Bibliotheka Phantastika gratuliert Dave Duncan, der heute 80 Jahre alt wird. Auf den ersten Blick wirkt der am 30. Juni 1933 in Newport-on-Tay, Schottland, geborene Dave (eigentlich David John) Duncan, der im Alter von 22 Jahren nach Kanada übersiedelte und seit 1960 kanadischer Staatsbürger ist, wie das Musterbeispiel eines typischen Fantasy-Autors. Zwar hat er erst relativ spät mit dem Schreiben begonnen – er war schon in den 50ern –, sich aber direkt nach dem Verkauf seines ersten Manuskripts (das 1987 als A Rose-Red City auf den Markt kam) entschlossen, von nun an hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten. Seither sind fast 50 Romane von ihm erschienen, bei denen es sich – von ein paar SF-Einzelromanen zu Beginn seiner Karriere abgesehen – fast ausschließlich um Fantasy (zumeist in Form mehrbändiger Zyklen) handelt.
Wenn man sich die Themen seiner frühen Zyklen anschaut, scheint sich der Eindruck vom typischen Fantasy-Autor zunächst einmal zu bestätigen: In der aus den drei Bänden The Reluctant Swordsman, The Coming of Wisdom und The Destiny of the Sword (alle 1988) bestehenden Trilogie The Seventh Sword findet sich der auf der Erde im Sterben liegende Walter Charles – alias Wallie – Smith plötzlich auf einer fremden, mittelalterlichen Welt wieder. Er steckt im Körper eines hervorragenden Schwertkämpfers, wird nun Shonsu Walliesmith genannt und muss – natürlich – die Welt vor einer Horde böser Magier retten. Und in der Tetralogie A Man and His Word begibt sich der Stallbursche (!) Rap auf eine Queste durch eine Welt, die dem Standardbaukasten für Fantasyschriftsteller entnommen scheint. Wenn man allerdings genauer hinschaut, kann man in beiden Fällen feststellen, dass der oberflächliche Schein trügt.
Denn die Probleme, mit denen sich Wallie Smith im Auftrag einer Göttin herumschlagen muss – und an denen der Mann, in dessen Körper er nun steckt, schon einmal gescheitert ist –, sind ein bisschen komplizierter als anfangs gedacht. Und die bösen Magier sind zwar alles andere als nette Menschen, aber sie stehen für etwas, dessen konsequente Umsetzung für jemanden wie Wallie eigentlich ein erstrebenswertes Ziel darstellen sollte, auch wenn das in der Welt, in der er nun lebt, zu großen Umwälzungen führen würde. Der klischeehafte Rap und seine ebenso klischeehafte Welt wiederum entpuppen sich im Verlauf der vier Bände Magic Casement (1990), Faery Lands Forlorn (1991), Perilous Seas (1991) und Emperor and Clown (1992) schon bald als gegen den Strich gebürstete, mit feinen Widerhaken und unerwarteten Twists versehene Klischees. So richtig erkennen, wie viel mehr hinter der mit leichter Hand und zumeist ein bisschen ironisch präsentierten, mal mit viel Tempo, mal etwas gemächlicher dahinschreitenden vordergründigen Handlung steckt, kann man allerdings erst, wenn man am Ende der aus den Bänden The Cutting Edge (1992), Upland Outlaws (1993), The Stricken Field (1993) und The Living God (1995) bestehenden Tetralogie A Handful of Men – der Fortsetzung von A Man and His Word – angelangt ist. Die Auflösung der in den acht Romanen zentralen Frage um die Worte der Macht zeigt sehr deutlich, worum es Duncan in diesen Romanen wirklich geht.
In diesen ersten drei Zyklen erweist sich Dave Duncan als ein Autor, der die Konventionen und typischen Motive des Genres kennt und sich ihrer bedient, sie dabei aber immer wieder leicht abwandelt und manchmal auch auf den Kopf stellt. Die Ausgangssituation dieser Zyklen mag nicht sonderlich originell sein – die Auflösung hingegen ist es allemal. Anders gesagt: Die Romane wirken vordergründig fluffiger als sie wirklich sind.
Vermutlich hätte Dave Duncan noch eine ganze Weile in diesem Stil weitermachen können (und so mancher Autor hätte es vielleicht auch getan), doch daran scheint er kein Interesse gehabt zu haben, denn die folgenden Werke gehen in andere Richtungen. Die beiden durch ihre Hauptfigur bzw. ihren Erzähler Omar miteinander verbundenen Romane The Reaver Road (1992) und The Hunters’ Haunt (1995) erinnern nicht zuletzt durch das Setting ein bisschen an die Geschichten aus 1001er Nacht und kaschieren ihre Ernsthaftigkeit durch die humorvolle Erzählweise und den mit den Zügen eines Tricksters ausgestatteten Erzähler, wohingegen die (in den USA unter dem Pseudonym Ken Hood erschienene) Trilogie The Years of Longdirk – Demon Sword (1995), Demon Rider (1997) und Demon Knight (1998) – actionreiche Sword & Sorcery auf einer Parallel-Erde bietet, deren Geschichte ein bisschen anders verlaufen ist als bei uns und auf der Magie funktioniert. Als wesentlich anspruchsvoller erweist sich The Cursed (1995), in dem im typischen Dave-Duncan-Stil aufgezeigt wird, was es – für sie persönlich, aber auch für die Gesellschaft, in der sie leben – bedeutet, wenn die Überlebenden einer Seuche plötzlich über magische Fähigkeiten verfügen. Mit seinen überraschenden Wendungen und seinem locker-flockigen Erzählduktus ist dieser Einzelroman Duncans frühen Zyklen vielleicht noch am ähnlichsten, leidet aber unter einem etwas zu platten Ende.
