielzahl von Pseudonymen um die 180 (nicht nur phantastische) Romane und eine Vielzahl von Storys verfasst hat; viele seiner SF-Romane sind auch auf Deutsch erschienen, fast alle unter H.K. oder Kenneth Bulmer. Dennoch dürften vor allem jüngere deutschsprachige Leser und Leserinnen ihn vermutlich – wenn überhaupt – eher unter einem seiner Pseudonyme kennen, und zwar als Alan Burt Akers, den Verfasser der Saga von Dray Prescot.
Bei einem derart produktiven Autor versteht es sich von selbst, dass dieser Beitrag nur einen groben Überblick über sein Schaffen bieten und nur auf einige wenige Werke etwas intensiver eingehen kann. Wie viele seiner Kollegen war auch Bulmer anfangs Fan und Teil des Fandoms, ehe 1952 mit Space Treason (dt. Rebellen des Weltraums (1958)) und Cybernetic Controller (dt. Das Robot-Gehirn (1954)) seine ersten Romane erschienen (beide in Zusammenarbeit mit dem vor allem im Fandom aktiven A.V. Clarke entstanden und die einzigen Kollaborationen seiner Karriere). Weitere Romane für den englischen SF-Markt (der damals ausschließlich von Kleinverlagen bespielt wurde) folgten, ebenso wie ein steter Strom unzähliger Storys für die drei führenden englischen SF-Magazine New Worlds, Authentic Science Fiction und Nebula Science Fiction; außerdem konnte Bulmer auch ein paar Storys an amerikanische SF-Magazine verkaufen, doch wesentlich wichtiger war, dass 1957 mit City under the Sea (dt. Sklaven der Tiefe (1959)) sein erster Roman als eine Hälfte eines Ace Doubles erschien und er von da an auf dem deutlich lukrativeren amerikanischen Taschenbuch-Markt präsent war und es bis Mitte der 80er Jahre bleiben sollte. Als interessanteste Titel dieser ersten, bis etwa Ende der 60er Jahre dauernden Phase von Kenneth Bulmers Karriere, in der der Schwerpunkt noch eindeutig auf der SF gelegen hat, nennt John Clute – neben dem bereits erwähnten City under the Sea – noch The Secret of ZI (1958; dt. Freiheit für die Erde (1965)), The Earth Gods Are Coming (1960; dt. Die Propheten der Erde (1963)), The Wizard of Starship Poseidon (1963; dt. Der Hexer der Poseidon (1965)), Demons’ World (1964; dt. Im Reich der Dämonen (1966)), Worlds for the Taking (1966) und zu guter Letzt The Doomsday Men (1968; dt. Tod auf Widerruf (1969)).*
Bulmers SF-Romane – die im günstigsten Fall solide, abenteuerliche Unterhaltung bieten – sind in den unterschiedlichsten Subgenres angesiedelt und widmen sich typischen SF-Themen von außerirdischen Invasoren über Zeitreisen bis hin zu Parallelwelten; letztgenannte stehen auch im Mittelpunkt seiner ersten, aus sieben Bänden bestehenden Serie Keys to the Dimensions, die er 1967 mit The Key to Irunium begonnen und 1983 mit dem Nachzügler The Diamond Contessa beendet hat, und die als Dimensionszyklus bis auf besagten Nachzügler auch auf Deutsch erschienen ist.** (In manchen Bibliografien wird auch Land Beyond the Map (1965) zu der Serie hinzugezählt, doch dieser Roman ist zwar thematisch ähnlich gelagert, hat aber keine Berührungspunkte mit der Hauptsequenz.)
Im Zuge des sich Ende der 60er Jahre entwickelnden Sword-&-Sorcery-Booms machte Bulmer auch erste Ausflüge in die Fantasy. Während Kandar (1969) ein nicht sonderlich originelles, aber durchaus lesbares Abenteuer bietet, wirkt Swords of the Barbarians (1970) wie eine lustlos heruntergeschriebene Auftragsarbeit.
