Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Sanders Anne Laubenthal, die heute 70 Jahre alt geworden wäre. Wer mit diesem Namen nichts anfangen kann, befindet sich – vor allem in Deutschland – in guter Gesellschaft, denn die am 25. Dezember 1943 in Mobile, Alabama, geborene Sanders Anne Laubenthal hat gerade einmal eine Handvoll Veröffentlichungen vorzuweisen (genauer: drei Sammelbände mit Gedichten, zwei Romane und ein Sachbuch), von denen nur der Roman Excalibur (1973) zur Phantastik bzw. Fantasy zu zählen ist, und dieser Roman wurde nie übersetzt.
Excalibur von Sanders Anne LaubenbenthalExcalibur erschien erstmals als eine der wenigen Originalausgaben in der von Lin Carter herausgegebenen Ballantine-Adult-Fantasy-Taschenbuchreihe und dreht sich – nomen est omen – um König Artus’ bekanntes Schwert, spielt allerdings im zeitgenössischen Mobile der 70er Jahre. Wie aber ist Excalibur in die amerikanischen Südstaaten gekommen? Um das zu erklären, greift Sanders Anne Laubenthal auf eine alte walisische Legende zurück, derzufolge der in ihrer Version von Artus abstammende Prinz Madoc im 12. Jahrhundert den Atlantik überquert, die Neue Welt entdeckt und dort, wo heute Mobile liegt, ca. um 1170 n.Chr. eine walisische Kolonie gegründet haben soll. Im Gepäck hatte er nicht nur Excalibur, sondern auch den heiligen Gral, und beide Artefakte haben unentdeckt und unbeschadet bis ins 20. Jahrhundert überdauert.
Die Geschichte beginnt damit, dass ein junger walisischer Archäologiestudent namens Rhodri Meyrick nach Mobile kommt, um eine angeblich aus dem 12. Jahrhundert stammende Mauer auszugraben. Er freundet sich mit Linette, der Nichte der Grundstückseigentümerin an, die ihm bei seinen Ausgrabungen behilflich ist und dadurch binnen kürzester Zeit in einen Strudel unerklärlicher Ereignisse gerät. Denn Rhodri ist kein einfacher Archäologiestudent, sondern in Wirklichkeit der neue Pendragon – Artus’ Erbe –, der eigentlich auf der Suche nach Excalibur ist. Allerdings ist er nicht der Einzige, der nach dem mächtigen Schwert sucht: Auch Morgan le Fay und ihre Schwester Morgause tauchen in Mobile auf, um sich Excalibur für ihre eigenen – keineswegs übereinstimmenden – Ziele nutzbar zu machen, und um die Angelegenheit zusätzlich zu verkomplizieren, gibt es außerdem auch noch einen modernen Gralssucher, der gute Gründe hat, den Gral um jeden Preis vor den Machenschaften der Zauberinnen zu retten …
Was anfangs wie ein wilder Mischmasch aus Elementen der Artus-Legende, keltischer und christlicher Mythologie und ein bisschen Tarot-Mystizimus wirkt, funktioniert erstaunlich gut und macht aus Excalibur eine der wenigen gelungenen modernen Versionen des Artus-Mythos. So betrachtet, ist es bedauerlich, dass Sanders Anne Laubenthal nur diesen einen Fantasyroman geschrieben hat. Und das Ganze wird noch bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass sie – nachdem sie nach mehr als zwanzig Jahren in der USAF Mitte der 90er aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war – eigentlich vorgehabt hatte, sich wieder dem Schreiben zu widmen und in ihr Excalibur-Universum zurückzukehren. Einerseits mit einer im Mittelalter angesiedelten Trilogie, die sich um die Abenteuer Madocs und der walisischen Kolonie drehen und deren Auftaktband Somerled’s Daughter heißen sollte, andererseits mit einer Fortsetzung zu Excalibur, in der sich einige der Hauptfiguren des Romans rund eine Generation später erneut begegnen. Leider konnte sie keines dieser Vorhaben in die Tat umsetzen, denn am 15. Mai 2002 ist sie im Alter von 58 Jahren an im Rahmen ihrer langjährigen Diabetes-Erkrankung auftretenden Komplikationen gestorben.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Chris Bunch, der heute 70 Jahre alt geworden wäre. Auf sich aufmerksam machte der am 22. Dezember 1943 in Fresno, Kalifornien, geborene Christopher Renshaw Bunch zunächst als Autor mehrerer gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Allan Cole geschriebener Romane, womit die beiden eine Zusammenarbeit fortsetzten, die zuvor schon zu einer Vielzahl gemeinsam verfasster Drehbücher geführt hatte. Diese Bücher – oder genauer: die vier Bände der zur Fantasy zählenden Anteros Saga – wurden bereits im Text zu Allan Coles Geburtstag kurz vorgestellt, weshalb es an dieser Stelle nur um Chris Bunchs Autorenkarriere nach dem Zerbrechen der langjährigen Freundschaft mit Allan Cole und dem Ende der gemeinsamen Projekte gehen wird.
