Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Dave Duncan, der heute 80 Jahre alt wird. Auf den ersten Blick wirkt der am 30. Juni 1933 in Newport-on-Tay, Schottland, geborene Dave (eigentlich David John) Duncan, der im Alter von 22 Jahren nach Kanada übersiedelte und seit 1960 kanadischer Staatsbürger ist, wie das Musterbeispiel eines typischen Fantasy-Autors. Zwar hat er erst relativ spät mit dem Schreiben begonnen – er war schon in den 50ern –, sich aber direkt nach dem Verkauf seines ersten Manuskripts (das 1987 als A Rose-Red City auf den Markt kam) entschlossen, von nun an hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten. Seither sind fast 50 Romane von ihm erschienen, bei denen es sich – von ein paar SF-Einzelromanen zu Beginn seiner Karriere abgesehen – fast ausschließlich um Fantasy (zumeist in Form mehrbändiger Zyklen) handelt.
The Destiny of the Sword von Dave DuncanWenn man sich die Themen seiner frühen Zyklen anschaut, scheint sich der Eindruck vom typischen Fantasy-Autor zunächst einmal zu bestätigen: In der aus den drei Bänden The Reluctant Swordsman, The Coming of Wisdom und The Destiny of the Sword (alle 1988) bestehenden Trilogie The Seventh Sword findet sich der auf der Erde im Sterben liegende Walter Charles – alias Wallie – Smith plötzlich auf einer fremden, mittelalterlichen Welt wieder. Er steckt im Körper eines hervorragenden Schwertkämpfers, wird nun Shonsu Walliesmith genannt und muss – natürlich – die Welt vor einer Horde böser Magier retten. Und in der Tetralogie A Man and His Word begibt sich der Stallbursche (!) Rap auf eine Queste durch eine Welt, die dem Standardbaukasten für Fantasyschriftsteller entnommen scheint. Wenn man allerdings genauer hinschaut, kann man in beiden Fällen feststellen, dass der oberflächliche Schein trügt.
Denn die Probleme, mit denen sich Wallie Smith im Auftrag einer Göttin herumschlagen muss – und an denen der Mann, in dessen Körper er nun steckt, schon einmal gescheitert ist –, sind ein bisschen komplizierter als anfangs gedacht. Und die bösen Magier sind zwar alles andere als nette Menschen, aber sie stehen für etwas, dessen konsequente Umsetzung für jemanden wie Wallie eigentlich ein erstrebenswertes Ziel darstellen sollte, auch wenn das in der Welt, in der er nun lebt, zu großen Umwälzungen führen würde. Der klischeehafte Rap und seine ebenso klischeehafte Welt wiederum entpuppen sich im Verlauf der vier Bände Magic Casement (1990), Faery Lands Forlorn (1991), Perilous Seas (1991) und Emperor and Clown (1992) schon bald als gegen den Strich gebürstete, mit feinen Widerhaken und unerwarteten Twists versehene Klischees. So richtig erkennen, wie viel mehr hinter der mit leichter Hand und zumeist ein bisschen ironisch präsentierten, mal mit viel Tempo, mal etwas gemächlicher dahinschreitenden vordergründigen Handlung steckt, kann man allerdings erst, wenn man am Ende der aus den Bänden The Cutting Edge (1992), Upland Outlaws (1993), The Stricken Field (1993) und The Living God (1995) bestehenden Tetralogie A Handful of Men – der Fortsetzung von A Man and His Word – angelangt ist. Die Auflösung der in den acht Romanen zentralen Frage um die Worte der Macht zeigt sehr deutlich, worum es Duncan in diesen Romanen wirklich geht.
In diesen ersten drei Zyklen erweist sich Dave Duncan als ein Autor, der die Konventionen und typischen Motive des Genres kennt und sich ihrer bedient, sie dabei aber immer wieder leicht abwandelt und manchmal auch auf den Kopf stellt. Die Ausgangssituation dieser Zyklen mag nicht sonderlich originell sein – die Auflösung hingegen ist es allemal. Anders gesagt: Die Romane wirken vordergründig fluffiger als sie wirklich sind.

The Hunter's Haunt von Dave DuncanVermutlich hätte Dave Duncan noch eine ganze Weile in diesem Stil weitermachen können (und so mancher Autor hätte es vielleicht auch getan), doch daran scheint er kein Interesse gehabt zu haben, denn die folgenden Werke gehen in andere Richtungen. Die beiden durch ihre Hauptfigur bzw. ihren Erzähler Omar miteinander verbundenen Romane The Reaver Road (1992) und The Hunters’ Haunt (1995) erinnern nicht zuletzt durch das Setting ein bisschen an die Geschichten aus 1001er Nacht und kaschieren ihre Ernsthaftigkeit durch die humorvolle Erzählweise und den mit den Zügen eines Tricksters ausgestatteten Erzähler, wohingegen die (in den USA unter dem Pseudonym Ken Hood erschienene) Trilogie The Years of LongdirkDemon Sword (1995), Demon Rider (1997) und Demon Knight (1998) – actionreiche Sword & Sorcery auf einer Parallel-Erde bietet, deren Geschichte ein bisschen anders verlaufen ist als bei uns und auf der Magie funktioniert. Als wesentlich anspruchsvoller erweist sich The Cursed (1995), in dem im typischen Dave-Duncan-Stil aufgezeigt wird, was es – für sie persönlich, aber auch für die Gesellschaft, in der sie leben – bedeutet, wenn die Überlebenden einer Seuche plötzlich über magische Fähigkeiten verfügen. Mit seinen überraschenden Wendungen und seinem locker-flockigen Erzählduktus ist dieser Einzelroman Duncans frühen Zyklen vielleicht noch am ähnlichsten, leidet aber unter einem etwas zu platten Ende.
