Zum 65. Geburtstag von Robert Hood

Bibliotheka Phantastika gratuliert nachträglich Robert Hood, der bereits am Sonntag vor einer Woche seinen 65. Geburtstag feiern konnte. Schon wieder so ein Autor, von dem ich noch nie gehört habe, mag der eine oder die andere jetzt vielleicht denken, aber bei dem am 24. Juli 1951 in Parramatta im australischen Bundesstaat New South Wales geborenen Robert Maxwell Hood handelt es sich um einen immer noch aktiven und sehr produktiven Autor, der nur hierzulande praktisch unbekannt sein dürfte; in seinem Heimatland sieht das ganz anders aus, dort hat sich Hood mit weit über 100 Kurzgeschichten und Erzählungen für Erwachsene sowie einer aus vier Bänden bestehenden Jugendbuchserie und einer gemeinsam mit einem Co-Autor verfassten neunbändigen Kinderbuchserie den Ruf erschrieben, einer der wichtigsten Horrorautoren des Landes zu sein, dessen Geschichten häufig auf den Nominierungslisten für den Ditmar und den Aurealis Award auftauchen.* Hier und heute soll es allerdings weder um Hoods phantastische Erzählungen für Erwachsene, noch um seine Kinder- oder Jugendbücher gehen – und auch nicht um die von ihm herausgegebenen Anthologien – sondern um seinen bislang einzigen romanlangen Ausflug in die Fantasy.
Besagter Roman ist 2012 unter dem Titel Fragments of a Broken Land: Valarl Undead auf den Markt gekommen und hat 2014 prompt den Ditmar in der Kategorie “Best Novel” gewonnen – und das, obwohl er zweifellos zu den ungewöhnlichsten und seltsamsten Werken zählt, die das Genre bisher hervorgebracht hat (und somit auch zu denen, die sich kaum mit einigen wenigen Sätzen beschreiben lassen). Was nicht zuletzt daran liegt, dass ein ebenso originelles wie fremdartiges und merkwürdiges Setting als Bühne für eine fast schon typische Queste dient, mit der allerdings eine metaphysische Komponente verwoben ist, die für die Welt, die Figuren und die Handlung von zentraler Bedeutung ist.
Tharenweyr ist eine ungewöhnliche Welt, denn an ihrem Himmel scheint tagsüber keine Sonne, und nachts leuchten dort keine Sterne. Die Tage auf Tharenweyr werden von einer Energiewoge erhellt, die von Süden nach Norden über das einer festen Decke gleichende Firmament wandert, während der Nacht herrscht am Himmel nichts als absolute Schwärze. Aber das sind nur die äußeren Merkmale einer Welt, deren metaphysischer Überbau durchaus für Alpträume sorgen kann. Unter solchen leidet etwa die junge Remis Sarsdarl, die gerade ihre Ausbildung als Spellbinder abgeschlossen hat und nun versucht, sich in Koerpel-Na, der Hauptstadt des durch Handel reich und mächtig gewordenen Landes Vesuula, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch aus ihrer Idee, Zaubersprüche und magische Talismane an die Einwohner Koerpel-Nas zu verkaufen, wird nichts, da die mächtigen Handelshäuser keine Konkurrenz – sprich: keine unabhängigen Spellbinder – in der Stadt dulden, und so steht Remis alsbald vor den Trümmern ihrer gerade erst begonnenen beruflichen Existenz. Ihren Nachbarn, den ebenfalls beruflich alles andere als erfolgreichen Schmied Arhl Mogarni, plagen keine Alpträume; stattdessen wird er vom Geist seiner toten Mutter heimgesucht, was ihm auch nicht unbedingt Trost spendet. All das ist jedoch nichts im Vergleich zu den Träumen, denen Sevthen Ulart-Tashnark, der Sohn eines behördlich zugelassenen reichen Sklavenhändlers, jeden Abend dadurch zu entkommen versucht, das er sich fast bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Nicht, dass das viel ändern würde, denn er träumt trotzdem immer wieder davon, ein Krieger namens Bellarroth zu sein, der auf einer selbst im Vergleich zu Tharenweyr merkwürdigen anderen Welt, in der Schlangen auf Bäumen wachsen (und bei der es sich eigentlich um das sich durch die Leere bewegende kosmische Ungeheuer Tammenallor handelt) unterwegs zu einem Ziel ist, das er ebensowenig kennt wie den Auftrag, den er zu erfüllen hat. Die Wege dieser drei Figuren kreuzen sich eher zufällig – oder auch nicht – kurz nachdem Remis versehentlich einen untoten Leichnam aus seinem Todesschlaf erweckt hat und dadurch die Aufmerksamkeit der Akolythen eines Dunklen Gottes auf sich gelenkt hat – und nur wenig später stecken Remis, Arhl und Tashnark mitten drin in einem Schlamassel, in dem nicht nur ihr eigenes Überleben auf dem Spiel steht, sondern das Schicksal von ganz Tharenweyr …
Dass ein Autor wie Robert Hood, bei dem der Schwerpunkt seines Schaffens bislang im Bereich des Horrors lag, ein vergleichsweise düsteres Setting und Szenario ersinnt, ist letztlich nicht weiter verwunderlich, dass es außerdem auch eins der bizarrsten ist, die die Fantasy bis heute hervorgebracht hat, schon eher. Denn bizarr ist Tharenweyr – vor allem, wenn man seinen metaphysischen Überbau miteinbezieht – zweifellos, und zwar so bizarr, dass es schwerfällt, etwas auch nur annähernd Vergleichbares zu finden. Am ehesten kommen einem da noch die Welten eines Clark Ashton Smith, William Hope Hodgsons Millionen Jahre in der Zukunft um eine erloschene Sonne kreisende Erde in The Night Land (1912; dt. Das Nachtland (1982)) oder Tormance, der Handlungsort von David Lindsays A Voyage to Arcturus (1920; dt. Die Reise zum Arcturus (1986)) in den Sinn, wobei “vergleichbar” sich hier jeweils weder auf das Setting noch auf den Stil oder den Erzählduktus bezieht, sondern auf die Einzigartigkeit (und somit eigentlich die “Unvergleichbarkeit” 😉 ), die alle diese Werke auszeichnet.
Doch trotz der Horroreinflüsse und der Düsternis gehört Fragments of a Broken Land: Valarl Undead nicht in die Kategorie Grimdark oder Grim & Gritty, sondern ist eigentlich in einem ganz besonderen Setting angesiedelte Heroic Fantasy. Was in erster Linie an den Figuren – an Remis, Arhl, Tashnark (und noch einigen anderen, denn die Gruppe wächst und schrumpft im Laufe der Queste) – liegt, denen der Zynismus, der sich in so vielen modernen Fantasywerken finden lässt (vor allem, wenn sie versuchen, besonders grim & gritty zu sein), vollkommen fremd ist. Remis, Arhl, Tashnark und die anderen mögen Gescheiterte sein, sie mögen alle ihre Schwächen und ihre Geheimnisse haben, aber sie haben auch einen moralischen Kompass und wissen um die Bedeutung von Freundschaft, von Selbstlosigkeit und Mitgefühl. Das macht aus Fragments jetzt keinen fröhlichen Roman, aber immerhin einen, in dem bei aller Düsternis und Verzweiflung immer ein Silberstreifen am Horizont – und mag er noch so blass und schmal sein – sichtbar ist. Und der – nebenbei bemerkt – überaus spannend ist, sobald er so richtig in Gang gekommen ist.
Es muss allerdings auch ganz klar gesagt werden, dass Fragments of a Broken Land: Valarl Undead es seinen potenziellen Lesern und Leserinnen nicht leicht macht (vor allem, wenn man kein native speaker ist). Das fängt bei dem teilweise überaus dichten Stil an, setzt sich mit den größtenteils alles andere als eingängigen Namen fort und endet bei all den (zumindest anfangs absolut unverständlichen) Träumen und Verweisen, die sich auf den metaphysischen Überbau beziehen. Besagter, inzwischen mehrfach erwähnter Überbau fußt nämlich auf den Visionen und Bildern des englischen Dichters, Malers und Mystikers William Blake, dessen Werk wohl nur den wenigsten deutschsprachigen Lesern und Leserinnen ein Begriff sein dürfte. Es ist nicht so, dass man dieses Werk unbedingt kennen muss, damit die Geschehnisse einen Sinn ergeben – aber es hilft, wenn man weiß, wo einige der Bilder und Ideen herkommen, die Robert Hood in seinem Roman verwendet.**
Ungeachtet all dessen, was im vorangegangegen Absatz steht, gibt es für Leser und Leserinnen, die wissen wollen, was mit und in der Fantasy möglich ist, wenn sie das immer noch gern und häufig genutzte, entweder als Grundlage für eine idealisierte Wohlfühl-&-Wunscherfüllungs-Phantasie oder für einen vorgeblich “realistischen” Blick in eine vor allem dreckige, grausame und vom Recht des (zumeist amoralischen) Stärkeren oder Höhergestellten beherrschte Welt dienende pseudomittelalterliche Setting verlässt, nur wenig Beispiele, die ähnlich weit weg vom Fantasy-Mainstream angesiedelt sind wie Robert Hoods Fragments of a Broken Land: Valarl Undead. Manchen mag es auch zu weit weg davon sein. Ob man mit dieser Art von Fantasy etwas anfangen kann, lässt sich problemlos feststellen, ohne dass man den Roman kaufen muss, denn auf Robert Hoods für Fragments geschaffener Webseite finden sich – neben u.a. einem Beitrag zu William Blake, in dem Hood auch erklärt, wie er überhaupt auf die Idee gekommen ist, Blakes Visionen und Bilder für seinen Roman zu verwenden – drei Erzählungen, die man kostenlos downloaden kann: “Tamed” (Hoods erster Ausflug nach Thamenweyr, der in der Anthologie Dreaming Down-Under (1998) erschienen ist), “Dark Witness” (ursprünglich in Fragments als Flashback enthalten, aber während des Editionsprozesses dort gestrichen) und “Garuthgonar and the Abyss” (eine Story, die zeitlich lange vor dem Roman angesiedelt ist und die Abenteuer des Vaters von Shaan – einer weiteren Hauptfigur aus dem Roman, die aus Umfangs- und Übersichtlichkeitsgründen im obigen Text nicht erwähnt wurde – erzählt).

* – Ditmar und Aurealis Award werden für Werke aus den Bereichen SF, Fantasy und Horror vergeben.
** – ich selbst kannte vorher auch nur das Gedicht The Tyger und ein paar Bilder, habe mich dann aber parallel zur Lektüre von Fragments ein bisschen über Blake und sein Werk schlau gemacht; aber wie gesagt: das muss man nicht tun (auch wenn’s durchaus spannend ist). Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Blake ist übrigens … sagen wir dürftig, aber ich habe auf die Schnelle keine deutschsprachige Seite gefunden, die etwas dezidierter auf Blakes Werk – vor allem auf dessen mystische Komponente – eingeht.