The Demon King von Chris BunchDenn fortgesetzt hat Chris Bunch seine Autorenkarriere durchaus und dabei allein deutlich mehr Bücher geschrieben als sein ehemaliger Kollege. Sein erstes im Alleingang realisiertes Projekt war eine SF-Trilogie mit dem Titel Shadow Warrior (1996/97), ehe er sich mit der Seer King Trilogy der Fantasy zuwandte. Auch in ihr erzählt ein alter Kämpe rückblickend sein Leben, doch wer auf Fantasy von der Qualität der Saga um die Fernen Königreiche gehofft hatte, sah sich rasch bitter enttäuscht, denn außer ihrer Struktur haben die beiden Werke wenig gemeinsam. In The Seer King und den beiden Fortsetzungen The Demon King (1998) und The Warrior King (1999) erzählt Damastes a Cimabue von seinem Aufstieg und Fall als rechte Hand, Freund, General und schließlich erbitterter Feind des Magiers und zeitweiligen Imperators Tenedos – nur leider bleibt der Ich-Erzähler dabei ein Unsympath, dessen viel zu häufige, detailliert geschilderte und nichts zur Handlung beitragende sexuelle Abenteuer ein zumindest fragwürdiges Frauenbild sichtbar werden lassen. Dass das Setting wie ein wahllos zusammengesuchtes Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen wirkt, trägt auch nicht unbedingt zur Lesefreude bei, da nützen noch nicht einmal Bunchs unbestreitbar vorhandene Fähigkeiten bei der Schilderung militärischer – auch taktischer – Aktionen und Kämpfe etwas. Von daher war die Trilogie, die auf Deutsch als Der Magier von Numantia mit den Einzeltiteln Der dunkle Thron (1999), Der Preis der Macht und Fluch der Wiederkehr (beide 2000) erschienen ist, eine herbe Enttäuschung, die von Locus-Rezensentin Faren Miller einst nicht zu Unrecht als “Jackie Collins for the epic-fantasy set” bezeichnet wurde.
Auch der zwergenhafte Juwelenhändler Peirol, der Held des Einzelromans The Empire Stone (2000; dt. Der Stein der Macht (2000)), ist ein ein bisschen zu sehr von sich selbst überzeugter großartiger Kämpfer, gewitzter und betrügerischer Händler und überragender Liebhaber, um so richtig sympathisch zu sein, weswegen seine Suche nach dem mächtigen, Empire Stone genannten Juwel, die den weitaus größten Teil des Buches einnimmt, den Leser trotz einzelner origineller Ideen kalt lässt.
Überraschenderweise findet sich im nächsten Einzelroman Corsair (2001; dt. Der Pirat von Saros (2001)) dann doch noch zumindest ansatzweise ein bisschen was von dem Zauber, der den Reiz der Romane um die Fernen Königreiche ausgemacht hatte. Was möglicherweise mit Setting und Plot zusammenhängt, ganz sicher aber auch damit, dass Chris Bunch in diesem Roman dankenswerterweise darauf verzichtet, die Handlung mit wahllos eingestreuten Sex-Szenen aufzupeppen. Held der Geschichte ist der junge Gareth, der zum Piraten wird, nachdem seine Eltern von geheimnisvollen Sklavenhändlern getötet wurden, und der nun vor Corsair von Chris Bunchallem die Schiffe der verhassten Mörder seiner Eltern ausraubt. Als er sich allerdings ihrer großen Schatzflotte bemächtigen will, muss er feststellen, dass sich hinter den Sklavenhändlern weitaus mehr verbirgt, als er geahnt hat … Corsair ist ein in weiten Teilen gelungener Entwicklungs- und Abenteuerroman, und Gareth die mit Abstand sympathischste Figur, die Chris Bunch für seine allein verfassten Fantasyromane geschaffen hat. Dass am Ende des Buches noch etliche lose Handlungsfäden übrig sind und ein paar Fragen allenfalls angerissen wurden, deutet darauf hin, dass Gareth nach dem Willen seines Schöpfers vielleicht noch weitere Abenteuer hätte erleben sollen, doch dazu ist es – und in diesem Fall kann man durchaus “leider” sagen – nicht gekommen.
Stattdessen folgte mit Storm of Wings (2002; dt. Herrscher der Lüfte (2004)), Knighthood of the Dragon (2003; dt. Dunkle Schwingen (2005)) und The Last Battle (2004; dt. Dämonenfänge (nur im Sammelband)) die Dragonmaster Trilogy (dt. Die Drachenkrieger (und unter diesem Titel 2007 auch als Sammelband mit den Teilen 1, 2 und 3)), in der der Bauernjunge Hal, der anfags davon träumt, eines Tages auf dem Rücken eines Drachen zu reiten, bei Ausbruch des Krieges die Chance bekommt, diesen Traum zu verwirklichen und zum Drachenreiter zu werden. Allerdings stimmt das, was er sich zuvor erträumt hat, nicht unbedingt mit der Wirklichkeit überein …
Außer diesen Fantasyromanen und -zyklen hat Chris Bunch noch zwei SF-Serien verfasst: The Last Legion (1999-2001) und Star Risk (2002-20005). Letztere ist nicht nur sein einziges SF- oder Fantasywerk, das nie auf Deutsch erschienen ist (was insofern bedauerlich ist, als Star Risk die beste seiner allein verfassten SF-Serien ist), sondern auch das einzige, das er nicht selbst zum Abschluss bringen konnte. Denn am 04. Juli 2005 ist Chris Bunch nach langer Krankheit gestorben, und zu diesem Zeitpunkt hatte er nur die Outline des geplanten fünften Bandes verfasst, der schließlich kurze Zeit später von Steve und Dal Perry auf der Basis dieser Outline geschrieben wurde.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Sean McMullen, der heute seinen 65. Geburtstag feiert. Der am 21. Dezember 1948 in Sale, Victoria, Australien geborene Sean Christopher McMullen zählte zu der Reihe von SF- und Fantasy-Autoren vom fünften Kontinent, die sich ab Mitte der 1990er auf dem internationalen Markt etablieren konnten.