Mit The Great Game – seinem wohl bisher ambitioniertesten Werk – hat Dave Duncan noch einmal in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten, denn in der aus den drei Romanen Past Imperative (1995), Present Tense (1996) und Future Indefinite (1997) bestehenden Trilogie gibt es erstmals eine benutzbare und auch mehrfach benutzte Verbindung zwischen unserer Erde und der Fantasywelt Nextdoor, in die es Edward Exeter, ein eigentlich angesehenes Mitglied der englischen Oberschicht zu Zeiten des Ersten Weltkriegs auf ungewöhnliche Weise verschlägt. Present Tense von Dave DuncanDa Edward auf der Erde fälschlicherweise unter Mordverdacht steht und auf Nextdoor die von außen in diese Welt gelangenden Menschen nicht nur unsterblich werden sondern auch auf das Mana zugreifen können, das ihnen magische Kräfte verleiht, scheint das zunächst einmal gar kein so schlechter Tausch zu sein. Allerdings nur so lange, bis Edward bemerkt, welche Rolle ihm in dem titelgebenden Großen Spiel zugedacht ist, das die gottgleichen und sich wie Götter fühlenden und verhaltenden Mächtigen dieser Welt ebenso sehr aus Langeweile wie aus Machthunger spielen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.
Zwar taucht auch in diesen Romanen der für Duncan typische Humor immer mal wieder auf, doch alles in allem wirkt The Great Game wesentlich düsterer und ernster als seine vorangegangenen Werke und ist erzählerisch deutlich komplexer. Man kann nur vermuten, ob seine Leserschaft ihm auf diesem Weg vielleicht nicht wie erhofft folgen wollte, denn als Nächstes versuchte sich Duncan (unter dem Pseudonym Sarah B. Franklin) mit Daughter of Troy (1998) an einem historischen Roman, ehe er sich der aus ingesamt neun Bänden bestehenden Sequenz um die Schwerter und Dolche des Königs zuwandte.
Die beiden Trilogien um die Schwerter des Königs – Tales of the King’s Blades: The Gilded Chain (1998), Lord of the Fire Lands (1999) und Sky of Swords (2000) bzw. Chronicles of the King’s Blades: Paragon Lost (2002), Impossible Odds (2003) und The Jaguar Knights (2004) – sind einmal mehr mit leichter Hand teilweise sehr clever und humorvoll erzählte, leicht lesbare und durchaus auch lesenswerte Romane, aber verglichen mit The Great Game bleiben sie viel mehr an der Oberfläche; das gilt erst recht für die Trilogie um die Dolche des Königs, Duncans ersten Ausflug ins Jugendbuch – The King’s Daggers: Sir Stalwart (1999), The Crooked House (2000) und Silvercloak (2001).
Alle bislang genannten Titel sind mit einer Ausnahme auch auf Deutsch erschienen*. Dass Dave Duncan seit einigen Jahren vom deutschen Buchmarkt praktisch verschwunden ist, bedeutet aber nicht, dass er nicht mehr schreibt. Im Gegenteil. In den USA sind zwischenzeitlich mit den Dodec Books (Children of Chaos (2006) und Mother of Lies (2007)), der in einem Parallelwelt-Renaissance-Venedig spielenden Trilogie The Alchemist um den Alchemisten und Astrologen Maestro Nostradamus (The Alchemist’s Apprentice (2007), The Alchemist’s Code (2008) und The Alchemist’s Pursuit (2009)) – nebenbei bemerkt wohl Duncans letzte Trilogie, da ihm nach eigener Aussage mittlerweile das Durchhaltevermögen für mehr als zweibändige Werke fehlt – dem Einzelroman Ill Met in the Arena (2008), dem Zweiteiler um The Brothers Magnus (Speak to the Devil (2010) und When the Saints (2011)), einem Einzelroman (Against the Light (2012)) sowie einem weiteren Abenteuer mit Wallie Smith (The Death of Nnanji (2012)) und den beiden SF-Romanen Pock’s World (2010) und Wildcatter (2012) etliche neue Werke erschienen und weitere sind angekündigt. Und dass Dave Duncan auch mit 80 noch schreiben kann, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass ganz aktuell seine Kurzgeschichte “Son of Abish” in Imaginarium 2013, einen unter dem Motto “the best canadian speculative writing” stehenden Auswahlband aufgenommen wurde.

* – um das Ganze nicht endgültig zu einer reinen Titelauflistung verkommen zu lassen, werden die deutschen Titel in einem Kommentar nachgeliefert

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Esther Rochon, die heute 65 Jahre alt wird. Auch wenn die am 27. Juni 1948 in Québec in der gleichnamigen kanadischen Provinz als Esther Blackburn geborene Esther Rochon (der neue Nachname ist kein Pseudonym sondern eine Folge ihrer Heirat) in ihrer frankokanadischen Heimat zu den wichtigsten und bedeutendsten SF- und Fantasy-Autorinnen zählt, dürfte ihr Name nur den deutschsprachigen Lesern und Leserinnen etwas sagen, die sich entweder schon sehr lange mit dem Genre beschäftigen oder aber gelegentlich Abstecher in ein entsprechendes Antiquariat bzw. die antiquarische Abteilung eines auf SF und Fantasy spezialisierten Buchladens unternehmen. Denn Der Träumer in der Zitadelle – das einzige ihrer Bücher, das jemals übersetzt wurde – ist bereits 1977 in Heynes SF- und Fantasyreihe erschienen und stach damals deutlich aus einem Umfeld heraus, das bis kurz zuvor von der Sword & Sorcery Howards und Leibers und den Romanen zweier Burroughs-Epigonen dominiert wurde.
Der Träumer in der Zitadelle ist ein dünner, kaum 120 Seiten umfassender Roman und erzählt die Geschichte Skern Strénids, des Herrschers der auf Vrénalik und den umliegenden Inseln des gleichnamigen Archipels lebenden Asven, der eines Tages den mit magischen Kräften begabten Shaskath in seiner Zitadelle in der Hauptstadt Frulken einkerkern und mit Hilfe einer speziellen Droge zu einem Träumer machen lässt. Shaskath soll mittels seiner Träume die Stürme beeinflussen und so die Handelsflotte schützen, der Vrénalik seinen Reichtum verdankt. Doch dem Träumer gelingt es, sich dem Bann der Drogen zu entziehen – und das hat Folgen für Vrénalik und den ganzen Archipel … In diesem Roman (der nebenbei bemerkt aus dem Manuskript übersetzt wurde) geht es nicht zuletzt um Hybris und den Missbrauch von Macht und damit um Themen, die der Fantasy in den 70er Jahren noch eher fremd waren. Außerdem stellt er – um zwei Kapitel erweitert – den Auftakt des Cycle de Vrénalik dar, des ersten der beiden mehrbändigen Hauptwerke Esther Rochons.
