Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika gratuliert George R.R. Martin, der heute 65 Jahre alt wird. Im Gegensatz zu so manch anderen Autoren und Autorinnen, denen wir an dieser Stelle zum Geburtstag gratuliert oder an die bzw. deren Werk wir erinnert haben, dürfte der am 20. September 1948 in Bayonne, New Jersey, geborene George Raymond Richard Martin auch hier in Deutschland spätestens seit der Ausstrahlung der TV-Serie Game of Thrones nicht nur der Fantasyleserschaft, sondern auch ansonsten nicht primär an Fantasy interessierten Lesern und Leserinnen ein Begriff sein. Da es außerdem über den der TV-Serie zugrundeliegenden Fantasyzyklus mit dem klangvollen Titel A Song of Ice and Fire bzw. Das Lied von Eis und Feuer mehr als genug Material im Internet zu finden gibt, haben wir uns entgegen unserer sonstigen Vorgehensweise entschlossen, in diesem Fall nicht Martins Fantasy, sondern seine anderen Werke in den Mittelpunkt einer kurzen, zwangsläufig kursorischen Betrachtung zu stellen. Denn schon lange bevor GRRM sich mit A Game of Thrones, dem ersten ASoIaF-Band, ernsthaft der Fantasy zuwandte, hatte er sich mit etlichen hervorragenden, größtenteils der SF zuzurechnenden Erzählungen (und ein paar Romanen) einen Namen gemacht und galt zeitweise als eine der größten Hoffnungen des Genres.
George R.R. Martins erste professionelle Veröffentlichung war “The Hero”* (1971) in der Februar-Ausgabe des SF-Magazins Galaxy. Diese und eine ganze Reihe weiterer kurzer und längerer, teils preisgekrönter Geschichten – wie etwa “With Morning Comes Mistfall” (1973), “A Song for Lya” (1974), “And Seven Times Never Kill Man” (1975), “The Stone City” (1977), “Sandkings” (1979) oder “Nightflyers” (1980), um nur die herausragendsten zu nennen – spielen vor einem gemeinsamen Hintergrund, einer nie genauer definierten, als The Thousand Worlds oder auch The Manrealm bezeichneten Future History. Ebenfalls Teil dieser Future History ist Dying of the Light von George R.R. MartinDying of the Light (1977; dt. Die Flamme erlischt (1978)), Martins erster Roman. Er erzählt die Geschichte Dirk t’Lariens, der eine Nachricht seiner ehemaligen Geliebten Gwen erhält und nach Worlorn reist, einem einsamen Planeten am Rand des besiedelten Bereichs der Galaxis. Worlorn ist ein Irrläufer, der sonnenlos durchs All torkelt; als er kurzfristig in den Einflussbereich einer Sonne gerät, nutzen ihn die Zivilisationen des Randes, um dort ein Festival abzuhalten. Doch als Dirk nach Worlorn kommt, ist der Planet schon längst wieder verlassen. Nur die Städte sind geblieben, die für das Festival gebaut wurden, und sie und der Planet selbst bilden die Kulisse für eine Geschichte, die sich um Liebe und Ehre, um Selbstlügen und kulturelle Zwänge dreht, denn die Gwen von heute ist nicht mehr die Gwen, an die Dirk sich erinnert, und ihre Beziehung zu zwei Männern von High Kavalaar, einer Welt, deren Kultur von einem rigiden Ehrenkodex dominiert wird, ist nur eines der Probleme, denen Dirk t’Larien sich gegenübersieht. Trotz mancher Schwächen ist Dying of the Light ein wunderbarer, atmosphärischer romantischer Roman, in dem das Setting eine beinahe ebenso große (und ebenso überzeugende) Rolle spielt wie die Figuren, und in dem der Einfluss des von Martin bewunderten Jack Vance deutlich spürbar ist.
Auch die zuerst fast ausschließlich in Analog erschienenen und schließlich unter dem Titel Tuf Voyaging (1986; dt. Planetenwanderer (2013)) gesammelten Geschichten um den exzentrischen kahlköpfigen Albino und Sonderling Haviland Tuf gehören ins Universum der Thousand Worlds und weisen deutliche Jack-Vance-Einflüsse auf. Tuf, der durch Zufall an eine Arche (ein Saatschiff des längst vergessenen und vergangenen Ecological Engineering Corps der alten Erde) gerät, nutzt die schier unglaublichen Möglichkeiten des Schiffs, um ein bisschen Gott zu spielen, wenn man ihn darum bittet. Wobei allerdings immer wieder deutlich wird, dass man sich seine Wünsche – und vor allem die Konsequenzen, die ihre Erfüllung haben können – gut überlegen sollte.
Natürlich hat George R.R. Martin auch Geschichten geschrieben, die nichts mit seiner Future History zu tun haben, erwähnt seien an dieser Stelle nur “The Second Kind of Loneliness” (1972) oder der Hugo und Locus-Award-Gewinner “The Way of Cross and Dragon” (1979) – die man nebenbei bemerkt HIER online lesen kann – oder auch die deutliche Horror-Einflüsse aufweisenden “Meathouse Man” (1976), “Remembering Melody” (1981) oder “The Monkey Treatment” (1983). Und er hat sich bereits zu diesem Zeitpunkt an Fantasy versucht: “The Lonely Songs of Laren Dorr” (1976 – eine Geschichte um ein zwischen den Welten reisendes junges Mädchen, das mit allerlei Widrigkeiten fertig werden muss), “The Ice Dragon” (1980 – eine Geschichte, in der sich bereits viele Elemente von ASoIaF finden lassen) und “In the Lost Lands” (1982 – eine ziemlich böse, märchenhafte Geschichte) beweisen, dass er schon damals ein gutes Händchen für Fantasy hatte.