Sein erster in den USA veröffentlichter Roman war The Centurion’s Empire (1998), in dem der römische Centurio Vitellan Bavalius dank eines venenum immortale vom ersten nachchristlichen bis ins 21. Jahrhundert überlebt und – unterbrochen von langen, durch das Mittel erzwungenen Schlafpausen – immer wieder Anteil an geschichtlichen Ereignissen hat. Deutlich mehr Eindruck als dieser Roman machte allerdings Souls in the Great Machine (1999), die überarbeitete Ausgabe von McMullens australischem Debüt Voices in the Light (1994) und dessen Fortsetzung Mirrorsun Rising (1995) und zugleich der Auftakt der Greatwinter-Sequenz. Souls in the Great Machine (dt. Seelen in der Großen Maschine (2006) führt in ein Australien, das gut anderthalb Jahrtausende nach einem weltumspannenden Atomkrieg und dem nachfolgenden “Großen Winter” in unzählige Stadtstaaten zerfallen ist und in dem es weder Elektrizität noch Dampfmaschinen gibt, sondern stattdessen Lichtfunkverkehr, Galeerenzüge – und den Kalkulor, einen Eyes of the Calculor von Sean McMullenriesigen Computer aus menschlichen Komponenten. Natürlich gibt es auch in dieser Welt die anscheinend unvermeidlichen Machtkämpfe, und zudem droht der nächste “Große Winter”; darüber hinaus ergeht in regelmäßigen Abständen der geheimnisvolle “Ruf”, der Menschen und Tiere gleichermaßen wie in Trance zu einem tödlich endenden Marsch gen Süden aufbrechen lässt. Auch wenn die Folgebände The Miocene Arrow(2000) und Eyes of the Calculor (2001) dem Zyklus nicht zuletzt durch das Auftreten von Aliens einen deutlicheren SF-Touch verleihen, hat McMullen mit der Greatwinter Saga bewiesen, dass er nicht nur mit postapokalyptischen Szenarien etwas anfangen bzw. ihnen neue Impulse verleihen kann, sondern auch in der Lage ist, eine in sich stimmige vorindustrielle Gesellschaft zu entwerfen und zu schildern.
Für seine Fantasy-Reihe The Moonworlds Saga arbeitete er nicht nur eine Welt aus, die von den üblichen Versatzstücken der Fantasy sehr stark abweicht und nicht unmittelbar auf eine historische Epoche oder Landschaft zurückgreift, sondern machte sich mit den Gegebenheiten vertraut, denen er seine Figuren aussetzen wollte, indem er zum Beispiel in Rüstung durch die australische Wüste stapfte. Dass er auf Genre-Konventionen pfeift, wird schon im ersten Band der Reihe klar, The Voyage of the Shadowmoon (2002, dt. Die Fahrt der Shadowmoon und Der Fluch der Shadowmoon (beide 2006)), wenn gleich zu Beginn eine Katastrophe über den Kontinent Torea hereinbricht, deren Verhinderung Stoff für so manche Queste geboten hätte. Auch im Nachfolger Glass Dragons (2004, dt. Die Rache der Shadowmoon und Die Schlacht der Shadowmoon (beide 2007)) ist sich McMullen nicht zu schade, den magischen Super-GAU, der sich anbahnt, auch wirklich eintreten zu lassen und seine liebevoll entworfene Welt, in der sich etliche religiöse und magische Orden, personifizierte Schicksalsmächte und verschiedenste Staatengebilde tummeln, ordentlich zu verwüsten. Mit humorvollen Charakterkonstellationen, wie etwa dem philantropen Vampir Laron oder der auf Süßspeisen versessenen Magierin Wensomer, aberwitzigen Abenteuern mit chaotischen Fraktionswechseln und Enthüllungen und einer Magie, die bisweilen an Technik erinnert, bewegt sich die Moonworlds Saga in einem Graubereich zwischen den Subgenres und etablierten Erzählstrukturen, was ein Grund sein könnte, weshalb der Reihe nie der richtig große Erfolg beschieden war. Nach zwei weiteren – diesmal direkt aufeinander aufbauenden – Bänden in der ansonsten eher lose zusammenhängenden Reihe, Voidfarer (2006) und The Time Engine (2008, der erste wurde Glass Dragons von Sean McMullennoch als Der Geist der Shadowmoon und Die Legende der Shadowmoon (2007, 2008) übersetzt), war vorerst Schluss, obwohl man das Gefühl hatte, Verral und seine Bewohner hätten noch eine Menge Geschichten zu bieten.
Bis auf eine nur in Australien veröffentliche Zeitreise-Reihe für junge Leser, von der bislang zwei Bände erschienen sind, scheint sich Sean McMullen mittlerweile vor allem auf Kurzgeschichten und Noveletten verlegt zu haben, die 2013 in den beiden Sammlungen Ghosts of Engines Past und Colours of the Soul versammelt wurden, und man kann es durchaus bedauern, dass damit ein experimentierfreudiger und unkonventioneller Autor mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden ist.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika erinnert an Mária Szepes, deren Geburtstag sich heute zum 105. mal jährt. Als die am 14. Dezember 1908 als Magdolna Scherbach in Budapest geborene Mária Szepes 1946 ihren ersten Roman A Vörös Oroszlán unter dem Pseudonym Mária Orsi veröffentlichte, hatte sie bereits mehrere Karrieren als Schauspielerin, Journalistin, Drehbuch- und Sachbuchautorin hinter sich (und die Heirat mit Béla Szepes). Der während des Zweiten Weltkriegs in einem Versteck geschriebene Roman sollte zu einem Bestseller der esoterischen Literatur werden – allerdings standen seine Chancen dafür anfangs denkbar schlecht, denn A Vörös Oroszlán wurde von den kommunistischen Machthabern als nicht systemkonform eingestuft, verboten und bis auf vier Exemplare vernichtet. Diese wurden von Szepes’ Anhängern abgetippt und vervielfältigt, und schließlich gelangte der Roman fast 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nach Deutschland, wo seine Übersetzung 1984 als Der Rote Löwe auf den Markt kam.