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Zum 90. Geburtstag von Richard Meade

Bibliotheka Phantastika erinnert an Richard Meade, der heute vor zehn Tagen 90 Jahre alt geworden wäre. Nachdem wir vor kurzem mit Norvell W. Page an einen Autor erinnert haben, dessen Name vermutlich kaum jemand ein Begriff war, ist heute ein Autor an der Reihe, dessen Name sehr wahrscheinlich niemandem etwas sagt. Und daran würde sich vermutlich auch nichts ändern, wenn wir statt an Richard Meade an Quinn Reade, Ben Elliott, William Kane, Sam Webster, Ben Haas, Thorne Douglas oder John Benteen erinnern würden – es sei denn, es gibt ein paar Westernfans in unserer Leserschaft, denn denen könnte zumindest der letzte Name ein Begriff sein. Der Western war nämlich das Hauptbetätigungsfeld des am 21. Juli 1926 in Charlotte, North Carolina, geborenen Benjamin Leopold Haas, der seine Romane teils unter Ben Haas, die meisten allerdings unter einem der o.g. Pseudonyme (es gibt noch ein paar mehr) veröffentlicht hat. Haas war ein ungemein fleißiger Autor, der in seiner knapp sechzehn Jahre dauernden Autorenkarriere rund 130 Romane veröffentlicht haben soll; in erster Linie Western, aber auch Arztromane, Thriller und historische Romane – und drei Sword-&-Sorcery- bzw. Heroic-Fantasy-Romane (zwei davon unter dem Pseudonym Richard Meade, was erklärt, warum wir an Richard Meade und nicht an Ben Haas erinnern und warum Haas hier heute überhaupt auftaucht).
The Sword of Morning Star (1969), der erste dieser Romane unter dem (bereits mit Romanen aus anderen Genres eingeführten) Pseudonym Richard Meade, eröffnet eine kurze, aus zwei Bänden bestehende, Gray Lands genannte Sequenz. Das Setting ist – wie häufig bei derartigen Romanen aus dieser Zeit – eine postapokalyptische Erde, auf der sich Jahrtausende nach einem vernichtenden, in den Legenden der Menschen als Worldfire präsenten Atomkrieg wieder eine pseudomittelalterliche Feudalgesellschaft etabliert hat und auf der Magie existiert. Ohne diese Magie hätte Helmut allerdings reichlich schlechte Karten, treibt er doch verstümmelt und nicht bei Sinnen auf einem Kahn den Jaal hinunter und genau auf die Sumpflandschaft der Wetlands zu, in denen schreckliche Ungeheuer hausen. Dass der zwölfjährige Helmut überhaupt in dieser Situation ist, hat damit zu tun, dass er der Bastard von Sigrieth ist, dem kürzlich verstorbenen König von Boorn und Emperor der Gray Lands – und dass der anstelle von Helmuts ebenfalls noch minderjährigem Halbbruder Gustav, dem Thronerben, als Regent eingesetzte Albrecht von Wolfsheim finstere Pläne verfolgt, die ihn selbst auf den Thron bringen sollen. Doch zum Glück gibt es den Magier Sandivar, der Helmut nicht nur aus dem Fluss fischt und aufpäppelt, sondern ihm auch alles beibringt und verschafft, was er braucht, um sich an Albrecht rächen zu können – auch wenn er ihn dazu in eine ganz besondere Art von Hölle schicken muss …
The Sword of Morning Star ist im Prinzip eine schlichte Rachegeschichte, die allerdings mit ein paar recht originellen Einfällen aufgepeppt ist. Dazu gehören u.a. der dem Magier Sandivar als Reittier und Leibwächter dienende riesige Bär Waddle oder auch besagte Hölle, in der die Zeit vielfach schneller vergeht als in der eigentlichen Welt, so dass Helmut – dessen von Albrecht abgetrennte Schwerthand im weiteren Verlauf der Geschichte durch den titelgebenden Morgenstern ersetzt wird – nicht ewig auf seine Rache warten muss. Und dazu gehört auch, dass der finstere Albrecht von Wolfsheim nicht nur einfach König anstelle des Königs werden will, sondern viel weitergehende Pläne verfolgt, so dass es im entscheidenden Kampf zwischen ihm und Helmut um viel mehr geht als um die Rache eines Bastards. Für amerikanische Leser haben darüber hinaus vermutlich auch Namen wie Helmut, Gustav und Albrecht (oder Orte wie Wolfsheim und Marmorburg) eine gewisse Exotik transportiert, die man als deutschsprachiger Leser eher nicht so empfindet (die jedoch dafür sorgen, dass man das Geschehen in einem – natürlich nach der großen Katastrophe entsprechend veränderten – Europa verortet).
Exile’s Quest (1970), der zweite Roman unter dem Meade-Pseudonym, ist ein Prequel, in dem König Sigreith sich noch bester Gesundheit erfreut und tut, was Könige eben so tun. Etwa einen aus gewissen Gründen in Ungnade gefallenen Adligen – nämlich Gallt, den Baron der Iron Mountains – auf eine selbstmörderische Mission zu schicken: Gallt soll mit einer Gruppe aus ehemaligen Gefangenen aus den Verliesen des Königs in die Unknown Lands vordringen und herausfinden, was mit der vorherigen Expedition passiert ist, die diesen Auftrag hatte – und so ganz nebenbei auch noch den mystischen und geheimnisvollen Stone of Power zurückholen …
Auch in Exile’s Quest gibt es einen am Anfang nicht unbedingt absehbaren Plottwist, der den Roman zu ein bisschen mehr als Hack & Slay durch diverse, durch das Worldfire entstandene Monster und Mutanten macht, die in diesem Roman eine wesentlich größere Rolle als im ersten Band spielen.
Interessanterweise finden sich auch in Ben Haas’ drittem S&S-Roman Quest of the Dark Lady (1969), den er unter dem Pseudonym Quinn Reade verfasst hat, etliche Parallelen zu den beiden Romanen um die Gray Lands, vor allem zu Exile’s Quest. Fünfhundert Jahre nach einem alles verwüstenden Krieg unter Magiern herrscht der gütige König Langax über die Iron Lands, den letzten Landstrich, der noch von normalen Menschen bewohnt wird und in dem aus angesichts der Vorgeschichte naheliegenden Gründen Magie verboten ist. Doch die Iron Lands werden von den schrecklichen Kreaturen aus dem Terrible East bedroht, die durch den besagten Krieg entstanden sind, und zu denen beispielsweise die Slimy Ones – riesige, blutsaugende Schnecken – gehören. Bislang ist es den Mounted Bladesmen des Königs gelungen, die in ihrer Gesamtheit als Other Things bezeichneten Kreaturen immer wieder zurückzuschlagen, doch jetzt haben sich die Dinge geändert, denn die bislang immer einzeln angreifenden Monstren sind plötzlich zu koordinierten Aktionen fähig. Dies und die Tatsache, dass Langax von einem Zauberspruch eines Magiers aus dem Terrible East niedergestreckt dahinsiecht, sorgt dafür, dass er mit Wulf of Niedrigaard seinen ehemaligen Hauptmann der Mounted Bladesmen in den Terrible East schickt, um die Dark Lady – seine einzige Rettung – von dort zu holen. Begleitet von Delius, Langax’ Arzt – der sich alsbald als Magier entpuppt – und seiner Geliebten Reen, die sich zuvor als Straßenräuberin einen Namen gemacht hat, bricht Wulf in den Terrible East auf, wo sie nach einiger Zeit nicht nur der Dark Lady, sondern auch dem King of the Eastern Lands begegnen, der standesgemäß in einem aus schwarzem Stein erbauten und schwarz möblierten Palast lebt. Natürlich versucht Wulf, seinen Auftrag zu erfüllen – doch das erweist sich als schwieriger als ohnehin schon vermutet …
Die drei vorgestellten Romane von Ben Haas sind in mehrfacher Hinsicht typische Beispiele des im Gefolge der Conan-Taschenbuchausgabe bei Lancer Books entstandenen S&S-Booms der späten 60er und frühen 70er Jahre mit all ihren Stärken und Schwächen: Sie sind schnell und actionorientiert erzählt, und in ihnen agieren eher grob charakterisierte Figuren in einem nur partiell wirklich ausgearbeiteten (und nicht immer stimmigen) Setting. Zudem vereinen sie Elemente der Sword & Sorcery – oder eigentlich eher der Heroic Fantasy, denn Haas’ Figuren unterscheiden sich durchaus von den eher selbstsüchtig agierenden Abenteurern und Söldnern vom Conan-Typus – mit Elementen aus Abenteuergeschichten oder, wenn man so will, den erst später aufkommenden tolkienesken Questen (was dazu passt, dass Haas’ Vorbilder Autoren wie Frank Yerby und eben nicht Howard & Co. waren). Natürlich können diese Romane nicht mit den Werken der “Großen Drei” der Sword & Sorcery mithalten, funktionieren aber besser als manche anderen Hervorbringungen dieser Epoche. Und letztlich ist auch ein Vergleich mit z.B. den dreißig Jahre zuvor entstandenen Prester-John-Romanen des gerade erst abgehandelten Norvell W. Page oder auch den etliche Jahre später erschienenen, thematisch ähnlich gelagerten Romanen eines Clifford D. Simak – vor allem im Hinblick auf die Interaktion der Figuren – nicht uninteressant (wenn man denn auf sowas Lust hat 😉 ).
Im Gegensatz zu seinen Western – von denen vor allem die Reihen um das Cheyenne-Halbblut Sundance und den zu Beginn des 20. Jahrhunderts an den Brennpunkten der Welt agierenden Abenteurer Fargo unter Westernfreunden sehr geschätzt werden* – haben es die Fantasyromane des am 27. Oktober 1977 an einer Herzattacke verstorbenen Ben Haas nie nach Deutschland geschafft. Das ist letztlich zwar kein echter Verlust, aber in Anbetracht der Tatsache, dass z.B. ein Heuler wie Lin Carters Thongor komplett auf Deutsch erschienen ist, dann doch fast wieder ein bisschen bedauerlich.

* – einen Artikel zur deutschsprachigen Ausgabe von Fargo findet man z.B. hier.

