Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Edgar Pangborn, dessen Geburtstag sich heute zum 105. mal jährt. Wer sich für Fantasy interessiert und diesen Namen noch nie gehört hat, braucht sich nicht zu wundern, denn ganz egal, wie man es betrachtet – Fantasy im engeren Sinn hat der am 25. Februar 1909 in New York City geborene Edgar Pangborn nie geschrieben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sein zweiter unter seinem richtigen Namen erschienener Roman A Mirror for Observers 1955 mit dem International Fantasy Award ausgezeichnet wurde (denn den gab’s für das beste SF- oder Fantasybuch). Warum wir Edgar Pangborn an dieser Stelle dennoch erwähnen, hat mit seinen Tales of a Darkening World zu tun, einer Reihe locker miteinander verbundener Romane und Geschichten über eine Welt, die ein als “Twenty Minutes War” bezeichneter Atomkrieg drastisch verändert hat.
Bevor Pangborn mit der Story “Angel’s Egg” 1951 in der Juniausgabe von Galaxy das erste Mal als SF-Autor von sich reden machte – und gleich einen nachhaltigen Eindruck hinterließ – hatte er bereits mehr als zwanzig Jahre lang unter Pseudonym Krimigeschichten für die Pulps geschrieben (und davor hatte er zwei Mal ein Musikstudium – das erste Mal mit fünfzehn – angefangen und nach relativ kurzer Zeit wieder abgebrochen). In der SF machte er sich rasch einen Namen, und nachdem bereits sein erster Roman West of the Sun (1953; dt. Westlich der Sonne (1989)) wohlwollend aufgenommen worden war, erhielt er für A Mirror for Observers (1954; dt. Der Beobachter (1978), auch: Der Spiegel des Beobachters (1986)) den o.e. Preis. Danach verfasste er einen historischen Roman und einen Krimi (seinen zweiten – der erste war bereits 1930 unter dem Pseudonym Bruce Harrison erschienen), ehe er sich in den 60er Jahren wieder verstärkt der SF zuwandte und jene Romane und Erzählungen veröffentlichte, die die Tales of a Darkening World bilden.
Davy von Edgar PangbornDen Auftakt machte Davy (1964; dt. Davy (1978)), ein Roman, den man ein bisschen flapsig als “Huckleberry Finns Abenteuer in Post-Doomsday-Land” bezeichnen könnte. Davy wird rund 300 Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg, der den größten Teil der menschlichen Bevölkerung ausgelöscht hat, als Sohn einer Prostituierten in eine in unzählige feudalistische Kleinstaaten zerfallene Welt geboren, die sich technisch und zivilisatorisch auf einem pseudo-mittelalterlichen Niveau befindet. Es gibt zwar noch Überbleibsel aus der Alten Zeit, aber die Menschen können mit ihnen nichts anfangen – und sie sollten sich besser auch gar nicht allzu sehr mit ihnen beschäftigen, wenn sie nicht als Ketzer auf den Scheiterhaufen der mächtigen Kirche enden wollen. In diesem Umfeld erlebt Davy, der in einem Waisenhaus der Kirche aufwächst und als Schuldknecht an einen Gastwirt verkauft wird, seine Abenteuer, die an dem Tag beginnen, als er aus dem Gasthaus flieht, und von denen er uns in der Rückschau als erwachsener, mittlerweile verheirateter Mann erzählt. Das allerdings sehr eigenwillig, denn Davy neigt zu Abschweifungen und Zeitsprüngen – und zu Andeutungen, die nie mit Inhalten gefüllt werden. Dessen ungeachtet entsteht aus diesem Flickwerk aus mal mehr, mal weniger ausgemalten Geschehnissen, Orten und Begegnungen mit Männern und Frauen das Bild einer in vielerlei Hinsicht faszinierenden Welt, die allen widrigen Umständen zum Trotz nicht mit den typischen düsteren Post-Doomsday-Szenarien zu vergleichen ist und auf der tatsächlich so etwas wie Heiterkeit und Lebensfreude Platz haben – zumindest durch die Augen Davys betrachtet, der die Geschichte gelegentlich mit einem ironischen Seitenhieb auf sein abergläubisches und noch nicht zu selbstständigem Denken fähiges jüngeres Ich garniert.
Verglichen mit diesem pikaresken Entwicklungsroman fällt The Judgment of Eve (1966; dt. Die Prüfung (1979)) spürbar ab, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass der Roman kurz nach der großen Katastrophe und somit zu einem Zeitpunkt spielt, da die alten Strukturen verschwunden sind, sich aber noch keine neuen gebildet haben. Eve ist die Tochter der blinden Alma Newman, die mit ihrer Mutter auf einer heruntergekommenen Farm lebt und sich eines Tages drei Männern gegenübersieht, die sich in sie verliebt haben und sie zur Frau nehmen wollen. Eve schickt die drei mit der Aufgabe in die Welt hinaus, ihr Antworten auf ihre Fragen zu bringen, die sich um Mut, Ehrlichkeit, Reife und Liebe drehen. Die Suche der drei Männer nach den richtigen Antworten ist fraglos interessant, aber dem Buch – das mehr Allegorie als Roman ist – geht die Leichtigkeit vollkommen ab, die selbst in den düsteren Szenen von Davy durchschimmert. Was andererseits nicht weiter verwunderlich ist, denn in einer Welt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, führen die o.g. Fragen ebenso wie die Geschehnisse der Vergangenheit fast zwangsläufig zu Fragen, in denen es um Verantwortung und Schuld geht, und darauf gibt es keine leichten oder leichthin gesagten Antworten.
In The Company of Glory (1975; dt. Ein glorreicher Haufen (1985)) liegt die Katastrophe 47 Jahre zurück, und allmählich etabliert sich eine an mittelalterliche Strukturen erinnernde Gesellschaft. In den Dörfern und Städten dieser Welt ist Demetrios der Geschichtenerzähler ein gern gesehener Gast, denn er, der knapp über 60 ist, kann auf packende Weise von der Alten Zeit erzählen – und davon, was es damals alles gegeben hat: wunderbare Dinge wie Telefone, Autos, Fernseher und Düsenflugzeuge, unter denen sich keiner der Nachgeborenen noch etwas vorstellen kann. Doch nicht alle Menschen wollen die Erinnerung an die Alte Zeit wachhalten, und Demetrios spürt, dass er keine Kraft mehr für große Auseinandersetzungen hat … Der Roman schildert die Anfänge der Entwicklung, die zu der Welt führt, wie man sie aus Davy kennt, und zeichnet über weite Strecken ein überzeugendes Bild davon, wie die Menschen möglicherweise wieder Tritt fassen und sich neu organisieren können. Doch zum Ende hin scheinen Pangborn ebenso wie den etwa gleichaltrigen Demetrios ein bisschen die Kräfte verlassen zu haben.
Abgerundet werden die Tales of a Darkening World durch ein knappes Dutzend Geschichten, von denen sieben in Still I Persist in Wondering (1978; dt. Tiger Boy (1986)) gesammelt sind; sie verteilen sich über einen Zeitraum, der vom Jahr Eins nach der großen Katastrophe bis ins 8. Jahrhundert reicht, in dem die Menschheit annähernd wieder auf dem Niveau unseres 20. Jahrhunderts angekommen ist – allerdings mit einigen signifikanten Unterschieden, denn Pangborn hat hier seinen Vorstellungen von einer idealen menschlichen Gesellschaft ziemlich freien Lauf gelassen.