Cycle de Vrénalik von Esther RochonBesagter, aus den Romanen Le Rêveur dans la Citadelle (1998), L’Aigle des profondeurs (2002), L’Archipel noir (1999) und La Dragonne de l’aurore (2009) bestehender Cycle de Vrénalik hat eine etwas komplizierte Entstehungsgeschichte, da die o.g. Romane z.T. zwischenzeitlich umgeschrieben, gekürzt und erweitert wurden; die Jahreszahlen beziehen sich daher auf die aktuellste sich derzeit auf dem Markt befindende, von der Autorin als definitiv bezeichnete Ausgabe der Romane. In diesem Zyklus wird die Geschichte Vrénaliks weitererzählt, und alles, was darüber zu erfahren ist, klingt interessant genug, um einmal mehr zu bedauern, dass der Blick der deutschen Genre-Verlage sich – von gerade einmal angesagten Moden abgesehen – immer noch hauptsächlich auf das englischsprachige Ausland richtet und speziell die frankokanadische SF- und Fantasyszene praktisch vollkommen ignoriert.
Von daher ist es unwahrscheinlich, dass die deutschsprachigen Leser und Leserinnen jemals erfahren werden, wie es mit der Insel Vrénalik und dem ganzen Archipel weitergeht; das Gleiche gilt für die sechsbändigen Chroniques infernalesLame (1995), Aboli (1996), Ouverture (1997), Secrets (1998), Or (1999) und Sorbier (2000) – in denen Esther Rochon eine an Dantes Höllenmodell angelehnte Version der Hölle zum wichtigsten Schauplatz der Handlung macht. Dass man einerseits aus dem zeitgenössischen Montreal in diese Hölle gelangt, es aber – wie sich im Verlauf des Zyklus herausstellt – auch eine Verbindung in die Fantasywelt von Vrénalik gibt, macht das o.e. Bedauern dann noch ein bisschen größer.
Außer Le Cycle de Vrénalik und Les Chroniques infernales hat Esther Rochon noch einige Romane und eine ganze Reihe längerer und kürzerer Erzählungen geschrieben und wurde in ihrer Heimat mehrfach mit den dortigen Genrepreisen ausgezeichnet.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Johanna Sinisalo, die heute 55 Jahre alt wird. Die am 22. Juni 1958 in Sodankylä, Finnland, geborene Aila Johanna Sinisalo zählt zu den wichtigsten Autorinnen der finnischen SF- und Fantasy-Szene. Seit Mitte der 80er Jahre hat sie ca. 40 Stories verfasst, von denen etliche mit dem Atorox-Preis, dem ältesten finnischen SF-Preis ausgezeichnet wurden; ein gutes Dutzend dieser Geschichten finden sich in dem Sammelband Kädettömät kuninkaat ja muita häiritseviä tarinoita (2005). Für ihren ersten Roman Ennen päivänlaskua ei voi (2000) erhielt sie den Finlandia-Preis, einen der renommiertesten finnischen Literaturpreise.
Not before Sundown von Johanna SirisaloBesagter Roman ist unter dem Titel Troll: Eine Liebesgeschichte (2005) auch ins Deutsche übersetzt worden. Hierzulande hat die Geschichte des schwulen jungen Fotografen Angel, der eines Abends einen halbwüchsigen Troll rettet, dessen wie ein Aphrodisiakum wirkender Duft rasch zu allerlei sexuellen Verwicklungen in Angels Leben (und natürlich auch in seiner engeren Umgebung) führt, sowohl bei der Leserschaft wie auch der Feuilleton-Kritik ein ziemlich gemischtes Echo hervorgerufen. Im angloamerikanischen Sprachraum wurde der in Großbritannien als Not Before Sunset (2003), in den USA als Troll: A Love Story (2004) veröffentlichte Roman 2004 mit dem James Tiptree, Jr. Award ausgezeichnet.
Erwähnenswert ist sicher auch, dass Johanna Sinisalo das Drehbuch für die SF-Filmkomödie Iron Sky (2012) verfasst und unter dem Titel The Dedalus Book of Finnish Fantasy (2005) einen ins Englische übersetzten Sammelband mit finnischen Fantasy- und Phantastik-Geschichten herausgegeben hat.

altes Cover von Bitter Seeds von Ian TregillisAußerdem gratulieren wir heute Ian Tregillis, der seinen 40. Geburtstag feiert. Der am 22. Juni 1973 in McCloud County, Minnesota, geborene Autor hat erst kürzlich seine erste Roman-Trilogie, das 2010 mit Bitter Seeds begonnene Milkweed Triptych beendet. Nachdem es aus einer unglücklichen Mischung aus verlagsbedingten Gründen eine Weile gar nicht gut um die Reihe aussah, wurde sie nach zwei Jahren Sendepause mit einer neuen Lektorin und einem neuen Cover-Konzept (siehe dazu die unten verlinkte Rezi – das hier abgebildete Cover ist das ursprüngliche) neu aufgelegt und zu Ende geführt. Die Alternativweltgeschichte, in der die Nazis im Zweiten Weltkrieg über Menschen mit Superkräften verfügen und die Briten dieser Bedrohung mit Magie begegnen, verfolgt die Entwicklung des dadurch verfremdeten Kräftemessens mit den Bänden The Coldest War (2012) und Necessary Evil (2013) in all ihren Konsequenzen im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts.
Ian Tregillis lebt inzwischen in New Mexico und damit im Umfeld von u.a. Daniel Abraham, Walter Jon Williams und George R.R. Martin, an dessen Shared-World-Projekt Wild Cards er bereits mit einer Kurzgeschichte beteiligt war.