Dray Prescot 1 von Kenneth BulmerDie 70er Jahre brachten dann gleich mehrere Veränderungen: Erstens startete Bulmer unter dem Pseudonym Alan Burt Akers mit Transit to Scorpio (1972) seine wohl erfolgreichste und ganz gewiss langlebigste Serie um den Helden Dray Prescot im von Donald A. Wollheim (der ihm als Lektor bei Ace immer seine SF-Romane abgekauft hatte) neu gegründeten Verlag DAW Books, zweitens entwickelte er eine enorme Produktivität, die sich drittens u.a. dahingehend auswirkte, dass er neben seinen Fantasy- und SF-Projekten auch noch mehrere kurze, nicht in der Phantastik angesiedelte Serien schrieb, von denen an dieser Stelle pars pro toto nur die für deutsche Leser und Leserinnen vielleicht interessanteste genannt werden soll, da sie auch ins Deutsche übersetzt wurde: Unter dem Pseudonym Adam Hardy verfasste der ausgewiesene Hornblower-Fan von 1973 bis ’77 vierzehn marinehistorische Romane, in denen unter dem Obertitel Fox die Abenteuer des George Abercrombie Fox in der englischen Marine während der Napoleonischen Kriege geschildert werden.***
In der Phantastik konzentrierte Bulmer sich von nun an – von zwei Ausnahmen abgesehen – auf Dray Prescot und dessen Erlebnisse “unter der Doppelsonne von Antares”; bei besagten Ausnahmen handelt es sich um den aus vier Romanen bestehenden Ryder-Hook-Zyklus (der auf Deutsch unter dem Reihentitel Der Novamann erschienen ist und Ende der 80er Jahre mit sechs nur für den deutschen Markt geschriebenen Bänden fortgesetzt wurde) und um Odan the Half-God, eine im Mittelmeerraum vor der Entstehung des Mittelmeers angesiedelte Fantasy-Trilogie, die Erich von Dänikens Astronautengötter mit Heroic Fantasy verquickt (und lesbarer ist, als man vermuten könnte).
Dream Chariots von Kenneth BulmerDie Odan-Romane zeigen, was sich auch über etliche andere Romane von Bulmer sagen lässt: er war immer dann gut – im Sinne von gut lesbar – wenn er innerhalb eines sauber abgesteckten Rahmens Abenteuergeschichten erzählt hat, die weder verleugnen konnten noch wollten, dass ihre Ahnenreihe bis in die Pulps zurückreicht. Das gilt auch und vor allem für die Saga von Dray Prescot, und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese Serie Bulmers kommerziell vermutlich größter Erfolg war.
Die Saga von Dray Prescot° schildert die Abenteuer des gleichnamigen Mannes von der Erde – ursprünglich einem Seemann an Bord von Lord Nelson Flotte°° – der auf wundersame Weise auf den Planeten Kregen transportiert wird, der die Doppelsonne Antares umkreist. Wie sich herausstellt, stecken dahinter die Savanti, eine mysteriöse, über futuristische technische Mittel verfügende Geheimgesellschaft, die anscheinend beabsichtigt, das Schicksal der menschlichen Bewohner Kregens (die sich den Planeten mit unzähligen nichtmenschlichen Völkern teilen müssen) zu verbessern. Sie bilden Prescot zu ihrem Agenten aus und lassen ihn ein Bad in einem magischen Teich nehmen (einer Art Jungbrunnen oder Quelle ewigen Lebens), dessen Wasser nicht nur alle Verletzungen heilt, sondern ihm auch eine Lebenserwartung von rund tausend Jahre beschert. Danach hätte er eigentlich losziehen und Aufträge der Savanti erfüllen sollen, aber zwischenzeitlich hat Prescot Delia von Delphond kennengelernt, die verletzt zu den Savanti gekommen ist und um ein Bad im magischen Teich gebeten hat – was abgelehnt wurde. Woraufhin Prescot, der sich Knall auf Fall in sie verliebt hat, auf eigene Faust dafür sorgt, dass sie besagtes Bad bekommt – und zur Strafe in sein Heimatland verbannt wird (das in seinem Fall dummerweise die Erde ist). Natürlich kehrt Prescot einige Zeit später nach Kregen zurück (sonst wäre die Geschichte ja auch hier zu Ende), dieses Mal dank der Intervention der Star Lords (im Deutschen: Herren der Sterne), einer ebenfalls überaus mysteriösen Gruppe quasi göttergleicher Wesen, deren Motive und Ziele nie so recht klar werden. Und natürlich ist er bald wieder mit seiner Delia vereint – die sich praktischerweise als Prinzessin eines Inselreichs entpuppt –, wird von den Herren der Sterne hierhin und dorthin versetzt (auch immer mal wieder zurück auf die Erde), findet Freunde wie Vomanus von Vindelka oder den Bogenschützen Seg Segutorio, wird Mitglied des Kriegerordens der Krozair und erlebt einfach Abenteuer zuhauf.
