Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika erinnert an H. Warner Munn, dessen Geburtstag sich heute zum 110. mal jährt. Wie viele Phantastik-Autoren seiner Generation fand auch der am 05. November 1903 in Athol, Massachusetts, geborene Harold Warner Munn in Weird Tales eine schriftstellerische Heimat. Seine erste veröffentlichte Story “The Werewolf of Ponkert” (WT, Juli 1925) verdankt ihre Entstehung interessanterweise einer Anmerkung H.P. Lovecrafts auf der Leserbriefseite des legendären Magazins. Noch bevor die Geschichte veröffentlicht wurde – nebenbei bemerkt in der gleichen Ausgabe, in der auch Robert E. Howard mit “Spear and Fang” seinen ersten Auftritt in Weird Tales hatte –, lernte Munn Lovecraft persönlich kennen und zählte bald darauf zu dessen innerem Freundeskreis. Erstaunlicherweise hat Munn kaum Geschichten geschrieben, die vom Cthulhu-Mythos beeinflusst waren, sondern neben völlig alleinstehenden Horrorgeschichten seine Werwolf-Story zunächst mit “The Return of the Master” (WT, Juli 1927) und dann mit dem dreiteiligen Serial “The Werewolf’s DaThe Werewolf of Ponkert von H. Warner Munnughter” (WT, Okt.-Dez. 1928) fortgesetzt. Anfang der 30er Jahre folgten noch ein paar weitere Geschichten, doch da Munn immer nur nebenberuflich Autor war, blieb sein Ausstoß gering. Erst sehr viel später sollte er sich wieder diesem Thema zuwenden und es mit neuen und überarbeiteten alten Geschichten zu einer Generationen umspannenden Werwolf-Saga ausbauen. Letztere sind nur als Sammlerausgabe (und daher in einer kleinen Auflage) in den USA unter dem Titel Tales of the Werewolf Clan, Volume I: In the Tomb of the Bishop (1979) bzw. Tales of the Werewolf Clan, Volume II: The Master Goes Home (1980) erschienen, während von den ursprünglichen Geschichten nur die erste und die dritte als The Werewolf of Ponkert (1958, NA 1976) eine Buchausgabe erlebten.
Wesentlich bekannter als seine – von einer Ausnahme abgesehen nie ins Deutsche übersetzten und auch in den USA vermutlich nur noch einer kleinen Schicht von Pulp-Afficionados geläufigen – Werwolf-Geschichten dürfte allerdings das Werk (und dessen Fortsetzungen) sein, mit dem H. Warner sich nicht nur von Weird Tales, sondern für viele Jahre auch vom Schreiben selbst verabschiedete: das vierteilige, von September bis Dezember 1939 in Weird Tales veröffentlichte Serial “King of the World’s Edge”.
Der Roman, der erst Mitte der 60er Jahre im Zuge des neu erwachten Interesses an altem Pulp-Material als Buch auf den Markt kam, schildert nach einer an E.R. Burroughs erinnernden Einleitung die Abenteuer des römischen Centurio Ventidius Varro auf einem fremden, weit im Westen gelegenen Kontinent. Varro war zu Zeiten von Artus’ Aufstieg in Britannien stationiert und hat sich mit seinen Männern auf dessen Seite geschlagen und mit ihm gegen die Sachsen gekämpft, nachdem die Verbindung zu Rom und dem Imperium abgerissen war. Nach Artus’ Niederlage bei Camlod begibt er sich zusammen mit dem Magier Myrddhin und den ihm verbliebenen Legionären auf ein Schiff, um irgendwo eine Zuflucht zu suchen und dort die Rückeroberung Britanniens zu planen. Als sie allerdings endlich Land finden, geraten sie mehr oder weniger unverzüglich in den dort herrschenden Konflikt zwischen indianischen Stammeskriegern und den grausamen, proto-aztekischen, von einem ganz Amerika umfassenden Großreich träumenden Mia – und natürlich schlagen sie sich auf die Seite der hoffnungslos unterlegenen zerstrittenen Stämme und greifen auf deren Seite in den Kampf ein.
King of the World’s Edge (1966; dt. Ein König am Rande der Welt (1980)) ist ein süffig erzähltes abenteuerliches Garn, das einerseits Elemente der Lost-Race-Romane verwendet, andererseits die Ankunft der Römer und Myrddhins (aka Merlins) in Amerika in amerikanische Sagen und Legenden verwebt und als phantastischer Abenteuerroman auch heute noch funktioniert – und auf das bereits ein Jahr später mit The Ship from Atlantis (dt. Das Schiff von Atlantis (1980)) eine Fortsetzung folgte, da Munn sich Mitte der 60er wieder dem Schreiben zuwandte. Im Mittelpunkt dieses Bandes steht Gwalchmai, der Sohn Varros, der von seinem Vater ausgeschickt wird, um dem römischen Imperator von dem Land bzw. der neuen römischen Kolonie im Westen zu berichten, und der nicht nur Merlins Ring sondern auch eine ganze Reihe magischer Hilfsmittel bei sich hat. Doch nach einem Angriff seltsamer Amphibienwesen, dem alle seine Kameraden zum Opfer fallen, “strandet” Gwalchmai in der Sargasso-See, wo er auf ein geheimnisvolles goldenes schwanenförmiges Schiff mit einem noch geheimnisvolleren Passagier stößt. Dieser Passagier ist Corenice, die letzte Überlebende des Untergangs von Atlantis – eine Frau mit einem Körper aus lebendem Metall. Natürlich verlieben sich die beiden ineinander, und genauso natürlich werden sie alsbald durch besondere Umstände voneinander getrennt.
Nur, um sich in Merlin’s Ring (1974; dt. Merlins Ring (1981)) wiederzubegegnen.Merlin's Ring von H. Warner Munn Und das mehrfach, denn Gwalchmai, der eher versehentlich quasi unsterblich geworden ist, trifft in einer rund ein Jahrtausend währenden und ihn von Europa bis in den fernen Osten nach China und Japan und zurück führenden Odyssee wieder und wieder auf Inkarnationen Corenices, während er an bekannten und weniger bekannten geschichtlichen Ereignissen teilnimmt und die Wege etlicher wirklicher und mythologischer Personen kreuzt. Merlin’s Ring mit seiner Mischung aus Sword & Sorcery und epischen Fantasyelementen und der überzeugend gelungenen Verknüpfung des Artus- und des Atlantis-Mythos mit verbürgter Geschichte erweist sich nicht nur vom Umfang her als den beiden Vorgängerbänden weit überlegen und gilt völlig zu recht als Munns magnum opus.
Nachdem King of the World’s Edge und The Ship from Atlantis als Sammelband unter dem Titel Merlin’s Godson (1976) neu aufgelegt worden waren – eine Bezeichnung, die auch für den gesamten “Zyklus” benutzt wird –, sollte Munn auf Wunsch des Verlags noch einen weiteren (in dieser Veröffentlichungslogik dann dritten) Roman schreiben. Zwar hat er die Arbeit an The Sword of Merlin noch begonnen, aber wie viel er wirklich vor seinem Tod am 10. Januar 1981 schon geschrieben hatte, scheint niemand zu wissen. Und so werden wir uns wohl oder übel mit dem begnügen müssen, was wir haben.
Über die bisher genannten Werke hinaus hat H. Warner Munn mit The Lost Legion (1980) einen historischen Roman geschrieben, der zu Zeiten Caligulas spielt und das Schicksal einer im Osten verlorengegangenen römischen Legion zum Inhalt hat, und mit The Banner of Joan (1975) ein Versepos über Jeanne d’Arc verfasst (die ihn ziemlich fasziniert hat, wie man auch in Merlin’s Ring feststellen kann). The Book of Munn (1979) schließlich ist ein Band mit Gedichten.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Kara Dalkey, die heute 60 Jahre alt wird. Die am 04. November 1953 in Los Angeles geborene Kara Mia Dalkey begann zu schreiben, nachdem sie Ende der 70er Jahre nach Minneapolis gezogen war und dort The Scribblies kennenlernte, eine Gruppe von Fantasy-Autorinnen und -Autoren, zu der u.a. Emma Bull, Steven Brust und Will Shetterly gehörten. Interessanterweise erfolgte ihre erste professionelle Veröffentlichung ebenfalls im Umfeld der Scribblies, denn die Kurzgeschichte “The Hands of the Artist” war in Liavek (1985) enthalten, dem ersten Band einer von Emma Bull und Will Shetterly herausgegebenen gleichnamigen Shared-World-Anthologiereihe (der sie auch weiterhin treu blieb).