Doch im Großen und Ganzen ist er in den 70ern und frühen 80ern hauptsächlich der SF treu geblieben und hat zusammen mit Lisa Tuttle seinen zweiten Roman Windhaven (1981; dt. Sturm über Windhaven (1985)) verfasst. Auf Windhaven, einer von gestrandeten Raumfahrern besiedelten, fast vollkommen von Ozeanen bedeckten Welt, wird die Kommunikation von den sogenannten Fliegern – das sind Menschen, die die mit einfachen Gleitflugapparaturen durch die strürmische Atmosphäre Windhavens (nomen es omen) von einem Inselchen zum anderen fliegen – aufrechterhalten. Doch es ist schwierig, in die Gilde dieser Flieger hineinzukommen, wenn man zu den verachteten Muschelsuchern gehört, wie die junge Maris feststellen muss … Windhaven ist ein netter Abenteuerroman, aber von GRRMs längeren Arbeiten sicher sein schwächstes Werk.
Fevre Dream von George R.R. MartinVor allem verglichen mit Fevre Dream (1982; dt. Fiebertraum (1991) oder auch Dead Man River (2006)) und The Armageddon Rag (1983; dt. Armageddon-Rock (1986)), den beiden Romanen, die er kurz danach veröffentlichte. Fevre Dream ist ein Vampirroman, der im 19. Jahrhundert größtenteils auf dem Mississippi bzw. an Bord des Schaufelraddampfers Fevre Dream spielt und – verkürzt dargestellt – den Kampf zweier rivalisierender Vampirclan-Oberhäupter schildert. Der Roman lebt einerseits von seiner eigentlichen Hauptfigur, dem Raddampferkapitän Abner Marsh, für den sich mit dem Bau der Fevre Dream ein Lebenstraum erfüllt (der leider alsbald zum Alptraum wird), andererseits von der schwülen Südstaatenatmosphäre und der Darstellung des Lebens auf dem Fluss, und last but not least von den beiden sehr gegensätzliche Ziele verfolgendenden und sehr unterschiedlich mit den Menschen umgehenden Obervampiren (die nicht glitzern). All das macht Fevre Dream zu einem der wenigen Vampirromane, die man wirklich gelesen haben sollte.
The Armageddon Rag schließlich ist vordergründig ein Krimi mit mal mehr, mal weniger starken phantastischen Untertönen, vor allem aber ist er eine Art Meditation über die Rockmusik der 60er und die mit ihr verbundene Ära. Vielleicht muss man – wie der Verfasser dieser Zeilen – in seiner Jugend auch von Konzert zu Konzert gereist sein, muss die Magie gespürt haben, die entstehen konnte, wenn Tausende von Gleichgesinnten von den Tönen und Melodien, die von der Bühne da oben kamen, getragen wurden – wohin auch immer. Wer das jemals erlebt hat, für den wird die Geschichte des ehemaligen Hippie-Journalisten Sandy Blair, der sich anlässlich der Ermordung eines Rockpromoters auf die Suche nach den ehemaligen Mitgliedern der vor zehn Jahren auseinandergegangenen Band Nazgûl begibt, die zu einer Begegnung mit seiner eigenen Vergangenheit (und den mit ihr verbundenen Träumen) wird, eine ganze Menge bereithalten. Und das bezieht sich nicht nur auf den anscheinend auf mysteriöse Weise wiedergeborenen Ex-Leadsänger der Nazgûl, sondern auch auf Konzertbeschreibungen und die Vermittlung eines Lebensgefühls, das inzwischen längst Vergangenheit ist. Bedauerlicherweise war The Armageddon Rag – das Buch, das eigentlich Martins Breakthrough Book werden sollte – ein gigantischer Flop, der seine Karriere als Romanautor mehr oder weniger zerstört hat. Zumindest dreizehn Jahre lang.
Über die bereits genannten Werke hinaus – zu denen noch die bisher nicht erwähnten Kurzgeschichtensammlungen A Song for Lya and Other Stories (1976), Songs of Stars and Shadows (1977), Sandkings (1981), Songs the Dead Men Sing (1983), Nightflyers (1985), Portraits of His Children (1987), Quartet (2001), Dreamsongs (2003, auch in zwei Bänden als Vol. I und II (2006) erschienen) und Starlady and Fast-Friend (2008) zu zählen sind – hat George R.R. Martin noch etliche weitere Stories verfasst sowie ab 1987 (mit Unterbrechungen) mittlerweile mehr als 20 Bände der Shared-World-Serie Wild Cards herausgegeben und Geschichten zu ihr beigesteuert (Wild Cards spielt auf einer Parallelwelt, auf der es Menschen mit Superkräften gibt). Außerdem hat er seine alte Leidenschaft als Herausgeber von Anthologien wiederentdeckt (er war in dieser Hinsicht schon in den 70ern aktiv) und zusammen mit Gardner Dozois mehrere Anthologien herausgegeben. Pars pro toto sei die vielleicht interessanteste der bisher erschienen genannt: Songs of the Dying Earth: Stories in Honor of Jack Vance (2009).
Der George R.R. Martin der 70er und frühen 80er Jahre ist nur begrenzt mit dem Autor von ASoIaF zu vergleichen. Das sollten vor allem die Leser und Leserinnen bedenken, die ihn bisher nur durch seinen Fantasy-Zyklus kennengelernt haben. Trotzdem (oder vielleicht auch gerade deswegen) kann sich ein Blick in die Werke, die GRRM vor dem Lied geschaffen hat, als überaus lohnend erweisen.