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Zum 110. Geburtstag von Norvell W. Page

Bibliotheka Phantastika erinnert an Norvell W. Page, dessen Geburtstag sich am vergangenen Mittwoch zum 110. Mal gejährt hat (oder auch nicht*). Die meisten unserer Leserinnen und Leser werden mit diesem Namen vermutlich nicht allzuviel anfangen können, was aber nicht weiter verwunderlich ist, denn der am 13. Juli 1906 in Richmond, Virginia, geborene Norvell Wordsworth Page war zwar ein paar Jahre lang ein sehr fleißiger Autor – man könnte ihn auch als Vielschreiber bezeichnen –, doch ist der größte Teil seiner Geschichten und Romane für die Pulps nicht unter seinem richtigen Namen, sondern unter dem Verlagspseudonym Grant Stockbridge erschienen. So hat er er z.B. zwischen 1933 und 1943 als Grant Stockbridge über 90 der insgesamt 118 Romane einer Krimireihe verfasst, in deren Mittelpunkt der maskierte Verbrecherjäger The Spider steht, den man als eine Art (moralisch durchaus fragwürdigen) Proto-Superhelden betrachten kann und der ziemlich sicher eines der Vorbilder für die spätere Comic-Ikone Batman war. Auch wenn Page nicht gerade The Spider geschrieben hat, war er vor allem im Krimibereich unterwegs, doch 1939 hat er für kurze Zeit die Automatik ins Holster geschoben und ein Schwert in die Hand genommen – oder, anders gesagt: er hat zwei Sword-&-Sorcery-Romane geschrieben, die auch der Grund sind, warum er heute überhaupt hier auftaucht.
Die beiden kurzen Romane erschienen 1939 in der Juni- bzw. November-Ausgabe des erst im Frühjahr des gleichen Jahres gegründeten Phantastik-Magazins Unknown (in dem später z.B. Lyon Sprague de Camp seine Harold-Shea-Stories oder Hannes Bok seinen Roman “The Sorcerer’s Ship” veröffentlichen sollte) und wurden ziemlich genau dreißig Jahre später in den Zeiten des Sword-&-Sorcery-Booms unter ihren alten Titeln Flame Winds und Sons of the Bear-God im Taschenbuch neu aufgelegt – dieses Mal mit dem werbeträchtigen Hinweis “A novel of heroic fantasy in the Conan tradition” auf dem Cover, der immerhin teilweise richtig ist.
Im Mittelpunkt beider Romane steht ein Mann namens Prester John, der – auch unter dem Namen Priesterkönig Johannes oder Johannes der Presbyter – in mehreren mittelalterlichen Legenden auftaucht und einst irgendwo in Asien (oder auch in Afrika) ein christliches Reich geschaffen haben soll. Page hat sich einerseits bei diesen Legenden bedient, seinem Prester John allerdings einen anderen Hintergrund gegeben, so dass der Mann, der unter diesem Namen durch die Weiten des asiatischen Kontinents zieht, kein Priester, sondern ein ehemaliger Gladiator ist, der in der Arena von Alexandria als “Hurricane John” bekannt war (was mehr oder weniger das Gleiche wie “Prester John” bedeutet**) und von den Mongolen Wan Tengri – “Herr der Windteufel” – genannt wird.
In Flame Winds kommt Wan Tengri – ein hünenhafter, rothaariger und rotbärtiger Skythe, der immer auf der Suche nach Ruhm, Reichtum und Abenteuern ist – auf seinen Wanderungen in die für ihre Reichtümer und die Schönheit ihrer herrschenden Prinzessin berühmte, ummauerte Stadt Turgohl. Allerdings muss er rasch feststellen, dass Turgohl mittlerweile von sieben miteinander verfeindeten Magiern beherrscht wird, die über die titelgebenden Flamewinds gebieten und keinen Spaß verstehen, wenn man versucht, sie auszurauben. Natürlich gelingt es Wan Tengri, nachdem er sich mit einer Horde zwielichtiger Diebe verbündet und ein paar Beweise seiner Kampfkunst geliefert hat, die Magier zu besiegen und die von ihnen gefangengehaltene Prinzessin zu befreien – doch aus dem Plan, Turgohl zur Keimzelle seines Reiches zu machen, wird leider nichts … Bei seinem zweiten diesbezüglichen Versuch trifft er in Sons of the Bear-God auf ein Volk zwergenhafter Menschen, die einen Bärengott verehren und in ihrer Stadt Byoko über Sklaven herrschen, die dem gleichen Volk wie Wan Tengri selbst zu entstammen scheinen. Zusammen mit seinem affengesichtigen, wenig vertrauenweckenden Begleiter, dem Dieb und Magier Bourtai, der sich ihm in Turgohl angeschlossen hat, stürzt er die Sklavenhalter trotz ihrer magischen Hilfsmittel und befreit die ihm so ähnlichen Sklaven, und auch der anschließende Eroberungszug lässt sich zunächst gut an – doch dann muss Wan Tengri einmal mehr die Erfahrung machen, dass schönen Frauen einfach nicht zu trauen ist …
Die auf Deutsch als Flammenzauber und Söhne des Bärengottes (beide 1981) erschienenen Romane um Wan Tengri sind ein typisches Produkt der Pulps mit den üblichen Stärken und Schwächen: Auf der Plusseite steht eine bis auf wenige kurze Durchhänger rasant erzählte Handlung***, in der die vorkommende Magie sich zwar entweder als Illusion oder als eigentlich der SF zugehöriges Element erweist, die aber als Heroic Fantasy durchaus funktioniert (auch wenn das Setting eher blass und beliebig bleibt), auf der Minusseite die Formelhaftigkeit dieser Handlung und ein Held, der nicht nur ein bisschen zu übermenschlich ist (und selbst dem bekannten Cimmerier körperlich überlegen sein dürfte), sondern darüberhinaus auch allzu sehr von sich überzeugt ist. Dennoch gibt es auf dem weiten Feld der Sword & Sorcery und/oder Heroic Fantasy Schlimmeres als Wan Tengris Abenteuer, die man sich – ein Interesse an diesen Subgenres vorausgesetzt – durchaus zu Gemüte führen kann. Allerdings besser nicht direkt hintereinander.
Norvell W. Page hat nach den beiden Prester-John-Romanen mit der (im Juni 1940 wiederum in Unknown veröffentlichten) Erzählung “But Without Horns” nur noch einen weiteren Ausflug in die phantastische Literatur unternommen, der als Der Leibhaftige ebenfalls auf Deutsch (und zwar in der Romanheftreihe Utopia Kriminal) erschienen ist. Danach hat er sich für kurze Zeit noch einmal The Spider & Co zugewandt, sich aber bereits Mitte der 40er Jahre von den Pulps zurückgezogen (und danach u.a. Texte für die Atomenergie-Kommission verfasst). Und am 14. August 1961 ist er im Alter von 55 Jahren gestorben.

* – Pages Geburtsjahr ist unsicher. John Clute geht davon aus, dass er sich zwei Jahre älter gemacht hat, um seinen ersten Job bei einer Zeitung zu bekommen, was das z.B. in der Wikipedia genannte Geburtsjahr 1904 erklären würde; ich vertraue in diesem Fall Clute mehr als der Wikipedia.
** – wie Page diesen Bogen schlägt, ist eigentlich ganz witzig; es genauer zu erkären, würde aber an dieser Stelle viel zu weit führen.
*** – die Roy Thomas für die Marvel-Comicreihe Conan the Barbarian (## 32-34 und 109-112) adaptiert hat, wobei – als Insidergag oder Hommage – aus der Stadt Turgohl die Stadt Wan Tengri wird.

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Zum 85. Geburtstag von Julian May