Der Rote Löwe von Mária SzepesWorum geht es nun in diesem Roman, den das stalinistische Rákosi-Regime für so gefährlich gehalten hat, dass es ihn verboten hat und vernichten ließ? Der Rote Löwe erzählt die Geschichte des 1535 geborenen Müllersohns Hans Burger, der nach dem Tod seines Vaters früh sein Elternhaus verlässt und alsbald Schüler des Alchemisten und Wanderarztes Rochard wird. Besagter Rochard besitzt ein großes Geheimnis – ein Pulver namens Der Rote Löwe, das demjenigen, der es zu sich nimmt, die Unsterblichkeit verleiht. Hans Burger will dieses Pulver unbedingt haben, koste es, was es wolle – und er verschafft es sich auch, allerdings zu einem hohen Preis, denn er ist nun zur Unsterblichkeit verflucht. Er kann zwar körperlich sehr wohl sterben, wird aber durch die Jahrhunderte immer aufs Neue mit all seinen Erinnerungen unter den verschiedensten Lebensumständen wiedergeboren, und all seine Versuche, sich von seinem Fluch zu erlösen, scheinen vergebens … Mária Szepes schildert Hans Burgers Streben nach der Unsterblichkeit ebenso wie seine lange vergebliche Suche nach Erlösung in dichten, packenden Bildern, führt ihren Helden dabei durch die europäische Geschichte und lässt ihn Bekanntschaft mit historischen Persönlichkeiten machen. Doch mindestens ebenso wichtig und interessant sind die Einblicke in die dem Normalsterblichen normalerweise verschlossene Welt der Geheimgesellschaften und der über esoterisches oder okkultes Geheimwissen verfügenden Initiierten bzw. in die Welt der Alchemie. Und letztlich erzählt Der Rote Löwe auch davon, wie aus einem niederträchtigen und selbstsüchtigen Menschen ein selbstloser Diener an der Menschheit wird, der schließlich eine deutlich höhere Daseinsstufe erreicht.
Der Rote Löwe war nicht Mária Szepes’ erster Roman auf Deutsch – bereits 1982 war mit Spiegeltür in der See (1982; OT: Tükörajtó a tengerben (1975)) ein SF-Roman mit mehr oder minder starken esoterischen Untertönen erschienen –, aber ihr bei weitem erfolgreichster, der mehrere Auflagen erlebte (2002 bzw. 2004 auch überarbeitet und mit einem informativen Vorwort von Hans Joachim Alpers versehen). Nicht zuletzt dieser Erfolg dürfte dafür gesorgt haben, dass auch danach weitere Romane von Mária Szepes auf Deutsch erschienen sind, die sich entweder – wie Der Zauberspiegel (1988; OT: Varázstükör (ca. 1989)) – ausschließlich um esoterische Themen drehen, oder SF- bzw. phantastische Inhalte mit einer starken esoterischen Komponente bieten. Im Einzelnen waren das Sonnenwind (1986; OT: Napszél (1983)), Märchenland Gondwana (1993; OT: A Meses Gondvana (1992)), Die lebenden Statuen von Surayana (1998; OT: Surayana élö szobrai (1971)) und der von ihr selbst als ihr Hauptwerk bezeichnete Raguel-Zweiteiler Der Berg der Adepten und Weltendaemmerung (beide 1993; OT: Raguel 7 tanítványa (1991)), die allerdings allesamt nicht annähernd so erfolgreich waren wie Der Rote Löwe.
Außer diesen Romanen sind noch mehrere Kinder- und Sachbücher von ihr auf Deutsch erschienen, doch das am leichtesten zugängliche und auch für nicht oder kaum an Esoterik interessierte Leser und Leserinnen lesbarste Werk der am 03. September 2007 im Alter von beinahe 99 Jahren verstorbenen Mária Szepes ist und bleibt zweifellos jener Roman, in dessen Mittelpunkt Hans Burger und sein Streben nach bzw. Hadern mit der Unsterblichkeit stehen.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Janny Wurts, die heute 60 Jahre alt wird. Schon seit ihrer Kindheit hatte die am 10. Dezember 1953 in Bryn Mawr, Pennsylvania, geborene Janny Wurts Interesse am Schreiben und am Zeichnen, von daher ist es kein Wunder, dass sie sich anfangs sowohl als Grafikerin wie auch als Autorin einen Namen gemacht hat. Mittlerweile ist die Grafikerin Janny Wurts zugunsten der Autorin in den Hintergrund getreten, auch wenn sie es sich normalerweise nicht nehmen lässt, die Cover ihrer Romane selbst zu gestalten – was immerhin den Vorteil hat, dass man als Leser davon ausgehen kann, dass das, was man auf dem Cover sieht, auch das ist, was die Autorin da haben wollte.

Janny Wurts’ erste professionelle Veröffentlichung war Sorcerer’s Legacy (1982, rev. 1989), ein nicht weiter bemerkenswerter Roman um eine verwitwete, aber zum Glück schwangere Herzogin, einen zeugungsunfähigen Prinzen, einen altruistischen Magier, einen schurkischen Schurken und die aus diesen und weiteren Ingredienzen resultierenden Palastintrigen. Zwei Jahre später erschien mit Stormwarden der erste Band des Cycle of Fire (unter diesem Titel 1999 auch als Sammelband), der sich einer beispielsweise auch von Marion Zimmer Bradley oder Anne McCaffrey benutzten Prämisse bedient: die Besatzung eines auf einer fernen Welt notgelandeten Raumschiffs hat ihre Herkunft vergessen, und folgerichtig sind die Menschen auf eine mittelalterliche Zivilisationsstufe zurückgefallen. Da sie aber nicht nur ihre Herkunft vergessen haben, sondern auch das, was sie mitgebracht haben, kämpfen sie nun – unterstützt von einem “magischen” Wesen, das einmal der Schiffscomputer war – gegen Dämonen statt Aliens. Die mit Keeper of the Keys und Shadowfane (beide 1988) fortgesetzte und auf Deutsch als Zyklus des Feuers mit den Einzeltiteln Sturmwächter, Schlüsselhüter und Schattentempel (alle 2000) erschienene Trilogie funktioniert als Entwicklungsroman der beiden Hauptfiguren ebenso wie als phantastische Abenteuergeschichte.