* – aus Übersichtlichkeitsgründen wurde bei den Kurzgeschichten und Sammelbänden auf die Nennung der deutschen Titel verzichtet; bei Bedarf kann das in einem Kommentar aber nachgeholt werden

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Lynn Abbey, die heute 65 Jahre alt wird. Ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche machte die am 18. September 1948 in Peekskill im us-amerikanischen Bundesstaat New York geborene Lynn (eigentlich Marilyn Lorraine) Abbey 1979 mit der Kurzgeschichte “The Face of Chaos” in der ersten Thieves’-World-Anthologie (die den gleichen Titel wie die ganze Reihe hatte), und sie ist diesem Shared-World-Projekt auch in den Folgejahren treugeblieben, hat für die Bände II-IV jeweils eine Geschichte beigesteuert und die Reihe ab 1983 schließlich mit herausgegeben. In der Folgezeit hat sie sich ein paar Jahre lang fast ausschließlich mit Thieves’ World und anderen Franchise-Produkten befasst; kurz zuvor hatte sie allerdings noch drei Romane geschrieben, die bis heute zu ihren besten zu zählen sind.
Daughter of the Bright Moon von Lynn AbbeyZwei davon – Daughter of the Bright Moon (1979) und The Black Flame (1980) – sind vor allem wegen ihrer Hauptfigur interessant, denn mit Rifkind hat Lynn Abbey hier eine Heldin geschaffen, wie man sie im Genre weder vorher noch nachher oft gesehen hat. In Daughter of the Bright Moon lernen wir Rifkind kennen, die ihre Heimat, die Wüste von Asheera, verlassen muss, nachdem ihr Stamm getötet wurde. Immerhin besitzt sie hervorragende Voraussetzungen, eine Reise ins ferne Dro Daria zu überleben, denn als Tochter des Stammesoberhaupts hat sie von Kindheit an gelernt, mit Waffen umzugehen; darüber hinaus ist sie eine empathische Heilerin und als Auserwählte der Mondgöttin des Titels auch eine mächtige Magierin. Und dann ist da noch Turin, ihr gehörntes Schlachtross, mit dem sie sich telepathisch verständigen kann. Doch trotz all dieser Vorzüge ist Rifkind alles andere als eine Mary Sue, das verhindern ihr rauer und keineswegs herzlicher Ton und ihr ungehobeltes Verhalten – Eigenschaften, die es ihr im feudalistisch geprägten Dro Daria nicht unbedingt leicht machen. Schon gar nicht, da dort eine Verschwörung im Gange ist und Rifkind auf einen Gegner stößt, mit dem sie ohnehin noch eine Rechnung offen hatte …
Daughter of the Bright Moon ist in vielerlei Hinsicht ein recht gelungener Sword-&-Sorcery-Roman mit einer zwar nicht unbedingt sympatischen, aber durchaus glaubhaften Heldin, die zudem den Pluspunkt aufweist, eine der wenigen echten kick-ass heroines zu sein, mit denen das Genre aufwarten kann. Dass die meisten anderen Charaktere neben Rifkind ein bisschen verblassen, fällt dabei nicht sonderlich ins Gewicht – weniger jedenfalls als im Folgeband The Black Flame, wo nicht nur die in Daughter sehr zurückgenommene Liebesgeschichte eine wesentlich prominentere Rolle spielt, sondern auch die Götterwelt stärker ins Geschehen eingreift. Das Ergebnis ist immer noch lesbar, kommt aber an den ersten Band – der immerhin ganz nebenbei auch Genderfragen und Rassismus thematisiert – nicht heran.
Mit The Guardians (1982), ihrem dritten Roman, hat Lynn Abbey dann Neuland betreten, denn bei diesem Roman handelt es sich um Urban Fantasy (in der Form, wie der Begriff vor der Vampir-Invasion verstanden wurde), und er erzählt eine Geschichte über Risse in der Wirklichkeit, die in andere Welten führen, über Wicca-Magie und über eine junge New Yorkerin, die einfach dadurch, dass sie ein günstiges Apartment mietet, in einen großen Schlamassel gerät.
Ab 1983 konzentrierte Lynn Abbey sich wie bereits erwähnt zunächst auf die Arbeit an den Thieves’-World-Anthologien. Ab Mitte der 80er Jahre hat sie darüberhinaus als Autorin und Mitherausgeberin an zwei Anthologien mit Geschichten zur Comicserie Elfquest mitgewirkt, mit Unicorn & Dragon (1987) und Conquest (1988) zwei Artus-Romane geschrieben, sich Anfang der 90er an zwei Romanen zur Ultima Saga versucht und später Romane zu diversen Franchise-Universen verfasst. Eigenständige Werke in dieser Zeit waren der Valensor-Zweiteiler (The Wooden Sword (1991) und Beneath the Web (1994)) und die Einzelromane Siege of Shadows (1996) und JerLayne (1999).
Von 2001 bis 2005 folgte dann die bisher vierteilige Emma-Merrigan- bzw. Orion’s-Children-Reihe, ehe sie sich mit Rifkind’s Challenge (2006) nach mehr als 25 Jahren noch einmal ihrer ersten und immer noch überzeugendsten und interessantesten Heldin zuwandte. Seither sind anscheinend keine neuen Romane mehr von ihr erschienen, aber ob Lynn Abbey ihre Schrifststellerkarriere tatsächlich beendet hat oder nur eine Weile pausiert, wird erst die Zukunft weisen.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Steven Bauer, der heute 65 Jahre alt wird. Der am 10. September 1948 in Newark, New Jersey, geborene Steven Bauer hatte bereits etliche Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht und sich eine beträchtliche Reputation als Dichter erworben, als mit Satyrday (1980) sein erster und – abgesehen von einer Filmnovelisation und zwei Kinderbüchern – bislang auch einziger Roman auf den Markt kam. Und dass sein Verfasser zuallererst ein Dichter ist, merkt man dem – auf dem Cover treffenderweise mit “a fable” untertitelten – Roman auch an, denn zumindest im Original wartet Satyrday z.B. bei Landschafts- und Szenenbeschreibungen mit einer unglaublich stimmungsvollen, poetischen Sprache auf, die aber auch sehr präzise werden kann, wenn es darum geht, die glaubwürdig gezeichneten Figuren etwa mittels ihrer Dialoge zu charakterisieren.
Satyrday von Steven BauerWer hingegen nach einem ausgefeilten Worldbuilding sucht, wird in dem auf Deutsch als Satyrtag* (1987) erschienenen (und nebenbei bemerkt von Denis Scheck – ja, dem Denis Scheck – übersetzten) Roman ebensowenig fündig werden wie alle diejenigen, die Erklärungen und Begründungen dafür brauchen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Und wie sind sie denn nun, die Dinge? Alles beginnt damit, dass ein riesiger Uhu seine Helfer, die Raben, ausschickt, um den Mond gefangenzunehmen, denn ohne ihr nächtliches Gegenstück wird auch die Sonne bald vergehen – und dann hätte der Uhu sein Ziel erreicht, die Welt in ewige Finsternis zu hüllen. Natürlich gelingt der üble Plan, doch als bald darauf das Licht der Sonne – die sich auf eine vergebliche Suche nach ihrer Schwester begeben hat – schwächer wird und die Welt sich zu verändern beginnt, bricht eine kleine Gruppe tapferer Gefährten auf, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen: Matthew, der Faun, dessen Mündel Derin, der Menschenjunge, den er einst auf seiner Schwelle gefunden hat, Deirdre, eine abtrünnige Krähe, und Vera, die meistens eine Silberfüchsin ist, gelegentlich aber auch die Gestalt einer Nymphe annehmen kann. Unterwegs begegnen ihnen viele andere Kreaturen; manche sind ihnen freundlich gesonnen, andere – wie die bereits erwähnten Raben oder auch die Falken, die ebenfalls zu den Helfershelfern des Uhu zählen – feindlich, und bei manchen lässt sich das nicht auf Anhieb sagen …
Satyrday ist ohne Frage eine “kleine” und “leise” Geschichte und bedient sich einerseits vieler fantasytypischer Motive (die aber nicht immer den Erwartungen gemäß umgesetzt werden – so ist z.B. Matthew längst nicht so lüstern, wie es Seinesgleichen sonst gerne nachgesagt wird), wirkt aber andererseits sprachlich und erzählerisch beinahe wie ein gestaltgewordener Traum. Aber auch Träume können gefährlich sei – und in manchen wird sogar gestorben …
Dem Roman war kein sonderlich großer Erfolg beschieden, doch das allein war sicher nicht der Grund, warum Steven Bauer danach – von der bereits erwähnten Novelisation einmal abgesehen – keinen “richtigen” Roman mehr, sondern nur noch zwei Kinderbücher (und die auch erst 1999 bzw. 2000) veröffentlicht hat. Denn schreiben konnte er immer noch, was man anhand der Geschichten in den beiden 1986 erschienenen Sammelbänden Steven Spielberg’s Amazing Stories (1986; dt. Steven Spielberg’s unglaubliche Geschichten (1987)) und Volume II of Steven Spielberg’s Amazing Stories (1986; dt. Steven Spielberg’s neue unglaubliche Geschichten (1988)) feststellen kann, bei denen es sich um Nacherzählungen von Episoden der TV-Serie Amazing Stories handelt. Natürlich kommen die an Satyrday nicht ran, aber sie sind kompetent und stimmig erzählt. Was auch immer der Grund gewesen sein mag, warum Steven Bauer sich nach seinem durchaus gelungenen Erstling dem Genre nie mehr in Romanform bzw. mit genuinen Stoffen zugewandt hat – vielleicht wird er das Problem ja eines Tages hinter sich lassen. Immerhin soll er sich vor kurzem aus dem universitären Lehrbetrieb zurückgezogen haben und seit einiger Zeit an einem (allerdings anscheinend nicht phantastischen) Roman arbeiten. Von daher bleibt abzuwarten, ob er ein One-Book-Wonder (zumindest im Bereich der phantastischen Literatur) bleiben wird, oder ob vielleicht doch noch etwas kommt.