1986 erschien mit The Curse of Sagamore Kara Dalkeys erster Roman, eine Parodie auf die damals im Genre recht beliebten dynastischen High-Fantasy-Romane: vor vier Generationen hat König Thalion von Euthymia – called the Wise, but known as the Fool – seine Krone seinem Hofnarren Sagamore übergeben, der daraufhin als Sagamore the Shrewd seine eigene Dynastie gegründet hat; auf König Vespin the Sneaky und König Valgus the Brutal sollte jetzt eigentlich Prinz Abderian folgen. Das Dumme ist nur, dass Abderian gar nicht König werden will … Drei Jahre später folgte mit The Sword of Sagamore eine Fortsetzung, die ein bisschen ernstere Töne anschlägt, ohne die humoristische Ebene wirklich zu verlassen. Zwischen den beiden Sagamore-Romanen kamen noch zwei Einzelromane heraus: The Nightingale (1988) erschien in der Reihe Terri Windling’s Fairy Tales und erzählt Hans Christian Andersens gleichnamiges (manchmal auch “Des Kaisers Nachtigall” genanntes) Kunstmärchen als Fantasyroman nach, wobei Kara Dalkey den Schauplatz der Handlung von China Euryale von Kara Dalkeyins Japan der Heian-Periode verlegt und die titelgebende Nachtigall bei ihr ein Flöte spielendes junges Mädchen am kaiserlichen Hof ist. Euryale (1988) ist die Geschichte der gleichnamigen jungen Frau, die eines Tages im Rom des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auftaucht und die Antwort auf eine Frage sucht: “What can change stone into living flesh?” Vor langer Zeit wurde sie von der Göttin Athene verflucht und muss seither verhüllt durch die Welt gehen, und in ihrem Haus gibt es nur blinde oder stark kurzsichtige Bedienstete – doch der Mann, den sie liebt, hat Euryale einst angesehen … Genau wie The Nightingale fußt auch Euryale auf bekanntem Material, dessen Transformation in einen Fantasyroman in diesem Fall als sehr gelungen bezeichnet werden kann.
Auch in ihrem nächsten, nach einigen Jahren Pause erschienenen Werk bediente sich Kara Dalkey eines historischen Settings: Der Dreiteiler Blood of the Goddess schildert die Abenteuer des jungen Apothekergehilfen Thomas Chinnery, der am Ende des 16. Jahrhunderts auf dem Weg nach Cathay (aka China) ist, um für seinen Meister fernöstliche Heilmittel zu besorgen. Als er eher zufällig über das Geheimnis des titelgebenden Blood of the Goddess – ein Pulver, mit dem Tote zum Leben erweckt werden können – stolpert, beginnt für ihn eine Odyssee, die ihn zunächst nach Goa (1996) – und in die Kerker der Inquisition –, dann weiter ins damals zum Mogulreich gehörende Bijapur (1997) und schließlich nach Bhagavati (1998) führt, in die geheimnisvolle Stadt, in der die Göttin lebt, deren Blut so mächtig und begehrenswert ist. Natürlich ist er nicht der Einzige, der sich auf diese Jagd begeben hat, und unabhängig davon, dass seine Konkurrenten parallel zu ihm das gleiche Ziel verfolgen, kann er noch nicht einmal seinen Begleitern trauen. Und was ist mit der Göttin selbst, die sich in ihren Palästen seit Jahrhunderten nur blinde Mönche als Liebhaber nimmt? Was in Goa als historischer Abenteuerroman mit leichten phantastischen Obertönen beginnt, wird in Bijapur zu einem bereits deutlich phantastischeren Kaleidoskop aus exotischen Bildern und Eindrücken, um in Bhagavati in einen stellenweise surrealistisch anmutendenBijapur von Kara Dalkey Fiebertraum zu münden, dem sich Thomas Chinnery ebensowenig entziehen kann wie der Anziehungskraft des ebenso exotischen wie gefährlichen Landes oder der schönen Aditi, für die das Gleiche gilt. Als bisher einziges Werk Kara Dalkeys ist diese historische Fantasy-Trilogie auch auf Deutsch erschienen: zuerst unter dem Zyklustitel Das Elixier der Nacht (Einzeltitel: Die Kerker von Goa, Die verborgene Stadt, Das Blut der Göttin (alle 1998)), und einige Jahre später noch einmal als historische Romane “verkleidet” mit leicht geänderten Einzeltiteln (Die Geheimnisse von Goa, Die verborgene Stadt, Die Schleier der Göttin (alle 2003)); geholfen hat es übrigens nichts – die Romane haben bei uns überhaupt nicht funktioniert.
Parallel zu Blood of the Goddess sind mit Little Sister (1996) und The Heavenward Path (1998) die ersten beiden Jugendbücher von Kara Dalkey auf den Markt gekommen, die – wie schon The Nightingale – wieder im Japan der Heian-Periode angesiedelt sind. In ihnen macht sich die dreizehnjährige Mitsuko auf die Suche nach ihrer Schwester Amaiko, die ihrerseits nach der Seele ihres getöteten Mannes sucht und daher ihren Körper zurückgelassen und sich auf eine Seelenreise in die Reiche der Geister und Toten begeben hat. Steel Rose (1997) und Crystal Sage (1999) wiederum sind Urban-Fantasy-Romane, in denen es um Streitigkeiten zwischen Sidhe und Faeries und um verzauberte Gitarren geht – und darum, dass man sich gut überlegen sollte, mit alten keltischen Manuskripten musikalisch zu experimentieren. Genpei (2000) schließlich ist erneut ein im Japan der Heian-Periode (Kara Dalkey mag diese Epoche laut eigener Aussage sehr) spielender historischer Fantasyroman, in dem zwei rivalisierende Clans um Macht und Ansehen und politischen Einfluss streiten und sich dabei der Hilfe von Göttern und Dämonen bedienen.
Wenig später wandte sich Kara Dalkey mit der Water Trilogy erneut dem Jugendbuch zu. In Ascension, Reunion und Transformation (alle 2002) verknüpft sie die Atlantis-Sage mit Elementen des Artus-Mythos und cephalopoiden Aliens, was sich zumindest nach einer originellen Mischung anhört. Seither sind keine Romane mehr von ihr erschienen, sondern nur noch ein paar Erzählungen z.B. in der Firebirds-Anthologiereihe. Da Kara Dalkey schon immer parallel zu ihrer Schriftstellerei Musik gemacht und sich als Songwriterin betätigt hat, bleibt abzuwarten, ob sie noch einmal als Romanautorin zurückkehrt.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Gordon R. Dickson, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Gordon Rupert Dickson wurde am 01. November 1923 in Edmonton, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta geboren, zog jedoch nach dem Tod seines Vaters 1937 mit seiner Mutter in die USA und nahm später die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seine erste professionelle Veröffentlichung war die Kurzgeschichte “Tresspass!” in Fantastic Story Quarterly im Frühjahr 1950, die er zusammen mit Poul Anderson geschrieben hat, mit dem er seit Mitte der 40er Jahre befreundet war – eine Freundschaft, die ein Leben lang halten und zu weiteren Kollaborationen führen sollte. Im Laufe seiner langen, rund 50 Jahre währenden Schriftstellerkarriere hat Dickson sich vor allem als Autor von zumeist soliden, gelegentlich durchaus originellen und im Falles des unvollendet gebliebenen Childe Cycle sogar überaus ambitionierten SF-Romanen und -Erzählungen einen Namen gemacht. Genau wie sein Freund und Autorenkollege Poul Anderson hat er allerdings zwischendurch auch mal Fantasy geschrieben (in den 90ern sogar mehr als SF) und wurde für seinen allerersten Fantasyroman The Dragon and the George (1976) mit dem August Derleth Award – dem Preis der British Fantasy Society – ausgezeichnet.