Dass zwischen dem ersten und den beiden nachfolgenden Bänden des Cycle of Fire so viel Zeit verstrichen ist, hat vermutlich damit zu tun, dass Janny Wurts zwischenzeitlich an dem Werk gearbeitet hat, das bis heute ihr bei weitem bekanntestes und erfolgreichstes geblieben ist, denn 1987 erschien mit Daughter of the Empire der gemeinsam mit Raymond E. Feist verfasste erste Band der Kelewan oder auch Empire Trilogy. Im Mittelpunkt dieses Romans und seiner beiden Fortsetzungen Servant of the Empire (1990) und Mistress of the Empire (1992) steht Mara von den Acoma, die auf Kelewan – der von Raymond E. Feist erschaffenen Welt auf der anderen Seite des Spalts, der er in Magician bereits einen Besuch abgestattet hatte – unversehens an die Spitze ihres Hauses gelangt und es gegen Intrigen und militärische Angriffe verteidigen muss. Da Mara aber keine dumme, schwache Frau ist, sondern es versteht, ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln, sich die richtigen Verbündeten zu suchen und letztlich das Game of Council – das komplizierte Spiel um die Macht, das die mächtigen Adelshäuser der Tsurani unentwegt spielen – besser zu beherrschen als alle anderen, ist es kein Wunder, dass ihr weit mehr gelingt als nur ihr Haus zu retten. Die Kelewan-Saga – die auf Deutsch in sechs Bänden als Die Auserwählte, Die Stunde der Wahrheit, Der Sklave von Midkemia, Zeit des Aufbruchs, Die schwarzen Roben und Tag der Entscheidung (alle 1998) erschienen ist – erweist sich als gelungenes Beispiel dafür, dass die Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher Autoren erstaunliche Synergie-Effekte haben kann, denn die hier vorhandene Mischung aus geradliniger Abenteuerhandlung, nachvollziehbar agierenden Figuren, politischen Intrigen und einem Setting mit mehr als einem Hauch Exotik (in Form der nichtmenschlichen Cho-ja) ergibt ein in jeder Hinsicht lesenswertes Werk.

Parallel zum letzten Band der Empire Trilogy erschien mit The Master of Whitestorm (1992) ein Einzelroman, den Janny Wurts wieder allein verfasst hatte, und den man vielleicht als eine Art Fingerübung zu dem umfangreichen Zyklus betrachten kann, den sie ein Jahr später mit The Curse of the Mistwraith begonnen hat und an dem sie heute noch schreibt: The War of Light and Shadow. In diesem auf elf bzw. zwölf Bände angelegten Zyklus (der eigentliche zweite Band wurde aus Umfangsgründen auch im Original fast immer gesplittet), von dem bisher neben dem bereits erwähnten Auftaktroman acht Bände – nämlich Ships of Merior (1994), Warhost of Vastmark (1995), Fugitive Prince (1997), Grand Conspiracy (1999), Peril’s Gate (2001), Traitor’s Knot (2004), Stormed Fortress (2007) und Initiate’s Trial (2011) – vorliegen, geht es um die im Rahmen des ersten Bandes zu ewiger Feindschaft verfluchten Halbbrüder Arithon, den Master of Shadow, und Lysaer, den Lord of Light, und um die Rolle, die sie beide in einer viel größeren Geschichte spielen, die vor langer Zeit begonnen hat. Wer nun allerdings meint, es ginge um den üblichen Kampf zwischen Licht und Schatten, der befindet sich auf dem Holzweg. Das Ganze ist Dank einer Reihe von Fraktionen und Gruppen, die mit teilweise recht unterschiedlichen Zielen ebenfalls in dem Konflikt mitmischen, und der Tatsache, dass der Zyklus in mehrere Unterzyklen (“Arcs”) aufgeteilt ist, deutlich komplexer als es anfangs scheint. Was zusammen mit dem alles andere als leicht lesbaren, komplizierten Stil, dessen sich Janny Wurts hier bedient, möglicherweise mit dafür verantwortlich ist, dass The War of Light and Shadow auch in den USA und England nicht annähernd den Bekanntheitsgrad hat, den ein Mehrteiler, der von einem Rezensenten einmal nicht ganz unzutreffend als “The Wheel of Time for adults” bezeichnet wurde, eigentlich haben müsste. Inwieweit das auch im Hinblick auf die Spannungsbögen allem Anschein nach stringent durchkonzipierte Werk letztlich gelungen ist, wird sich natürlich erst abschließend beurteilen lassen, wenn die beiden noch ausstehenden Romane (die Destiny’s Conflict und Song of the Mysteries heißen werden) erschienen sind. Deutschsprachigen Leserinnen und Lesern wird das allerdings wieder einmal schwer gemacht, denn hierzulande wurden nur die Bände I-III gesplittet unter dem Zyklustitel Der Fluch des Nebelgeistes (Einzeltitel: Meister der Schatten, Herr des Lichts (beide 1998), Die Schiffe von Merior, Die Saat der Zwietracht, Die Streitmacht von Vastmark, Das Schiff der Hoffnung (alle 1999)) und die Bände IV und V unter dem Zyklustitel Die Schattenkriege (Einzeltitel: Die Rückkehr des Nebelgeistes, Jäger und Gejagte, Die Verschwörung des Lichts (alle 2002) und Spiel der Schatten (2003)) veröffentlicht.

Wer sich deswegen an Janny Wurts im Original versuchen will, dem sei neben dem bereits erwähnten The Master of Whitestorm noch ihr 2002 erschienener Einzelroman To Ride Hell’s Chasm empfohlen. Beide Titel sind einerseits stilistisch und vom Erzählduktus her recht nah an The War of Light and Shadow dran, aber dank der überschaubaren Zahl der Hauptfiguren und des nicht annähernd so üppig ausgestalteten Settings wesentlich zugänglicher. Wer hier mit Janny Wurts’ Stil klarkommt, entdeckt möglicherweise eine Autorin für sich, die dann noch reichlich Lesestoff bietet.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika erinnert an John James, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Wer diesen Namen nicht kennt, sollte nicht allzu überrascht sein, schließlich haben wir für diese Beiträge schon einige generell oder auch nur hierzulande kaum bekannte bzw. vollkommen unbekannte Autoren und Autorinnen ausgegraben, und der am 30. November 1923 in Aberavon, Wales, geborene David John James ist gewiss ein Autor der etwas obskureren Art.