* – auf dem Cover steht lustigerweise Satyrs Tag

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Richard Burns, der heute 55 Jahre alt geworden wäre. Über den am 01. September 1958 in Sheffield, England, geborenen Richard Burns lässt sich heutzutage selbst im ansonsten schier allwissenden Internet kaum noch etwas finden, da die Spuren, die er hinterlassen haben mag, größtenteils von anderen Personen mit dem gleichen Namen überdeckt werden. Sicher ist immerhin, dass er mit seinem ersten Roman A Dance for the Moon (1986) – in dem es um die traumatischen Auswirkungen geht, die die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs bei seinem Protagonisten hinterlassen haben – den Jonathan Cape First Novel Contest gewonnen hat und 1987 im Sunday Express neben u.a. Jeanette Winterson und Kazuo Ishiguro auf einer Liste mit vielsprechenden jungen Autoren und Autorinnen (aka potentiellen zukünftigen Booker-Prize-Gewinnern) auftauchte.
Khalindaine von Richard BurnsIm gleichen Jahr wie sein literarischer Erstling erschien mit Khalindaine auch der erste Band einer zweiteiligen Fantasysequenz bei Allen & Unwin, einer damals sehr angesehenen Adresse für Fantasy. Khalindaine beginnt mit einer beeindruckenden Szene (die ganz gewiss ein heißer Kandidat für eine der nächsten Ausgaben von Unsere liebsten Anfänge ist), in der die alternde Kaiserin Elsban sich dem Rite of Endyear unterzieht und dabei erkennt, dass es an der Zeit ist, sich um die Thronfolge zu kümmern. Am liebsten würde sie ihren Bastardsohn nach ihr auf dem Thron sitzen sehen, doch sie hat den Jungen als Kleinkind aus Gründen der Staatsräson weggegeben und weiß nur, dass er sich vermutlich irgendwo im gebirgigen Norden Khalindaines befindet. Ihr Wunsch passt allerdings so gar nicht in die Pläne zweier mächtiger Adliger, die ihrerseits Anspruch auf den Thron erheben können, da auch in ihren Adern das Blut Akhbars des Goldenen, des Staatsgründers fließt – und dieses Blut ist erforderlich, um das Rite of Endyear durchführen zu können. Während sich alsbald zwei Gruppierungen mit sehr unterschiedlichen Zielsetzungen auf die Suche nach Elsbans Sohn machen, wird der kaiserliche Palast von Verdre zu einem Hort der Intrigen. Und schließlich gesellt sich auch noch eine äußere Bedrohung zur inneren, als die Agaskan die Grenzen des Reichs angreifen.
In Troubadour (1988), dem Nachfolgeband, sitzt dann tatsächlich ein neuer Kaiser auf dem Thron. Doch da er sich – aus nachvollziehbaren Gründen – weigert, sich dem Rite of Endyear zu unterziehen und damit die Legitimität seiner Herrschaft zu bestätigen, gerät er mehr und mehr unter den Einfluss einer fanatischen Bruderschaft, die der Bevölkerung mittels rigider Methoden bis hin zu Autodafés ihre genussfeindliche Doktrin aufzuzwingen versucht – was schließlich zu einem Bürgerkrieg zu führen droht, da sich die einfachen (und auch die nicht ganz so einfachen) Menschen nach und nach aller Vergnügungen beraubt sehen.
Khalindaine und Troubadour sind gelungene Beispiele dafür, was passieren kann, wenn ein Autor mit einem gewissen literarischen Anspruch sich des Genres annimmt. Eher auktorial als personal erzählt (wenn auch mit gelegentlichen Abstechern auf eine personale Erzählebene), entwirft Richard Burns in diesen beiden Romanen eine Welt, die generell eher mit sparsamen Pinselstrichen in Szene gesetzt wird, sich aber gelegentlich als opulentes Gemälde darstellt. Und die vor allem durch ihre allen Gesellschaftsschichten entstammenden Figuren lebt. Wer an Fantasy in erster Linie das Worldbuilding schätzt, dem mag das Setting ein bisschen zu fragmentarisch erscheinen, da es zwar etliche Andeutungen einer langen, reichen Historie gibt, diese aber meist nicht weiter ausgeführt werden. Andererseits erinnern die Szenen am kaiserlichen Hof von Verdre bzw. vor allem die in der Hauptstadt Cythroné mit ihrem krassen Gegensatz zwischen arm und reich und ihren von republikanischen Gedanken erfüllten Studenten an Versailles bzw. Paris am Vorabend der Französischen Revolution – und das war und ist eine angenehme Abwechslung zum weitaus häufigeren Standard-Mittelaltersetting, dessen sich die Fantasy so gerne bedient. Auch was die Magie betrifft, beschreitet Richard Burns eigene Wege, indem er dieses fantasytypische Element zwar recht sparsam einsetzt, aber stimmig und vor allem absolut handlungsrelevant ins Gesamtbild integriert.
Richard Burns war ein überaus vielseitiger Autor: zwischen Khalindaine und Troubadour hatte er bereits The Panda Hunt (1987) – ein in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts spielender Roman über eine Expedition nach China auf der Suche nach “merkwürdigen schwarz-weißen Bären” – veröffentlicht, und nach seinen beiden Fantasyromanen folgten noch Why Diamond Had to Die (1989; ein Thriller), Fond and Foolish Lovers (1990) und Sandro and Simonetta (1992; ein Boticelli-Roman). Möglicherweise ist ihm genau diese Vielseitigkeit zum Verhängnis geworden, denn kommerziell erfolgreich waren seine Romane allesamt nicht. Kommerzielle Erfolglosigkeit, gepaart mit einer eigenen Einschätzung seiner schriftstellerischen Fähigkeiten, die man vielleicht arrogant nennen könnte (die aber aus meiner Sicht – zumindest in Bezug auf seine ersten drei Romane – gerechtfertigt ist), sowie dem Gefühl, als nicht in London oder Oxford lebender Autor vom literarischen Establishment nicht wahr- bzw. ernst genommen zu werden, und – ganz entscheidend – dem anscheinend vorhandenen Drang, unbedingt schreiben zu müssen, ergeben eine gefährliche Mischung. Eine Mischung, die vermutlich jahrelang gebrodelt und sich schließlich in einem Akt der Verzweiflung entladen hat, denn am 31. August 1992, am Vorabend seines 34. Geburtstags, hat Richard Burns sich das Leben genommen.