Bibliotheka Phantastika gratuliert leicht verspätet Julian May, die am vergangenen Sonntag ihren 85. Geburtstag feiern konnte. Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass eine Autorin im zarten Alter von zwanzig Jahren ihre erste Story verkauft (die immerhin gut genug ist, um mehrfach in Anthologien nachgedruckt zu werden), vierzehn Monate später eine zweite folgen lässt und dann schlagartig wieder von der Bildfläche verschwindet – nur um knapp dreißig Jahre später mit einem wahren Paukenschlag in die Phantastikszene zurückzukehren. Aber genau so ist es bei der am 10. Juli 1931 in Chicago, Illinois, geborenen Julian May gelaufen. Nach der Veröffentlichung von “Dune Roller” (in Astounding Science Fiction, Dezember 1951) und “Star of Wonder” (in Thrilling Wonder Stories, Februar 1953) hat sie sich aus der Phantastikszene – in der sie auch ihren Mann kennengelernt hat – zurückgezogen und ist erst 1981 mit The Many-Colored Land in sie zurückgekehrt*, einem in mehrfacher Hinsicht treffend betitelten Roman, der zwar als reiner SF-Roman beginnt und sich auch durchgängig ein SF-Mäntelchen umhängt, aber nichtsdesotrotz auch für Fantasyleser und -leserinnen interessant ist und den Auftakt zum vielleicht farbigsten phantastischen Abenteuerzyklus der 80er Jahre darstellt.
The Many-Colored Land beginnt in der Zukunft, im Jahre 2110, zu einem Zeitpunkt, da die Menschheit längst Teil des Galactic Milieu ist – soll heißen das sechste Mitglied in einem zuvor aus fünf technologisch und kulturell hochentwickelten galaktischen Völkern bestehenden Commonwealth – und so etwas wie ein Goldenes Zeitalter angebrochen ist, in dem Metafunctions bzw. metapsychic Powers (die man ansonsten in der SF meist als Psi-Kräfte bezeichnet) und Reisen zu fernen Planeten an der Tagesordnung sind (wobei Erstere bei Menschen eher selten bzw. häufig nur latent auftreten). Auch in dieser vordergründig so perfekten Welt gibt es Menschen, die aus den verschiedensten Gründen mit ihrem Leben oder ihrer Situation unzufrieden sind, die unglücklich sind oder sich nicht an das Leben im Galaktischen Milieu anpassen wollen oder können – und all diesen Menschen bietet sich ein Ausweg, als der Physiker Théo Guderian zufällig eine “Einbahnstraße in die Vergangenheit” entdeckt: eine Zeitkrümmung, die ins Rhônetal zur Zeit des Pliozäns führt und nur in einer Richtung benutzbar ist. Nach Guderians Tod öffnet seine Witwe das Portal für all jene, die ohne eine Aussicht auf Rückkehr in ein vermeintliches prähistorisches Paradies auswandern wollen, und als die “Gruppe Grün” am 25. August 2110 durch das Portal geht, befindet sie sich auf den Spuren von etlichen zigtausend Menschen, die diesen Schritt in ähnlich kleinen Gruppen in den vergangenen siebzig Jahren bereits gemacht haben. Niemand hat jemals wieder etwas von diesen Menschen gehört (was aufgrund der Natur des Portals auch gar nicht möglich ist), und alle acht Mitglieder der “Gruppe Grün” haben ihre ganz persönlichen Hoffnungen und Erwartungen im Hinblick auf das, was sie auf der anderen Seite des Portals und damit sechs Millionen Jahre in der Vergangenheit erwartet – doch niemand von ihnen ist auf das, was sie tatsächlich vorfinden, auch nur ansatzweise vorbereitet …
Mehr zu verraten, wäre unfair, und das haben wir auch in unserer Rezension der deutschen Ausgabe des Romans, der hierzulande als Das vielfarbene Land erschienen ist, nicht getan. Es mag daher genügen darauf hinzuweisen, dass The Many-Colored Land und seine Fortsetzungen The Golden Torc (1982), The Nonborn King (1983) und The Adversary (1984), die zusammen die Saga of Pliocene Exile (in den USA) bzw. die Saga of the Exiles (im UK) bilden und auf Deutsch als Pliozän-Saga mit den Einzeltiteln Das vielfarbene Land, Der goldene Ring (beide 1986), Kein König von Geburt und Der Widersacher (beide 1987) erschienen sind, in mehrfacher Hinsicht punkten können: sei es mit faszinierenden Schilderungen der irdischen Landschaft zur Zeit des Pliozäns einschließlich der dazugehörigen Fauna und Flora, sei es mit überzeugend gezeichneten Figuren, zu denen mit Felice Landry eine der trotz – oder vielleicht auch wegen – ihrer Ambivalenz beeindruckendsten starken Frauenfiguren der SF und Fantasy zählt (wobei es fast ein bisschen unfair ist, nur sie zu erwähnen, denn es gibt andere wie den über 130 Jahre alten Paläontologen Claude Majewski, die durch eine Hirnverletzung ihrer metapsychischen Kräfte beraubte Elizabeth Orme oder den “Trickster” Aiken Drumm, die ebenfalls genannt werden könnten – und das sind noch längst nicht alle), sei es durch die spannende, immer wieder mit überraschenden Entwicklungen aufwartende Handlung oder sei es schließlich durch die Art und Weise, wie Julian May ihre Geschichte mit der irdischen Mythologie verwebt. Was in der Summe aller Teile dazu führt, dass man die Saga of Pliocene Exile wohl am ehesten als in jeder Hinsicht “farbig” bezeichnen kann (und das gilt auch für die Sprache, die dem Einen oder der Anderen gelegentlich ein bisschen zu purple sein könnte).
In The Adversary, dem vierten Band des Zyklus, wird deutlich, dass Julian May noch mehr Ideen für das Galactic Milieu hat, die sie dann auch folgerichtig in Intervention (1987; auch in zwei Bänden als The Surveillance (1988) und The Metaconcert (1989)) – einer Art Prequel – und der aus den Bänden Jack the Bodiless (1992), Diamond Mask (1994) und Magnificat (1996) bestehenden Galactic Milieu Trilogy erzählt, die allerdings längst nicht so abenteuerlich und farbig ausgefallen ist wie die Saga of Pliocene Exile.
Noch bevor sie sich an besagte Trilogie gemacht hat, hatte Julian May bereits gemeinsam mit Marion Zimmer Bradley und Andre Norton Black Trillium (1990; dt. Die Zauberin von Ruwenda (1995)) verfasst, den Auftakt der gleichnamigen, manchmal auch World of Three Moons genannten Sequenz, die auf Deutsch als Ruwenda-Zyklus erschienen ist, und zu der sie außerdem noch die Bände Blood Trillium (1992; dt. Der Fluch der schwarzen Lilie (1997)) und Sky Trillium (1997; dt. Das Amulett von Ruwenda (1998) beigesteuert hat.
Danach hat sich Julian May mit den unter dem Obertitel The Rampart Worlds laufenden Romanen Perseus Spur (1998), Orion Arm (1999) und Sagittarius Whorl (2001), die als Rampart-Trilogie (Einzelbände: Der Sporn des Perseus (2001), Die Schulter des Orion (2002), Die Nebel des Sagittarius (2003)) ebenfalls auf Deutsch erschienen sind, noch einmal der SF zugewandt, ehe sie mit der Boreal Moon Trilogy (Einzelbände: Conqueror’s Moon (2003), Ironcrown Moon (2004) und Sorcerer’s Moon (2006)) ihren ersten und bislang einzigen Ausflug in die High Fantasy unternommen hat, der hierzulande als Nordmond-Trilogie mit den Einzeltiteln Schwertmond, Dunkelmond (beide 2009) und Schattenmond (2010) erschienen ist.
Am ehesten knüpft noch die letztgenannte Trilogie mit ihrem Ränkespiel zwischen mehreren, auf einer Insel mit einer komplexen Vergangenheit (und nichtmenschlichen Ureinwohnern) angesiedelten Königreichen an die Saga of Pliocene Exile an und enthält zumindest ein paar der Elemente, die die Saga so lesenswert gemacht haben, doch ganz generell lässt sich sagen, dass Julian May die Messlatte, die sie mit ihrem ersten Zyklus – vor allem mit The Many-Colored Land, der 1982 für sämtliche wichtigen SF-Preise nominiert war und tatsächlich auch den Locus Award in der Kategorie Best SF Novel gewonnen hat – selbst sehr hochgelegt hatte, danach nie wieder übersprungen hat. Andererseits kann man, wenn man die Saga beendet hat (und den Band in die Finger kriegt) im Pliocene Companion schmökern, in dem neben einem ziemlich umfangreichen Glossar auch Hintergründe zur Geschichte und zum Galaktischen Milieu, frühe Kartenentwürfe sowie mehrere Interviews mit Julian May zu finden sind.

* – das ist jetzt nicht ganz richtig, aber wer wusste damals schon, dass sie als Lee N. Falconer 1977 A Gazeteer of The Hyborian World of Conan including also The World of Kull and an Ethnogeographical Dictionary of Principle Peoples of the Era verfasst hat? 😉

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Zum 70. Geburtstag von Michael Shea

Bibliotheka Phantastika erinnert – einmal mehr deutlich verspätet* – an Michael Shea, der am vergangenen Sonntag 70 Jahre alt geworden wäre. Man kann mit einer gewissen Berechtigung sagen, dass der Start der schriftstellerischen Karriere des am 03. Juli 1946 in Los Angeles, Kalifornien, geborenen Michael Shea ungewöhnlich war, denn angefangen hat er – wenn man so will – mit Fanfiction. Die häufig wiederholte und von daher glaubhafte Legende besagt, dass Shea um 1970 herum in der Lobby eines Hotels in Alaska eine Ausgabe von Jack Vances The Eyes of the Overworld in die Hände gefallen ist und er – da Vance zu diesem Zeitpunkt noch keine Fortsetzung verfasst hatte – beschlossen hat, die ihn faszinierende Geschichte selbst fortzusetzen. Und diese von Vance autorisierte** Fortsetzung ist unter dem Titel A Quest for Simbilis 1974 bei DAW Books in den USA erschienen.
Der Roman beginnt genau da, wo The Eyes of the Overworld geendet hatte und bringt Cugel – ähnlich episodenhaft wie der Vorgängerband – alsbald mit zwei Reisegefährten zusammen: zunächst mit Mumber Sull, dem Than des Fischerstädtchens Icthyll, und dann mit dem Zauberer Polderbag. Gemeinsam begeben sich die drei aus den unterschiedlichsten Gründen auf die Suche nach dem Erzzauberer Simbilis – eine Suche, die sie in die Unterwelt der Sterbenden Erde führt, wo ihnen allerlei wunderliche und gefährliche Kreaturen begegnen, und sie diverse Abenteuer erleben …
Es ist schon erstaunlich, wie gut es Michael Shea in A Quest for Simbilis gelingt, den Stil und Erzählduktus von Jack Vance zu treffen – vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um seinen Erstling handelt. Aber Shea imitiert Vance nicht einfach nur, er bringt mit der – für die deutsche Ausgabe titelgebenden – Reise in die Unterwelt (1977) auch eine neue Komponente in Jack Vances Erzählkosmos ein, die viel zur Farbigkeit der Handlung beiträgt (und – wie sich im Nachhinein herausstellen sollte – eine erste Fingerübung für das war, was er später schreiben sollte). Allerdings muss man auch zugeben, dass Cugel ab dem Zeitpunkt, da Mumber Sull auftaucht, ein bisschen zu sehr in den Hintergrund gerät, Letzterer ihm mehr oder weniger die Schau stiehlt. Doch auch wenn A Quest for Simbilis als Cugel-Roman nicht ganz überzeugt, bleibt er dennoch der beste Jack-Vance-Roman, den Vance selbst nie geschrieben hat.***
Es sollte fünf Jahre dauern, bis die breite Öffentlichkeit wieder etwas von Michael Shea zu lesen bekam (denn die 1977 in dem Fanzine Phantasy Digest #3 enthaltene Story “The Pearls of the Vampire Queen” dürften zum damaligen Zeitpunkt allenfalls ein paar hundert Leser und Leserinnen zu Gesicht bekommen haben), denn erst 1979 erschien im Magazine of Fantasy & Science Fiction die Erzählung “The Angel of Death”, auf die mit “The Autopsy” (The Magazine of F&SF, Dezember ’80) und “Polyphemus” (The Magazine of F&SF, August ’81) zwei weitere SF-Erzählungen folgten, die – wie fast alle Geschichten von Shea – starke Horrorelemente aufweisen und mit zum Besten gehören, was er je geschrieben hat.
Nach einigen weiteren Stories erschien schließlich im Dezember 1982 mit Nifft the Lean sein berühmtestes und wohl auch erfolgreichstes Werk, das ihm zudem auf ewig einen Platz in der Ahnengalerie der Sword & Sorcery sichern dürfte. Bei Nifft the Lean handelt es sich um einen Sammelband mit vier längeren Erzählungen (der lustigerweise 1983 den World Fantasy Award in der Kategorie Best Novel gewonnen und dabei Romane wie Fevre Dream von George R.R. Martin oder The Sword of the Lictor von Gene Wolfe auf die Plätze verwiesen hat°), in denen die Abenteuer des dürren Nifft, eines Diebes und Söldners, und seines zeitweiligen Gefährten Barnar The Chilite zumeist von einem Ich-Erzähler – bei dem es sich nicht notwendigerweise um Nifft selbst handeln muss – geschildert werden. Dem Ganzen vorangestellt ist “Shag Margold’s Eulology of Nifft the Lean, His Dear Friend”, die der Kartograph und Historiker Margold nach dem vermeintlichen Tod seines Freundes geschrieben hat. Margold, der etliche Reiseberichte von Abenteurern gesammelt hat, um sie für seine eigenen Studien zu verwenden (und der auf diese Weise auch an Niffts Aufzeichnungen gekommen ist) hat darüber hinaus auch Einleitungen zu den einzelnen Geschichten verfasst, in denen er sich nicht nur Gedanken darüber macht, ob es sich bei dem jeweiligen Ich-Erzähler tatsächlich um Nifft handelt, sondern er lässt sich auch über die Geographie, die Geschichte und die politischen Verhältnisse in der als Schauplatz der Handlung dienenden Region aus und sorgt für gelegentliche humoristische Momente in der ansonsten überaus düsteren Handlung.
Am deutlichsten ist diese Düsternis in den beiden Geschichten zu spüren, in denen Nifft der Hölle – oder genauer: zwei sich deutlich voneinander unterscheidenden Versionen der Hölle – einen Besuch abstattet, denn in beiden wimmelt es von furchterregenden, entsetzlichen Wesen aller Art. Aber auch mit der unsterblichen Vampirkönigin, der Nifft die unglaublich wertvollen schwarzen Perlen ihres sumpfigen Reiches stehlen will, ist nicht gut Kirschen essen, ebenso wenig wie mit der “Goddess In Glas”, dem Orakel der Stadt Anvil Pastures, in die es Nifft auf Geheiß Margolds verschlägt … Stilistisch und erzählerisch ist auch in diesen Geschichten der Einfluss eines Jack Vance noch immer deutlich spürbar, gemischt mit einem kräftigen Schluck Clark Ashton Smith und einem Spritzer Fritz Leiber. Dass sie dennoch weit davon entfernt sind, Jack-Vance-Pastiches zu sein, sondern etwas wirklich Eigenständiges darstellen, liegt vor allem am jeweiligen, detailliert und ausführlich beschriebenen Setting der Geschichten, das auch ein Hieronymus Bosch nicht bizarrer hätte ersinnen können. Und somit ist Nifft the Lean unterm Strich eine vielleicht nicht immer leicht lesbare oder angenehme, aber durchaus originelle und im Genre mehr oder minder einzigartige Lektüre, die trotz ihrer stilistischen Eigenheiten, ihrer moralisch fragwürdigen Hauptfigur und ihrer bizarren Settings für alle Freunde erzählerisch etwas “altmodischer” phantastischer Abenteuerliteratur mehr als lesenswert ist. Und die in zwei Bänden als Die Reise durch die Unterwelt (1984) und Fischzug im Dämonenmeer (1985) auch auf Deutsch erschienen ist.
Mit The Color Out of Time (1984; dt. Die Farbe aus der Zeit (2004)) verfasste Shea einige Zeit später eine Fortsetzung zu H.P. Lovecrafts Erzählung “The Color Out of Space” (die nicht sein einziger Beitrag zum Cthulhu-Mythos bleiben sollte), und mit In Yana, the Touch of Undying (1985) einen stilistisch ebenfalls wieder von Jack Vance beeinflussten Roman, in dem es um die Suche nach der Unsterblichkeit geht. Weitere Stories – von denen die besten in dem Sammelband Polyphemus (1987) zu finden sind – folgten, ehe Shea den dürren Nifft zunächst zusammen mit seinem Kumpel Barnar Hammer-Hand in The Mines of Behemoth (1997; auch mit Nifft the Lean als Sammelband unter dem Titel The Incompleat Nifft (2000) erschienen) und dann mit einer neuen Begleiterin in The A’rak (2000) neue Abenteuer erleben ließ. Eine weitere – und zugleich die letzte – Nifft-Story mit dem Titel “Epistle from Lebanoi” ist in The Sword & Sorcery Anthology (2012) enthalten.
Während der Sammelband The Autopsy and Other Tales (2008) einen breiten Querschnitt durch Sheas Schaffen als Kurzgeschichtenautor bietet und u.a auch die ebenfalls mit dem World Fantasy Award ausgezeichnete Erzählung “The Growlimb” (2004) enthält, sind in Copping Squid and Other Mythos Tales (2009) – nomen es omen – seine Cthulhu-Mythos-Stories gesammelt, von denen man eine – “Tsathoggua” – hier auch online lesen kann. Mit The Extra (2010) und Assault on Sunrise (2013) hat er schließlich die ersten beiden Bände einer in Kalifornien spielenden Near-Future-Trilogie verfasst, die auf einer Kurzgeschichte von 1987 fußt und nun wohl unvollendet bleiben wird, denn am 16. Februar 2014 ist Michael Shea völlig überraschend im Alter von 67 Jahren verstorben.