Zur Feier des Tages veröffentlichen wir heute eine Rezension zu Bitter Seeds.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert (nur ganz leicht nachträglich) Andrzej Sapkowski. Der am 21. Juni 1948 in Lódz geborene polnische Autor ist vor allem für seine Figur Geralt von Rivia bekannt. Die Geschichten (und später Romane) rund um den monsterjagenden Hexer kamen erst bei ihrer zweiten deutschen Ausgabe richtig groß heraus, die dann auch mit der Übersetzung seiner historischen Roman-Trilogie Narrenturm, Gottesstreiter und Lux Perpetua einherging. Anlässlich seines Geburtstages haben wir unser ausführliches Portrait auf den aktuellen Stand gebracht.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Joyce Carol Oates, die heute 75 Jahre alt wird. Wenn man das Oeuvre der am 16. Juni 1938 in Lockport im amerikanischen Bundesstaat New York geborenen Joyce Carol Oates betrachtet, fallen auf Anhieb zwei Dinge auf: einmal ihre unglaubliche Produktivität – die möglicherweise mit ein Grund dafür ist, warum die Grande Dame der us-amerikanischen Literatur zwar immer wieder als Kandidatin für den Gewinn des Literatur-Nobelpreises gehandelt wird, ihn aber bisher nicht gewonnen hat – und zum anderen die Tatsache, dass sie für ihre Romane und Erzählungen nicht nur mit hoch angesehenen literarischen Preisen wie dem O. Henry Award, dem PEN/Malamud Award oder dem National Book Award bedacht wurde, sondern auch mit Genrepreisen wie dem Bram Stoker Award oder dem World Fantasy Award. Was bereits darauf hindeutet, dass sich zwar der größte Teil ihrer über 60 Romane und mehr als 300 Erzählungen im Bereich des literarischen Mainstreams bewegt, es aber unter ihren Werken immer wieder welche gibt, die eindeutig und ganz bewusst als Genreliteratur angelegt sind. Das gilt zum Beispiel für ihre unter dem Pseudonym Rosamond Smith verfassten Thriller, die gelegentlich – etwa in Soul/Mate (1989; dt. Dein Tod, mein Leben (1993)) – die Grenze zum psychologischen Horrorroman zumindest ankratzen. Überschritten hat sie diese Grenze schließlich mit Zombie (1995; dt. Zombie (2000)), einem aus der Sicht eines Serienkillers verfassten Roman, für den sie mit dem o.e. Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde.
Bellefleur von Joyce Carol OatesFür an Phantastik interessierte Leser und Leserinnen weitaus interessanter dürften allerdings die fünf als “gothic quintet” bezeichneten Romane sein, die Joyce Carol Oates alle in den 80er Jahren geschrieben hat und die sich ganz bewusst auf die Tradition der gothic novel stützen, sich ihrer Erzählmuster, Figuren und Motive bedienen. Den Anfang machte mit Bellefleur (1980; dt. Bellefleur (1982)) ein Roman, bei dem dieser Rückgriff besonders gut gelungen ist und zu überzeugenden Ergebnissen geführt hat. Im Mittelpunkt von Bellefleur steht die Familie Bellefleur, deren Stammvater am Vorabend der Französischen Revolution aus Frankreich geflohen ist, und die nun seit sieben Generationen in Nordamerika lebt, doch genauso wichtig ist Schloss Bellefleur, der Sitz der Familie, ein monströser Bau mit Erkern und Türmchen, der in Stein gehauene Ausdruck des Größenwahns und der Exzentrik seiner Bewohner. Der nicht in wenigen Sätzen nachzuerzählende Roman wartet mit so ziemlich allem auf, was die angloamerikanische Schauerliteratur zu bieten hat: Flüche und Geister, starke Männer und schöne Frauen, Verrat und Wahnsinn, verzauberte Spiegel, Missgeburten, Zwerge und Gestaltwandler; die Handlung springt dabei wild zwischen den Generationen hin und her, und das Ganze wird in einem hitzigen, überbordenden, aber immer kontrollierten Stil erzählt, der das Lesen ebenso aufregend wie anstrengend macht. Wer schon immer einmal wissen wollte, was sich hinter dem Begriff gothic novel letztlich verbirgt und dabei die Auseinandersetzung mit der Prosa des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts scheut, kann mit Bellefleur zu einem Werk greifen, das wie kaum ein zweites ein modernes Destillat der Schauerliteratur verkörpert.
Verglichen mit seinem Vorgänger fällt A Bloodsmoor Romance (1982; dt. Die Schwestern von Bloodsmoor (1987)) spürbar ab. Auch in diesem Roman geht es um eine Familie (wie “Familie” generell ein wichtiges Thema für Joyce Carol Oates – auch in ihren Mainstream-Romanen – ist), bzw. vor allem um die fünf Töchter des Erfinders John Quincy Zinn, die sich allesamt im heiratsfähigen Alter befinden, und die man von 1879 bis 1899 auf ihrem in eine Heirat – oder eben nicht – mündenden Lebensweg begleitet. Natürlich gibt es darüberhinaus eine ganze Menge phantastischer Zutaten, angefangen bei einem schwarzen Heißluftballon, mit dem Deirdre, die jüngste Tochter, aus dem heimischen Park entführt wird, über diverse Geistererscheinungen, eine Zeitreise oder eine Geschlechtsumwandlung, bis hin zu der Tatsache, dass Quinn danach strebt, das perfekte Perpetuum mobile zu bauen; hinzu kommen Auftritte von Mark Twain und Madame Blavatsky. Trotzdem kann A Bloodsmoor Romance – vermutlich, weil es wohl vor allem eine ironische Version einer typischen romance des 19. Jahrhunderts sein sollte – nicht ganz so überzeugen wie Bellefleur. Zumindest nicht, wenn man den Roman hinsichtlich seiner Zugehörigkeit zur Schauerliteratur betrachtet.