A Mirror for Observers von Edgar PangbornEdgar Pangborns Werk ist nicht sonderlich groß, und seine Tales of a Darkening World haben Höhen und Tiefen, doch vor allem Davy und etliche der Kurzgeschichten sind mehr als lesenswert (ebenso wie der Roman A Mirror for Observers), weil sich Pangborn in ihnen immer wieder als einer der großen Humanisten des Genres erweist, von dem u.a. Ursula K. Le Guin und Peter S. Beagle (der auch sein Nachlassverwalter ist) beeinflusst wurden. Und eigentlich trifft der bekannte SF-Herausgeber und -Kritiker Damon Knight recht gut, um was es bei Pangborn letztlich immer wieder geht: “… very like the thing that Stapledon was always talking about and never quite managing to convey: the regretful, ironic, sorrowful, deeply joyous – and purblind – love of the world and all in it.”

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Bernard Cornwell, der heute 70 Jahre alt wird. Der am 23. Februar 1944 in London geborene Bernard Cornwell wuchs bei Adoptiveltern auf und trug anfangs deren Nachnamen, nahm aber später den Geburtsnamen seiner Mutter an. Nachdem er eine US-Amerikanerin geheiratet hatte, wanderte er mit ihr 1979 in die USA aus. Da ihm dort die Green Card verweigert wurde, begann er Romane zu schreiben, weil er dafür keine Arbeitserlaubnis brauchte. Auch wenn Cornwell nur notgedrungen Schriftsteller wurde, sollte er sich in diesem Metier als überaus erfolgreich erweisen; mittlerweile kann er auf mehr als 50 Veröffentlichungen zurückblicken, bei denen es sich größtenteils um historische Romane handelt, darunter die teilweise verfilmten, 24 Bände umfassenden Abenteuer des britischen Soldaten Richard Sharpe zur Zeit der Napoleonischen Kriege, die im amerikanischen Bürgerkrieg spielenden vierbändigen Starbuck Chronicles oder die derzeit siebenbändigen Saxon Stories, deren Schauplatz England – genauer, das angelsächsische Königreich Wessex – zur Zeit Afreds des Großen ist.
Mindestens ebensosehr historische wie Fantasyromane sind auch die drei Bände der Warlord ChroniclesThe Winter King (1995), Enemy of God (1996) und Excalibur (1997) –, in denen Cornwell sich dem Artus-Mythos zuwendet. In ihnen entwirft er ein über The Winter King von Bernard Cornwell weite Strecken düsteres Bild einer grausamen Zeit, in der Britannien nach dem Abzug der Römer nicht nur von äußeren Feinden – einerseits in Gestalt angelsächsischer Eroberer, andererseits durch die Raubzüge der Iren entlang der Westküste – bedroht wird, sondern auch unter den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen viel zu vielen Provinzpotentaten leidet. Hinzu kommt der Konflikt zwischen Christen und den Anhängern der alten druidischen Religion. Erzählt wird die Geschichte im Rückblick von Derfel Cadarn, einem loyalen Anhänger und Vertrauten Arthurs bzw. Artus’, der den Aufstieg und Fall des mythischen Kriegerkönigs hautnah miterlebt hat. Neben der teilweise überraschenden Neuzeichnung bzw. Umwertung einiger bekannter Figuren ist Cornwells Version des Artus-Mythos in zweierlei Hinsicht interessant: zu einen nimmt er in seiner Darstellung eines dreckigen, blutigen und in vielerlei Hinsicht als hoffnungslose Zeit gezeichneten Frühmittelalters viel von dem vorweg, was sich mittlerweile in der als Grim & Gritty bezeichneten Fantasy zuhauf finden lässt bzw. zu einem dieses Subgenre mehr oder weniger konstituierenden Element geworden ist. Zum anderen sind die Warlord Chronicles ein Beweis dafür, dass der Erfolg oder Misserfolg mancher Bücher auch etwas mit dem Zeitpunkt ihres Erscheinens bzw. mit ihrer Vermaktung zu tun haben kann, denn ihre erste deutsche Ausgabe – Der Winterkönig (1996), Der Schattenfürst (1997) und Arthurs letzter Schwur (1998) – war nicht sonderlich erfolgreich. Ganz im Gegensatz zur Neuausgabe, die im Gefolge des Erfolgs der deutschsprachigen Ausgabe von Cornwells Saxon Stories auf den Markt gekommen ist. Möglicherweise haben die Bücher erst in dieser Neuausgabe mehrheitlich die Leserschaft gefunden, für die sie gedacht waren, denn ihr Fantasygehalt ist nur schwach ausgeprägt bzw. liegt eigentlich im Auge des Betrachters.
Noch marginaler sind die Fantasyelemente in Stonehenge, 2000 B.C. (2000; dt. Stonehenge (2000)) und in der aus den Romanen Harlequin (2000; auch: The Archer’s Tale (2002); dt. Der Bogenschütze (2004)), Vagabond (2002; dt. Der Wanderer (2006)) und Heretic (2003; dt. Der Erzfeind (2007)) bestehenden Grail Quest Trilogy, die inzwischen mit 1356 (2012; dt. 1356 (2014)) fortgesetzt wurde.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Christopher Buehlman, der heute 45 Jahre alt wird. Der am 22. Februar 1969 in Tampa, Florida, geborene Dichter, Autor, Schauspieler und Stand-up-Comedian Christopher Buehlman hat sich zunächst mit Gedichten, Theaterstücken und nicht zuletzt mit seinen Auftritten als Christophe the Insulter einen Namen gemacht. In den letzten Jahren hat er darüber hinaus drei Romane veröffentlicht, die sich – was das Setting und ihren Inhalt betrifft – deutlich voneinander unterscheiden.
Sein Erstling Those Across the River (2011; dt. Jenseits des Flusses (2013) – nur als eBook erschienen) bietet klassischen Horror alter Schule, wie man ihn ansonsten nur noch selten zu Gesicht bekommt: Während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren erbt der ehemalige Geschichtsprofessor Frank Nichols, der nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg nie mehr so recht ins akademische Leben zurückgefunden hat, ein Haus in Whitbrow, Georgia. Trotz der – allerdings sehr kryptischen – Warnungen seiner verstorbenen Tante zieht er mit seiner Geliebten Eudora dort ein, nur um alsbald zu erkennen, dass etwas in den Wäldern jenseits des Flusses haust – genau dort, wo sich vor dem Bürgerkrieg die Plantage seines Urgroßvaters befunden hat, auf der einst schreckliche Dinge geschehen sein sollen. Und als die Bewohner von Whitbrow aufgrund ihrer alles andere als rosigen Lebensumstände ein altes Ritual nicht mehr durchführen, dessen Sinn sie längst vergessen haben, zeigt sich, dass die Bedrohung keineswegs jenseits des Flusses bleibt.