Votan von John JamesWas mehr als nur ein bisschen bedauerlich ist, denn gleich mit seinem ersten Roman Votan (1966) hat er einen wirklich originellen Fantasyroman geschrieben hat, der sich auf ziemlich einzigartige Weise bekannter Themen und Motive annimmt. Votan erzählt die Geschichte des griechischstämmigen römischen Bürgers Photinus, eines reisenden Händlers, der im ersten oder zweiten nachchristlichen Jahrhundert auf einer seiner Reisen in Germanien mit der falschen – nämlich einer verheirateten – Frau anbändelt und überstürzt gen Norden fliehen muss. Er taucht in einem kleinen Dorf unter und wird dort aus einer Reihe von Gründen für einen Gott gehalten. Photinus erkennt natürlich die Vorteile, die ihm das bringen kann, und hat verständlicherweise kein Interesse, den Irrtum aufzuklären. Was letztlich dazu führt, dass seine Taten und Erlebnisse als die Votans (bzw. Odins) in die nordische Mythologie eingehen. Das Ganze ist auf überaus humorvolle Weise erzählt, und auch wenn der Humor manchmal ein bisschen platt ist, macht das vergleichsweise dünne Buch – das man vielleicht als eine Art nordisches (und deutlich vorweggenommenes!) Äquivalent des Monthy-Python-Films Life of Brian bezeichnen könnte – mehr als ein bisschen Spaß.
Zwei Jahre später verschlägt es Photinus in Not for All the Gold in Ireland (1968) nach Irland, wo es natürlich alles, nur kein Gold zu finden gibt, und er sich auf ähnliche Weise im Mabinogion verewigt. Außer diesen beiden Romanen – deren TB-Ausgaben in den frühen 70er Jahren als “normale” historische Romane und keineswegs in einer Genrereihe erschienen sind – hat John James noch eine Handvoll weiterer historischer Romane verfasst, von denen nur noch zwei im weitesten Sinne phantastisch (oder phantastisch angehaucht sind): Men Went to Cattraeth (1969) basiert auf dem Y Gododdin (einem mittelalterlichen walisischen Gedicht) und kommt ohne Photinus aus – was dazu passt, dass der Roman wesentlich düsterer sein soll als Votan und Not for All the Gold in Ireland – und in The Bridge of Sand geht es um eine geheimnisvolle entsprechende Brücke, die die römischen Truppen für die Invasion Irlands benutzen wollen.
John James’ Romane waren auch in England trotz einer Neuauflage in den 80ern lange Zeit ziemlich vergessen; in den USA ist ohnehin nur Votan jemals veröffentlicht worden. Neil Gaiman, der ein großer Fan der Photinus-Romane ist, wollte diesen Roman 2009 in seiner bei Dark Horse erscheinenden Reihe Neil Gaiman Presents der amerikanischen Leserschaft wieder zugänglich machen, allerdings scheint diese Ausgabe nie erschienen zu sein. Da trifft es sich gut, dass man sich bei Gollancz plötzlich wieder an John James erinnert hat, denn dort wird nächstes Jahr im Rahmen der Fantasy Masterworks der Sammelband Votan and Other Novels erscheinen. Ursprünglich war das Buch (in dem Votan, Not for All the Gold in Ireland und Men Went to Cattraeth enthalten sein werden) sogar bereits für diesen November geplant gewesen, was irgendwie wunderbar zu James’ 90. Geburtstag gepasst hätte – aber da der Autor bereits am 02. Oktober 1993 verstorben ist, hätte er selbst von dieser Art Geburtstagsgeschenk nichts mehr gehabt.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert William Kotzwinkle, der heute 75 Jahre alt wird. Zwar ist der Ruhm des am 22. November in Scranton, Pennsylvania, geborenen William Kotzwinkle heutzutage – zumindest in Deutschland – schon ziemlich verblasst, doch in den 70er Jahren waren mehrere seiner Bücher diesseits und jenseits des Atlantiks schlicht Kult. Und in einigen dieser Bücher spielte die Phantastik eine nicht ganz unbedeutende Rolle.
Nachdem William Kotzwinkle bereits mehrere Romane und Erzählungen für Kinder und Jugendliche geschrieben hatte, erschien mit Elephant Bangs Train (1971; dt. Elefant rammt Eisenbahn (1983)) eine erste Kurzgeschichtensammlung für Erwachsene, deren Inhalt bereits eine Ahnung dessen vermittelte, was in späteren Jahren nachfolgen sollte. Die Stories in Elephant Bangs Train sind eine wilde Mischung aus versponnenen, überraschenden und anrührenden Kurzgeschichten, die alle einen magischen, wenn nicht gar phantastischen Einschlag haben. In den insgesamt 16 Geschichten lebt Kotzwinkle nicht nur seine Sympathie für Elefanten aus (indem er z.B. den Titelhelden Rache an der Eisenbahn nehmen lässt oder einen seiner prähistorischen Vorfahren heraufbeschwört), er führt Leser und Leserinnen an unterschiedlichste Schauplätze, die von Trickstern oder mechanischen Maschinen bevölkert werden, und dass er damit etliche Themen aufs Tableau bringt, die auch später wieder bei ihm auftauchen, soll nicht heißen, dass man diese prägnanten, witzigen und trotzdem melancholischen Geschichten heute nicht mehr lesen kann – sie geben einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Stile und Erzählmodi, die Kotzwinkle auffahren kann.