Mysteries of Winterthur von Joyce Carol OatesBei Mysteries of Winterthurn (1984) hingegen sieht das schon wieder ganz anders aus. Wie der Titel bereits andeutet, hat sich Joyce Carol Oates hier der klassischen mystery novel angenommen, zu der logischerweise auch ein Detektiv gehört, und das ist in diesem Fall Xavier Kilgarvan, der als Teenager, dann als Endzwanziger und schließlich mit knapp vierzig Jahren in seiner Heimatstadt Winterthurn jeweils einen rätselhaften Kriminalfall lösen muss. Mysteries spielt dabei auf beeindruckende Weise mit den Konventionen zweier Genres, denn während die Orte, die Xavier im Rahmen seiner Ermittlungen mal mehr, mal weniger freiwillig aufsuchen muss, häufig typische Schauplätze einer gothic novel sind, verweist die Darstellung der Stadt Winterthurn mit ihren offensichtlichen und weniger offensichtlichen Geheimnissen, ihren gesellschaftlichen Strömungen und Reibungspunkten auf die mystery novel bzw. den Krimi, in dem oft ein gesellschaftskritischer Ansatz zu finden ist. Worum es in Mysteries of Winterthurn eigentlich geht, können im Laufe dieses Jahres auch die interessierten deutschsprachigen Leser und Leserinnen herausfinden, wenn – knapp 30 Jahre nach Erscheinen des Originals – mit Die Geheimnisse von Winterthurn endlich eine Übersetzung dieses unverständlicherweise bisher nie ins Deutsche übertragenen Romans auf den Markt kommen wird.
Die letzten beiden Romane des “gothic quintets” – My Heart Laid Bare (1998) und der ursprünglich als The Crosswicks Horror betitelte The Accursed (2013) – wurden ebenfalls bereits in den 80er Jahren geschrieben, aber bis zu ihrem Erscheinen von Joyce Carol Oates mehrfach überarbeitet. Während My Heart Laid Bare keinerlei phantastische Elemente aufweist, tauchen im gerade erst in den USA veröffentlichten The Accursed anscheinend wieder aus der Schauerliteratur bekannte Motive und Figuren wie Geister, Dämonen und Doppelgänger auf.
Dass das Phantastische immer wieder – und immer noch – einen Platz im Werk von Joyce Carol Oates hat, lässt sich auch anhand ihrer Kurzgeschichten und Erzählungen feststellen. Entsprechende Sammlungen, in denen praktisch ausschließlich phantastische Geschichten enthalten sind, sind beispielsweise Haunted: Tales of the Grotesque (1994; dt. Das Spukhaus. Erzählungen (1996)) und The Collector of Hearts: New Tales of the Grotesque (1998). Darüberhinaus war und ist sie immer wieder in Genre-Anthologien vertreten und hat 2011 für “Fossil-Figures” den World Fantasy Award und – passend zu ihrem Geburtstag – gerade dieses Wochenende für ihre Kurzgeschichtensammlung Black Dahlia & White Rose (2012) den Bram Stoker Award erhalten.

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Dinotopia. Journey to Chandara von James GurneyBibliotheka Phantastika gratuliert James Gurney, der heute seinen 55. Geburtstag feiert. Der am 14. Juni 1958 in Glendale, Kalifornien, geborene studierte Archäologe ist vor allem als Illustrator bekannt: Cover (u.a. für Alan Dean Foster und Tim Powers), Filmhintergründe (z.B. für Fire and Ice) und vor allem graphische Rekonstruktionen versunkener Städte für Zeitschriften und Museen sind darunter, und die letzteren beiden haben mit Sicherheit die Fundamente für das geschaffen, woran kein Fantasy-Freund mit einem Herz für Dinos vorbeikommt: Dinotopia.
Beginnend mit A Land Apart from Time (1992, dt. Dinotopia (1993)) hat Gurney einen imaginären Kontinent bebildert und immer weiter ausgearbeitet, auf dem Dinosaurier nicht nur überlebt haben, sondern in friedlicher Koexistenz und einer sich gegenseitig beeinflussenden Kultur mit verschiedenen (schiffbrüchigen) Menschen zusammenleben. Inhaltlich konzentrieren sich die bisher insgesamt drei Bildbände (The World Beneath (1995, dt. Die Welt jenseits der Zeit (1996)) und Journey to Chandara (2007)) auf die Abenteuer des viktorianischen Gelehrten Arthur Denison und seines Sohnes Will, die Hauptsache sind dabei aber mit Sicherheit die opulenten Gemälde, die die Dinosaurier und ein ihnen angemessenes gewaltiges Land zum Leben erwecken, und die vielen Details und Ideen, die den dinotopischen Kontinent wie ein erd- und kulturgeschichtliches Wunderland wirken lassen, von dem ein Indiana Jones oder Allan Quatermain nur träumen können.
Dinotopia ist außerdem durch einige (nicht von Gurney geschriebene) Romane und Jugendbücher ergänzt worden, was zusammen mit dem initial großen Erfolg des Projektes schließlich auch in eine (nicht ganz geglückte) Verfilmung fürs Fernsehen mündete.
In jüngster Zeit hat Gurney einige Ratgeber für angehende (Fantasy-)Künstler veröffentlicht, und auch sein Blog Gurney Journey kreist vor allem um Tutorials, verschiedene Künstler und – wie wohl niemanden überraschen wird – Dinosaurier.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Justina Robson, die heute 45 Jahre alt wird. Die am 11. Juni 1968 in Leeds in der damaligen Verwaltungsgrafschaft West Riding of Yorkshire in England geborene Justina Louise Alice Robson debütierte (damals noch mit Mittelinitialen) mit der Kurzgeschichte “Trésor” in der dritten Ausgabe des Magazins The Third Alternative im Sommer 1994, der sporadisch noch einige mehr folgten. So richtig Aufsehen erregte sie dann mit den vier SF-Romanen, die sie im Zwei-Jahres-Abstand von 1999 bis 2005 veröffentlichte; in Silver Screen (1999) und Mappa Mundi (2001) geht es dabei im Rahmen eines Near-Future-Szenarios um KIs und Nanotechnologie, wohingegen Natural History (2003) und Living Next Door to the God of Love (2005) in einer weit ferneren Zukunft angesiedelt sind und sich – sehr vereinfacht ausgedrückt – um das Thema Transhumanismus drehen. Nach diesen, jeweils für wichtige Genrepreise nominierten und von der Kritk hoch gelobten, von erkenntnistheoretischen und gesellschaftskritischen Denkansätzen durchzogenen Romanen mag es für einen Teil ihrer Leserschaft ein kleiner Schock gewesen sein, dass Justina Robson sich danach der Fantasy zugewandt hat.