The Dragon and the George fußt auf der bereits 1957 in der Septemberausgabe des Magazine of Fantasy & Science Fiction erschienenen Erzählung “St. Dragon and the George” und erzählt davon, wie der junge The Dragon and the George von Gordon R. DicksonAmerikaner Jim Eckert auf der Suche nach seiner bei einem fehlgeschlagenen Experiment in Sachen Astral-Projektion verschwundenen Verlobten in eine Fantasyversion des mittelalterlichen England gerät, in der es Ritter, Burgen, Drachen, Wölfe, Magie und Dunkle Mächte zuhauf gibt. Das Pikante dabei ist, dass Jim im Körper des Drachen Gorbash gelandet ist, der wie alle Drachen in dieser Welt intelligent ist und sprechen kann, und von dem er erfährt, dass man sich vor den hierzulande “Georges” genannten Menschen in Acht nehmen sollte, da diese gelernt haben, sich einen Panzer und Stacheln und Hörner wachsen zu lassen – und mit diesen Hörnern haben sie schon etliche, genau betrachtet viel mehr an Wein und Geschichten (und natürlich Schätzen) als an Kämpfen interessierte Drachen aufgespießt. Eigentlich will Jim nichts weiter, als dafür sorgen, dass Angie und er so schnell wie möglich wieder nach Hause kommen, doch bedauerlicherweise haben nicht nur die bereits erwähnten Dunklen Mächte etwas gegen diese Absicht, sondern die Ankunft von Angie und Jim hat das in dieser Welt vorherrschende Gleichgewicht der natürlichen Kräfte Chance und History empfindlich gestört. Und so bleibt Jim nichts anderes übrig, als sich zunächst einmal mit seinem Dasein im Körper eines Drachen anzufreunden und sich Verbündete zu suchen, die ihm dabei helfen können, einen Ausweg aus seiner Situation zu finden …
Auch wenn der 1980 unter dem Titel Die Nacht der Drachen erstmals auf Deutsch erschienene Roman mittlerweile mehr als 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist er mit seiner Mischung aus leichthin erzählten, stellenweise wirklich witzigen Geschehnissen und Ideen, denen durchaus ernste Themen und Bedrohungen gegenüberstehen, auch heute noch lesenswert. Was nicht zuletzt an knapp, aber ausreichend charakterisierten Nebenfiguren wie dem hochrangigen Magier Silvanus Carolinus, dem ritterlichen Sir Brian Neville-Smythe, dem weltbesten Bogenschützen Dafydd Ap Hywel, der kaum schlechteren Bogenschützin Danielle o’the Wold oder auch dem (ebenfalls sprechenden, intelligenten) Wolf Aragh – das sind Jims Verbündete – bzw. an weniger angenehmen Zeitgenossen wie dem Drachen Bryagh liegt. Bedauerlich ist, dass Angie kaum über ihre Rolle als Damsel in Distress hinauskommt, doch ungeachtet dieser für Fantasyromane der 70er Jahre nicht gerade untypischen Schwäche darf man The Dragon and the George getrost als kleinen Klassiker des Genres bezeichnen.
Vierzehn Jahre später hat Gordon R. Dickson sich dem Setting erneut zugewandt und die Geschichte mit den Romanen The Dragon Knight (1990), The Dragon on the Border (1992), The Dragon at War (1992), The Dragon, The Dragon Knight von Gordon R. Dicksonthe Earl, and the Troll (1994), The Dragon and the Djinn (1996), The Dragon and the Gnarly King (1997), The Dragon in Lyonesse (1998) und The Dragon and the Fair Maid of Kent (2000) fortgesetzt. Auch wenn sie deutlich später entstanden sind, ist zumindest in den ersten drei oder vier neuen Romanen des Dragon Knight Cycle noch manches von dem zu finden, was The Dragon and the George ausgezeichnet hat. Die recht schematische, sich jeweils stark ähnelnde Handlungsführung sorgt allerdings für allmählich auftretende Ermüdungserscheinungen, über die auch die gelegentlich immer noch auftauchenden guten Ideen oder die sympathischen Haupt- und Nebenfiguren nicht hinwegtäuschen können. Dennoch bleibt der 1997 mit einer Neuauflage von Die Nacht der Drachen auch in Deutschland gestartete und mit den Titeln Der Drachenritter, Der Drache an der Grenze, Der Drache im Krieg, Der Drache, der Graf und der Troll, Der Drache und der Dschinn (alle 1997) und Der Drache und der Wurzelkönig (2000) fortgesetzte Drachenritter-Zyklus (die Originalbände acht und neun wurden nicht übersetzt) ein Werk, das auf seine leichthin erzählte, manchmal wirklich witzige Weise einen willkommenen Kontrast zu den eher schwerfällig dahinstapfenden epischen Fantasyzyklen bietet.
Über sein England der Drachen und der Georges hinaus hat Gordon R. Dickson nur noch zwei weitere Beiträge zur Fantasy verfasst, die beide im Shared-World-Universum der Thieves’ World angesiedelt sind: den Roman Jamie the Red (1982, mit Roland Green) und die Erzählung “Beyond the Dar al-Harb” in der ebenso betitelten Kurzgeschichtensammlung (1985). “St. Dragon and the George” (1957), die Geschichte, aus der schließlich der Dragon Knight Cycle hervorgehen sollte, wurde übrigens mehrfach nachgedruckt, beispielsweise in der Dickson-Collection The Last Dream (1986) oder auch, recht aktuell, in der von Jonathan Strahan und Marianne S. Jablon herausgegebenen Anthologie Wings of Fire (2010).
Die letztgenannte Veröffentlichung hat Gordon R. Dickson allerdings schon längst nicht mehr miterlebt, denn er ist bereits am 31. Januar 2001 an Komplikationen im Zusammenhang mit seiner schweren Asthma-Erkrankung, an der er fast sein ganzes Leben lang gelitten hatte, im Alter von 77 Jahren gestorben.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Otfried Preußler, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Der am 20. Oktober 1923 in Reichenberg, Böhmen (heute: Liberec, Tschechien) geborene und am 18. Februar dieses Jahres verstorbene Otfried Preußler dürfte einer der bekanntesten deutschsprachigen Kinderbuchautoren sein, dessen Werke wie Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe, Der Räuber Hotzenplotz oder Das kleine Gespenst – um die vielleicht bekanntesten zu nennen – sich in Deutschland millionenfach verkauft haben und in 55 Sprachen übersetzt wurden.
Krabat von Otfried PreußlerFür die Leserinnen und Leser der Bibliotheka Phantastika viel interessanter als Preußlers Kinderbücher dürfte allerdings Krabat (1971) sein; dieser Roman richtet sich nicht nur an Jugendliche, sondern ist eigentlich – wenn auch deutlich vor dem Fantasyboom erschienen – ein waschechter Fantasyroman. Genau genommen kann man Krabat sogar als wunderbares Beispiel für die Möglichkeiten betrachten, die sich deutschsprachigen Autorinnen und Autoren bieten, wenn sie sich von den Sagen und Legenden ihrer Heimat inspirieren lassen, denn Krabat ist die Bearbeitung einer alten sorbischen Sage. Preußler hat die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Lehrstelle in einer Mühle in der Oberlausitz antritt, deren Müllermeister seine zwölf Müllerburschen in der “Schwarzen Kunst” (sprich: Zauberkunst) unterrichtet, und der nach seiner anfänglicher Begeisterung für die Möglichkeiten, die die Magie einem bietet, rasch in einen Gewissenskonflikt gerät, allerdings voll und ganz zu seiner eigenen gemacht und einen immer noch beeindruckenden Roman über die Verlockungen der Macht verfasst, der u.a. 1972 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde (und den wir hier rezensiert haben).
Krabat wurde nicht nur in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sondern auch zweimal verfilmt: bereits 1977 schuf der tschechische Trickfilmpionier Karel Zeman eine zu Recht hochgelobte Trickfilmversion (Originaltitel: Čarodějův učeň), und 2008 kam eine Realverfilmung in die Kinos.