Between Two Fires von Christopher BuehlmanWaren in Those Across the River die USA bzw. die amerikanischen Südstaaten in einer für die Bevölkerung schwierigen Zeit der Schauplatz der Handlung, ist es in Between Two Fires (2012) das vom Hundertjährigen Krieg und der Pest verwüstete Frankreich um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Hier kreuzen sich die Lebenswege dreier sehr unterschiedlicher Personen, die sich auf eine Queste der besonderen Art begeben. Da wäre zunächst einmal Thomas de Givras, einst ein ehrbarer Ritter, der aufgrund gewisser Umstände tiefer gefallen ist, als er es sich jemals hätte vorstellen können. Immerhin ist er noch nicht ganz auf dem Niveau seiner plündernden, vergewaltigenden und mordenden Kumpane angekommen, und so hat er statt ihrer plötzlich eine neue Begleiterin: die junge Delphine, die die Stimmen von Engeln hört. Schon bald sind die beiden – denen sich noch der am liebsten volltrunkene Priester Père Matthieu anschließt – unterwegs zu jenem Ziel, das die Engelsstimmen Delphine genannt haben: nach Avignon, jenem Ort, an dem der Papst lebt. Doch der Weg dorthin ist weit und gefährlich, und die Gefahren, die auf de Givras, seinen Schützling und den Priester lauern, sind längst nicht alle nur von dieser Welt, denn Luzifer ist zu dem Schluss gekommen, dass Gott sich von den Menschen abgewandt haben muss, und er schickt seine Dämonen aus, um zu überprüfen, ob er recht hat. Between Two Fires ist ein düsterer Roman voller grausamer Bilder, den man durchaus als Grim & Gritty bezeichnen kann – doch im Gegensatz zu vielen anderen Romanen dieses Subgenres sind Buehlmans Protagonisten bemüht, allen widrigen Umständen zum Trotz auf der Leiter der Menschlichkeit zumindest ein paar Sprossen höher zu steigen.
In Buehlmans jüngstem Roman The Necromancer’s House (2013) schließlich werden der Hexer Andrew Blankenship und dessen Freundin Anneke – die nicht nur gemeinsam zaubern, sondern auch zusammen zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker gehen – in einen Konflikt mit der aus der slawischen Mythologie bekannten Baba Yaga hineingezogen, der sich rasch bedrohlich ausweitet.
Christopher Buehlman hat mit seinen ersten drei Romanen bewiesen, dass er ein Autor ist, der aus den unterschiedlichsten Settings und Situationen lesenswerte Romane machen kann, von daher – und weil er dem Drang zum Mehrteiler bislang erfolgreich widerstanden hat – könnte es sich lohnen, ihn im Auge zu behalten.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Frederik Hetmann, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Das vielleicht Faszinierendste am umfangreichen Oeuvre des am 17. Februar 1934 in Breslau geborenen Hans-Christian Kirsch, der in der Anfangsphase seiner schriftstellerischen Karriere noch seinen richtigen Namen benutzt, den weitaus größten Teil seiner Werke dann aber als Frederik Hetmann veröffentlicht hat, ist – neben der beeindruckenden Zahl der von ihm verfassten, herausgegebenen oder übersetzten Bücher – die thematische Bandbreite seines Schaffens, das sich gleichermaßen an Jugendliche wie an Erwachsene richtet. Hetmann hat u.a. mehrfach über Geschichte und Kultur der indianischen Urbevölkerung Amerikas (und der als Sklaven ins Land gekommenen Schwarzen) geschrieben, hat unzählige Märchen und Sagen gesammelt und in etlichen geographisch und/oder thematisch angeordneten Sammelbänden herausgegeben, Biographien politisch und/oder gesellschaftlich relevanter Persönlichkeiten verfasst und zeitkritisch-realistische ebenso wie phantastische Romane geschrieben; hinzu kommen Beiträge zur Märchenkunde und zur Theorie der phantastischen Literatur. Da es schlicht unmöglich ist, den vielfältigen Aspekten von Hetmanns Gesamtwerk in diesem Rahmen auch nur ansatzweise gerecht zu werden, wird es an dieser Stelle fast ausschließlich um einige seiner Fantasyromane gehen. Mit einem kleinen Seitenblick auf ein paar Bücher, die seine Fantasy ganz gewiss beeinflusst, wenn nicht sogar geprägt haben.
Die Reise in die Anderswelt von Frederik HetmannFrederik Hetmann hat Märchen aus aller Welt gesammelt und erzählt; einen Schwerpunkt dieser Tätigkeit bilden die Märchen der indianischen Urbevölkerung Nord- und Südamerikas, den anderen die Märchen und Sagen des irisch-keltischen Kulturraums, von denen er etliche in den drei Anthologien Irischer Zaubergarten: Märchen, Sagen und Geschichten von der Grünen Insel (1979), Die Reise in die Anderswelt: Feengeschichten und Feenglaube in Irland (1981) und Hinter der Schwarzdornhecke: Irlands Märchen und ihre Erzähler (1986) den deutschsprachigen Lesern und Leserinnen nahegebracht hat. (Außerdem dürften diese drei Anthologien nicht zuletzt den Boden für die in den 80er Jahren im Diederichs Verlag erschienene Fantasyreihe bereitet haben, in der Autoren wie T.H. White, Alan Garner, James Stephens oder Mervyn Wall – z.T. von Hetmann übersetzt – veröffentlicht wurden.)
Die Liebe zur irisch-keltischen phantastischen Erzähltradition und ihren Motiven lässt sich auch in Hetmanns phantastischen bzw. Fantasyromanen finden. Dies gilt weniger für seinen (Fantasy-) Erstling Wagadu (1983) – in dem sich die sinnsuchende jugendliche Hauptfigur auf eine Art Traumreise in eine archaische afrikanische Welt begibt – sondern vor allem für die (sich wie Wagadu an jugendliche Leser richtende) Dermot-Saga und seinen vielleicht wichtigsten phantastischen Roman Madru oder Der Große Wald. Ein Märchen (1984). Die Geschichte des Fischersohns Dermot, der davon träumt, eines Tages ein Barde zu werden und die Tochter des Königs aus ihrer Gefangenschaft zu befreien, und auf dem Weg zu seinem Ziel die unglaublichsten Abenteuer in dieser und der Anderswelt erlebt, wurde zuerst in zwei Bänden als Dermot mit dem roten Haar (1985) und Es wird erzählt in Erin … Die Saga von Dermot und Deirdre (1989) veröffentlicht und von Hetmann in den 90er Jahren zu einer Trilogie mit dem Titel Dermot – eine Saga aus Irland (Einzeltitel: Die Suche nach Deirdre (1995), Magier und Mönche (1996) und Dermot und Deirdre (1997)) erweitert und wirkt aufgrund des Settings und des Erzählduktus wie eine nacherzählte alte Sage.