Keeping it Real von Justina RobsonAllerdings nur ein bisschen oder, anders gesagt durch die Übernahme von fantasytypischen Motiven, Elementen und Figuren in jene Welt, die sie für ihren unter dem Obertitel Quantum Gravity laufenden, bisher fünfteiligen Zyklus um die Geheimagenten Lila Black entworfen hat. In Keeping It Real (2006; dt. Willkommen in Otopia (2007)) wird die Leserschaft nach und nach mit dieser Welt vertraut gemacht – mit Otopia, wie unsere Erde heißt, seit ein schiefgegangenes quantentechnologisches Experiment die Tore zu anderen Sphären bzw. Welten geöffnet hat und die Menschheit sich plötzlich mit Elfen, Dämonen, Geistern und anderen Wesen auseinandersetzen muss. Und damit, dass neben Cybertechnologie plötzlich auch Magie funktioniert. In dieser Welt agiert Lila Black, eine junge Frau, die bei einer Bombenexplosion schwer verletzt wurde und letztlich nur dadurch überlebt hat, dass man sie mit reichlich Cybertechnologie aufgerüstet und somit zum Cyborg gemacht hat. Was unter anderem dazu führt, dass sie sich selbst immer wieder die Frage stellt, inwieweit sie noch ein Mensch ist – oder nur noch eine (allerdings höchst effektive) Kampfmaschine. Letzteres prädestiniert sie natürlich für den Undercover-Auftrag als Leibwächterin des Rockstars Zal, einen Elf und Dissidenten, der sich der tödlichen Intrigen seiner Heimatsphäre erwehren muss. Lila ist über diesen Auftrag aus mehreren Gründen nicht glücklich, und natürlich entwickeln sich die Dinge wie man es erwarten könnte – und dann doch auch wieder nicht. In den Folgebänden Selling Out (2007; dt. Unter Strom (2008)), Going Under (2008; dt. Elfentod (2009)), Chasing the Dragon (2009) und Down to the Bone (2011) wird keineswegs nur das weitere, alles andere als unkomplizierte Verhältnis von Lila und Zal beleuchtet; ganz im Gegenteil nimmt die Erforschung der für den Menschen so fremden anderen Sphären einen immer größeren Raum ein. Was gelegentlich zu überraschenden Erkenntnissen – etwa das Wesen der Magie betreffend – führt …
Vordergründig ist Lila Black (wie die Reihe im Deutschen heißt) eine rasante und zweifellos mehr als ein bisschen trashige Mischung aus SF-, Fantasy- und Liebesroman, gespickt mit Thriller- und Horrorelementen, auf die man sich einlassen muss, wenn man Spaß an ihr haben will. Wenn man allerdings etwas genauer hinschaut, kann man unter der grellbunten, bizarren Oberfläche nicht nur Down to the Bone von Justina Robsonsauber gezeichnete, stimmige Figuren erkennen, sondern wird zudem feststellen, dass Quantum Gravity durchaus universale Fragen und Themen behandelt, denen Justina Robson sich auch schon in ihren hoch gelobten SF-Romanen – sicher intensiver und tiefgründiger – gewidmet hat, wie zum Beispiel: was macht einen Menschen aus – und wie sehr brauche ich den Anderen (oder das Andere), um mich selbst zu erkennen? Mal ganz abgesehen davon, dass der Fantasy toughe Heldinnen wie Lila Black nun wirklich nicht schaden, und dass es recht erfrischend sein kann, Elfen und Dämonen und Feen etc.pp. mal in einem wirklich “anderen” Anderswelt-Setting zu erleben.

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The Name of the Wind von Patrick RothfussBibliotheka Phantastika gratuliert Patrick Rothfuss, der heute seinen 40. Geburtstag feiert. Bekannt geworden ist dieser sarakstisch, humorvolle Autor mit dem durchschlagenden Erfolg seiner noch nicht abgeschlossenen Buchreihe The Kingkiller Chronicle (dt. Die Königsmörder Chronik).
Mit kunstvoller, teils poetischer Sprache und komplex ausgearbeiteten Charakteren fesselt die epische Erzählung die Leserschaft von der ersten Seite an und macht das Warten auf Fortsetzungen schwer. Der Autor verbrachte sieben Jahre damit sein Gesamtkunstwerk zu komplettieren, aber auch beinahe noch einmal soviel Zeit für die finale Überarbeitung der einzelnen Reihentitel. So ist der dritte und abschließende Band zwar bereits geschrieben, die Überarbeitung aber noch im Gange. Ein Erscheinungstermin für The Doors of Stone ist bisher nicht bekannt.
Parallel zu seiner Arbeit an der Kingkiller Chronicle sind außerdem zwei Geschichten in Comicform erschienen. Was hier mit dem Titel The Adventures of the Princess & Mr. Whiffle zunächst wie eine süße Geschichte für Kinder anmutet, wird allerdings schnell zum blutigen Fressen mit überraschender Wendung!

Um Mehr über diesen empfehlenswerten Autor und seine ebenso empfehlenswerten Werke zu erfahren, legen wir euch sein Autorenportrait ans Herz. Patrick Rothfuss sollte in keinem Fantasy Regal fehlen und ist mehr als einen Blick wert.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Rothfuss, und vielen Dank für eine Schar außergewöhnlich packender Figuren!

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Edward Whittemore, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Es ist nicht ganz leicht, das literarische Schaffen des am 26. Mai 1933 in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire geborenen Edward Whittemore, zu dessen Bewunderern so unterschiedliche Autoren wie Jonathan Carroll, Tom Robbins und Jeff VanderMeer zählen, in einigen wenigen Sätzen zu umreißen, da es sich einerseits erzählerisch und stilistisch den typischen Genrekonventionen entzieht, andererseits aber auf ebenso typische Genremotive wie Geheimgesellschaften bzw. die großen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund, Unsterblichkeit und übermenschliche Heldenfiguren zurückgreift. In Quin’s Shanghai Circus (1974), Whittemores Erstling, wird das noch nicht ganz so deutlich wie in seinem Hauptwerk, dennoch lässt sich hier bereits die Saat finden, die dann im Jerusalem Quartet aufgehen und zur Blüte kommen sollte.