Ob Richard Burns ansonsten noch einmal zur Fantasy zurückgekehrt wäre, lässt sich nicht sagen. Vermutlich schon, wenn er im Genre Erfolg gehabt hätte. Dass seine Vielseitigkeit ihm kommerziell nicht gut getan hat, kann man sich hingegen schon gut vorstellen. Faszinierend an der ganzen traurigen Geschichte ist allerdings auch, dass seine beiden Fantasyromane im einzigen online zu findenden Nachruf noch nicht einmal erwähnt werden. Und derart vollkommen in Vergessenheit zu geraten, haben Khalindaine und Troubadour ganz gewiss nicht verdient.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Vonda N. McIntyre, die heute 65 Jahre alt wird. Die am 28. August in Louisville, Kentucky, geborene Vonda Neel McIntyre studierte Biologie mit dem Schwerpunkt Genetik, ehe sie sich dem Schreiben zuwandte. Sie war eine der ersten Absolventinnen des Clarion Writers Workshop und gründete ein Jahr später den Clarion West Writers Workshop. Ihre erste Story “Breaking Point” erschien 1970 in dem kurzlebigen SF-Magazin Venture, auf die weitere Erzählungen in diversen Anthologien folgten. Ihren großen Durchbruch hatte sie schließlich 1973 mit der Geschichte “Of Mist, and Grass, and Sand” in der Oktober-Ausgabe von Analog (die Geschichte ist mehrfach auf Deutsch erschienen, siehe Anmerkung), für die sie mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde.
McIntyres erster Roman The Exile Waiting (1975; dt. Die Asche der Erde (1981)) spielt in einer der letzten Städte einer postapokalyptischen Erde und ist eindeutig der SF zuzurechnen, wohingegen ihr zweiter Roman Dreamsnake (1978; dt. Dreamsnake von Vonda McIntyreTraumschlange (1979, NA 1999)), der sich des gleichen Hintergrundszenarios bedient und in den die bereits erwähnte Kurzgeschichte “Of Mist, and Grass, and Sand” eingearbeitet wurde, sich über weite Strecken wie Fantasy liest. Dreamsnake erzählt die Geschichte der jungen Heilerin Snake (aka Schlange), die über eine von einem Atomkrieg verwüstete Erde zieht, auf der die Menschen zwar überlebt haben, die meisten aber kulturell und gesellschaftlich auf eine frühere Zivilisationsstufe zurückgefallen sind. Als Snake einen kleinen Jungen bei einem Wüstenstamm heilen will, töten die übrigen Stammesangehörigen aus Angst und Aberglaube Grass, ihre Traumschlange, deren Biss die Kranken beruhigt und ihnen die Schmerzen nimmt bzw. ihnen in aussichtslosen Fällen auch einen schmerzlosen Tod ermöglicht. Eine Heilerin braucht aber eine Traumschlange, denn ihre anderen beiden Schlangen sind Giftschlangen, die dazu dienen, Impfstoffe und Heilmittel herzustellen. Die Traumschlangen stammen allerdings nicht von der Erde und konnten bisher auch nicht gezüchtet werden, sodass Snake nichts anderes übrigbleibt, als sich zur großen Stadt aufzumachen, wo die Außerirdischen leben, die die Traumschlangen mitgebracht haben. Doch die Reise nimmt alsbald einen unerwarteten Verlauf …
Der mit dem Nebula, dem Hugo und dem Locus Award ausgezeichnete Roman bietet eine überaus gelungene Synthese aus SF- und Fantasyelementen, ein interessantes, glaubhaftes Setting und eine vielleicht ein kleines bisschen zu kompetente Heldin, schreckt aber auch vor Themen wie dem Missbrauch von Frauen und Kindern nicht zurück (die damals in der SF und der Fantasy größtenteils noch tabu waren) und liefert als Dreingabe noch einen originellen Entwurf zukünftiger menschlicher Beziehungen.
Nach Dreamsnake schrieb Vonda McIntyre ein paar Jahre lang fast ausschließlich Stories und wandte sich dann dem Star-Trek-Universum zu, verfasste beispielsweise die Novelisationen der Star-Trek-Kinofilme II, III und IV. Ein paar weitere SF-Romane folgten, doch 1997 erschien schließlich mit The Moon and the Sun ein Roman, der der (in diesem Fall historischen) Fantasy zuzurechnen ist, wobei das Fantasyelement zugebenermaßen eher gering ist. Am Hofe des Sonnenkönigs (1999) spielt größtenteils genau dort und stellt mit der 20-jährigen Marie-Josèphe de la Croix, der Schwester des Jesuiten und Naturphilosophen Père Yves de la Croix, ein weiteres Mal eine überaus – oder eher ein bisschen zu – kompetente Frauenfigur in den Mittelpunkt der Handlung. Besagte Handlung dreht sich einerseits um ein “Seemonster”, das Père Yves im Auftrag des Sonnenkönigs gefangen hat, und in dem Marie-Josèphe früher als alle anderen ein denkendes, fühlendes Wesen erkennt, andererseits um das Leben und die Ereignisse am Hofe des vielleicht schillerndsten Monarchen des 17. Jahrhunderts, und letztlich auch ein wenig um den Widerstreit zwischen Alchemie und moderner Wissenschaft. Die Szenen, in denen Marie-Josèphe und das “Monster” miteinander zu kommunizieren versuchen, sind zweifellos interessant, und der Hof von Versailles bietet einen glanzvollen Rahmen für kleine und große Gegebenheiten (und natürlich auch für eine Liebesgeschichte), aber insgesamt bewegt sich der ebenfalls mit dem Nebula Award ausgezeichnete Roman – und nebenbei bemerkt der letzte, den Vonda N. McIntyre bislang geschrieben hat – doch sehr gemächlich voran.