* – it’s not a bug, it’s a feature 😉 ; nein das ist es natürlich nicht, aber momenten bestehen leider nur die Alternativen, den einen oder anderen Beitrag verspätet oder gar nicht zu veröffentlichen, und nachdem in den vergangenen Monaten schon ein paar – zu viele, wie ich finde – Beiträge auf der Strecke geblieben sind, habe ich mich in diesem Fall mal wieder für eine verspätete Veröffentlichung entschieden.
** – da Jack Vance mit Cugel’ Saga (1983) später selbst eine Fortsetzung zu The Eyes of the Overworld geschrieben hat, gilt A Quest for Simbilis mittlerweile nicht mehr als Kanon – doch wer den Erzählkosmos um die Sterbende Erde mag, sollte sich davon nicht abhalten lassen, den Roman zu lesen.
*** – wenn ich meine geplanten Beiträge im letzten Monat geschafft hätte, hätte es da bereits einen Fantasyzyklus gegeben, den man als den besten Michael-Moorcock-Zyklus bezeichnen könnte, den Moorcock nie geschrieben hat – aber so, wie es nun einmal ist, wird es um den frühestens in fünf Jahren gehen …
° – Nifft the Lean ist nebenbei bemerkt das einzige, eindeutig der S&S zuzuordnende längere Werk, dem dieses Kunststück gelungen ist.

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Forumos-Übersetzer empfehlen: Carolyn Lee Adams – Ruthless – Die Gnadenlose

Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag aus der Rubrik Übersetzer-Empfehlung. Die Übersetzerin Susanne Gerold ist in unserem Forum als Timpimpiri unterwegs.

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Wenn man einseitige Gespräche mit dem Mond in lebensbedrohlichen Situationen als Phantastik betrachten könnte, oder das Überwältigtsein von einem grandiosen Sternenhimmel und der Weite des Universums irgendwo allein in der Wildnis als fantasyhaft, und wenn man dann noch die Fähigkeit, enorme Kraftquellen in sich zu erschließen, irgendwie als Magie bezeichnen könnte – dann würde mir die Einleitung zu meiner Empfehlung für dieses Buch ein bisschen leichter fallen.
Denn dann würde ich einen Fantasy-Roman vorstellen, der zu diesem Blog passt. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ruthless – Die Gnadenlose ist keine Fantasy, nicht einmal Phantastik im allgemeineren Sinne. Es handelt sich vielmehr um einen Serienkiller-Roman, der allerdings eines ist: phantastisch gut.
Phantastisch ist z.B. die Protagonistin selbst, die sechzehnjährige Ruth, die von einem Serienkiller entführt wird und das Schicksal diverser Vorgängerinnen erleiden soll. Aufgrund ihrer geringen Körpergröße hält der Killer sie jedoch für jünger, als sie tatsächlich ist, und als ehrgeizige Reitsportlerin verfügt sie über eine Willensstärke, wie sie ihm noch nie untergekommen ist. Vor allem aber ist sie in der Lage, Schmerz auszuhalten, körperliche Symptome kraft ihres Willens zu unterdrücken, sich nicht wie ein Opfer zu verhalten. “Denk nicht wie ein Opfer”, zieht sich ein bisschen wie ein Mantra durch das Buch. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie eben nicht die erstbeste, sondern die erste vielversprechende Gelegenheit nutzt, um zu fliehen – nach fünfzig von etwas mehr als dreihundert Seiten.
Und das ist das andere Phantastische. Noch nie habe ich einen Roman gelesen – und schon gar nicht übersetzt –, in dem die Protagonistin lange Zeit unbekleidet herumläuft und dies niemals irgendwie voyeuristisch oder sonstwie unangenehm ausgeschlachtet wird. Es ist einfach der beste Moment, um wegzulaufen, als der Killer sie draußen mit einem Wasserschlauch abspritzt, nachdem er sie unter einem Haufen Pferdeheu begraben in eine einsame Jagdhütte verschleppt hat und nun der Meinung ist, sie würde stinken. Als er sich mit sich selbst beschäftigt, flieht sie nackt in die Wildnis – etwas, womit er nie gerechnet hat.
Phantastisch ist auch die folgende Flucht. Ruth versucht, in die Zivilisation zurückzukehren, kennt aber diese Wildnis nicht – die Blue Ridge Mountains, die nach dem Übersetzen prompt auf meiner Liste vermutlich nie verwirklichter Urlaubsziele gelandet sind –, und sie hat weder etwas zu trinken noch etwas zu essen dabei. Dennoch gelingt es ihr dank ihrer enormen Willenskraft, durchzuhalten – und irgendwann den Jäger zum Gejagten zu machen.
Begleitet wird ihr Kampf ums Überleben von Gedanken an das, was er ihr – als sie noch in der Jagdhütte in seiner Gewalt war – vorgeworfen hat, von ihren inneren Auseinandersetzungen mit ihrer Moral, ihrem Leben, und wir erleben nichts weniger als die wunderbare Wandlung eines Mädchens, das durch eine derart existenzielle Situation zutiefst herausgefordert wird und diese Herausforderung so meistert wie sie einen Wettkampf meistern würde: durch eine Mischung aus Anpassung an die Gegebenheiten und den unbedingten Ehrgeiz, zu gewinnen.
Was mich beim Übersetzen dieses Romans mit einer ungewöhnlichen, aber dennoch glaubwürdigen Heldin besonders begeistert hat, ist aber nicht nur Ruths geistige Stärke und körperliche Zähigkeit und ein absolut – schon wieder – phantastischer Showdown.
Es ist auch die Sprache, die Atmosphäre, der gesamte Erzählton. Die Geschichte bekommt einen Drive, eine Intensität (auch durch zwischengeschachtelte Rückblenden in Ruths Leben und das des Killers), entwickelt einen ganz eigenen Sog. Häufig musste ich an Filme wie Die Nacht des Jägers oder – an anderen Stellen – Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger denken.
Selten habe ich es so bedauert, dass die Arbeit an einer Übersetzung irgendwann beendet war. Und obwohl ich noch sehr viel mehr über Ruthless – Die Gnadenlose schreiben könnte, möchte ich es jetzt hierbei belassen – und lediglich noch darauf hinweisen, dass auf meinem Blog eine ausführlichere Rezension zu finden ist und es dort demnächst auch ein Interview mit der Autorin Carolyn Lee Adams geben wird.