Ein Jahr nach dieser Sammlung veröffentlichte er mit Hermes 3000 seinen ersten, aus mehr oder weniger zusammenhanglos nebeneinander gestellten, in Fragmente zerschnittenen Kurzgeschichten bestehenden phantastischen “Roman”, der dem Vernehmen nach mehr an einen Drogentrip als alles andere erinnern soll. 1974 folgte mit The Fan Man (dt. Fan Man (1978)) der Roman, der ihn nicht nur in Hippiekreisen schlagartig bekannt machte, sondern z.B. auch im New Yorker überaus positiv besprochen oder von Kurt Vonnegut hochgelobt wurde (was wohl ernst gemeint war – immerhin hat Vonnegut für eine spätere Ausgabe ein begeistertes Vorwort verfasst). Zwar ist dieser Roman nicht phantastisch, aber die von ihm selbst in einem Stream-of-consciousness-ähnlichen Stil erzählte Geschichte Horse Badorties’, der sich am Geräusch laufender Ventilatoren ergötzt, ständig zugedröhnt ist und an hochgradigem ADS leidet, aber gleichzeitig davon träumt, den Auftritt eines Chors von ihm selbst ausgewählter 16-jähriger Mädchen in einer Kirche zu organisieren, wo sie zum Klang elektrischer Ventilatoren ein von ihm komponiertes Liebeslied vortragen sollen, ist so bizarr, dass man sie einmal im Leben gelesen haben sollte.

Doctor Rat von William KotzwinkleAuch in Doctor Rat (1976; dt. Dr. Ratte (1984)) gibt es einen Ich-Erzähler. Allerdings ist die titelgebende Laborratte im Gegensatz zu Horse Badorties keine tragikomische Figur, sondern anfangs ein echter Unsympath. Oder wie soll man sonst ein Wesen nennen, das den ringsum versammelten Mäusen, Ratten, Katzen, Hunden und noch ein paar anderen Tieren immer wieder allen Ernstes erklärt, dass es zum Wohle der Menschheit notwendig ist, dass sie auf jede erdenkliche Weise malträtiert werden? Andererseits hat Doc eigentlich gar keine andere Wahl; nach der Geburt kastriert und aufgrund der an ihm durchgeführten Versuche komplett wahnsinnig geworden, hat er sich seine eigene Sicht auf die Welt erschaffen müssen – und indem er uns diese Sicht mitteilt, lässt er uns einen Blick auf unsere Unmenschlichkeit werfen, wie er drastischer kaum sein könnte. Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn der Professor, der mit einer Handbewegung entscheidet, welche Ratten in die Todeskammer müssen, wie ein moderner Dr. Mengele wirkt. Auch wenn Mutter Natur sich irgendwann zur Wehr setzt und die Tiere den Aufstand planen, bleibt Doctor Rat ein erschütterndes, böses und teilweise schwer erträgliches Buch, das 1977 völlig zu recht mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde. Was Doc selbst angeht – der nimmt am Aufstand der Tiere nicht teil, sondern bleibt seinen Herren treu ergeben. Was soll er denn sonst auch tun?

Fata Morgana (1977; dt. Fata Morgana (1979)) führt in eine andere Art von Düsternis, nämlich die der dekadenten und auf den ersten Blick sehr lebensfrohen Belle Époque. Die in Paris beginnende Odyssee des Inspektor Picard, der einen Scharlatan zur Strecke bringen will, an dem vielleicht mehr dran ist, als Picard bewältigen kann, zieht sich immer weiter nach Osteuropa, wo sich der Inspektor immer tiefer in die zunehmend magischen Vorkommnisse verstrickt. Spielzeugmacher und Wahrsagemaschinen, Hypnose und das pralle (Großstadt-)Leben des neunzehnten Jahrhunderts sorgen für ein Setting, das einerseits stark in einem nicht sonderlich oft für die Fantasy herangezogenen Stück der europäischen Kulturgeschichte verankert ist, andererseits aber ganz mühelos Magie an der Grenze zur Moderne integrieren und mit einem überraschenden Ende auftrumpfen kann.

Nach weiteren Romanen mit mal mehr (Herr Nightingale and the Satin Woman (1978)), mal weniger (Jack in the Box (1980, dt. Jack in the Box (1985)) und Christmas at Fontaine’s (1982; dt. Weihnachten für Wellensittiche (1984)) phantastischen Elementen erhielt er den Auftrag, die Novelisation von E.T. the Extra-Terrestrial zu verfassen – eine Aufgabe, die er mit E.T. the Extra-Terrestrial in His Adventure on Earth (1982; dt. E.T., der Ausserirdische und seine Abenteuer auf der Erde (1982)) bravourös erledigte. Steven Spielberg war so zufrieden mit der literarischen Umsetzung seines Films (die dadurch, dass der Roman teilweise aus der Sicht E.T.s erzählt wird, dem Ganzen eine zusätzliche Komponente hinzufügt), dass Kotzwinkle noch eine Fortsetzung schreiben durfte: in E.T.: The Book of the Green Planet (1985; dt. E. T., das Buch vom grünen Planeten (1985)) ist E.T. “zu Hause”, doch die Ereignisse auf der Erde haben ihn verändert, so dass er sich auf seiner Heimatwelt nicht mehr wohlfühlt und sie lieber heute als morgen verlassen würde, was seine Artgenossen so gar nicht verstehen können.

Hier bei uns derzeit noch am bekanntesten dürfte The Bear Went Over the Mountain (1996; dt. Ein Bär will nach oben (1997)) sein. In dem – je nach Betrachtungsweise phantastischen oder satirischen – Roman geht es um einen Schwarzbären, der in der Hoffnung, in ihr etwas zu essen zu finden, in den Bergen von Maine eine unter einem Baum liegende Aktentasche klaut. Doch statt etwas zu essen findet er nur ein Manuskript. Er liest es, findet es gut, besorgt sich ein paar Klamotten, nimmt den Namen Hal Jam an und macht sich nach New York auf, um sein Glück in der Welt der Literatur zu suchen. Die er im Sturm nimmt … Wer sich ein bisschen damit auskennt, wie es in der großen weiten Welt des Verlegens und Verkaufens zugeht, muss Kotzwinkle zubilligen, hier sehr genau hingeschaut und den Finger auf mehr als eine Wunde gelegt zu haben.