Bei Madru oder Der Große Wald hingegen verweist vor allem die Rolle, die Bäume – und deren mythische Qualität – in dem Roman spielen, auf die irisch-keltischen Einflüsse, doch kommen im Falle der Geschichte um den “Sternensohn” Madru, der aufgrund astronomischer Berechnungen ausersehen wurde, Norrland, das Reich des Großen Waldes, zu schützen, eine spirituelle und eine Madru von Frederik Hetmanngesellschaftskritische Komponente hinzu. Denn Madru bedarf der Hilfe des Baumtarots, um sich für einen von drei Wegen – den Weg des Waldes, den Weg des Allwiss oder den Weg der Ritter – zu entscheiden, und zu kämpfen hat er nicht zuletzt gegen menschliche Herrschsucht und Gier. Diese Mischung, zu der sich auch noch die nicht zu unterschätzende Macht der Liebe gesellt, macht Madru zu einem der ungewöhnlichsten (nicht nur deutschsprachigen) Fantasyromane der 80er Jahre.
In der Fortsetzung Im Haus der Gefiederten Schlange (1990) wird die spirituelle Komponente noch wichtiger, denn Alder, der Sohn Madrus, der von seinem Vater das Baumtarot geerbt hat und zunächst den Verlockungen der Macht erliegt, ehe ein Schamane ihm den Weg zu seiner wahren Bestimmung zeigt, begibt sich auf eine noch weit phantastischere Reise als Madru, die ihn in Gefilde führt, die nichts mehr mit der irisch-keltischen Anderswelt zu tun haben, sondern deren Ursprünge in anderen alten Mythen liegen.
Mit Der wilde Park des Vergessens (1994), Der Kelim der Aphrodite (1995), Traumklänge oder Das längste Märchen, das es je gab (2004), Gaias Schwestern (2006 – dieser Titel scheint allerdings nie erschienen zu sein) und Zeitenwende (2006) hat Frederik Hetmann noch weitere phantastische Romane verfasst, von denen Traumklänge der vielleicht interessanteste ist: eingewoben in eine Rahmenhandlung erzählt er die Geschichte einer geheimnisvollen Kugel, die durch die Jahrhunderte in dieser und der Anderswelt von Hand zu Hand wandert (und manche dieser Hände sind wohlbekannt), und verkündet einmal mehr Hetmanns bereits in der Dermot-Saga oder Madru zu findendes Credo, dass alles miteinander verbunden sei.
Wie eingangs erwähnt, hat Frederik Hetmann auch theoretische Schriften zur phantastischen Literatur verfasst. Hier seien z.B. “Merlin. Porträt eines Zauberers” (in T.H. White: Das Buch Merlin (1980)) oder “Ausflug in die Anderswelt. Ein Plädoyer für die Phantastische Literatur” (in: Le Blanc/Solms (Hrsg.): Phantastische Welten. Märchen, Mythen, Fantasy (1994)) sowie das (allerdings ein bisschen wie ein Schnellschuss wirkende) Die Freuden der Fantasy. Von Tolkien bis Ende (1984) und das sich um Märchen drehende Traumgesicht und Zauberspur. Märchenforschung, Märchenkunde, Märchendiskussion (1982) genannt, die alle mehr oder weniger deutlich zeigen, wie ernsthaft sich Frederik Hetmann mit phantastischer Literatur und Fantasy befasst hat und wie wichtig ihm das Phantastische war. Das mag bei einem Autor, der z.B. in seinen Biographien und den Werken über die nordamerikanischen Indianer fraglos einen aufklärerischen Ansatz verfolgt hat, auf den ersten Blick verwundern – allerdings nur dann, wenn man die Phantastik, vor allem aber die Fantasy ausschließlich in die Eskapismus-Ecke steckt (in der Teile von ihr gewiss zu Recht stehen). Frederik Hetmann hat schon in den 80er Jahren gegen diese Einstellung angeschrieben; umso bedauerlicher ist es, dass er heute, noch keine zehn Jahre nach seinem Tod am 01. Juni 2006, zumindest als Fantasyautor mehr oder weniger vom Markt und auch so ziemlich aus dem Bewusstsein der Leserschaft verschwunden zu sein scheint.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert James A. Sullivan, der heute seinen 40. Geburtstag feiert. Als Co-Autor von Bernhard Hennen mischte der am 14. Februar 1974 in West Point, New York, geborene James Arthur Sullivan zunächst bei Die Elfen (2004) mit, zu denen er auf Solo-Pfaden in jüngster Vergangenheit auch mit Nuramon (2013) wieder zurückgekehrt ist.
Wir haben anlässlich seines Geburtstages sein Portrait aktualisiert, wo ihr euch genauer informieren könnt.

Wer James gratulieren möchte, kann dies übrigens auch in unserem Forum tun, wo er hin und wieder als “Nuramon” unterwegs ist. Wir sagen hier schon mal: Alles Gute, Jamie!

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Walter Wangerin jr., der heute 70 Jahre alt wird. Der am 13. Februar 1944 in Portland, Oregon, geborene Autor, Theologe und Hochschullehrer Walter Wangerin jr., der seit 1991 an der Valparaiso University in Indiana Literatur, Theologie und Kreatives Schreiben lehrt, hat seit Ende der 70er Jahre ein umfangreiches Oeuvre geschaffen, das praktisch immer einen religiösen Hintergrund hat und etliche Sach- und Kinderbücher sowie Romane wie z.B. The Book of God: The Bible as Novel (1996; dt. Das Buch von Gott: die Bibel als Roman (1997)), Paul: A Novel (2000; dt. Der Apostel: Paulus, ein Leben (2001)) und Jesus: A Novel (2005; dt. Jesus: der Roman (2006)) umfasst. Dass er hier in diesem Blog auftaucht, verdankt er allerdings seinen Fantasyromanen, die – wen kann das in Anbetracht von Wangerins Hintergrund noch überraschen? – einen deutlichen allegorischen Charakter haben. Dessen ungeachtet sind sie durchaus unterhaltsam, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass es sich bei The Book of the Dun Cow und dessen Fortsetzungen um Animal Fantasies handelt, und dass Wangerin etliche seiner Protagonisten überaus gelungen sind.