Dray Prescot 14 von Kenneth BulmerWie man unschwer feststellen kann, ist die Saga von Dray Prescot eine Hommage an Edgar Rice Burroughs und seine Marsromane und somit Teil jenes Subgenres, das gemeinhin Sword & Planet genannt wird. Wobei man Bulmer zubilligen muss, dass er den normalerweise für derartige Geschichten gesteckten Rahmen clever ausgeweitet hat. Das fängt bei Kregen an, einer Welt, die mit ihren unzähligen Kulturen und nichtmenschlichen Völkern eigentlich ein einziger, riesiger Abenteuerspielplatz ist, der reichlich Raum für spannende Geschehnisse bietet (auch wenn sich Dray Prescots Abenteuer größtenteils auf eine Hemisphäre beschränken°°°), und geht mit der – von Bulmer gern genutzten – Möglichkeit weiter, seinen Helden durch die Technik der Herren der Sterne oder der Savanti nicht nur in alle möglichen Ecken und Winkel Kregens zu versetzen, sondern ihn auch unvermittelt aus einer Situation herauszureißen. Hinzu kommt, dass “Alan Burt Akers” vorgibt, nur aufzuschreiben, was auf von Prescot besprochenen Tonbändern erzählt wird (die ihm in regelmäßigen Abständen zugespielt werden), wobei es immer mal wieder vorkommen kann, dass Tonbänder beschädigt sind oder ganz fehlen. Aber die Chuzpe, seinen Helden in eine anscheinend ausweglose Situation zu manövrieren und dann mit einem lapidaren “leider war an dieser Stelle das Band beschädigt” (oder so ähnlich) an eine ganz andere Stelle zu springen, muss man erst mal haben.
Unterm Strich lässt sich sagen, dass Kenneth Bulmer mit der Saga von Dray Prescot das für ihn optimale Metier gefunden hat, und gelegentlich glaubt man fast etwas von dem Spaß zu spüren, den ihm das Schreiben der Geschichten vermutlich bereitet hat. Was mit dazu beitragen dürfte, dass die Romane durchweg abenteuerliche Unterhaltung – wenn auch ohne sonderlichen Tiefgang – mit leichten Ausschlägen nach oben und unten bieten. Natürlich gibt es immer mal wieder schwächere Romane (was angesichts von Bulmers enormem Ausstoß vor allem in den 70ern nicht verwunderlich ist), und selbst das cleverste Konzept zeigt nach einer gewissen Anzahl von Titeln Abnutzungs- und Ermüdungserscheinungen; andererseits sind Bulmer dann und wann Romane wie Die Abtrünnigen von Kregen (1979), Krozair von Kregen (1980) oder Ein Schwert für Kregen (1986) gelungen, an die man sich auch noch nach vielen Jahren mit positiven Gefühlen erinnert. Zu den Stärken dieser wohl besten modernen Sword-&-Planet-Saga zählt auch ihr humanistisches Grundkonzept (denn eines von Prescots vordringlichen Zielen besteht darin, die Sklaverei auf Kregen abzuschaffen), und auch einen kleinen Seitenhieb auf den unsäglichen Gor Zyklus des ebenso unsäglichen John Norman kann man als Pluspunkt verbuchen.