Anmerkung: “Of Mist, and Grass, and Sand” ist mehrfach auf Deutsch erschienen: als “Die Schlange” im Science Fiction Story Reader 11 (1979) und in der Anthologie Von Lem bis Varley (1993), als “Dunst und Gras und Sand” in der Kurzgeschichtensammlung Feuerflut (1981), und als “Von Nebel, Gras und Sand” in der Anthologie Der Plan ist Liebe und Tod (1982); die (unterschiedliche) Betitelung ist ein wunderbares Beispiel dafür, warum es für Übersetzer bzw. Übersetzerinnen manchmal sinnvoll sein kann, nicht einfach zu übersetzen, “was dasteht”, wie es manche Leser und Leserinnen immer mal wieder fordern.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Kerstin Ekman, die heute 80 Jahre alt wird. Manche Leser und Leserinnen mag es überraschen, diesen Namen hier zu lesen, denn die am 27. August 1933 in Risinge in der schwedischen Provinz Östergötland geborene Kerstin Lillemor Ekman ist anfangs durch Krimis, vor allem aber durch ihre literarischen Werke bekannt geworden, die sich um die mit der Industrialisierung bzw. dem Einzug der Moderne einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen drehen. Mit Rövarna i Skuleskogen (1988) hat sie allerdings auch einen Roman geschrieben, den man durchaus der Fantasy zurechnen kann.
Skord von Skuleskogen von Kerstin EkmanBesagter – unter dem Titel Skord von Skuleskogen (1995) auch auf Deutsch erschienener – Roman erzählt die Geschichte des Trolls Skord, der irgendwann im 14. Jahrhundert im heimatlichen Skulewald zum ersten Mal mit Menschen in Kontakt kommt. Fasziniert von diesen ihm so fremden Wesen, mischt er sich unerkannt unter sie, lebt mit Bettelkindern und Räubern, bringt es – da ein Troll viel, viel länger lebt als ein Mensch – u.a. zum Famulus eines Alchimisten, nimmt als Feldscher am 30-jährigen Krieg teil und lebt schließlich als alter Mann im 19. Jahrhundert als Medikus und Hypnotiseur in Stockholm. In all diesen Jahren ist Skord den Menschen immer ähnlicher geworden, hat lesen und schreiben und mehrere Sprachen gelernt, ohne wirklich ganz zum Menschen geworden zu sein, und sich dabei mehr und mehr von seinem ursprünglichen Selbst entfremdet. Doch ganz am Ende weist ihm eine Begegnung den Weg zurück in seine eigentliche Heimat, den Skulewald …
Kerstin Ekmans Roman besticht nicht nur durch die Geschichte Skords, durch dessen Augen wir einen Blick auf die unterschiedlichsten Menschen aus mehreren Jahrhunderten werfen können, oder durch die Auseinandersetzung mit der immer wieder gestellten und schwer zu beantwortenden Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, sondern nicht zuletzt durch die beeindruckenden Naturschilderungen, die fast schon eine Liebeserklärung an die unberührte Natur von Ekmans nordschwedischer Heimat darstellen. Skord von Skuleskogen – der unter dem Titel The Forest of Hours (1998) auch in England veröffentlicht wurde – mag am Rande des Genres angesiedelt sein, doch der Roman ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass die europäische Folklore eine Fülle von Motiven bietet, aus denen zu schöpfen sich lohnen kann.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Wim Gijsen, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Der am 20. August 1933 in Zwolle in der Provinz Overijssel geborene Wim Gijsen wollte schon von Kindheit an Schriftsteller werden und hatte neben journalistischen Arbeiten u.a. bereits Kinder- und Sachbücher (über New-Age-Themen wie Meditation, Yoga oder das Leben nach dem Tod) veröffentlicht, ehe er sich Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts der SF und Fantasy zuwandte und rasch einer der bekanntesten niederländischen Autoren dieser Genres wurde bzw. in den 80ern vermutlich sogar der bekannteste und erfolgreichste war. Und er zählt zur kleinen Riege der Genre-Autoren seines Heimatlands, die es zu Übersetzungen ins Deutsche gebracht haben.
Gijsens Erstling innerhalb des Genres war De Eersten van Rissan (1980), der Auftakt eines Zweiteilers, der ein Jahr später mit De Koningen van Weleer abgeschlossen wurde. Rissan (unter diesem Titel auch als Sammelband (1987)) erzählt die Geschichte von Hirdan, dem Sohn eines einfachen Handwerkers, der in dem von einer diktatorischen Priesterkaste beherrschten Stadtstaat Lhissey durch besondere Umstände zum Priesterschüler wird, sich aber – angewidert vom Kastendenken und den Methoden der Priesterschaft – schon bald mit Rhes zusammentut, einem geheimnisvollen Fremden, der sich als Archäologe für den alten, pyramidenförmigen Großen Tempel von Lhissey interessiert. Viel mehr interessieren Rhes – der von der Erde stammt – allerdings Die Ersten von Rissan, die auch als Die Könige der Vorzeit (so die Titel der deutschen Ausgaben (beide 1987)) bekannt sind. Denn Rhes stammt von der Erde, und er hofft, auf dieser vergessenen und auf eine mittelalterliche Kulturstufe zurückgefallenen Kolonialwelt wichtige Hinweise auf eine vorher existierende nichtmenschliche Zivilisation zu entdecken. Bei der sich anschließenden gemeinsamen Reise durch die Welt lernen die beiden Land und Leute kennen, und Hirdan macht eine erstaunliche Entwicklung durch. Und am Ende wird natürlich auch das Rätsel der Ersten gelöst.
Iskander der Traumdieb von Wim GijsenWährend es sich beim Rissan-Zweiteiler noch um einen SF-Roman mit Fantasy-Elementen handelt – die vergessene Kolonie ist ja fast ein Standardmotiv der planetary romance – stehen beim Iskander-Zweiteiler eindeutig die Fantasy-Elemente im Vordergrund. In Iskander de Dromendief (1982; dt. Iskander der Traumdieb (1988)) machen wir mit dem nicht sonderlich begabten Magier Iskander Bekanntschaft, der zusammen mit seinem Freund und Diener Okke durch das Inselreich Albe zieht und sich mit einfachen Tricks seinen Lebensunterhalt verdient. Eine richtige Begabung hat Iskander allerdings: er kann in die Träume anderer Menschen eindringen und sie verändern. Und diese Begabung sorgt dann auch dafür, dass sein lockeres, leichtes Leben sich eines Tages schlagartig verändert. Denn Prinz Hamlet-Alexander, der Thronfolger von Albe, wird von Alpträumen geplagt, und die Hohepriesterin Merle bittet Iskander, sich der Träume des Prinzen einmal anzunehmen. Was der Magier tut – nur um sich in der Traumlandschaft Hamlet-Alexanders plötzlich dem Wolf gegenüberzusehen, einem mächtigen Magier, der das Inselreich Albe erobern will, und dem dazu nicht nur alle Mittel recht sind, sondern der auch über sie verfügt. Verglichen mit den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Wolfs – der über einen ganzen Kontinent herrscht und bereits eine Flotte nach Vale, dem spirituellen Zentrum Albes ausgeschickt hat – ist Iskander kaum mehr als ein kleines Licht; doch zum einen verfügt er über durchaus mächtige Verbündete, zum anderen besitzt er sehr wohl etwas, das ihm in diesem Konflikt helfen kann, beispielsweise einen hellwachen Verstand. Den – und nicht nur den – braucht er allerdings auch dringend, wenn er sich in Het Huis van de Wolf (1983; dt. Das Haus des Wolfs (1988)) daran macht, auf dessen eigenem Territorium gegen den Wolf vorzugehen.
In der aus den Bänden Keerkringen, Bedahinne (beide 1985) und Lure (1986) bestehenden Deirdre-Trilogie erzählt Wim Gijsen die Geschichte der titelgebenden Heldin, die in einer mittelalterlichen, von Männern beherrschten Gesellschaft zunächst einmal auf der untersten sozialen Stufe ihrer Welt landet, als sie aufgrund eines harmlosen Vergehens von einer Priesterin zu einer Ausgestoßenen wird. Doch Deirdre weiß die Fähigkeiten, die sie ihrer Ausbildung im Kloster verdankt, zu nutzen und wird eine erfolgreiche Händlerin. Dem Aufstieg auf der sozialen Leiter folgt allerdings bald wieder ein tiefer Fall, da ihr Erfolg bei der männlichen Konkurrenz ebenso ungern gesehen wird wie ihre Weigerung, sich mit einem der Kaufleute zu vermählen. Doch auch ihre Zeit als Tempelprostituierte geht vorüber, als sie von der Äbtissin eines weit entfernten Deirdre: Bidahinne von Wim GijsenWüstenklosters freigekauft wird. Die Reise über das Lavendelmeer und weiter durch die Wüste zum besagten Wüstenkloster bildet den Auftakt zu dem, was sich schließlich als Deirdres wahre Bestimmung erweisen wird: die zerstrittenen und miteinander tief verfeindeten Länder rings um das Lavendelmeer miteinander zu versöhnen.
In der Deirdre-Trilogie – auf Deutsch als Wendekreise, Die Sandrose und Im Reich der Zauberinnen (alle 1999) erschienen – entwirft Wim Gijsen eine nicht unbedingt originelle, aber glaubwürdig geschilderte Welt, in deren Mittelpunkt er mit Deirdre eine – in Anbetracht des Erscheinungstermins der Originalausgabe – erstaunlich selbstbewusste und starke Frau stellt, die nicht all ihre Fähigkeiten verliert, wenn ein gutaussehender Mann auftaucht, sondern sich im Gegenteil eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung gönnt. Dass er darüber hinaus den Rahmen einer Fantasy-Trilogie nutzt, um Kritik an so manchen zeitgenössischen Entwicklungen zu üben, ohne dass diese Kritik aufgesetzt wirkt oder mit der eigentlichen Handlung kollidiert, ist ein weiterer Pluspunkt.
Es ist bedauerlich, dass die weiteren Werke Gijsens – v.a. die beiden Einzelromane De Rook van duizend Vuren (1984) und De Droemenwever (1988) und die aus den Bänden Een Kring van Steenen (1989), Het groene Eiland (1990) und De Ceders van Urtan (1991) bestehende Merisse-Trilogie – nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurden. Noch weitaus bedauerlicher ist allerdings, dass Wim Gijsen bereits am 20. Oktober 1990 im Alter von gerade einmal 57 Jahren verstorben ist (den letzten Band der Merisse-Trilogie musste sein Kollege Peter Schaap beenden), denn seine auf Deutsch vorliegenden Romane zeigen ihn als einen Autor, der sich inhaltlich und stilistisch deutlich vom Gros der angloamerikanischen Fantayliteratur unterscheidet – und Vielfalt ist etwas, das man eigentlich immer und in jedem Genre brauchen kann.