Während Preußlers Kinderbücher den Zeitgeist ihrer Entstehungszeit widerspiegeln, was ihre Lektüre heutzutage gelegentlich problematisch machen kann – man erinnere sich an die noch nicht allzu lange zurückliegende Diskussion über bestimmte inhaltliche Elemente der Kleinen Hexe –, ist Krabat mit seinen Aussagen über Macht und Verantwortung ein zeitloses und keineswegs antiquiertes Werk, das zu lesen sich auch heute noch lohnt.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Lynn Flewelling, die heute 55 Jahre alt wird. Die Geschichten der am 20. Oktober 1958 in Presque Isle, Maine, USA, als Lynn Beaulieu geborenen Autorin sind allesamt in einer Fantasy-Welt angesiedelt, in der das an die europäische Renaissance erinnernde Königreich Skala, auch einer der Hauptschauplätze der beiden Roman-Zyklen Nightrunner (dt. Die Schattengilde) und The Tamír Trilogy (dt. Die Tamír-Trilogie), eine der treibenden Kräfte ist.
Luck in the Shadows von Lynn FlewellingSkala und die umgebenden Länder sind reich an Intrigen und geheimen Gesellschaften, ein perfektes Umfeld für einen adligen Spion wie Seregil, eine der beiden Hauptfiguren der Nightrunner-Reihe. Als er in prekärer Lage den verwaisten Hinterwäldler Alec von Kerry kennenlernt, nimmt er ihn kurzerhand als Lehrling an, wobei es aber im Laufe der Abenteuer, die sie im Dienste der Königin erleben, nicht bleibt. Die ursprünglich aus den Bänden Luck in the Shadows (1996, dt. Das Licht in den Schatten (1998)), Stalking Darkness (1997, dt. Der Gott der Dunkelheit (1999)) und Traitor’s Moon (1999, dt. Unter dem Verrätermond (2001)) bestehende Reihe aus lose verknüpften Abenteuern konzentriert sich stark auf diese Hauptfiguren, den schillernden Meisterspion und seinen scheinbar naiven Lehrling, beide mit ihren jeweiligen Geheimnissen behaftet, die häufig in mühsamer Detektiv-Arbeit Verschwörungen aufklären und sich dann mit rasselnden Säbeln freikämpfen müssen, während im Hintergrund ein im Lauf der Serie stärker werdender Romance-Aspekt mitschwingt. Besonders spürbar wird letzerer in den mit fast zehn Jahren Abstand erschienenen Fortsetzungen Shadows Return (2008), The White Road (2010) und Casket of Souls (2012) – ein weiterer Band namens Shards of Time wird 2014 erscheinen –, in denen Alec und Seregil sich sehr viel persönlicheren Bedrohungen stellen müssen. Die neuen Bände wurden nicht mehr ins Deutsche übersetzt und konnten auch nicht ganz an die Beliebtheit anschließen, der sich die ersten Nightrunner-Abenteuer erfreuen konnten.
In der Pause zwischen den Bänden drei und vier der Reihe blieb Lynn Flewelling Skala treu, widmete sich jedoch mit der Tamír Trilogy einer früheren Epoche ihrer Welt: Die königliche Linie des Landes, die laut einer Prophezeiung unbedingt weiblich sein muss, wurde von einem Thronräuber unterbrochen, was sich prompt mit Krieg, Seuchen und Chaos rächt. Doch einigen widerständigen Zauberern ist es gelungen, ein Mädchen mit königlichem Blut zu verstecken – und durch dunkle Magie wächst sie unwissend als Junge auf, verfolgt vom Geist eines verstorbenen Bruders, dessen Gestalt sie angenommen hat. Im Verlauf der drei Bände The Bone Doll’s Twin (2001, dt. Das Orakel von Skala (2003) bzw. Der verwunschene Zwilling (2008)), Hidden Warrior (2003, dt. Die verborgene Kriegerin (2009)) und The Oracle’s Queen (2006, dt. Die prophezeite Königin (2009)) wird die Maskerade immer schwieriger, während die potentielle Königin das Teenager-Alter erreicht und mit gleichaltrigen Jungen das Kriegshandwerk erlernt.
Nicht nur mit der Geschichte der Königin Tobin/Tamír stellt Lynn Flewelling Genderrollen infrage und lotet in ihrer Welt, in der bi- und homosexuelle Beziehungen gesellschaftlich akzeptiert sind, die Bandbreite sexueller Orientierungen und Identitäten aus, was neben ihrem sehr dicht an den Figuren ausgerichteten Erzählstil dafür sorgt, dass eine treue Fangemeinde weiteren Abenteuern aus Skala und Umgebung entgegenfiebert und es Lynn Flewelling ermöglicht, ihre Welt immer weiter auszubauen.

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The Eye of the World von Robert JordanBibliotheka Phantastika erinnert an Robert Jordan, der heute 65 Jahre alt geworden wäre. Wobei Robert Jordan nur eines von mehreren Pseudonymen war, die der am 17. Oktober 1948 in Charleston, South Craolina, geborene James Oliver Rigney jr. im Laufe seiner Karriere benutzte; denn bevor er als Autor neuer Conan-Pastiches zum ersten Mal als Robert Jordan in der Fantasyszene von sich reden machte, hatte er bereits einen Western (als Jackson O’Reilly) und die ersten drei einer auf deutlich mehr Bände angelegten, zur Zeit der amerikanischen Revolution spielenden Sequenz historischer Liebesromane (als Reagan O’Neal) veröffentlicht, und es war keineswegs abzusehen, dass er wenige Jahre später mit dem Megazyklus The Wheel of Time die Fantasylandschaft nachhaltig verändern und zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren aller Zeiten werden würde.
Jordans in kurzen Abständen erschienene sechs Conan-Pastiches – Conan the Invincible, Conan the Defender (beide 1982), Conan the Unconquered, Conan the Triumphant (beide 1983), Conan the Magnificent und Conan the Victorious (beide 1984) – sollten das zum damaligen Zeitpunkt etwas lahmende Conan-Franchise (das gerade zu Tor Books gewechselt war) neu befeuern und den cimmerischen Barbaren rechtzeitig zum zweiten Conan-Film – dessen Novelisation unter dem Titel Conan the Destroyer (1984; dt. Conan der Zerstörer (1984)) Jordan ebenfalls geschrieben hat – auf dem Buchmarkt wieder präsenter machen. In den sechs Pastiches, die als Conan der Unbesiegbare (1985), Conan der Verteidiger (1986), Conan der Unüberwindliche, Conan der Siegreiche (beide 1985), Conan der Prächtige (1986) und Conan der Glorreiche (1987) alle auch auf Deutsch veröffentlicht wurden, erwies sich Jordan als kompetenter Autor actionbetonter Sword & Sorcery bzw. Heroic Fantasy, auch wenn sein Conan kaum mehr als den Namen mit dem von Robert E. Howard erfundenen Helden gemeinsam hat (ein Problem, das sich allerdings durch praktisch alle Pastiches zieht).