The Book of Dun Cow von Walter Wangerin jr.The Book of the Dun Cow (1978; dt. Der weiße Hahn und die braune Kuh (1981)) erzählt die Geschichte Chauntecleers, eines eitlen, selbstgefälligen “Gockels” im wahrsten Sinne des Wortes, der in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht in Erscheinung getreten sind – einer unschuldigeren Zeit, in der die Welt noch im Mittelpunkt der Schöpfung steht, die Sonne um sie kreist und die Tiere sprechen können und menschliche Eigenschaften haben – über seinen Hühnerhof und das umliegende Land herrscht. Und auch wenn er schnell wütend wird und sich selbst viel zu wichtig nimmt, will er doch eigentlich ein guter, gerechter Herrscher sein. Als es Wyrm, einem uralten Monster, das tief unter der Erde haust, durch einen Trick gelingt, auf einem anderen Hühnerhof seinen Sohn Cockatrice (Basilisk in der deutschen Ausgabe) – ein Mischwesen aus Schlange und Hahn – in die Welt zu bringen, und besagter Cockatrice dort ein Schreckensregime errichtet, mit den Hennen ein Heer tödlicher Basilisken erschafft und sich anschickt, mit ihnen den Rest der Welt zu erobern, sieht sich Chauntecleer seiner größten Herausforderung gegenüber. Natürlich nimmt er diese Herausforderung an – er kann gar nicht anders – und er ist auch nicht allein, denn die Tiere seines kleinen Reiches folgen ihm willig, und er weiß um die Unterstützung seiner engsten Vertrauten, zu denen seine Lieblingshenne Pertelote (die Cockatrices Schreckensherrschaft entkommen ist), John Wesley Weasel und Mundo Cani, der traurige, schwermütige Hund, zählen. Doch der Kampf, der alsbald beginnt, erweist sich als verlustreich und kaum zu gewinnen – und er fordert Opfer und zwingt zu Entscheidungen, an denen diejenigen, die sie treffen, schwer zu tragen haben …
The Book of the Dun Cow (und ja, die im Titel genannte braune Kuh spielt durchaus eine Rolle, auch wenn sie eher indirekt in die Handlung eingreift) ist kein fröhliches Buch, auch wenn es seine heiteren Momente hat, doch verglichen mit der Fortsetzung The Book of Sorrows (1985) wirkt es wie eine leichte Gute-Nacht-Lektüre. Die düstere, um nicht zu sagen pessimistische Grundstimmung des zweiten Bandes hat vor allem mit der Entwicklung zu tun, die Chauntecleer durchmacht. Schon im ersten Band hat sich der anfangs so stolze Gockel verändert, doch in The Book of Sorrows wird ihm die Bedeutung dessen, was es heißt, zu herrschen, zu entscheiden und Verantwortung zu tragen, voll und ganz bewusst. Und in dem Versuch, frühere Entscheidungen zu revidieren und zum Besseren zu wenden, macht er neue Fehler und bürdet sich weitere Schuldgefühle auf. Schildert der erste Band einen epischen Kampf zwischen Gut und Böse – wenn auch “nur” auf einem Hühnerhof –, so geht es im zweiten um Schuld und Sühne, und da spielt es eigentlich keine Rolle, dass die Welt, in der das alles sttattfindet, vergleichsweise klein ist.
So ganz glücklich scheint Walter Wangerin jr. mit dem düsteren Ende des zweiten Bands seiner Hühnerhof-Saga auf Dauer selbst nicht gewesen zu sein, denn im November 2013 hat er sie mit The Third Book of the Dun Cow: Peace at the Last zur Trilogie ergänzt (und bei dieser Gelegenheit zumindest die eBook-Ausgabe von The Book of Sorrows in The Second Book of the Dun Cow: Lamentations umbenannt), und dieser Titel lässt auf einen versöhnlicheren Ausgang der Geschichte schließen.
The Book of the Dun Cow (das 1980 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde) und dessen Fortsetzung(en) sind sicher nicht jedermanns Sache, denn die Figuren sind schon sehr holzschnittartig angelegt (vor allem die Bösen sind nur böse); dessen ungeachtet kann man ihr Denken und Tun jederzeit nachvollziehen, und wenn man sie erst kennengelernt hat, vergisst man weder den stolzen Chauntecleer, noch die kluge Pertelote, den vorwitzigen John Wesley Weasel und vor allem den traurigen Mundo Cani – der zeigt, dass es möglich ist, die eigenen Ängste zu besiegen und wirklich über sich hinauszuwachsen – so leicht wieder.
Die christlich-allegorische Komponente ist zu erkennen, wenn man sie erkennen will, doch genausogut kann man auch nach den Spuren der mittelalterlichen Fabel Chantecleer and the Fox suchen, oder nach denen, die noch von The Nun’s Priest’s Tale (einem von Geoffrey Chaucers Canterbury Tales) zu finden sind, denn auf ihnen basiert The Book of the Dun Cow (allerdings sehr locker). Und natürlich kann man die Geschichte auch einfach nur lesen.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Jane Yolen, die heute 75 Jahre alt wird. Es dürfte kaum eine zweite Fantasyautorin geben, bei der die Diskrepanz zwischen dem Bekanntheitsgrad in ihrem Heimatland und bei uns ähnlich groß ist wie bei der am 11. Februar 1939 in New York City geborenen Jane Hyatt Yolen. Das mag einerseits mit daran liegen, dass ein Großteil ihres Schaffens aus Bilderbüchern und teils phantastischen, teils nichtphantastischen Büchern für Kinder und Jugendliche besteht, erklärt aber trotzdem nur teilweise, warum noch nicht einmal zehn Prozent der ca. 300 Bücher, die sie geschrieben und/oder herausgegeben hat, übersetzt wurden. Vor allem, wenn man bedenkt, wie groß ihr Ansehen in ihrer Heimat ist, wo sie als “Hans Christian Andersen of America” bezeichnet wird und zehn Jahre lang eine nach ihr benannte Kinder- und Jugendbuchreihe herausgegeben hat.
Jane Yolens Karriere begann 1963 mit dem sich an Kinder richtenden Sachbuch Pirates in Petticoats, in dem es um Piratinnen geht, und dem Bilderbuch See This Little Line. Auf diese beiden Bücher folgte 50 Jahre lang ein stetiger Strom weiterer Veröffentlichungen, die zumeist zur Fantasy zu zählen sind, so dass die o.g. Titelzahl nicht mehr verwunderlich sein dürfte. Ebensowenig dürfte überraschen, dass dieser Beitrag nur Schlaglichter auf ein derart umfangreiches Oeuvre werfen kann, die vor allem ein paar von Jane Yolens phantastischen bzw. Fantasy-Romanen für Jugendliche und (jüngere) Erwachsene ein wenig beleuchten sollen.
Auf der schmalen Grenzlinie zwischen SF und Fantasy bewegt sich die aus den Romanen Dragon’s Blood (1982; dt. Drachenblut (2001)), Heart’s Blood (1984; dt. Herzblut (2002)) und A Sending of Dragons (1987; dt. Die Drachenbotschaft (2002)) bestehende The Pit Dragon Trilogy (unter diesem Titel auch als Sammelband (1998); dt. Der Drachenkämpfer von Sarkkhan (SB, 2006)), die auf einem fernen Planeten spielt, auf dem Drachen gezüchtet werden, um sie gegeneinander kämpfen zu lassen. Der junge Jakkin, der sich als Knecht auf einer Drachenfarm verdingen musste, will sich aus dieser Abhängigkeit freikaufen, indem er heimlich einen Kampfdrachen aufzieht. Als Heart’s Blood ausgewachsen ist, erweist er sich tatsächlich als großartiger Kämpfer – doch damit fangen Jakkins Probleme erst so richtig an … Die Jahre später mit dem Band Dragon’s Heart (2009) fortgesetzte Jugendbuch-Trilogie verdankt ihre Entstehung vor allem der Tatsache, dass Jane Yolen unbedingt einmal über Drachen schreiben wollte, und das tut sie hier auf recht originelle Weise.
Eindeutig SF – die sich dennoch irgendwie ein bisschen wie Fantasy anfühlt – ist Cards of Grief (1984; dt. Eine Welt der Traurigkeit (1988)), Yolens erster Roman für Erwachsene. In dem 1985 mit dem Mythopoeic Fantasy Award (!) ausgezeichneten Roman geht es um die Anthropologist Guild, die mit ihren Raumschiffen durch die Galaxis fliegt, um die Bewohner fremder Planeten zu studieren, und dabei auf eine Kultur stößt, in der Trauern die höchste Kunstform ist.