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Zum 70. Geburtstag von Elizabeth A. Lynn

Bibliotheka Phantastika gratuliert nachträglich Elizabeth A. Lynn, die bereits am vergangenen Mittwoch ihren 70. Geburtstag feiern konnte.* Immer wieder bzw. eigentlich sogar erstaunlich oft kommt es vor, dass Autoren oder Autorinnen in der Phantastikszene auftauchen, deren frühe Werke zu großen Hoffnungen Anlass geben – und die nach einem Dutzend Kurzgeschichten und/oder einer Handvoll Romane schlagartig verstummen und wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden. Genau das war auch bei der am 08. Juni 1946 in New York City geborenen Elizabeth A. Lynn der Fall.
Lynns erste Story “We All Have to Go” erschien 1976 in der Original-Anthologie Tricks and Treats, und interessanterweise wurde auch ein Großteil der anderen fünfzehn Geschichten, die sie bis 1981 geschrieben hat, in Original-Anthologien (die zu diesem Zeitpunkt noch ein ernstzunehmendes Marktsegment waren) und nicht in den einschlägigen SF&F-Magazinen veröffentlicht.
1978 kam mit A Different Light (dt. Das Wort heißt Vollkommenheit (1981)) ihr erster Roman auf den Markt, in dem der an einer unheilbaren Krebserkrankung leidende Maler Jimson Alleca vor einer schwierigen Entscheidung steht: Soll er auf seiner Heimatwelt New Terrain bleiben, wo sein Krebs so weit behandelt werden kann, dass ihm noch zwanzig oder sogar mehr Lebensjahre bleiben, oder soll er hinaus ins All fliegen, um fremde Welten und neue Motive zu entdecken, auch wenn jeder Flug durch den Hyperraum die ihm verbleibende Lebensspanne drastisch verkürzen wird? Alleca ist Künstler durch und durch, und als sein früherer Liebhaber ihm ein Foto von einer fremden Welt schickt, weiß er, was er tun muss – denn was kann es für einen Maler Größeres geben, als die Dinge einmal in einem anderen Licht zu sehen?
Mit ihrem nächsten Roman wandte sich Lynn, die auch bei ihren Stories zwischen den Genres hin und her gesprungen war, der Fantasy zu, denn Watchtower (1979) bildet den Auftakt der Chronicles of Tornor, einer aus drei Bänden bestehenden Reihe locker zusammenhängender Romane, die keine Trilogie im üblichen Sinn darstellt. Watchtower erzählt die Geschichte von Ryke, einem Soldaten, der im hoch im Norden gelegenen Tornor Keep – einer von mehreren Grenzfesten, die früher einmal das Land Arun vor den kriegerischen Horden des nördlichen Nachbarlandes Anhard geschützt haben – viele Jahre lang seinem Herrn, Lord Athor, gedient hat. Doch jetzt ist Athor tot, und der aus dem Süden Aruns stammende Eroberer Col Istor, der neue Herrscher der Feste, bietet Ryke an, als Mitglied der Wache in seine Dienste zu treten – denn nur dann wird er Errel, den Sohn Athors, am Leben lassen. Ryke tut sein Bestes, um einerseits Col Istor zu dienen und sich andererseits so gut es geht um Errel – der den Hofnarren geben muss – zu kümmern. Als eines Tages zwei Boten nach Tornor kommen, die sich alsbald als ausgezeichnete Kriegerinnen entpuppen, bietet sich ihm ein Ausweg aus seinem Dilemma: mit Hilfe der beiden Frauen können er und Errel nicht nur fliehen, sondern sie dürfen ihre Retter auch in deren Heimatdorf Vanima begleiten, wo Ryke eine Gemeinschaft kennenlernt, die völlig anders lebt, als er es bislang kannte. Und das bezieht sich nicht nur darauf, dass diese Cheari Tanz und waffenlose Kampfkunst auf einzigartige Weise miteinander verschmolzen haben …
Wie schon Lynns Erstling ist auch Watchtower ein eher langsam erzählter, leiser Roman, der für manche Leser und Leserinnen sogar spannungsarm wirken mag, da es vergleichsweise wenig Action gibt. Stattdessen punktet er mit fein gezeichneten, psychologisch glaubwürdigen Figuren und originellen, zum Zeitpunkt seines Erscheinens durchaus revolutionären Ideen wie der pazifistischen, egalitären Gesellschaft der Cheari, in der auch gleichgeschlechtliche Beziehungen ganz selbstverständlich ihren Platz haben, und dürfte einer der ersten Fantasyromane überhaupt sein, in dem homosexuelle und lesbische Hauptfiguren auftauchen.
In den beiden jeweils hundert oder zweihundert Jahre nach dem jeweiligen Vorgängerband angesiedelten Folgebänden wird die Geschichte Aruns und seiner Bewohner weitererzählt, wobei die Cheari und ihre Nachfahren eine wichtige Rolle spielen. So haben sie sich in The Dancers of Arun (1979) bereits fast in ganz Arun ausgebreitet und spielen auch im Leben von Kerris, dem Sohn eines Kriegsherrn, der als Kind durch einen Schwerthieb einen Arm verloren hat und somit als Krieger nutzlos ist, eine wichtige, allerdings ganz andere als vielleicht erwartete Rolle. Der dritte Band The Northern Girl (1980) führt uns schließlich tief in den Süden Aruns, in die Handelsmetropole Kendra-on-the-Delta. Hier lebt Sorren, die eigentlich aus dem Norden stammt, als eine Art befristete Leibeigene eines großen Handelshauses – doch sie hat Visionen von Tornor Keep und will unbedingt dorthin, wird allerdings in die Intrigen verwickelt, die den politischen Alltag der reichen Stadt im Flussdelta bestimmen …
In diesen drei Romanen, in denen Magie anfangs eigentlich keine und im weiteren Verlauf nur eine marginale Rolle spielt, entwirft Elizabeth A. Lynn das Bild einer Gesellschaft, in die im Laufe der Zeit immer mehr pazifistische Ideale Eingang finden (was nicht bedeutet, dass es keine Konflikte mehr gibt) und die in ihrer Offenheit neuen Ideen und Lebensweisen gegenüber und der Selbstverständlichkeit, mit der gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptiert werden, fast schon utopische Züge trägt. Die in vielerlei Hinsicht eher ungewöhnlichen Chronicles of Tornor sind auch auf Deutsch erschienen, und das sogar zweimal: zuerst als Die Chronik von Tornor mit den Einzeltiteln Die Zwingfeste, Die Tänzer von Arun und Die Frau aus dem Norden (alle 1983) und dann noch einmal als Die Türme von Tornor mit den Einzeltiteln Die Winterfestung (2000), Der Rat der Hexer und Die Träumer von Kendra (beide 2001).
Zu Beginn der 80er Jahre schien Elizabeth A. Lynn am Beginn einer großen Karriere zu stehen, denn sie hatte nicht nur vier Romane veröffentlicht, die sehr positiv aufgenommen worden waren, und mit einem dieser Romane – Watchtower – 1980 zudem den World Fantasy Award gewonnen, sondern darüberhinaus für die Erzählung “The Woman Who Loved the Moon” (aus der von Jessica Amanda Salmonson herausgegebenen Anthologie Amazons! (1979)), die später als Titelstory des Sammelbandes The Woman Who Loved the Moon and Other Stories (1981; dt. Die Frau, die den Mond liebte (1984)) dienen sollte, im gleichen Jahr einen zweiten World Fantasy Award (in der Kategorie Best Short Fiction) eingeheimst. Und tatsächlich folgte schon 1981 mit The Sardonyx Net (dt. Sardonyxnetz (1983)) eine etwas andere Space Opera, die bewies, dass sie auch dieses Subgenre mit ungewöhnlichen Themen bereichern konnte.
Doch The Silver Horse (1984; dt. Das silberne Pferd (1989)), ein nach einer ersten kurzen Schaffenspause veröffentlichtes Jugendbuch, wirkte – vor allem im Vergleich mit ihren zuvor erschienenen Romanen – ziemlich belanglos, und danach kam lange nichts mehr. Wie Lynn in einem Interview mit dem Fachmagazin Locus erzählt (das man in Auszügen hier nachlesen kann), litt sie ab den frühen 80er Jahren an einem massiven Writer’s Block, den sie erst Mitte der 90er Jahre überwinden konnte. Allerdings scheint sie ihn nicht gänzlich oder dauerhaft überwunden zu haben, denn nach dem aus den Bänden Dragon’s Winter (1998) und Dragon’s Treasure (2003) bestehenden Fantasy-Zweiteiler um Karadur Atani sowie einer Erzählung für eine Originalanthologie ist sie wieder verstummt. Was man in Anbetracht der Tatsache, dass sie die SF und die Fantasy um ungewöhnliche Facetten bereichert hat und überdies auch eine stilistisch interessante Autorin war/ist, durchaus bedauern kann – und zwar ganz unabhängig davon, ob man ihre Themen und Herangehensweisen mag oder nicht.

* – ich habe mir lange überlegt, ob ich diesen Text angesichts der mehrtägigen Verspätung überhaupt noch veröffentlichen soll, aber da die Postings hier momentan eher dünn gesät sind und er schon lange halb fertig war, habe ich mich letztlich doch dafür entschieden, ihn endlich ganz fertig zu machen und zu posten, statt das halb fertige Fragment in die Tonne zu treten

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Zum 110. Geburtstag von T.H. White