Danach wurde es um den Autor Robert Jordan zunächst einmal still; aber wie später bekannt wurde, arbeitete er bereits seit 1984 an einem ursprünglich auf sechs Bände angelegten epischen Fantasyzyklus namens The Wheel of Time, dessen erster Band im Januar 1990 unter dem Titel The Eye of the World erschien. Was da als erster von geplanten sechs Bänden noch mit unübersehbaren Tolkien-Anleihen auf den Markt kam, entwickelte bereits im zweiten Band The Great Hunt (ebenfalls 1990) deutlich eigenständigere Züge, denn Jordan ergänzte die seit Tolkien und seinen Epigonen bekannten und gern genutzten Elemente wie den einst besiegten, auf seine Wiederkehr hin arbeitenden Dunklen Lord und seine Handlanger oder die anfangs kleine Gruppe unterschiedlicher Gefährten, die ebensoviel mit sich wie mit den ihnen drohenden Gefahren zu tun haben, um Motive und Konzepte aus den verschiedensten irdischen Religionen, Mythen und Legenden. Das Ergebnis war und ist ein monumentales Epos, dessen zugrundeliegender Plot vergleichsweise schlicht ist, das aber durch die Vielzahl der in ihm verarbeiteten Einflüsse, das Motiv des durch das Rad der Zeit symbolisierten zyklischen Geschichtsverlaufs, die mit der Haupthandlung verwobenen Subplots und ein schier unüberschaubares Figurenarsenal eine enorme Breite und Dichte und – in seinen besseren Momenten – eine nicht zu leugnende emotionale Intensität aufweist. Das hat nicht zuletzt mit dem jugendlichen Alter einer ganzen Reihe wichtiger Figuren zu tun, die sich teils eifrig, teils widerwillig in ihre Rolle hineinarbeiten müssen The Fires of Heaven von Robert Jordanund dabei immer mal wieder in die Irre gehen und falsche Entscheidungen treffen. Das enorme Figurenarsenal und die vielen, teilweise parallel laufenden Handlungsstränge haben allerdings auch dazu geführt, dass aus den ursprünglich geplanten sechs schließlich vierzehn Bände wurden – und dass nach The Dragon Reborn (1991), The Shadow Rising (1992), The Fires of Heaven (1993) und dem mit einem der Höhepunkte des ganzen Zyklus endenden Lord of Chaos (1994) der Schwung spürbar dahin war und die nächsten Bände A Crown of Swords (1996), The Path of Daggers (1998), Winter’s Heart (2000) und Crossroads of Twilight (2003) von vielen Lesern und Leserinnen als nicht immer leicht zu überwindende Durststrecke betrachtet werden. Noch bevor Jordan mit Knife of Dreams (2005) zumindest teilweise an die Stärken der Anfangsbände anknüpfte, erschien mit New Spring: The Novel (2004) ein aus einer Erzählung hervorgegangenes, zwanzig Jahre vor den Ereignissen in The Eye of the World spielendes Prequel, in dem die Vorgeschichte zweier wichtiger Figuren des Hauptzyklus erzählt wird.
Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass Robert Jordan kurz nach der Veröffentlichung von Knife of Dreams – und damit zu einem Zeitpunkt, als alles darauf hindeutete, als hätte er den erzählerischen Schwung, der ihn durch die frühen Bände getragen hatte, wiedergefunden – mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert wurde: im März 2006 gab er bekannt, dass er an Amyloidose leide, einer seltenen Blutkrankheit, bei der selbst mit medizinischer Unterstützung nur noch eine Lebenserwartung von vier Jahren bestehe. Jordan gab sich zwar kämpferisch, doch letztlich waren ihm nicht einmal mehr diese vier Jahre vergönnt, denn am 16. September 2007 ist er der tödlichen Krankheit erlegen. In seinem letzten Lebensjahr hat er, wann immer es ihm möglich war, an A Memory of Light, dem Abschlussband des gesamten Zyklus gearbeitet und alle relevanten Plotpunkte und Figurenentwicklungen mit seiner Frau und Lektorin Harriet McDougal besprochen bzw. schriftlich niedergelegt. Aus diesen Fragmenten und Notizen hat der von ihr persönlich ausgewählte Brandon Sanderson (der mit seinen eigenen Werken schon ein bisschen mehr als nur ein gerade aufstrebender Stern am Fantasyhimmel war) schließlich die drei Romane The Gathering Storm (2009), Towers of Midnight (2010) und A Memory of Light (2013) gemacht und den derzeit umfangreichsten epischen Fantasyzyklus damit beendet.
The Wheel of Time ist ein Zyklus, der geradezu exemplarisch die Stärken und Schwächen mehrbändiger epischer Fantasyzyklen aufzeigt. Einerseits bietet er durch seinen Umfang, das durchaus überzeugend gestaltete Setting, die vielen unterschiedlichen Figuren und die mal mehr, mal weniger starke Abwandlung und Modifikation vertrauter Plotelemente vor allem Lesern und Leserinnen, die sich in eine Fantasywelt hineinfallen lassen wollen, hierzu viele Möglichkeiten. Andererseits werden erfahrene Fantasyafficionados vor allem in den Bänden sieben bis zehn gelegentlich das Gefühl haben, die Geschichte seA Memory of Light von Robert Jordan und Brandon Sandersoni dem Autor aus dem Ruder gelaufen und komme nur noch im Schneckentempo von der Stelle. Interessanterweise hat Letzteres auf den kommerziellen Erfolg des Zyklus nicht den geringsten Einfluss gehabt. Die Bände acht bis vierzehn erreichten alle Platz eins auf der Bestsellerliste der New York Times, und man geht davon aus, dass bis heute weltweit mehr als 80 Millionen Romane verkauft wurden, was The Wheel of Time zum mit Abstand erfolgreichsten modernen epischen Fantasyzyklus macht. Darüber hinaus hat Robert Jordan mit seinen Romanen einer ganzen Reihe von Nachziehern den Boden bereitet, auch wenn keiner der Zyklen, die alljährlich als Big Commercial Fantasy auf dem Markt lanciert wurden, bisher ähnlich erfolgreich war (wobei sich das allerdings in den nächsten Jahren eventuell ändern könnte).
In Deutschland wurde der Zyklus ab 1993 unter dem Titel Das Rad der Zeit veröffentlicht. Da die umfangreichen Originalbände in zwei, drei oder gar vier Teilbände gesplittet wurden, erscheint eine Titelauflistung dieser Ausgabe an dieser Stelle wenig sinnvoll. Seit Anfang dieses Jahrtausends erscheint außerdem eine – sinnigerweise mit “Das Original” untertitelte – Ausgabe, die den amerikanischen Originalbänden entspricht; die ersten sieben Bände Die Suche nach dem Auge der Welt, Die Jagd beginnt (beide 2004), Die Rückkehr des Drachen (2005), Der Schatten erhebt sich (2008), Die Feuer des Himmels (2010), Herr des Chaos (2011) und Die Krone der Schwerter (2013) liegen dabei als voluminöse Paperbacks vor, die Bände acht bis vierzehn (Der Weg der Klingen, In den Klauen des Winters, Zwielichtige Pfade, Traumklinge, Sturm der Finsternis, Mitternachtstürme und Das Vermächnis des Lichts (alle 2013) nur als eBook.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Paul Edwin Zimmer, der heute 70 Jahre alt geworden wäre. Seine erste professionelle Veröffentlichung erlebte der am 16. Oktober 1943 in Albany, New York, geborene Paul Edwin Zimmer als ungenannter Co-Autor von Hunters of the Red Moon (1973), einem SF-Roman, der jahrelang nur Marion Zimmer Bradley zugeschrieben wurde. Bei der Fortsetzung The Survivors (1979) wurde er dann allerdings als Co-Autor genannt, was möglicherweise eine Konzessionsentscheidung seiner berühmten Schwester war, der er dem Vernehmen nach nicht nur in diesen beiden, sondern auch in mehreren Darkover-Romanen bei der Gestaltung der Kampfszenen geholfen haben soll. Wozu er – als einer der Gründer der Society for Creative Anachronism und fähiger Schwertkämpfer – sozusagen prädestiniert war.