Sister Light, Sister Dark von Jane YolenIhre nächsten Romane für Erwachsene waren dann aber reinrassige Fantasy und ihr vielleicht wichtigster Beitrag zum Genre: Sister Light, Sister Dark (1988) und White Jenna (1989), die eigentlich einen Roman bilden und einige Jahre später auch unter dem Titel The Books of Great Alta (1990) als Sammelband veröffentlicht wurden. Sie erzählen die Geschichte der jungen, weißhaarigen Jenna, die dreimal zur Waise wird: ihre Mutter stirbt bei ihrer Geburt, die Hebamme, als sie sie in Sicherheit bringen will, und die Kriegerin, die sie adoptiert, wird einige Zeit später im Kampf getötet. Jenna wird von einer Gemeinschaft von Amazonen aufgenommen, die ihr Dasein nach den Vorgaben der Great Alta – einer gütigen Göttin – ausrichten und nicht nur ohne Männer als Kriegerinnen, Bäuerinnen und Priesterinnen leben, sondern auch ihre Dark Sister heraufbeschwören können, ihre andere, dunkle Seite, die sie erst “ganz” macht. Bei diesen Frauen gibt es eine alte Prophezeiung, und Jenna entspricht genau der Anna, dem weißhaarigen Kind, das gemäß besagter Prophezeiung drei Mütter verloren hat und eine Messiasfigur ist, die eines Tages alles verändern wird. Und genau das tut Jenna, als sie im Wald den jungen Prinzen Carum rettet und dessen Verfolger tötet. Doch die erste Veränderung ist keine zum Guten, denn sie führt dazu, dass Jennas neues Zuhause zerstört und ihre Familie getötet wird … Was die – 1998 um den Roman The One-Armed Queen ergänzte – Great Alta Saga zu etwas Besonderem macht, ist allerdings nicht der Plot, der eine Mischung aus vertrauten und originellen neuen Elementen wie dem Prinzip der Dark Sister bietet und mit seiner feministisch-humanistischen Ausrichtung in vielerlei Hinsicht typisch für (vor allem in den 80er Jahren) von Frauen geschriebene Fantasy ist, sondern die Art, wie die Geschichte erzählt wird. Denn in den Romanen gibt es Zwischenüberschriften wie “The Story” (für die Kapitel, in denen die eigentliche Geschichte erzählt wird), “The Myth”, “The Legend”, “The Ballad” und “The History”, in denen Jane Yolen zeigt, wie eine Geschichte zum Mythos und zur Legende werden kann – und was die Historiker viele Jahre später aus dem überlieferten Stoff machen. Vor allem Letzteres bietet einen ironischen Blick auf die Tatsache, wie sehr Vorannahmen oder Denkstrukturen die Interpretation nur als Überlieferungen vorliegender Geschehnisse beeinflussen. Faszinierend ist dabei nicht zuletzt, wie stimmig die einzelnen Ebenen miteinander verwoben sind, und es ist mehr als schade, dass ausgerechnet Romane wie diese, die einmal mehr zeigen, was im Rahmen der ach so eskapistischen Fantasy möglich ist, es nie zu einer deutschsprachigen Veröffentlichung gebracht haben.
Sehr wohl auf Deutsch erschienen ist hingegen The Devil’s Arithmetic (1988; dt. Chaja heißt Leben (1989)), ein Jugendbuch, in dem die von den Geschichten ihrer Großeltern genervte Hannah am Vorabend des Passah-Fests die Tür öffnet, um symbolisch den Propheten Elijah zu begrüßen – und sich schlagartig im Jahre 1942 wiederfindet und dort als Chayah nicht nur in ein Konzentrationslager kommt, sondern auch bald vor der Tür zu den Duschen steht. Zwar kehrt Hannah/Chayah zu ihrer Familie zurück, doch das, was sie in der Vergangenheit erlebt hat, wird sie niemals vergessen. Auch Briar Rose (1992; dt. Dornrose: die Geschichte meiner Großmutter (2010)) dreht sich um die Schrecken des Holocaust, allerdings kommt die Geschichte – die vage an das Märchen Dornröschen angelehnt ist – ohne eine phantastische Komponente aus.
Die Rock ‘n’ Roll Fairy Tales, die Jane Yolen zusammen mit ihrem Sohn Adam Stemple schreibt, könnte man der Urban Fantasy zuordnen; das gilt zumindest für den ersten Band, Pay the Piper (2005), der als Rattenfänger: ein Rock-‘n’-Roll-Märchen (2007) auch auf Deutsch erschienen ist und die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln nach Northampton, Massachusetts, und ins Rock-‘n’-Roll-Milieu verlegt. Der zweite Band, Troll Bridge (2006), harrt bis heute einer Übersetzung. Zu einer solchen hat es immerhin Sword of the Rightful King (2003; dt. Das Geheimnis des magischen Schwertes. Ein Artus-Roman (2004)) gebracht – und viel mehr als die bislang genannten Titel (plus einem halben Dutzend Bilderbücher) wird man von Jane Yolen nicht in deutscher Sprache finden.
White Jenna von Jane YolenWer auf Englisch liest und die Autorin einfach mal antesten will, sich aber vom feministisch-humanistischen Grundton der Great Alta Saga – ihres besten bzw. beeindruckendsten Werks – abgeschreckt fühlt, der kann auch zu einer Kurzgeschichtensammlung wie etwa Tales of Wonder (1983, mit “Cards of Grief”, der Story, aus der der gleichnamige Roman hervorging) oder Merlin’s Booke (1986, Gedichte und Geschichten, die sich um Merlins Leben drehen) greifen, um Jane Yolens Erzählstimme und damit eine Autorin kennenzulernen, die in ihrer Heimat gerne mit Dianne Wynne Jones oder Patricia McKillip verglichen wird und 2009 für ihr Lebenswerk mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Ashok K. Banker, der heute seinen 50. Geburtstag feiert. Auch wenn es nur eine Buchreihe (und die nicht einmal komplett) des am 7. Februar 1964 in Mumbai, Indien, geborenen Ashok Kumar Banker überhaupt nach Deutschland geschafft hat, ist schon das eine große Ausnahme in einem Genre, das so stark von westlichen Autoren und Autorinnen dominiert wird wie die Fantasy.
Banker allerdings scheint – ganz leicht lässt sich das von außen ja nicht abschätzen – auch auf seinem heimischen Buchmarkt in Indien ein Sonderfall zu sein: Am Anfang seiner Karriere standen Krimis mit einer weiblichen Ermittlerin, und aktuell schreibt er eine Thriller-Reihe mit einer rein weiblichen Figurenriege. Seine Fantasy-Projekte sind vor allem eines – ambitioniert. Denn er hat sich nicht weniger zum Ziel gesetzt, als die indischen Nationalepen Ramayana und Mahabharata im Stile einer Prince of Ayodhya von Ashok K Banker.epischen Fantasy-Saga (durchaus auch am westlichen Vorbild orientiert) nachzuerzählen. Dass sich der Stoff hervorragend dafür eignet, macht ein Blick auf Prince of Ayodhya (2002, dt. Der Prinz von Ayodhya (2004)), den ersten Band des Ramayana-Zyklus, deutlich: Maharadscha Dasaratha hat den Stämmen Indiens Wohlstand und Frieden gebracht und will nun, da er selbst todkrank ist, seinen jungen Sohn Rama zum Kronprinzen machen, muss sich allerdings gegen innerfamiliäre Intrigen behaupten. Als auch noch ein großer Seher vor dem Dämonenherrscher Ravana warnt, der sich die Welt untertan machen möchte, wird schnell klar, dass dem jungen Rama Großes bevorsteht – er wird zusammen mit seinem Ziehbruder und besten Freund auf eine Queste ausgesandt. Und der große Kampf gegen die Dämonenheere, der ihnen am Ende des Bandes bevorsteht, ist erst der Anfang der Abenteuer des Rama.