Bibliotheka Phantastika erinnert leicht verspätet an T.H. White, dessen Geburtstag sich gestern zum 110. Mal gejährt hat. Im Reigen der Autorinnen und Autoren, die einen mehr oder weniger bedeutenden Beitrag zur Fantasy geleistet haben, ist der am 29. Mai 1906 in Bombay, Britisch-Indien, (dem heutigen Mumbai) geborene Terence Hanbury White wahrscheinlich eine der tragischeren Gestalten. Um näher auf die Gründe einzugehen, die White zeit seines Lebens zu einem von Ängsten geplagten und unter dem Gefühl drohenden Unheils leidenden Mann gemacht haben – Gründe, zu denen laut seinen Biographen eine unglückliche Kindheit (Whites Vater war Alkoholiker, seine Mutter kalt und abweisend), die sadistischen Quälereien, denen er in einem englischen Internat ausgesetzt war, eine Tuberkulose-Erkrankung in jungen Jahren sowie vermutlich eine latente Neigung zur Homosexualität zählen –, ist an dieser Stelle nicht der geeignete Ort. Aber zu alledem passt irgendwie, dass auch sein Hauptwerk The Once and Future King erst mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod in der von ihm gewünschten Form veröffentlicht wurde.
T.H. Whites literarische Karriere begann 1929 mit der Veröffentlichung zweier Gedichtbände, auf die zwischen 1931 und ’33 fünf nicht-phantastische Romane folgten, an die sich wiederum zwei Katastrophenromane anschlossen. 1936 begann er schließlich mit den Arbeiten an dem Zyklus The Once and Future King, den man wohl am ehesten als moderne Interpretation von bzw. als Kommentar zu Sir Thomas Malorys Le Morte d’Arthur bezeichnen kann.
Im ersten Band The Sword in the Stone (1938) widmet sich White, der Malory bereits in seiner Kindheit gelesen hatte, Artus’ Jugend und damit einer Zeitspanne, die Malory ausgespart hatte. In ihm wird gezeigt, wie Merlyn den jungen Art(us) – bzw. Wart, wie er anfangs genannt wird – u.a. dadurch unterrichtet bzw. auf seine Aufgabe als Herrscher Britanniens vorbereitet, indem er ihn in verschiedene Tiere verwandelt. Aber natürlich erlebt Wart auch in Menschengestalt diverse Abenteuer und begegnet beispielsweise einem Geächteten namens Robin Wood. Schon in diesem Band treten immer wieder Anachronismen auf, die nicht zuletzt damit zu tun haben, dass Merlyn – im Gegensatz zu allen anderen Menschen – rückwärts in der Zeit lebt. Im zweiten Band The Witch in the Wood (1939) bekommt es der mittlerweile zum König gekrönte Artus mit König Lot und rebellischen Baronen zu tun und entwickelt das Konzept der Tafelrunde, während im Mittelpunkt des dritten Bandes The Ill-Made Knight (1940) Lancelot steht, der zwar Artus’ bester Freund und tapferster Ritter ist, aber auch ein überaus hässlicher, affenartiger Mann (eben der titelgebende “Ill-Made Knight”). Was Artus’ neue Königin Guenever jedoch nicht daran hindert, sich mit ihm anzufreunden und sich schließlich in ihn zu verlieben – und wir alle wissen, wo das hinführen wird: nämlich letztlich zum im vierten Band The Candle in the Wind (1958) thematisierten Untergang Camelots.
Wer sich über die lange Pause zwischen der Veröffentlichung des dritten und vierten Bandes wundert, dem/der sei verraten, dass The Candle in the Wind zudem – und ganz im Gegensatz zu den Vorgängerbänden – nie als einzelner Roman erschienen ist, sondern immer nur als Teil des Sammelbands mit dem Titel The Once and Future King (1958). Was daran liegt, dass White Anfang der 40er Jahre seinem Verleger einen Brief geschickt hat, in dem er angekündigt hat, den Zyklus mit einem fünften Band mit dem Titel The Book of Merlyn (1977) abzuschließen – einem Roman, der angesichts der für White schwer zu ertragenden Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu einem flammenden Plädoyer gegen den Krieg und für den Pazifismus geworden ist. Besagter Verleger hat The Book of Merlyn abgelehnt, und auch wenn man das vielleicht aus wirtschaftlichen bzw. Gründen des damaligen Zeitgeists nachvollziehen kann – wer will in Kriegszeiten schon ein Plädoyer für den Pazifismus verlegen, das sich über weite Strecken mehr wie ein politisches Traktat als ein Fantasyroman liest? –, dürfte diese Ablehnung White tief getroffen haben. Was wiederum mit ein Grund gewesen sein dürfte, weswegen es etliche Jahre gedauert hat, bis er nicht nur The Candle in the Wind (der zum damaligen Zeitpunkt wohl bereits vorgelegen hat) so weit überarbeitet hatte, dass er als Abschluss des Zyklus dienen konnte, sondern auch The Sword in the Stone und The Witch in the Wood durch Kürzungen und Änderungen an das neue Konzept angepasst hatte (wobei der letztgenannte Roman im Zuge dieser Überarbeitung mit The Queen of Air and Darkness auch einen neuen Titel bekommen hat). Abgesehen von einer einzigen Aunahme folgen sämtliche in englischer Sprache erschienenen Ausgaben des Once and Future King inhaltlich der Erstausgabe von 1958, d.h. in ihnen sind nur die o.g. ersten vier Bände enthalten; besagte Ausnahme (in der auch The Book of Merlyn enthalten ist, das seinerseits erst 1977 zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht wurde), ist 1996 ebenfalls als The Once and Future King in den USA erschienen.
Auch die deutsche Ausgabe Der König auf Camelot, die 1976 – wie in den Frühzeiten der Hobbit Presse üblich – als in diesem Fall zweibändige Paperback-Ausgabe im Schuber auf den Markt kam, orientiert sich an der allgemein verbreiteten Originalausgabe, d.h. Band eins enthält die Romane Das Schwert im Stein und Die Königin von Luft und Dunkelheit, Band zwei die Romane Der missratene Ritter und Die Kerze im Wind; nach mehreren Neuauflagen und Neuausgaben erschien 2004 erstmals eine Ausgabe in einem Band. The Book of Merlyn hat es immerhin bereits 1980 als Das Buch Merlin zu einer deutschen Ausgabe gebracht.
Interessant ist vielleicht noch, dass die (nie in dieser Form ins Deutsche übersetzte) Urversion von The Sword in the Stone im englischen Sprachraum immer noch neu aufgelegt wird und die Grundlage für den gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm von 1963 bildet, der bei uns als Merlin und Mim bzw. Die Hexe und der Zauberer gelaufen und auch auf DVD erhältlich ist.
The Once and Future King war die erste moderne Bearbeitung des Artus-Stoffs und deutlich anders als vorangegangene Versionen, denn in ihr geht es nicht primär um Artus, den großen Feldherrn und Krieger, sondern vor allem um Fragen wie die nach dem Verhältnis von Macht und Gerechtigkeit oder die nach der Verantwortung der Herrschenden. Whites Leistung liegt u.a. darin, diese Fragen zu stellen, während er sich gleichzeitig auf alte Mythen bezieht bzw. an Malorys Le Mort d’Arthur entlanghangelt (Malory selbst taucht übrigens als Page in der Saga auf), und er dürfte durch seine Herangehensweise anderen, späteren Interpretationen des Stoffes wie beispielsweise der “realistischen” von Parke Godwin oder der “dekonstruierenden” von Richard Monaco den Boden bereitet haben.*
Auch wenn Whites sonstige, teils in der Jugendbuchecke zu verortende Beiträge zur Fantasy bzw. phantastischen Literatur neben seinem Hauptwerk vielleicht ein bisschen verblassen, sollen sie zumindest kurz erwähnt werden, denn auch sie bieten zumeist interessante Themen und Fragestellungen. In Mistress Masham’s Repose (1946; dt. Das Geheimnis von Liliput (1951), NÜ als Schloss Malplaquet oder Lilliput im Exil (1981)) geht es um eine Liliputaner-Kolonie, die Gulliver von seinen Reisen mitgebracht hat und die jetzt im überwucherten Garten eines englischen Landhauses lebt, während The Elephant and the Kangaroo (1947; dt. Mr White treibt auf der reissenden Liffey nach Dublin (1984)) sich um eine ins zeitgenössiche Irland verlegte Sintflut dreht, bei der der überzeugte Atheist Mr White (der dem gleichnamigen Autor gar nicht so unähnlich ist) sich doch tatsächlich bemüßigt sieht, auf göttlichen Befehl eine Arche zu bauen, und in The Master (1957; dt. Der Herrscher im Fels (1983) bekommen es die Zwillinge Judy und Nicky auf dem winzigen Felseiland Rockall mit einem mehr als 150 Jahre alten Wissenschaftler zu tun, der fast wie ein moderner dunkler Bruder Merlins wirkt und vorhat, die Welt zu vernichten, aber die Menschheit zu retten. Last but not least sind in The Maharajah and Other Stories (1981; dt. Kopfkalamitäten und andere Geschichten (1982)) so ziemlich alle von Whites phantastischen Kurzgeschichten versammelt.
Was gäbe es noch über T.H. White zu sagen, der am 17. Januar 1964 im Alter von 57 Jahren an Bord eines Schiffs vor Piräus an Herzversagen gestorben ist? Viel mehr als dieser Beitrag leisten kann und will. Deshalb vielleicht zum Abschluss ein Zitat aus dem weiter oben als politisches Traktat bezeichneten Buch Merlin, das White Merlin in den Mund legt, und in dem sichtbar wird, wie er auf die Menschen und die Welt geblickt hat: “Nach unseren Feststellungen setzen sich zur Zeit je hundert Vertreter der menschlichen Rasse politisch aus einem Weisen, neun Schurken und neunzig Toren zusammen. Das sind die Feststellungen eines optimistischen Beobachters. Die neun Schurken versammeln sich unter dem Banner des Schurkischsten und werden “Politiker”; der Weise macht nicht mit, weil er weiss, dass er eine hoffnungslose Minderheit ist, und widmet sich der Poesie, der Mathematik oder der Philosophie; die neunzig Toren trotten derweil hinter den Fahnen der neun Schurken je nach Neigung in die Labyrinthe des Betrugs, der Bosheit und der Kriege. Sancho Panza hat festgestellt, es sei angenehm, auch nur eine Schafherde zu kommandieren, und deshalb erheben die Politiker ihre Banner. Darüber hinaus ist es für die Schafe gleichgültig, was auf dem Banner steht. Ist es Demokratie, dann werden die neun Schurken Abgeordnete; ist es Faschismus, werden sie Parteiführer; ist es Kommunismus, werden sie Kommissare. Nichts ist anders außer den Namen. Die Toren sind immer noch Toren, die Schurken immer noch Führer, das Ergebnis ist immer noch Ausbeutung. Was den Weisen angeht, so ist sein Los unter jeder Ideologie so ziemlich das gleiche. In der Demokratie wird man ihn ermuntern, in einer Dachkammer zu verhungern, im Faschismus steckt man ihn in ein Konzentrationslager, im Kommunismus wird er liquidiert. Das ist eine optimistische, aber insgesamt wissenschaftliche Feststellung über die Gepflogenheiten des Homo impoliticus.”**

* – in diesem Zusammenhang ist es bedauerlich, dass ich es nicht geschafft habe, einen Text zu Gillian Bradshaw zu verfassen, die ebenfalls in diesem Monat Geburtstag hatte, und die für ihre Artus-Trilogie Down the Long Wind einen ganz anderen, romantisierenden Ansatz gewählt hat (auch wenn die Stimmung im Verlauf der drei Bände deutlich düsterer wird, als sie es zu Anfang ist), und die damit eine Nachdichtung des Artus-Stoffs geschaffen hat, die weithin als eine der schönsten gilt.
** – aus Das Buch Merlin, übersetzt von Irmela Brender, Diederichs 1980, S. 52/53

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Zum 90. Geburtstag von Richard Cowper