Paul Edwin Zimmers erste eigenständige Veröffentlichung war ein dünnes Bändchen mit dem Titel Woman of the Elfmounds (1980) bei Charles de Lints Triskell Press. Weitaus wichtiger ist allerdings die Sequenz aus vier – bzw. drei – Romanen und einigen Erzählungen, die unter dem Obertitel Dark Border bekannt ist. In den Romanen The Lost Prince (1982), King Chondos’ Ride (1982) – das ist eigentlich ein Roman, der nur aus Umfangsgründen gesplittet wurde –, A Gathering of Heroes (1987) und Ingulf the Mad (1989) sowie größtenteils im Magazin Fantasy Book erschienenen Erzählungen wie “A Swordsman from Carcosa” (1986), “The Shadow of Tugar” (1983), “The Wolves of Sarlow” (1984) oder “The Vision of Aldamir” (1988) entwirft Zimmer eine Welt, in der es einerseits typische The Lost Prince von Paul Edwin ZimmerFantasygeschöpfe wie Elfen und Zwerge und dergleichen mehr gibt, die aber andererseits von wahrhaft alptraumhaften Wesen bedroht wird, die jenseits der titelgebenden “dunklen Grenze” in einem Reich ewiger Dunkelheit leben und alles daransetzen, das zurückzuerobern, was ihnen einst von dem mächtigen Magier Hastur entrissen wurde. Vor allem in The Lost Prince und King Chondos’ Ride (auf Deutsch 1986 unter dem Obertitel Das Schattenreich mit den Titeln Der verschwundene Prinz und König Chondos’ Ritt erschienen) gelingt ihm dabei eine überzeugende Mischung aus Elementen der Sword & Sorcery und der Epic Fantasy, die jedoch wesentlich düsterer ausgefallen ist als die meisten anderen in dieser Zeit entstandenen Werke. Das liegt einerseits am Plot, der sich in erster Linie darum dreht, dass der jenseits der dunklen Grenze aufgewachsene und von den Wesen der Dunkelheit in ihrem Sinn erzogene Prinz Jodos unbemerkt gegen seinen Bruder Chondos, den rechtmäßigen Thronfolger des Königreichs Terencia ausgetauscht wird – mit logischerweise fatalen Folgen für die Reiche der Menschen. Das liegt aber auch am eigentlichen Setting, denn die Wesen, die das Schattenreich bewohnen, sind teilweise wahrhaft monströs, und ihr Auftreten und der bereits jahrtausendealte, von unglaublich mächtigen Entitäten geprägte Konflikt lassen immer wieder einen Hauch Cthulhu-Mythos durchschimmern (wozu auch einige Namen beitragen). Und zu guter Letzt hat es auch mit der Charakterisierung von Jodos und Chondos zu tun, die durch ihre Erziehung geprägt sind und dieser Prägung ebensowenig entkommen können wie jene Männer, die ihnen gegenüber – teilweise aus Unwissenheit bzw. den falschen Gründen – loyal sind.
Darüber hinaus lebt der Zweiteiler von seiner eigentlichen Hauptfigur, dem berühmten Schwertkämpfer Istvan DiVega, der bereits über 60 und damit über den Zenit seines Lebens hinaus ist und der im gesamten Zyklus eine ähnliche Rolle spielt wie etwa Druss in David Gemmells Drenai-Saga (und der reichlich screen time erhält, um seine Kampfkünste vorzuführen; immerhin muss man Zimmer zubilligen, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen weiß, wovon er schreibt). Die anderen beiden Dark-Border-Romane – später geschriebene, aber etliche Jahre früher spielende Prequels – bieten ordentliche, durchaus lesbare Sword & Sorcery oder Heroic Fantasy, reichen an die Qualität des Schattenreich-Zweiteilers allerdings nicht heran. Das gilt auch für Paul Edwin Zimmers einzigen außerhalb der Dark-Border-Sequenz erschienenen Roman Blood of the Colyn Muir (1988), den er zusammen mit Jon DeCles verfasst hat.
Die Hintergründe, die in den Romanen und Geschichten um die Dark Border gelegentlich angedeutet werden und immer mal wieder vage durchschimmern, deuten auf ein Universum hin, aus dem es noch viel zu erzählen gegeben hätte. Paul Edwin Zimmer wird über dieses Konzept, an dem er viele Jahre lang gearbeitet haben soll, allerdings nichts mehr erzählen, denn er ist am 18. Oktober 1997 im Alter von 54 Jahren während eines Conbesuchs an einem Herzinfarkt gestorben. Zwar ist immer wieder die Rede davon, dass Zimmer bereits einen fünften Dark-Border-Roman fertig geschrieben haben soll, doch mehr als der Titel – The King who was of Old – und die Tatsache, dass es sich um ein noch früher spielendes Prequel handeln soll, war und ist darüber nicht zu erfahren.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Walter Jon Williams, der heute 60 Jahre alt wird. Der am 15. Oktober 1953 in Duluth, Minnesota, USA geborene Schriftsteller lässt sich nicht leicht eine Genre-Kategorie überstülpen, im Kerngebiet der Fantasy ist er jedoch keinesfalls zu Hause. Allerdings hat er einige Romane geschrieben, die in einer sehr fernen und fremden Zukunft angesiedelt sind und die durchaus Fantasy-Elemente aufweisen oder in ihrer Atmosphäre dem Genre zumindest nahestehen.
Williams’ Karriere begann mit einer Reihe Marinehistorischer Romane (Privateers and Gentlemen, 1981-84). Nach einem Wechsel in die SF tischte er seinen Lesern und Leserinnen die verschiedensten Settings auf, deren kleinster gemeinsamer Nenner vielleicht am ehesten die Tatsache ist, dass Williams gerne mit großen Ideen arbeitet und seine Welten häufig auf bestimmten Prämissen errichtet, deren Implikationen er dann ergründet. Dabei kann sowohl Cyberpunk herauskommen, wie etwa in der Hardwired-Reihe, Space Opera in eher militaristischer Ausprägung (in der Dread Empire’s Fall-Trilogie) oder als Gentleman-Ganovenstück (in der Drake Maijstral-Reihe), oder eben SF, deren Technik sich wie Magie anfühlt und die Williams selbst als Fantasy sieht:
Metropolitan von Walter Jon WilliamsMetropolitan (1995; dt. Plasma City (2002)) und City on Fire (1997) sind dabei genau betrachtet tatsächlich Urban Fantasies im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Schauplatz der beiden Romane (zu denen sich nach dem Willen des Autors noch ein dritter gesellen sollte, der aber aufgrund gewisser Umstände bisher nicht erschienen ist) ist eine die ganze Welt umspannende Stadt, die unter einem undurchdringlichen, Licht und Wärme spendenden Schutzschirm liegt. Sonne, Mond und Sterne, Tag und Nacht sind nur noch Legenden; an ihre Stelle ist der gleißende Schutzschirm getreten, den die Götter bei ihrem Aufstieg zurückgelassen haben. Die Weltstadt besteht aus unzähligen metropolises aka Metropolen, die mehr oder weniger Staaten und Nationen entsprechen, und in denen sich alle denkbaren politischen Systeme finden lassen. Dass das ganze Gebilde überhaupt existieren kann, hängt mit einem Stoff namens plasm bzw. Plasma zusammen, der unter bestimmten Voraussetzungen entsteht und mit dem man willentlich buchstäblich alles machen kann: Materie erschaffen und verändern, Verletzungen und Krankheiten heilen, Zellen verjüngen, die Sinne erweitern, Illusionen erzeugen – und Menschen töten. Kein Wunder, dass die Regierungen der einzelnen Metropolen die Plasmaquellen in ihrem Gebiet kontrollieren, denn wer über Plasma gebietet, verfügt über Macht. Als Aiah, eine unbedeutende städtische Angestellte in der Metropole Jaspeer, zufällig über eine enorme Plasmaquelle stolpert, teilt sie diese Entdeckung nicht ihrer Regierung mit, sondern sucht die Hilfe eines erfahrenen Mage (so werden die Menschen genannt, die ungefährdet mit Plasma hantieren können), um selbst den richtigen Umgang mit dem magischen Stoff zu lernen. Doch da Constantine, besagter Magier, schon lange revolutionäre Gedanken wälzt und nun die Mittel vor sich sieht, seine Ideen in die Tat umzusetzen, setzt Aiah damit eine Entwicklung in Gang, von der zunächst nicht klar ist, wohin sie führen wird …
Williams schildert den Moloch Stadt mit all seinen unangenehmen Begleiterscheinungen auf überaus drastische, aber treffende Weise, und die Geschichte Aiahs und ihres Aufstiegs von fast ganz unten in eine Position, in der sie aufgrund ihrer Plasmaquelle das Schicksal einer Metropole zumindest mitbestimmen kann, ist letztlich in mehrfacher Hinsicht die Geschichte einer Emanzipation, was Metropolitan und City on Fire nicht nur zu im Hinblick auf ihr Setting ungewöhnlichen, sondern auch überaus politischen Fantasyromanen macht (und es doppelt bedauerlich erscheinen lässt, dass der dritte Band der Sequenz bis heute nicht erschienen ist).