Dass sich Banker acht Bände lang Zeit nimmt, um dem durchaus umfangreichen Versepos gerecht zu werden, hilft gerade Lesern und Leserinnen, die mit dem historisch-mythischen Indien nicht vertraut sind, bei der Eingewöhnung, denn man muss sich in die Begrifflichkeiten in Sanskrit und die sowohl kulturell als auch bezogen auf Fantasy-Stereotypen (es gibt zum Beispiel Brahmanen statt Magier) ungewohnte Welt erst einmal einlesen. Spannend ist dabei vor allem die Gratwanderung, die Banker zwischen dem mythischen Grundton, der in den Ereignissen und ihrer Aufbereitung immer durchschimmert, und einer Modernisierung vollführt, die sich sehr auf die handelnden Personen konzentriert und diese samt ihrer nicht ganz alltäglichen Probleme sehr plastisch wirken lässt. Selbst Götter und Dämonen haben dabei etwas Menschliches an sich und kämpfen mit der Akzeptanz des dharma, und Sterbliche können zurücktreten und Trost in dem größeren Zyklus aus Werden und Vergehen finden, in dem sie agieren.
Die Ramayana-Reihe wurde in insgesamt acht Bänden abgeschlossen, auf Prince of Ayodhya folgten Siege of Mithila (2003, dt. Die Belagerung von Mithila (2004)), Demons of Chitrakut (2004, dt. Die Dämonen von Chitrakut (2005)), Armies of Hanuman (2005), Bridge of Rama (2005), King of Ayodhya (2006), Vengeance of Ravana (2011) und Sons of Sita (2012).
Während die Reihe in Indien offenbar eine Schwemme von mythologisch inspirierter Fantasy-Literatur ausgelöst hat – und auch etliche Folgeprojekte des Autors selbst nach sich zog, der sein ehrgeiziges Ziel, die Epen seiner Heimat behutsam zu modernisieren, weiter verfolgt –, wurde sie in Deutschland nach dem dritten Band eingestellt.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Dennis Schmidt, der heute 75 Jahre alt geworden wäre. Über den am 30. Januar im amerikanischen Bundesstaat Illinois geborenen Dennis Arthur Schmidt ist außer der Tatsache, dass er zwischen 1978 und 1990 zwei SF-Serien und einen Fantasyzyklus bei Ace Books veröffentlicht hat, kaum etwas bekannt. Während die beiden SF-Serien nur in den USA erschienen sind, hat es der von ihnen im Hinblick auf die Veröffentlichungsdaten eingerahmte Fantasyzyklus namens Twilight of the Gods immerhin auch nach England geschafft.
Als 1985 mit The First Name, dem Auftaktband von Twilight of the Gods, Schmidts erster Fantasyroman erschien, war für die Sword & Sorcery längst die im Zyklustitel beschworene Götterdämmerung angebrochen. Das ist vor allem deswegen bedauerlich, da das Subgenre zu diesem Zeitpunkt deutlich über die Conan-Epigonen der 70er Jahre hinausgewachsen war und neue, vielversprechende Autoren die Szene betreten hatten, die mit mehr als barbarischen Schwertschwingern (oder zumindest interessanten Variationen davon) aufwarteten, sich aber letztlich gegen die meist tolkieneske oder dynastische High Fantasy ebensowenig behaupten konnten wie viele andere, weitaus originellere Konzepte.
The First Name von Dennis SchmidtThe First Name scheint sich zunächst auf vertrautem Terrain zu bewegen, denn ein Blick auf die Karte zeigt aus der nordischen Mythologie bekannte Begriffe: von Asaheim (mit der Hauptstadt Asgard) über Vanaheim, Jotunheim, Alfarheim und Swartalfheim bis hin zu Muspellheim ist da Einiges vertreten, das man aus der Edda und ähnlichen Quellen kennt, und im beigefügten Glossar finden sich noch mehr bekannte Namen. Allerdings geht Schmidt sehr eigenwillig mit der nordischen Mythologie um und verschmilzt sie mit Elementen aus dem Kalevala, aus den Mythen Mesopotamiens und des Fernen Ostens und den Legenden der nordamerikanischen Indianer und inszeniert das Ganze wie eine – zugegebenermaßen reichlich blutrünstige – Wagner-Oper. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise ist gleichermaßen faszinierend wie irritierend, wenn immer wieder einmal eigentlich vertraut wirkende Figuren plötzlich in einem völlig neuen Kontext auftauchen. Leider wird das originelle Konzept auf der erzählerischen Ebene nicht entsprechend unterstützt, da Schmidts unentschlossener, mal gedrängter, mal “tönender” Erzählduktus weder dem Setting noch den Figuren ausreichend Raum zur Entfaltung gewährt. Im Zusammenhang mit den reichlich vorhandenen Sex- und Gewaltszenen verleiht das der Trilogie (die angesichts des abrupten Endes von Band drei vermutlich eine Tetralogie hätte werden sollen) einen kräftigen Trash-Faktor.
Die Geschichte selbst ist schnell umrissen: in The First Name lässt der Aesir-Krieger Borr (Borr Skullcracker, genauer gesagt) nach dem Überfall auf eine Karawane einen schwer verwundeten zeitweiligen Verbündeten zum Sterben zurück. Der Sterbende – ein nicht sonderlich mächtiger Magier namens Surt – verflucht ihn und sein Geschlecht … und stirbt anschließend keineswegs, da er einen Pakt mit dem Totengott schließt. Bald darauf ist er Priesterkönig von Muspellheim und macht sich daran, dafür zu sorgen, dass sein Fluch sich tatsächlich erfüllt, was nicht nur Borrs (auf dem Schlachtfeld gezeugten) Sohn Voden in diesem und den Folgebänden Groa’s Other Eye (1986) und Three Trumps Sounding (1988) einige Probleme bereitet, sondern dem ganzen Volk der Aesir und der mit ihnen verbündeten Vanir – und irgendwann steht noch sehr viel mehr auf dem Spiel. Im Laufe der Geschichte zieht Voden (der zwei familiars namens Hugin und Munin besitzt) quer durch die ganze Welt, findet Freunde, trifft auf Feinde und tut das, was die typischen Helden der Sword & Sorcery eben so tun – allerdings ist besagte Welt wie schon erwähnt eine reichlich bizarre Alternativwelt, in der die Mythen-Weber zumindest kurzfristig deliriert und ihre Mythen durcheinandergebracht haben.