Reaktionen

Märchenmond von Wolfgang HohlbeinBibliotheka Phantastika gratuliert Wolfgang Hohlbein, der heute 60 Jahre alt wird. Sein Durchbruch als Autor gelang ihm mit dem Jugendbuch Märchenmond, das er gemeinsam mit seiner Frau Heike verfasste. Seither veröffentlichte er regelmäßig mehrere Bücher im Jahr und zählt zu den meistgelesenen deutschen Fantasy-Autoren. Dabei umfasst sein Oeuvre keineswegs nur das Fantasy-Genre, sondern ebenso Science Fiction, Horror, historische Romane und Verschwörungsthriller, wobei sich in seinen Büchern gerne Elemente der verschiedenen Sparten der Phantastik vermengen, wie schon eines seiner frühen, großen Werke, die Enwor-Saga zeigt, in der sich Sword & Sorcery und Science Fiction verbinden.

Mit seinem vielfältigen Werk stellte und stellt Wolfgang Hohlbein einen wichtigen Einstiegspunkt in die Phantastik dar, für junge LeserInnen ebenso wie für ältere Neueinsteiger.

Einen ausführlicheren Überblick über Wolfgag Hohlbeins Leben und Werk geben wir im entsprechenden Portrait, das wir aus diesem Anlass überarbeitet und aktualisiert haben.