Mit The Great Game – seinem wohl bisher ambitioniertesten Werk – hat Dave Duncan noch einmal in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten, denn in der aus den drei Romanen Past Imperative (1995), Present Tense (1996) und Future Indefinite (1997) bestehenden Trilogie gibt es erstmals eine benutzbare und auch mehrfach benutzte Verbindung zwischen unserer Erde und der Fantasywelt Nextdoor, in die es Edward Exeter, ein eigentlich angesehenes Mitglied der englischen Oberschicht zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auf ungewöhnliche Weise verschlägt.
Da Edward auf der Erde fälschlicherweise unter Mordverdacht steht und auf Nextdoor die von außen in diese Welt gelangenden Menschen nicht nur unsterblich werden sondern auch auf das Mana zugreifen können, das ihnen magische Kräfte verleiht, scheint das zunächst einmal gar kein so schlechter Tausch zu sein. Allerdings nur so lange, bis Edward bemerkt, welche Rolle ihm in dem titelgebenden Großen Spiel zugedacht ist, das die gottgleichen und sich wie Götter fühlenden und verhaltenden Mächtigen dieser Welt ebenso sehr aus Langeweile wie aus Machthunger spielen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.
Zwar taucht auch in diesen Romanen der für Duncan typische Humor immer mal wieder auf, doch alles in allem wirkt The Great Game wesentlich düsterer und ernster als seine vorangegangenen Werke und ist erzählerisch deutlich komplexer. Man kann nur vermuten, ob seine Leserschaft ihm auf diesem Weg vielleicht nicht wie erhofft folgen wollte, denn als Nächstes versuchte sich Duncan (unter dem Pseudonym Sarah B. Franklin) mit Daughter of Troy (1998) an einem historischen Roman, ehe er sich der aus ingesamt neun Bänden bestehenden Sequenz um die Schwerter und Dolche des Königs zuwandte.
Die beiden Trilogien um die Schwerter des Königs – Tales of the King’s Blades: The Gilded Chain (1998), Lord of the Fire Lands (1999) und Sky of Swords (2000) bzw. Chronicles of the King’s Blades: Paragon Lost (2002), Impossible Odds (2003) und The Jaguar Knights (2004) – sind einmal mehr mit leichter Hand teilweise sehr clever und humorvoll erzählte, leicht lesbare und durchaus auch lesenswerte Romane, aber verglichen mit The Great Game bleiben sie viel mehr an der Oberfläche; das gilt erst recht für die Trilogie um die Dolche des Königs, Duncans ersten Ausflug ins Jugendbuch – The King’s Daggers: Sir Stalwart (1999), The Crooked House (2000) und Silvercloak (2001).
Alle bislang genannten Titel sind mit einer Ausnahme auch auf Deutsch erschienen*. Dass Dave Duncan seit einigen Jahren vom deutschen Buchmarkt praktisch verschwunden ist, bedeutet aber nicht, dass er nicht mehr schreibt. Im Gegenteil. In den USA sind zwischenzeitlich mit den Dodec Books (Children of Chaos (2006) und Mother of Lies (2007)), der in einem Parallelwelt-Renaissance-Venedig spielenden Trilogie The Alchemist um den Alchemisten und Astrologen Maestro Nostradamus (The Alchemist’s Apprentice (2007), The Alchemist’s Code (2008) und The Alchemist’s Pursuit (2009)) – nebenbei bemerkt wohl Duncans letzte Trilogie, da ihm nach eigener Aussage mittlerweile das Durchhaltevermögen für mehr als zweibändige Werke fehlt – dem Einzelroman Ill Met in the Arena (2008), dem Zweiteiler um The Brothers Magnus (Speak to the Devil (2010) und When the Saints (2011)), einem Einzelroman (Against the Light (2012)) sowie einem weiteren Abenteuer mit Wallie Smith (The Death of Nnanji (2012)) und den beiden SF-Romanen Pock’s World (2010) und Wildcatter (2012) etliche neue Werke erschienen und weitere sind angekündigt. Und dass Dave Duncan auch mit 80 noch schreiben kann, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass ganz aktuell seine Kurzgeschichte “Son of Abish” in Imaginarium 2013, einen unter dem Motto “the best canadian speculative writing” stehenden Auswahlband aufgenommen wurde.
* – um das Ganze nicht endgültig zu einer reinen Titelauflistung verkommen zu lassen, werden die deutschen Titel in einem Kommentar nachgeliefert


