Quin’s Shanghai Circus erzählt vordergründig und vor allem die Geschichte des jungen Quin, der im Jahre 1965 von dem mit einer riesigen Sammlung japanischer Pornographie in der Bronx aufgetauchten fetten Amerikaner Geraty auf die Suche nach seiner Vergangenheit geschickt wird, denn Quins Eltern sind in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in Shanghai verschollen. Natürlich begibt Quin sich auf die Reise, in deren Verlauf er Dinge erlebt und erfährt und Menschen begegnet, die seinen Blick auf die Welt und die jüngere Weltgeschichte – so, wie sie sich normalerweise darstellt – völlig verändern. Vergangenheit und Gegenwart beginnen sich in dem Roman, der irgendwie auch ein Spionage- und Kriegsroman ist, zu vermischen, und Whittemore gelingt das Kunststück, nicht nur das Absurde (in Gestalt teils grotesk überzeichneter Figuren und bizarrer Geschehnisse) mit dem Schrecklichen (in Gestalt einer realistischen, erschütternden Passage über das Massaker von Nanking) zu verbinden, sondern das Buch auf eine versöhnliche Weise enden zu lassen.
Die BedeutunSinai Tapestry von Edward Whittemoreg der Vergangenheit für die Gegenwart (und letztlich für die Zukunft) spielt in Quin’s Shanghai Circus bereits eine wichtige Rolle, die im Jerusalem Quartet noch einmal deutlich größer wird. Denn diese vier Romane umfassen vordergründig zwar nur einen Handlungszeitraum von rund 200 Jahren, doch die Geschehnisse, die in ihnen geschildert werden, haben ihre Wurzeln in einer Vergangenheit, die bis ins neunte Jahrhundert vor Christus (genauer betrachtet sogar noch weit darüber hinaus) zurückreicht. In Sinai Tapestry (1977) entfaltet sich nicht nur der historische Hintergrund der Handlung, sondern es werden auch die Figuren vorgestellt, die bzw. deren Nachkommen und Schüler in den Folgebänden eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen werden. Da wäre zunächst einmal Plantagenet Strongbow, ein sieben Fuß sieben Inch großer Hüne aus einem alten englischen Adelsgeschlecht, der sich schlicht geweigert hat, der Familientradition zu folgen und schon in jungen Jahren einem dummen Unfall zum Opfer zu fallen. Stattdessen wurde er zum größten Forscher, den sein Land jemals hervorgebracht hat, zu einem hervorragenden Schwertkämpfer und Botaniker sowie zum Verfasser einer 33-bändigen Geschichte des Sex in der Levante – und zeitweise zum Besitzer des gesamten Osmanischen Reiches, kurzum: zu einer wahrhaft legendären Gestalt (für die nebenbei bemerkt Richard Francis Burton Pate stand). Ein Mann von ähnlich mythologischen Proportionen ist Skanderberg Wallenstein, ein 1802 in Albanien geborener Trappistenmönch, der zufällig in einem vergessen Winkel eines Klosters in Jerusalem ein uraltes Manuskript entdeckt, das sich als älteste und einzig wahre Bibel entpuppt. Das und die Erkenntnisse, die er über die bisher als “richtig” erachtete Bibel gewinnt, bringen ihn dazu, Pläne in Bewegung zu setzen, die Das Buch der Bücher (1987) – so der deutsche Titel – zum zentralen Plotelement des Romans machen. Ebenfalls alles andere als unwichtig sind der Ire Joe O’Sullivan Beare, der nach dem Osteraufstand von 1916 als Nonne verkleidet ins Heilige Land geflohen ist und gelegentlich für Prester John bzw. den mythischen Priesterkönig Johannes gehalten wird, und Haj Harun, der 3000 Jahre alte Besitzer eines Antiquitätenladens, der im Assyrischen Reich als Steinmetz gearbeitet hat und in dessen Keller unter seinem Laden sich nicht nur Relikte aus unzähligen Städten und dreißig Jahrhunderten sondern auch 800 Jahre alter Cognac finden lassen. Die eigentliche Handlung von Sinai Tapestry lässt sich nur schwer in Worte fassen, denn sie besteht – nomen es omen – aus zeitlich und räumlich weit verstreuten Episoden der auf unterschiedliche Weise miteinander verwobenen Lebensgeschichten der vier Hauptfiguren und etlicher Nebenfiguren. Und natürlich aus Wallensteins Plan, eine neue Bibel zu schaffen, in der einerseits die wesentlichen Glaubensinhalte von Judentum, Christentum und Islam erhalten bleiben, aber um die wesentlichen Inhalte seines von ihm geheimgehaltenen Funds ergänzt werden sollen.