Dray Prescot 20 von KennethThe Saga of Dray Prescot war auch in den USA durchaus erfolgreich (bzw. verkaufte sich nicht schlechter als viele andere Midlist-Titel); von daher dürfte es Kenneth Bulmer ziemlich überrascht haben, dass DAW Books die Serie mit Band 37 (Warlord of Antares (1988)) eingestellt hat, kurz nachdem “Betsy” Wollheim ihren Vater, der sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste, als Verlegerin abgelöst hatte. Damit ist es ihm ähnlich wie E.C. Tubb ergangen, dessen seit vielen Jahren laufende Earl-Dumarest-Serie ebenfalls eingestellt wurde.’*’ Immerhin hat sich die deutsche Ausgabe ausreichend gut verkauft, dass Bulmer die Serie für den deutschen Markt (sprich: für Heyne) weiterschreiben konnte (das gilt auch für die bereits o.e. Serie um den Nova-Mann Ryder Hook, von der 1988 sechs Bände nur auf Deutsch bei Bastei-Lübbe erschienen sind), was den finanziellen Verlust zumindest etwas abgefedert haben dürfte. Und so schrieb Bulmer weitere fünfzehn Bände, bis ein Schlaganfall 1997 seiner schriftstellerischen Karriere ein Ende setzte. Und am 16. Dezember 2005 ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.
Henry Kenneth Bulmer war gewiss kein großer Autor, aber er war viele Jahre lang ein wichtiges und geschätztes Mitglied der englischen SF-Szene, dessen Einfluss und Schaffen weit über das hinausging, was hier nur angerissen werden konnte. Und er war ein kompetenter Autor von abenteuerlicher Unterhaltungsliteratur, die zumeist besser war, als man es angesichts seiner enormen Produktivität vielleicht vermuten würde.

* – ich kann hier leider keine eigene Beurteilung abgeben, denn auch wenn ich zumindest ein paar der Romane gelesen habe, ist das lange her, und ich kann mich weder an irgendwelche Einzelheiten noch an meine damalige Einschätzung erinnern … was ja schon eine Aussage an sich ist
** – um das Ganze nicht zu einer reinen Titelaufzählung werden zu lassen, verzichte ich bei den Serien meist auf die Nennung der originalen Einzeltitel (und ganz auf die deutschen) und verweise stattdessen auf den entsprechenden Wikipedia-Eintrag
*** – mit den ersten elf Fox-Bänden wurde in Deutschland die Serie Seewölfe (zunächst im ungewöhnlichen Taschenheft-Format) gestartet, die ab Band zwölf von deutschen Autoren mit einem neuen Helden weitergeführt wurde und es auf immerhin 760 Ausgaben gebracht hat (womit Seewölfe – ab Band 29 als normale Heftserie – die mit weitem Abstand langlebigste Abenteuerserie auf dem Heftromanmarkt war)
° – angesichts von insgesamt 52 Romanen, die sich auf elf Unterzyklen verteilen, macht eine wie auch immer geartete Auflistung an dieser Stelle keinen Sinn; zumindest die Unterzyklen werde ich – zusammen mit den im Fließtext nicht explizit aufgeführten nicht-phantastischen Serien – in einem Kommentar nachliefern
°° – es ist natürlich müßig, darüber nachzudenken, aber die Frage, ob Bulmer vielleicht durch die Beschäftigung mit den Hintergründen seiner Dray Prescot Saga zu den marinehistorischen Abenteuern von Fox inspiriert wurde, ist irgendwie schon interessant
°°° – diese und alle anderen Aussagen zur Saga von Dray Prescot beziehen sich auf ~ die ersten 25 Bände, denn weiter habe ich die Serie nicht gelesen; auch, was manche Details angeht (z.B. die Sache mit dem beschädigten Tonband) muss ich mich auf meine Erinnerungen verlassen, denn ich habe die Romane derzeit leider nicht greifbar
‘*’ – dies ist nur die letzte – und vielleicht bitterste – der vielen Parallelen, die es zwischen den Karrieren von H.K. Bulmer und E.C. Tubb gibt: beide haben in den 50er Jahren angefangen zu schreiben und sich auf dem englischen Markt etabliert (aus wirtschaftlichen Gründen auch mit teilweise schnell runtergeschriebenem, anspruchslosen Material), beide haben den Sprung über den Atlantik geschafft und sind Stammautoren bei Ace und dann DAW Books geworden, und beide hatten ihren größten Erfolg mit einer viele Jahre lang bei DAW erscheinenden Serie, der schließlich aufgrund einer programmatischen Neuausrichtung des Verlags vorzeitig der Stöpsel gezogen wurde

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Zum 50. Geburtstag von John Hornor Jacobs