In anderen sehr weit entwickelten Szenarien geht Walter Jon Williams der Überlegung nach, welche Fragen die Menschheit beantworten muss, wenn ihre drängenden Probleme durch eine positive Technik-Entwicklung gelöst sind. In Aristoi (1992, dt. 1996) sind das die gesellschaftlichen Implied Spaces von Walter Jon WilliamsBegleiterscheinungen einer nahezu gottgleichen Herrscherkaste, in der bei aller Allmacht immer noch menschliche Triebe und Regungen schlummern, in Implied Spaces (2008) die Gefahren einer Zivilisation, die ihre Umwelt wie ein Sandkastenmodell gestalten kann, so dass dieser Roman auch mit einigen Fantasy-Szenarios und einer Fülle von Genre-Anspielungen aufwartet.
Williams’ jüngste Romane rund um die Spiele-Designerin Dagmar Shaw sind deutlich näher an der Gegenwart orientiert und handeln vom Zusammenwirken von Social Media, Online-Games und politischen Machenschaften, was bald nach Erscheinen des ersten Bandes This is Not a Game (2009, dt. Off (2009)) zum Teil von den Ereignissen des Arabischen Frühlings eingeholt wurde.
Der große Erfolg war Walter Jon Williams, der übrigens auch ein versierter Kurzgeschichten-Autor ist, bisher nicht beschieden, was vielleicht auch an der Vielseitigkeit liegen mag, die er an den Tag legt, wenn er munter zwischen den Genres springt, manchmal sogar innerhalb eines Romans, und dabei das ein oder andere stilistische Experiment wagt. Schade ist dabei auch, dass in der deutschen Übersetzung einige seiner Reihen abgebrochen wurden, während im Original inzwischen beinahe Williams’ gesamte Backlist in eBook-Form vorliegt; es bleibt zu hoffen, dass durch diese Möglichkeit auch in Zukunft noch manch große Idee das Licht der Welt erblickt – vielleicht sogar der angedachte dritte Metropolitan-Band mit dem (vorläufigen) Titel Heaven in Flames.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an Thomas Burnett Swann, der heute 85 Jahre alt geworden wäre. Es hat in der Fantasy immer wieder Autoren und Autorinnen gegeben, deren Werke sich von denen ihrer Zeitgenossen – vom (natürlich immer zeitabhängig) gerade angesagten Fantasy-Mainstream – deutlich unterschieden haben, und der am 12. Oktober 1928 in Tampa, Florida, geborene Thomas Burnett Swann ist ein solcher Autor. Nach seinem Studium schlug Swann zunächst eine Laufbahn als Universitätsdozent ein, veröffentlichte aber in den 50er Jahren bereits etliche Gedichte, auf die 1958 in der Juli-Ausgabe von Fantastic Universe mit “Winged Victory” seine erste Fantasystory folgte. In den 60er Jahren wurde zunächst das englische Magazin Science Fantasy der Hauptabnehmer für seine Geschichten bzw. Swann einer der Stammautoren des Magazins. Beginnend mit “The Dryad Tree” (1960) erschienen hier u.a. “Where is the Bird of Fire?” (1962; 1976 zum handlungschronologisch letzten Band der Latium Trilogy erweitert), “The Dolphin and the Deep” (1963) und “Vashti” (1965).
Auch Swanns erster Roman wurde als dreiteiliges Serial unter dem Titel “The Blue Monkeys” in Science Fantasy vorveröffentlicht (1964/65), ehe er als Day of the Minotaur (1966) als Taschenbuch auf den Markt kam. Day of the Minotaur (dt. Die Stunde des Day of the Minotaur von Thomas Burnett SwannMinotauren (1978)), der als Erstes geschriebene und veröffentlichte, handlungschronologisch aber letzte Teil der Minotaur Trilogy, erzählt die Geschichte von Eunostos, dem letzten Minotauren, dem vielleicht eindruckvollsten Bewohner des kretischen Zauberwalds, in dem allerlei mythologische Geschöpfe – Zentauren, Dryaden, Artemisbären und andere – ein friedliches Leben führen. Eunostos’ Leben wird durch seine scheue Liebe zu Thea, der Tochter des kretischen Königs und einer Dryade, ein bisschen aufregender, aber das ist kein Vergleich zu der Aufregung, die es gibt, als die kriegerischen Achäer die Insel heimsuchen. Die vom Festland übergesetzten Eroberer fühlen sich nicht an die alten Regeln und Tabus gebunden, sondern symbolisieren eine neue Weltordnung, der die Geschöpfe des Zauberwalds nichts entgegenzusetzen haben. Das gilt auch für Eunostos, so beeindruckend sein Erscheinungsbild auch sein mag …
In gewisser Hinsicht steht Day of the Minotaur stellvertretend für Swanns gesamtes Werk, denn seine Romane und Geschichten kreisen letztlich alle auf vielfältige und durchaus unterschiedliche Weise um zwei immer gleiche Themen: den Zusammenprall zweier Konzepte, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten – und um die Liebe. Ob es Sonne und Mond sind, die sich gegenüberstehen, oder Vernunft und Magie, das männliche und das weibliche Prinzip oder Patriarchat und Matriarchat – das Ergebnis des Aufeinandertreffens dieser Konzepte ist klar, und was dabei ebenfalls meist auf der Strecke bleibt, ist die Liebe, denn Swanns (nie aufdringliche) Liebesgeschichten enden fast immer tragisch oder zumindest unglücklich. Genauso klar ist auch, wo die Sympathien des Autors liegen: bei den magischen Wesen und Geschöpfen, die schon lange nicht mehr Teil unserer Geschichte, sondern nur noch Bestandteil unserer Mythen sind. Thomas Burnett Swanns Romane sind vergleichsweise dünn – man müsste mehr als ein halbes Dutzend von ihnen zusammenfassen, um auf den Umfang eines zeitgenössischen epischen Fantasyromans zu kommen –, und sie sind leise und ziemlich unspektakulär; man könnte sie ein bisschen despektierlich auch als Vorgarten-Fantasies bezeichnen. Doch wenn man seine Romane und Geschichten in ihrer Gesamtheit betrachtet, wird erkennbar, dass dieser Autor, der von der Antike fasziniert war und eine Mary Renault einem J.R.R. Tolkien vorgezogen hat, einen elegischen Abgesang auf das Verschwinden der Magie aus unserer Welt und unserem Leben verfasst hat und uns damit einen Blick in eine Vergangenheit gewährt, die für immer dahin ist.
Doch um dieses Gesamtbild zu erkennen, muss man einen Schritt zurücktreten, denn Swann hat keinen Zyklus im engeren Sinn geschrieben. Was seine Romane und Geschichten eint, ist vor allem das Thema; nur in Ausnahmefällen – wie etwa in den beiden Trilogien – sind sie durch die Figuren miteinander verbunden. Außerdem hat er nicht nur besagte Trilogien “rückwärts” verfasst (d.h. Entstehungschronologie und Handlungschronologie verlaufen entgegengesetzt), sondern ist generell nach Lust und Laune kreuz und quer in den Epochen herumgesprungen. Aber wenn man genau hinschaut, lässt sich so etwas wie ein Hauptstrang erkennen, der mit The Minikins of Yam (1976; dt. Die tanzenden Zwerge von Yam (1980)) im alten Ägypten beginnt, über die im minoischen Kreta spielende Minotaur TrilogyCry Silver Bells (1977; dt. Der letzte Minotaurus (1980)), The Forest of Forever (1971; dt. Der letzte Minotaur (1977)) und Day of the Minotaur (1966) – zu Moondust (1Green Phoenix von Thomas Burnett Swann968; hier ist das biblische Jericho der Schauplatz) und weiter zu der an Vergils Aeneis angelehnten Latium TrilogyQueens Walk in the Dusk (1977; die tragische Geschichte von Dido und Aeneas), Green Phoenix (1972; dt. Der grüne Phönix (1978)) und Lady of the Bees (1976; dt. Die Bienenkönigin (1979)) – führt, und dann weiter zu Wolfwinter (1972; eine Geschichte über Sappho und italische Faune und in gewisser Hinsicht ein Brückenschlag zwischen griechischer und römischer Antike) und The Weirwoods (1965 bzw. 1967; hier droht den Bewohnern der etruskischen Wälder das gleiche Schicksal wie ihren Verwandten auf Kreta), um nur die Romane zu nennen. In The Gods Abide (1976; dt. Die heimlichen Götter (1980)) verlassen die magischen Geschöpfe im vierten nachchristlichen Jahrhundert den Mittelmeerraum, da zu diesem Zeitpunkt das Christentum hier endgültig gesiegt hat, und fliehen auf die britischen Inseln, wo wir sie mehr als tausend Jahre später in Will-O-The-Wisp (1974 bzw. 1976; dt. Der goldene Riese (1978)) und The Not-World (1975; dt. Die Nicht-Welt (1977)) in abgelegenen, versteckten Enklaven – wenn auch nur noch als Schatten ihrer selbst – wiederfinden.