Wer Sword & Sorcery mag und mit einem gewissen Trash-Faktor leben kann (wobei man sagen könnte, dass Erstere ohne Letzteres ohnehin nur schwer möglich ist) und sich auch an ein bisschen mehr Blut und Sex als bei den zahmeren Conan-Epigonen üblich nicht allzu sehr stört, dem könnte Twilight of the Gods durchaus Spaß machen. Denn trotz ihrer Schwächen ist die Trilogie durch ihre unbekümmerte, verfremdende Verwendung altbekannter Figuren und Motive deutlich farbiger und origineller als Vieles von dem, was das Subgenre sonst zu bieten hat, und mit ein bisschen mehr editorischer Sorgfalt und einer eventuell auf vier Bände gestreckten Handlung hätte sie sogar richtig gut werden können.
Nach seinem Ausflug in die Fantasy hat Dennis Schmidt sich wieder der SF zugewandt und eine vom Ansatz her ebenfalls ungewöhnliche dreibändige Space Opera verfasst; danach ist er als Autor praktisch verstummt (abgesehen von einer 2001 in einer Anthologie erschienenen Kurzgeschichte) – und am 29. Mai 2003 ist er im Alter von 64 Jahren verstorben.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Parke Goodwin, der heute 85 Jahre alt geworden wäre. In der Phantastikszene zum ersten Mal so richtig auf sich aufmerksam machte der am 28. Januar 1929 in New York City geborene Parke Godwin mit dem gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Marvin Kaye verfassten Roman The Masters of Solitude (1978; dt. Meister der Einsamkeit (1980)), dem Auftakt eines auch für Fantasyleser interessanten gleichnamigen Post-Doomsday-Dreiteilers, in dem in einem Amerika nach der großen Katastrophe eine bäuerliche, von einer verzerrten Form des christlichen Glaubens geprägte und in kleinen Dörfern lebende Bevölkerung mit den Bewohnern einer Stadt zusammenprallt, die sich um ein wissenschaftliches Weltbild und die Wiederbeschaffung verlorenen Wissens bemühen. Der vermutlich größte Makel der mit Wintermind (1982) fortgesetzten Sequenz dürfte sein, dass der Abschlussband Singer Among the Nightingales nie erschienen ist (auch wenn er inzwischen angeblich fertig sein soll), was es ein bisschen leichter verschmerzbar macht, dass der zweite Band nie übersetzt wurde.
1983 hat Parke Godwin noch ein weiteres Mal mit Marvin Kaye zusammengearbeitet und mit ihm den Spukhaus-Roman A Cold Blue Light verfasst. Einige Zeit zuvor hatte er sich allerdings bereits allein als Autor versucht und sich zunächst der (in einem historischen Setting angesiedelten) Fantasy zugewandt.
Firelord von Parke GodwinFirelord (1980; dt. Feuerkönig) eröffnet eine sehr locker zusammenhängende, im Original auch unter diesem Obertitel laufende Trilogie, deren erster Band Godwins Interpretation des Artus-Mythos darstellt, der hier als historischer Roman mit nur marginalen phantastischen Elementen daherkommt. Dessen ungeachtet wird der Ich-Erzähler Artus in dem eindringlich und kraftvoll erzählten Buch zu einer fast schon übermenschlichen, beeindruckenden Gestalt, die allerdings keineswegs frei von allzu menschlichen Schwächen und Fehlern ist. Im zweiten Band Beloved Exile (1984; dt. unter dem Obertitel Die Erbin von Camelot als Der tote König (1987) und Im fremden Land (1988)) rückt Artus’ Gemahlin Guenevere oder auch Ginevra aus nachvollziehbaren Gründen in den Mittelpunkt des Geschehens. Ihre ebenfalls von ihr selbst erzählte Geschichte – die in fast allen anderen Versionen des Mythos mit Artus’ Tod ebenfalls endet bzw. bisher so gut wie nie erzählt wurde – ist ganz anders als die des “Firelord”, aber keineswegs weniger interessant oder berührend. (Diese beiden Romane bzw. deren Übersetzungen sind 2001 auch noch einmal als Sammelband unter dem Titel Camelot erschienen.) The Last Rainbow (1985), der dritte Band der Firelord Series, entfernt sich dann gänzlich vom Artus-Mythos. In dem auf Deutsch unter dem Obertitel Der Priester und die Elfe als Dorelei und Der letzte Regenbogen (beide 1988) erschienenen Prequel geht es um den heißblütigen jungen Priester Patricius, der die Picten zum Christentum bekehren will und es dabei nicht nur mit dem Unwillen derer, die er bekehren will, zu tun bekommt, sondern auch mit Elfen und Magie. Auch wenn hier das phantastische Element deutlich stärker ausgeprägt ist als in den Vorgängerbänden, ist der Roman aufgrund seines Themas und dessen (vielleicht nicht immer ganz gelungener) Umsetzung ein weiteres Beispiel für die Vielfalt der Fantasy der 80er Jahre.
Nach einem kurzen Abstecher in die SF – der im Falle der zweibändigen Snake-Oil-Sequenz (1988/89) zu einer bitterbösen Satire auf die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen und die Rolle der Religion im Besonderen geführt hat – wandte Parke Godwin sich einer anderen Figur zu, die in der englischen Folklore eine wichtige Rolle spielt, wobei er sich an den älteren Versionen der bekannten Legende orientiert hat: Sherwood (1991) und Robin and the King (1993) erzählen die Geschichte Robin Hoods in einem England, das erst kurz zuvor von den Normannen erobert wurde und dessen mystische und mythische Vergangenheit in den realpolitischen Wirren immer mehr schwindet und allmählich in Vergessenheit gerät. Oder, anders ausgedrückt, sie erzählen vom Zusammenprall der alten angelsächsischen Kultur mit der der Eroberer vom Festland. Mit Lord of Sunset (1998) schuf er einige Jahre später noch eine Art Prequel, in dessen Mittelpunkt Harold Godwinson, der letzte angelsächsische König Englands steht.
The Tower of Beowulf von Parke GodwinWesentlich interessanter als letztgenannter Titel ist allerdings The Tower of Beowulf (1995), ein Roman, in dem Parke Godwin nicht nur dem ach so schrecklichen Monster namens Grendel ein Denkmal setzt (ähnlich wie und kaum schlechter als das John Gardner in seinem gleichnamigen Roman gelungen ist), sondern sich auch mit der Frage befasst, was einen Helden letztlich ausmacht – vor allem dann, wenn Held und Monster sich eigentlich viel ähnlicher sind als Ersterer es sich eingestehen mag. Wer immer noch glaubt, dass man keine intelligente oder tiefgründige Sword & Sorcery schreiben kann, könnte durch The Tower of Beowulf vielleicht eines Besseren belehrt werden.
Einige von Godwins phantastischen Geschichten sind in dem Sammelband The Fire When It Comes (1984) erschienen; mit der Titelstory – in der es um eine Schauspielerin geht, die eines Nachts aufwacht und sich wundert, was die neuen Mieter in ihrem Apartment machen – hat er 1982 den World Fantasy Award gewonnen. Davon einmal abgesehen dürfte der am 19. Juni 2013 verstorbene Parke Godwin zu den zu Unrecht unterschätzten Autoren des Genres gehören, der sowohl im Bereich der historischen Fantasy wie der SF überzeugende, viel zu wenig bekannte Romane vorgelegt hat.

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