Bibliotheka Phantastika gratuliert – dieses Mal sehr nachträglich – John Hornor Jacobs, der bereits gestern vor fünf Wochen seinen 50. Geburtstag feiern konnte. Als der am 05. Januar 1971 in Little Rock, Arkansas, geborene John Hornor Jacobs 2011 mit Southern Gods seinen ersten Roman veröffentlichte, war das teilweise auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, denn bereits zu Collegezeiten hatte er von Faulkner inspirierte, in den Südstaaten angesiedelte Storys mit Southern-Gothic-Touch geschrieben (“rural noir before that was a thing”, sagt er selbst*). Und er hatte als junger Mann auch in mehreren Bands gespielt. Von daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Schauplatz seines Erstling das ländliche Arkansas der 50er Jahre ist, wo sich der Kriegsveteran Bull Ingram auf die Spuren eines geheimnisvollen Bluesmusikers namens Ramblin’ John Hastur begeben muss, dessen Musik angeblich die Lebenden verrückt macht und die Toten aufwecken kann. Ingram ist ein harter Mann, doch als er den Musiker in die Sümpfe verfolgt, stößt er auf Dinge, die selbst ihn an seine Grenzen bringen. Southern Gods bietet atmosphärische Southern Gothic mit einem ordentlichen Spritzer Cthulhu-Mythos und einigen durchaus drastischen Szenen und soll noch dieses Jahr als Southern Gothic auf Deutsch erscheinen.
Auch This Dark Earth (2012) spielt in Arkansas – dieses Mal jedoch einem Arkansas, in dem sich die wenigen noch normalen Menschen in befestigten Siedlungen vor den Zombiehorden zu schützen versuchen, die das Land überrannt haben. Ein auf den ersten Blick ganz normales, zeitgenössisches Arkansas wiederum ist der Schauplatz von The Twelve-Fingered Boy (2013), dem ersten Band der Incarcerado Trilogy – einer Jugendbuch-Trilogie um Jugendliche mit Superkräften –, die mit The Shibboleth (2014) und The Conformity (2015) fortgesetzt wurde.

The Icorruptibles Trilogy
So gesehen, kann man es schon ein bisschen überraschend finden, dass The Incorruptibles (2014) erstmals nicht in Arkansas spielt, sondern in den Hardscrabble Territories, einem – Nomen est Omen – harten, gefährlichen Landstrich, der in einer anderen Welt liegt (und doch auch irgendwie ein bisschen Arkansas ist). Was auch gleich den großen Unterschied zwischen Jacobs’ vorangegangenen Romanen, die man zum Horror oder zur Phantastik rechnen konnte, und The Incorruptibles – bzw. der gleichnamigen Trilogie – deutlich macht, denn bei der handelt es sich eindeutig um Fantasy. Die o.g. Hardscrabble Territories sind nämlich ein Teil – ein besonders gefährlicher Teil – von Occidentalia, jenem Land, das jenseits des Meeres auf der Nordhälfte eines fremden Kontinents und damit am äußersten Rand des unsterblichen Imperiums von Rume liegt. Hier haben die beiden Abenteurer Fisk und Shoe den Auftrag, eine Gesandschaft aus Rume, die an Bord eines von Dämonen angetriebenen Schiffs flussaufwärts auf dem Big Rill unterwegs ist, vor den Gefahren dieses Landes zu schützen – was sich als gar nicht so einfach erweist, denn Senator Cornelius und seine Familie stellen die Arroganz zur Schau, die für die oberen Gesellschaftsschichten des Imperiums typisch ist, und unterschätzen die Gefahren, die vor allem von den Stretchers drohen … mit fatalen Folgen …
Die Welt der Incorruptibles, die die Leser und Leserinnen durch die Augen des Ich-Erzählers Shoe zu sehen bekommen – und in die einzuführen Jacobs sich viel Zeit nimmt –, ist unserer ziemlich ähnlich und doch wieder ganz anders. Denn in dieser Welt ist Rom – pardon, Rume – niemals untergegangen und auch im Jahre 2638 nach der Gründung des unsterblichen Rume nicht zuletzt Dank des “hellfire engineerings” – einer Technologie, die es ermöglicht, die Hitze gebannter Dämonen als Energiequelle zu nutzen – noch immer eine Weltmacht. Occidentalia wiederum unterscheidet sich nicht nur in seinen Umrissen und seinem Relief leicht von unserem Nordamerika, sondern vor allem im Hinblick auf seine indigenen Bewohner, die Dvergar und die von den Menschen auch Stretcher genannten Vaettir. Während die zwergenhaften Dvergar sich mit den rumischen Eroberern mehr oder weniger arrangiert haben, sind die Vaettir – riesenhafte, übermenschlich starke und schnelle Elfen – keineswegs bereit, ihre Heimat irgendwelchen Eindringlingen zu überlassen, sondern wehren sich mit allen Mitteln – und sie sind in der Wahl besagter Mittel alles andere als zimperlich.