Bibliotheka Phantastika erinnert an Richard Cowper, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Allerdings war Richard Cowper nur das Pseudonym des am 09. Mai 1926 in dem kleinen Dörfchen Abbotsbury in der südwestenglischen Grafschaft Dorset geborenen John Middleton Murry, Jr., das er für seine SF-Romane und -Erzählungen benutzt hat. Da sich seine SF-Romane als erfolgreicher erwiesen als die vier nicht-phantastischen Romane, die er zuvor bereits als Collin Murry veröffentlicht hatte, ist Cowper der SF treu geblieben und hat zwischen 1967 und 1986 insgesamt dreizehn Romane sowie etliche Kurzgeschichten und Erzählungen geschrieben, die in fünf Collections mehr oder weniger komplett gesammelt wurden.
Elf dieser Romane und zwei Collections sind auch auf Deutsch erschienen, erstaunlicherweise in der damals eher auf Hard SF spezialisierten Reihe Goldmann Weltraumtaschenbuch bzw. später Goldmann Science Fiction. Erstaunlich ist das vor allem deswegen, weil in Cowpers – häufig in einem Near-Future-Setting angesiedelten – Romanen zwar durchaus typische Hard-SF-Motive zu finden waren, sie sich allerdings hinsichtlich ihrer Atmosphäre, ihres fast schon poetischen Stils und ihrer Figurenzeichnung von der Hard SF der 70er und frühen 80er Jahre deutlich unterscheiden. Dennoch sind diese Romane – deren bester vielleicht The Twilight of Briareus (1974; dt. Dämmerung auf Briareus (1974)) ist – immer noch eindeutig als SF zu erkennen bzw. ihr zuzurechnen. Nicht ganz so eindeutig ist das hingegen bei der unter dem Titel The White Bird of Kinship erschienenen Sequenz, die der Grund ist, warum Cowper hier und heute überhaupt erwähnt wird. (Na gut, das ist jetzt ein bisschen gemogelt, denn formal ist das durchaus SF – allerdings eine SF, die auch für Fantasy-Afficionados interessant sein könnte.)
Den Auftakt der Sequenz (sie Trilogie zu nennen, würde sich irgendwie falsch anfühlen) bildet die Erzählung “Piper at the Gates of Dawn” (in The Magazine of Fantasy and Science Fiction, März 1976), die als eine Art Prolog dient und in das Setting einführt: Zu Beginn des dritten Jahrtausends besteht England infolge einer rund tausend Jahre zurückliegenden Katastrophe, die u.a. zu einem Anstieg des Meeresspiegels geführt hat, aus sieben Inselkönigreichen, die auf ein mittelalterliches zivilisatorisches Niveau zurückgefallen sind. Beherrscht wird das Ganze von einer dogmatischen, machtbewussten Kirche, deren Vertreter zu rigiden Methoden greifen, um ihren Machtanspruch zu erhalten bzw. durchzusetzen. Durch diese Welt zieht Tom, ein dreizehnjähriger Junge, der von einem Magier großgezogen wurde. Tom – der “Piper” des Titels – hat eine gespaltene Zunge und zwei magische Flöten, die er gleichzeitig spielen kann, und er verdient sich seinen Lebensunterhalt damit, dass er die Geschichten, die sein Begleiter Peter erzählt, mit seinem Flötenspiel untermalt. Dieses Flötenspiel hat allerdings auf die Zuhörer eine bewusstseinsverändernde Wirkung; wer Toms Flöte gelauscht hat, sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen und beginnt, an den White Bird zu glauben, dessen baldiges Kommen die Welt verändern wird. Für die Kirche ist eine derartige Vorstellung natürlich Ketzerei – und von daher ist die weitere Entwicklung des Geschehens eigentlich vorgezeichnet.
Im Mittelpunkt des sich anschließenden Romans The Road to Corlay (1976), steht mit Thomas of Norwich ein Akolyth des White Birds, der versucht, sich nach Corlay durchzuschlagen, wo sich das Hauptquartier dieser neuen Religion befindet, und der es immer wieder mit den Falcons genannten Häschern der Kirche zu tun bekommt. Außerdem gibt es noch eine Nebenhandlung, die den Roman deutlicher als die Erzählung als SF kenntlich macht, allerdings in den beiden folgenden, jeweils mit neuen Figuren aufwartenden Romanen A Dream of Kinship (1981) und A Tapestry of Time (1982) keine Rolle mehr spielt.
Richard Cowper ist mit diesen drei Romanen und ihrem “Prolog” (der in neueren Ausgaben von The Road to Corlay mit enthalten ist) etwas gelungen, das man vielleicht am ehesten als gleichermaßen spannende wie elegische Meditation über die Entstehung, die Erstarrung und die Wiedergeburt religiöser Ideen bzw. von Religionen bezeichnen könnte, und getragen wird das alles von einem (zumindest im Original) poetischen Stil und einigen wenigen klar gezeichneten Hauptfiguren (neben denen die Nebenfiguren manchmal ein bisschen sehr blass wirken). Natürlich sollte man kein Actionfeuerwerk erwarten, aber wer eine stimmungsvolle Post-Doomsday-Geschichte sucht, in der es trotz der düsteren und bedrückenden Atmosphäre immer einen Silberstreifen am Horizont gibt, würde mit The White Bird of Kinship keine schlechte Wahl treffen.
Wie fast alles von Richard Cowper ist auch diese Sequenz auf Deutsch erschienen, und zwar als Am Tor der Dämmerung (1979), Sänger am Ende der Zeit (1986) und Das Webmuster der Zeit (1986). Allerdings liegt dem ersten Roman die alte Fassung von The Road to Corlay zugrunde, d.h., “Piper at the Gates of Dawn” ist im ersten deutschen Band nicht enthalten; immerhin findet sich die Erzählung als “Morgendämmerung” in der Cowper-Collection Die Zeitspirale (1977) und in der von Terry Carr und Martin Harry Greenberg herausgegebenen Anthologie Traumreich der Magie (1985).
The White Bird of Kinship kann man durchaus als Cowpers Vermächtnis bezeichnen, denn danach hat er nur noch einen Roman geschrieben und ist dann verstummt, da er laut eigener Aussage nichts mehr zu sagen hatte. Und am 22. April 2002 ist er – vier Wochen nach dem Tod seiner Frau, mit der er mehr als fünfzig Jahre verheiratet war (und somit nach Ansicht seiner Töchter an gebrochenem Herzen) – gestorben.

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Zum 85. Geburtstag von Gene Wolfe

Bibliotheka Phantastika gratuliert Gene Wolfe, der heute 85 Jahre alt wird. Es dürfte kaum einen SF- und Fantasy-Autor geben, der anlässlich seines Geburtstags eine Würdigung in Form eines fundierten Beitrags in diesem Blog mehr verdient hätte als der am 07. Mai 1931 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Gene Rodman Wolfe, von dem der bekannte SF-Kritiker John Clute – mMn zu recht – sagt: “Though never the most popular nor the most influential author in the sf field, Wolfe remains quite possibly its most important, both for the intense literary achievement of his best work, and for the very considerable volume of work of the highest quality.”
Ein solcher Beitrag wäre auch und vor allem deshalb wichtig, weil Wolfes Werke hierzulande schon lange nicht mehr präsent sind und selbst sein unbestrittenes Meisterwerk The Book of the New Sun – bzw. dessen deutsche Ausgabe Das Buch der Neuen Sonne – jahrelang nur noch antiquarisch erhältlich war (immerhin gibt es mittlerweile eine eBook-Ausgabe). Aber – und jetzt kommt das große “aber” – einen Text, der einem Autor wie Gene Wolfe und seinem nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ beeindruckenden Œuvre auch nur einigermaßen gerecht wird, schüttelt man nicht aus dem Handgelenk (zumindest ich kann das nicht – erst recht nicht, wenn es sich wie in diesem Fall um einen mir persönlich wichtigen Autor handelt), dafür braucht man Zeit und Muße – und beides steht mir momentan eher nicht im Übermaß zur Verfügung.
Was also tun? Da ein halbherziges Not-Posting – etwa in Form einer von zwei, drei allgemeinen Sätzen eingerahmten Auflistung seiner Werke mit Originaltitel und (falls vorhanden) deutscher Übersetzung – für mich keine denkbare Alternative darstellt (außerdem findet man besagte Auflistung auch in der Wikipedia), ich aber Gene Wolfes Geburtstag auch nicht kommentarlos verstreichen lassen wollte, habe ich mich dafür entschieden, an dieser Stelle auf zwei Beiträge zu verlinken, die vielleicht allen Interessierten das Werk (oder einen Teil davon) und den Autor dahinter zumindest ein bisschen nahebringen können:
Da wäre zum einen die kluge und mit interessanten Denkansätzen gespickte Rezension zum Book of the New Sun, die der Journalist, Übersetzer und Schriftsteller Sören Heim vor kurzem im Rahmen seiner “Fantastischen Reise” (hinter dem Link erfährt man, was es damit auf sich hat) auf dem Blog Die Kolumnisten veröffentlicht hat, und zum anderen ein ausführliches – allerdings nicht gerade aktuelles – Interview, in dem Gene Wolfe z.B. auf die Frage, ob eine seiner frühen Stories ein “breakthrough” piece gewesen sei, antwortet: “The real breakthroughs were taking place before I started selling anything. There was a point at which I wrote a story called “In the Jungle,” that was never published, about a kid who wanders into a hobo jungle. At the time I wrote it, I thought it was a milestone in American literature. You know the way Romancing the Stone (dt. Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten) starts with that woman writer staring at the typewriter and crying, “My God, I’m so good!”? Well, I felt that way about that story, so I sent it out to about 18 places and then watched the rejection slips pile up. Two or three years later I pulled that story out, looked at it, and realized the story I had in my head had never gotten down on paper. What I learned to do in those apprentice years was make those stories run down my arm.” Oder in dem er auf die Frage, warum Erinnerung(en) in vielen seiner Werke eine große Rolle spielen, sagt: “Memory is all we have. The present is a knife’s edge, and the future doesn’t really exist (that’s why SF writers can set all these strange stories there, because it’s no place, it hasn’t come into being). So memory’s ability to reconnect us with the past, or some version of the past, is all we have. I’m including racial memory and instinct here (“instinct” is really just a form of racial memory). The baby bird holds onto the branch because of the racial memory of hundreds of generations of birds who have fallen off. Little kids always seem to know there are terrible things out there in the dark which might eat you, and that’s undoubtedly because of hundreds and hundreds of little kids who were living in caves when there were terrible things lurking out there in the dark. This whole business about memory is very complicated because we not only remember events but we can also recall earlier memories. I allude to this in The Book of the New Sun when I make the point that Severian not only remembers what’s happened but he remembers how he used to remember – so he can see the difference between the way he used to remember things and the way he remembers them now.”
Der “Nachteil” dieses Interviews ist – wie bereits oben angedeutet –, dass es bereits 1988 im Fachmagazin SF Studies erschienen ist, sich also nur auf Werke bezieht, die bis Mitte der 80er Jahre erschienen waren. Der “Vorteil” ist – wobei man sich fragen kann, ob das in Zeiten des “tl;dr” wirklich einer ist –, dass es sehr lang und ausführlich ist und wirklich in die Tiefe geht, sprich: viele Aspekte von Wolfes Schaffen abdeckt. Und außerdem zeigt, was so ein Interview liefern kann – vorausgesetzt, der Interviewer kennt sich mit dem Werk des Interviewten aus, und besagtes Werk verfügt über ausreichend Substanz.
In diesem Sinne: Happy birthday, Mr. Wolfe!

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