Hier geht es zum Portrait von Wolfgang Hohlbein.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert (aus technischen Gründen leicht verspätet) Paul Witcover, der heute 55 Jahre alt wird. Der nun schon seit etlichen Jahren in New York City lebende Paul Witcover wurde am 09. August 1958 in Zürich geboren und ist in den Randbezirken von Washington, D.C. aufgewachsen. Seine Schriftsteller-Karriere begann 1984 mit der Veröffentlichung der Erzählung “Red Shift” (als Judith Lessing) in der Januarausgabe von Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine. Einige weitere Geschichten folgten ungefähr im Jahresabstand in Magazinen wie Night Cry oder Rod Serling’s The Twilight Zone Magazine, und mit “Jangletown” (in The Further Adventures of Batman (1990)) und “Lucifer over Lancaster” (in The Further Adventures of Superman (1993)) unternahm er zusammen mit Elizabeth Hand erste schriftstellerische Abstecher ins DC-Superheldenuniversum. Dort war auch die 16-teilige Comicserie Anima angesiedelt, die er ab Dezember 1993 – wieder zusammen mit Elizabeth Hand – getextet hat.
Waking Beauty von Paul WitcoverNach dem – wie immer in solchen Fällen auf mangelnde Verkaufszahlen zurückzuführenden – Ende von Anima blieb es einige Jahre ruhig um Witcover, bis er 1997 mit seinem ersten Roman auf die literarische Bühne zurückkehrte. Und diese Rückkehr hatte es in sich, denn Waking Beauty ist einer der ungewöhnlichsten und verstörendsten Fantasyromane der letzten zwanzig Jahre. In der einem Kastensystem nicht unähnlichen Welt des Hierarchats lockt ein nachts aus dem Wald aufsteigender Duft die Männer – die diesen Duft im Gegensatz zu ihren Frauen nicht nur wahrnehmen, sondern sich auch seiner Anziehungskraft nicht widersetzen können – aus ihren Häusern und weg von ihren Familien. Es sei denn, ihre Frauen oder Mütter oder Töchter binden sie auf ihren Betten fest und verschließen ihnen die Nasenlöcher. Atmen können sie schließlich zur Not auch durch einen Atemschlauch, der ihnen durch einen während ihres Mannbarkeitsrituals erfolgten rituellen Luftröhrenschnitt direkt in die Luftröhre eingeführt werden kann. Natürlich müssen die Frauen trotzdem die ganze Nacht wach und wachsam bleiben – und das sollten sie auch, denn eine Frau, die ihren Mann, ihren Sohn oder ihren Vater an den nur als “Beauty” bezeichneten Duft verliert, macht sich des schlimmsten Verbrechens schuldig. Zur Strafe wird sie ihren Namen und ihre Haare los und als “Cat” – als Prostituierte – an eines der in der zwar überaus religiösen, aber gleichzeitig auch dekadenten Gesellschaft wohlgelittenen offiziellen Bordelle verkauft. Genau das passiert Rose Rubra, die ihren frisch angetrauten Ehemann in der Hochzeitsnacht an Beauty verliert, und deren Leben dadurch schlagartig auf den Kopf gestellt wird. Aber die neue Cat ist nur eine der Figuren, durch deren Augen die Leser und Leserinnen die Welt des Hierarchats und ihre ebenso faszinierenden wie erschreckenden Geheimnisse – zu denen natürlich auch das der erwachenden Beauty zählt – nach und nach entdecken. Stilistisch anspruchsvoll im Präsens erzählt, gewinnt Waking Beauty an vielen Stellen die Qualität eines surrealen Traums, der nur allzuschnell zu einem Alptraum wird.
Es dauerte acht Jahre, bis mit Tumbling After (2005) Witcovers zweiter Roman auf den Markt kam, ein SF-Roman, dessen einer Handlungsstrang – in dem ein Rollenspiel mit einem postapokalyptischen Szenario eine wichtige Rolle spielt – 1977 angesiedelt ist, während im zweiten genau dieses Szenario das Setting bildet. Schon ein Jahr später erschien mit Dracula: Asylum die “offizielle” Fortsetzung von Tod Brownings Dracula aus dem Jahre 1931.
2009 kam schließlich der Sammelband Everland and other Stories heraus, der einige der nach Meinung des Autors besten frühen und ein halbes Dutzend neue bzw. bislang unveröffentlichte Geschichten enthält. Und vor kurzen ist mit The Emperor of all Things (2013) der erste Teil des während des Siebenjährigen Kriegs spielenden Zweiteilers The Productions of Time erschienen, in dem u.a. die im 17. Jahrhundert gegründete Worshipful Company of Clockmakers und eine ganz besondere Uhr eine wichtige Rolle spielen; das klingt zumindest nach einem mit originellen Fantasyelementen ausgestatteten historischen Roman.
Paul Witcover gehört zu einer kleinen Gruppe von Autoren und Autorinnen, die sich mit ihren Romanen und Erzählungen an den Rändern oder auch in den Grauzonen der verschiedenen Subgenres der phantastischen Literatur tummeln. Was sie dort zu Tage fördern, ist nicht immer angenehm – aber zumindest im Fall von Waking Beauty von schrecklich schöner, alptraumhaft morbider Eleganz.

Reaktionen

Mythago Wood von Robert HoldstockBibliotheka Phantastika erinnert an Robert Holdstock, der heute 65 Jahre alt geworden wäre. Der am 2. August 1948 in Hythe geborene Brite war bekannt als Autor fantastischer Literatur und mythisch angereicherter Science-Fiction. Seinen Durchbruch als Autor erlebte er 1984 mit seiner Buchreihe Ryhope Wood, zu seinem Repertoire zählten aber auch zahlreiche Kurzgeschichten und die Hintergrundgeschichte zum Computerspiel Elite. Regelmäßige Besucher unseres Forums werden ihn vielleicht auch als Autor von Raven, Swordmisstress of Chaos (1978) (dt. Raven, die Schwertmeisterin) kennen. Hier schrieb er jedoch unter dem Pseudonym Richard Kirk.

Robert Holdstock war ein Autor mit vielen Namen – nach seinem Durchbruch begann er gleich unter mehreren Pseudonymen zu schreiben, manche davon in Kooperation mit einem zweiten Autor. Da es kaum möglich ist, die Vielzahl an Werken Robert Holdstocks und seiner Pseudonyme im Rahmen eines Jubiläumstextes zusammen zu bringen, haben wir ihm anlässlich seines Geburtstags ein Portrait erstellt und laden euch ein, mehr über diesen Autor zu erfahren, der wegen seines Umgangs mit Mythen und phantastischen Elementen schon in einem Atemzug mit Ursula K. LeGuin, John Crowley und Marion Zimmer Bradley genannt wurde.

Hier geht es zum Portrait von Robert Holdstock.

Reaktionen