Ein bisschen abseits dieses Hauptstrangs angesiedelt sind How Are the Mighty Fallen (1974; eine Geschichte, die im biblischen Judäa zur Zeit König Sauls spielt und in der es nicht nur um die Auseinandersetzung zwischen Jahwe- und Astarte-Gläubigen, sondern auch um eine homoerotische Liebesbeziehung geht), The Tournament of Thorns (1976; ein aus zwei längeren Erzählungen entstandener, im Mittelalter spielender Roman) und The Goat Without Horns (1970 bzw. 1971; dt. The Tournament of Thorns von Thomas Burnett SwannPrinzessin der Haie (1979), eine im 19. Jahrhundert in der Karibik spielende Geschichte um eine nach viktorianischen Maßstäben ziemlich unmögliche Liebe, einen mörderischen, ganz besonderen Hai und einen klugen Delphin).
Der letztgenannte ist vielleicht Swanns schwächster Roman, wie generell seine “moderneren” (d.h. die im 17., 18. und 19. Jahrhundert angesiedelten) Romane schwächer sind als jene Werke, die die Antike zum Schauplatz haben. Oder, um es positiv auszudrücken: wer Swanns beste Werke lesen will, sollte zur Minotaur oder Latium Trilogy, zu Wolfwinter oder How Are the Mighty Fallen greifen, oder auch zu Geschichten wie “Where is the Bird of Fire?” (sozusagen die Essenz von Lady of the Bees und dem aus ihr entstandenen Roman absolut gleichwertig) oder “The Manor of Roses” (eine für den Hugo Award nominierte Erzählung, die später in The Tournament of Thorns aufgegangen ist), oder auch – wenn er oder sie über eine ähnlich sentimentale Ader verfügt wie der Verfasser dieser Zeilen – zu “Bear” (die vom tragischen Schicksal eines gutherzigen, aber ein bisschen einfältigen Bären erzählt). In all diesen Romanen und Geschichten wird man – so man sich auf sie einlässt – eine ähnliche Atmosphäre finden, eine mal mehr, mal weniger melancholische Grundstimmung, die allerdings fast immer Raum für gelegentliche heitere Momente lässt. Was durchaus ein bisschen erstaunlich ist, denn Thomas Burnett Swann hat in den so überaus produktiven letzten Jahren seines Lebens an einer Krebserkrankung gelitten, der er am 05. Mai 1976 im Alter von gerade einmal 47 Jahren erlegen ist. Queens Walk in the Dusk, seinen letzten Roman, hat er quasi auf dem Totenbett geschrieben. Sein nächstes Projekt wäre ein Roman über die biblische Ruth gewesen, und niemand weiß, was er sonst noch vielleicht alles zu Papier gebracht hätte.
Wie im Text erkennbar, sind von 1977 bis 1980 mehrere von Swanns Romanen auf Deutsch erschienen, ebenso eine seiner beiden Kurzgeschichtensammlungen (Where is the Bird of Fire? (1970) als Der Feuervogel (1979)); was die Freude daran allerdings spürbar mindert, sind die teilweise nicht sonderlich geglückten Übersetzungen, die Swanns poetischem Stil und der trotz aller Melancholie häufig heiteren, Lebensfreude vermittelnden Atmosphäre der Originale nur selten gerecht werden. Doch so wünschenswert adäquate Neuübersetzungen auch wären, so unwahrscheinlich und – mit Blick auf den derzeitigen Publikumsgeschmack bzw. die derzeit angesagten Themen, Motive und erzählerischen Standards – wenig erfolgversprechend dürften sie sein.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert John Gwynne, der heute 45 Jahre alt wird. Allzuviel lässt sich über den am 21. September 1968 in Singapur geborenen, mittlerweile in Eastbourne in der englischen Grafschaft East Sussex lebenden John Gwynne noch nicht sagen, denn er zählt zur Riege aufstrebender us-amerikanischer und britischer Autoren, die erst vor kurzem – und meistens mit dem Auftaktband eines mehr oder weniger epischen, häufig dem Grim & Gritty oder auch Grimdark genannten Subgenre zuneigenden Fantasyzyklus – auf der Bildfläche erschienen sind. Auch Malice (2012) scheint auf den ersten Blick in diese Kategorie zu gehören, doch bei genauerem Hinsehen ändert sich dieser Eindruck. Denn der umfangreiche Roman ist zwar einerseits der Auftakt eines wohl auf vier Bände angelegten Mehrteilers – The Faithful and the Fallen –, steht aber inhaltlich und von der Figurenkonstellation her deutlich in der Tradition “klassischer” High Fantasy:
Als die Menschen vor langer Zeit nach dem Götterkrieg in die Banished Lands flohen, mussten sie die dort lebenden Riesen niederringen, was ihnen schließlich auch gelang. Doch jetzt rühren sich die besiegten Gegner von einst erneut, Lindwürmer werden gesichtet, und es mehren sich die Zeichen, dass ein neuer Krieg bevorsteht, in dem auch die Götter wieder mitmischen werden. Obwohl eine düstere Malice von John GwynneProphezeiung die Situation noch bedrohlicher macht, gelingt es Hochkönig Aquilus nicht, die ihm nominell unterstehenden Könige zum gemeinsamen Handeln zu bringen. Und so kommt es, dass einfachen Menschen wie Corban, dem jungen Sohn eines Schmiedes, plötzlich unerwartete Aufgaben zufallen …
Riesen und Drachen, ein junger Held, der mehr ist, als er scheint, Prophezeiungen und archetypische Figuren sowie Elemente und Motive aus keltischen und christlichen Sagen und Legenden sind die Bestandteile von John Gwynnes Erstling, die – neben dem jugendlichen Alter eines Großteils der Hauptfiguren – dafür sorgen, dass Malice sich eher als alles andere wie ein bestimmter Typus 80er-Jahre-Fantasy (und auch ein bisschen wie ein – wenn auch ungewöhnlich dickes – Jugendbuch) anfühlt. Was wiederum zur Folge hat, dass gerade erfahreneren Fantasyafficionados vieles sehr vertraut vorkommen dürfte. Das ist per se nichts Schlechtes und kann vor allem für Leser und Leserinnen, die das Genre erst vor kurzem für sich entdeckt haben, aber nicht unbedingt ihre tägliche Dosis grim & gritty brauchen, durchaus ein Anreiz sein. Um zu beurteilen, inwieweit die Mischung aus klassischen Fantasymotiven und einer modernen Erzählweise bzw. -struktur letztlich trägt, müsste man auf alle Fälle mindestens den zweiten Band des Zyklus – der unter dem Titel Valor für Anfang nächsten Jahres angekündigt ist – noch abwarten, denn in Malice beginnt die Geschichte sich gerade erst zu entfalten.

The Assassin's Curse von Cassadra Rose ClarkeAußerdem gratulieren wir Cassandra Rose Clarke, die heute 30 Jahre alt wird. Die Fantasy- und Science-Fiction-Autorin wurde am 21. September 1983 in Texas geboren und veröffentlichte erst im letzten Jahr ihren Debütroman The Assassin’s Curse, in dem es um Piratenabenteuer, Wüstenwanderungen, Auftragsmord und einen unlösbaren Fluch geht.
Da wir für Interessierte auch ein neues Portrait zu dieser Autorin – die sowohl Jugendbücher als auch Romane für Erwachsene schreibt – in der Bibliothek haben, beschränken wir uns hier kurz und knapp auf herzliche Glückwünsche!

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