Jerusalem Poker von Edward WhittemoreIn Jerusalem Poker (1978) dreht sich dann fast alles um ein Pokerspiel, das Beare 1921 in Haj Haruns Laden beginnt, und dessen wichtigste Mitspieler Cairo Martyr und Monk Szondi auf mehrfache Weise mit Strongbow und Wallenstein verbunden sind. Natürlich wollen auch andere Menschen bei diesem Poker um Jerusalem (1989) mitmachen, was einer der Gründe sein dürfte, warum das Spiel, bei dem es – wie der deutsche Titel schon sagt – um die Kontrolle über Jerusalem geht, insgesamt zwölf Jahre dauert. Die immer neuen Mitspieler sorgen für immer neue Geschichten, ehe sie – normalerweise, nachdem sie ein gewaltiges Vermögen verloren haben – wieder im Dunkel des Vergessens verschwinden. Parallel dazu werden die Verflechtungen der wichtigsten Figuren deutlicher, ebenso wie ihre Verstrickung in die unterschiedlichsten geschichtlichen Ereignisse. In Nile Shadows (1983; Die Schatten des Nil (1990)) sind dann deutlich weniger phantastische Elemente zu finden; man könnte diesen im von Rommels Afrika-Korps bedrohten Kairo des Jahres 1942 beginnenden Roman wohl am ehesten als Spionageroman bezeichen (als solcher wurde er auch vermarktet), aber wenn man die Vorgängerbände kennt, spürt man die mythologische Dimension, die unter der realistisch geschilderten, sich um rivalisierende Geheimdienste unterschiedlichster Couleur drehenden Handlung liegt. Und außerdem trifft man O’Sullivan Beare wieder, der zeitweise als Schamane bei den Hopi gelebt hat. In Jericho Mosaic (1987; Das Jericho-Mosaik (1990)) sind die mythischen Gestalten der ersten beiden Bände schließlich endgültig zu verblassenden Schatten geworden, an die sich kaum noch jemand erinnert. Stattdessen geht es um die Ausbildung eines Meisterspions und um so reale Dinge wie den Sechstagekrieg, die Ursprünge der PLO, den Jom-Kippur-Krieg oder den Bürgerkrieg im Libanon. Da Whittemore vor seinem Autorendasein knapp zehn Jahre für die CIA gearbeitet hat, wusste er, wovon er schreibt, was unschwer zu bemerken ist.
Jerico Mosaic von Edward WhittemoreWie eingangs schon erwähnt, ist es schwer, das Oeuvre Whittemores – der nur diese fünf von der Kritik hochgelobten, verkaufstechnisch als Flops zu bezeichnenden Romane geschrieben hat – mit wenigen Sätzen griffig darzustellen. Das Jerusalem Quartet beginnt als eine Art Tall Tale of Tall Tales mit ebenso faszinierenden wie übermenschlichen Figuren und wird am Ende zu einer Bestandsaufnahme der Situation im Nahen Osten in den 60er und 70er Jahren. Und all das immer wieder vor dem auch in den bizarrsten Situationen authentisch wirkenden Hintergrund Jerusalems (wobei diese Authentizität nicht weiter verwunderlich ist, denn Whittemore hat etliche Jahre in Jerusalem gelebt). Überhaupt – diese Stadt. Ihre Rolle in der Geschichte ist weit größer, als das bisher deutlich geworden ist. Aber das ist bei einer so geschichtsträchtigen Stadt in einer Roman-Tetralogie, in der es nicht zuletzt um Geschichte, um ihre mythische Überhöhung und ihre Auswirkungen geht, eigentlich nicht verwunderlich.
Edward Whittemore ist ein Autor, der es seinen Lesern und Leserinnen nicht leicht macht. Man muss sich auf ihn einlassen, auf sein Spiel mit wirklicher und erfundener Geschichte, auf seine Geschichten in der Geschichte. Dann kann man vielleicht einen Autor entdecken, der aus gutem Grund von vielen Kritikern mit Thomas Pynchon verglichen wurde. Und der heute – knapp achtzehn Jahre, nachdem er am 03. August 1995 dem Vernehmen nach ziemlich mittellos an Prostatakrebs gestorben ist – zu Unrecht nur noch einer Handvoll (allerdings begeisterter) Anhänger bekannt ist.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Michael Chabon, der heute seinen 50. Geburtstag feiert. Ursprünglich hat die E-Literatur den am 24. Mai 1963 in Washington, DC, USA geborenen Chabon für sich beansprucht, auch wenn man bereits bei seinen früheren Werken aufgrund der Themenwahl erahnen konnte, dass er mit dem Genre nicht auf Kriegsfuß steht: Sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes The Amazing Adventures of Kavalier and Clay (2000, dt. Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay (2002)) beschreibt den Werdegang zweier jüdischer Künstler in den 40er Jahren, die mit einem Superhelden-Comic Erfolge feiern.
Das Jugendbuch Summerland (2002, dt. Sommerland (2004)) ist dann bereits ein waschechtes Genre-Stück: Drei Freunde sind dazu ausersehen, den Weltenbaum vor den Machenschaften von Coyote zu retten, wozu sie in die mythenhaften Sommerlande reisen müssen – um dort mit Baseball Allianzen zu schmieden und Konflikte zu lösen. Die Verquickung von nordischer und indianischer Mythologie und den amerikanischen Tall tales mit Baseball ist wahrscheinlich eine Mischung, die besonders gut für Leser und Leserinnen aus den USA funktioniert – dort war der Roman auch ein großer Erfolg –, Summerland ist aber auch ein nostalgisch angehauchtes Fantasy-Märchen, das man mit seiner originellen Zusammenstellung von Motiven und liebenswerten Figuren gut lesen kann, wenn man Jugendbüchern nicht abgeneigt ist.
Gentlemen of the Road (2006, dt. Schurken der Landstraße (2010)) ist zwar keine Fantasy im eigentlichen Sinne, aber die beiden Abenteurer Zelikman und Amram schlagen und gaunern sich definitiv im Geiste der Sword & Sorcery durch die Kaukasus-Region im 10. Jahrhundert.
The Yiddish Policemen's Union von Michael ChabonUnd falls noch Fragen zu Chabons Verhältnis zur SF offen gewesen sein sollten, so wurden sie allerspätestens ausgeräumt, nachdem er für The Yiddish Policemen’s Union (2007, dt. Die Vereinigung jiddischer Polizisten (2008)) u.a. einen Hugo Award und einen Nebula Award erhielt. Der Krimi ist in einer Alternativwelt angesiedelt, in der sich die jüdischen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Israel, sondern in Alaska niederließen. Dort wird in der Jetzt-Zeit unter politischen Spannungen (unter anderem mit den Ureinwohnern) ein Mordfall in der inzwischen auf Großstadt-Größe gewachsenen jiddischen Kommune aufgeklärt.
Michael Chabon mag also eher am Rande des Genres residieren, an dem er aber völlig ohne Berührungsängste begeistert teilnimmt (nachzulesen etwa hier), und egal, ob man seine früheren (nicht phantastischen) oder späteren Werke zur Hand nimmt, wird man immer auf einen humorvollen, ideenreichen und warmherzigen Erzähler treffen.

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