Alte Römer, Demonpunk und Killerelfen, dazu eine Landschaft und zwei Hauptfiguren, die jedem Western gut zu Gesicht stehen würden – kann diese Mischung denn funktionieren? Ja, sie kann, und sie tut es. Was zu einem erheblichen Teil an Shoe und seiner Erzählstimme liegt, denn während Fisk der typische harte, unnachgiebige tough guy ist, den man in vielen derartigen Werken findet, ist Shoe ein gottes-, pardon, iafürchtiger Mann (und Halbdvergar), der keine Feuerwaffen benutzt, da der Umgang mit Hellfire seine Seele beflecken würde, und der über einen klaren moralischen Kompass verfügt, was letztlich auch dafür sorgt, dass das Ganze trotz mancher blutiger Szenen nicht allzu grimdark wird.
Im zweiten Band, Foreign Devils (2015), weitet sich dann das Szenario, wenn eine Delegation aus Rume zu den Tchinee nach Kithai geschickt wird, wo die Autumn Lords herrschen (und ihre ureigensten Geheimnisse hüten), und eine zweite Erzählstimme hinzukommt (während die Geschehnisse in Occidentalia weiter von Shoe erzählt werden). In Infernal Machines (2017), dem dritten Band, verknüpfen sich die beiden Erzählstränge schließlich und münden in ein furioses Finale.
Die The Incorruptibles Trilogy, die gelegentlich – und eigentlich treffender – auch als Fisk & Shoe Trilogy bezeichnet wird, bietet ein wirklich originelles Setting, einen spannenden Plot mit einigen überraschenden Wendungen, sowie Figuren, die sich verändern (wenn vielleicht auch nicht immer in der erwarteten Richtung); hinzu kommen eine ebenso originelle, passende Covergestaltung und Blurbs von Genregrößen wie Mark Lawrence oder Patrick Rothfuss, und auch, was die Werbung anbelangt, hat man sich bei Gollancz etwas einfallen lassen. Trotzdem war die Trilogie kein Erfolg, sondern verkaufstechnisch ein Flop. Über die Gründe kann man nur spekulieren; jedenfalls hat der Misserfolg John Hornor Jacobs in eine ziemliche Depression gestürzt, und er hat einige Zeit gebraucht, um sich davon zu erholen.
Inzwischen schreibt er allerdings wieder, wenn auch bislang nur kürzere Werke. Und er ist zum Horror zurückgekehrt. Während in A Lush and Seething Hell: Two Tales of Cosmic Horror (2019) nur neues Material enthalten ist – genauer: zwei Erzählungen aus den Jahren 2018 und 2019 –, bietet Murder Ballads and Other Horrific Tales (2020) zwei Erstveröffentlichungen – darunter die Titelgeschichte, eine Fortsetzung zu Southern Gods – sowie acht in den 10er Jahren verstreut in diversen Anthologien und Magazinen erschienene Storys. Der Fantasy hat John Hornor Jacobs hingegen bedauerlicherweise zunächst einmal den Rücken gekehrt.

* – Interview in Locus # 715, August 2020

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