Fata Morgana von William KotzwinkleKotzwinkle ist zuerst und vor allem ein Fabulierer, der im wahrsten Sinne des Wortes häufig ohne Rücksicht auf Verluste drauflosfabuliert. Das klappt manchmal, aber nicht immer. So hat z.B. das wilde Garn, das er in seinem SF-Roman The Amphora Project (2005; dt. Das Amphora-Projekt (2007)) zusammengesponnen hat, die deutschsprachige Leserschaft nicht gerade begeistert. Aber das ist eben auch das Risiko bei einem Autor wie Kotzwinkle, dessen Werke sich durchgängig so deutlich voneinander unterscheiden, dass man vorher nie weiß, was man bekommt. Dass er auch recht geradlinig und sehr atmosphärisch erzählen kann, beweist er in The Game of Thirty (1994; dt. Das Pharaonenspiel (1996)), einer hardboiled PI novel, die sich vor der Konkurrenz keineswegs verstecken muss. Aber letztlich ist das nicht einmal sehr verwunderlich, denn William Kotzwinkle hat immer wieder bewiesen, dass er in allen Sätteln gerecht ist, ganz egal, wie das Pferd heißt, das er gerade reitet.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Lisa Goldstein, die heute 60 Jahre alt wird. Bereits mit ihrem ersten Roman erwies sich die am 21. November 1953 in Los Angeles, Kalifornien, geborene Elizabeth Joy Goldstein als ungewöhnliche Autorin, denn The Red Magician (1982) geht mit den Mitteln der Phantastik ein heikles Thema an.
The Red Magician von Lisa GoldsteinIm Mittelpunkt von The Red Magician steht die anfangs elfjährige Kicsi, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem Dorf irgendwo im Nirgendwo zwischen Russland, Ungarn und Tschechien lebt. In diesem Dorf hat der zauberkundige Rabbi das Sagen, der sehr auf Traditionen bedacht ist, jeglichen Fortschritt verabscheut und davon überzeugt ist, das Dorf mithilfe seiner Fähigkeiten vor den Wirren des Krieges bewahren zu können. Als eines Tages ein Fremder namens Vörös – ein Magier, der die Zukunft sehen kann – auftaucht und die Dorfbewohner vor dem ihnen drohenden Verhängnis warnt und sie wegführen will, geraten Der Rabbi und der Magier (so der deutsche Titel, 1985) rasch aneinander. Natürlich glauben die Dorfbewohner an das Altbewährte und damit dem Rabbi. Nur Kicsi nimmt sich Vörös’ Warnungen zu Herzen – doch auch das bewahrt sie nicht davor, ins KZ verschleppt zu werden, als die Deutschen bald darauf das Dorf überfallen …
Ein Fantasyroman, in dem der Holocaust thematisiert wird (worauf übrigens in der deutschen Ausgabe ausdrücklich hingewiesen wird, denn ihr Untertitel lautet: “Ein Märchenroman aus der Zeit des Holocaust”) – ist das nicht ein bisschen gewagt oder gar geschmacklos? Wenn man weiß, dass Lisa Goldsteins in Deutschland geborener Vater Bergen-Belsen überlebt hat, und ihre in Tschechien geborene, ungarisch-stämmige Mutter Ausschwitz (wobei andere Angehörige beider Familien weniger Glück hatten), wird rasch klar, dass hier persönliche Beweggründe eine Rolle gespielt haben dürften. Die vermutlich mit dazu beigetragen haben, dass sie überaus sensibel mit dem Thema umgegangen ist. So verzichtet Lisa Goldstein auf jegliche vordergründig effekthascherische Darstellung des Lagerlebens, und dennoch sorgen die Szenen im KZ für beklemmende, Unbehagen erzeugende Lesemomente. Auch wenn – so viel sei verraten – die Sache zumindest für Kicsi gut ausgeht, verpasst The Red Magician nicht nur an diesen Stellen all den Fantasy-ist-nichts-als-Fluchtliteratur-Apologeten einen kräftigen Tritt dahin, wo’s richtig weh tut.
Auch in den Romanen, die auf ihren mit dem National Book Award ausgezeichneten Erstling folgten, widmete Lisa Goldstein sich ungewöhnlichen Themen: In The Dream Years (1985) verbindet sie das von den Ideen der Surrealisten geflutete Paris der 20er Jahre mit der 1968 ihren Höhepunkt erreichenden Studenten- und Bürgerrechtsbewegung in den USA, während A Mask for the General (1987) im 21. Jahrhundert in einem dystopischen Nordamerika spielt, über das ein General herrscht, der sich mit auf Stammestraditionen zurückgreifenden und nach den alten Regeln lebenden Maskenmachern auseinandersetzen muss, und Tourists (1989) die Geschichte einer amerikanischen Familie erzählt, die in einem im Nahen Osten gelegenen Land nach einem 1000 Jahre alten Manuskript sucht – nur scheinen die Amerikaner und das Land Amaz unterschiedlichen Realitäten anzugehören.
Strange Devices of the Sun and Moon von Lisa GoldsteinNach diesen Büchern, die – wie Lisa Goldstein selbst einmal gesagt hat – auch Versuche waren, “literarisch” zu schreiben, kehrte sie mit Strange Devices of the Sun and Moon (1993; dt. Im Zeichen von Sonne und Mond (1994)) wieder zu etwas handfesteren Themen zurück: Man schreibt das Jahr 1590, über England herrscht Königin Elizabeth. Doch für die normalen Menschen unsichtbar agieren Mitglieder des Alten Volkes nicht nur in den dunklen Straßen und Gassen von London, sondern auch am in ein Netz aus Intrigen gehüllten königlichen Hof. Die Faeries sind auf der Suche nach König Arthur – ihrem König Arthur, einem als Mensch aufgewachsenen Wechselbalg, der sie nun in ihre letzte große Schlacht führen soll, ehe sie diese Welt – diese Realität – für immer verlassen. Und nicht nur der bekannte Theaterdichter Christopher Marlowe (der nebenbei auch als Geheimagent im Dienste der Krone unterwegs ist) muss feststellen, dass an etwas nicht zu glauben keineswegs gewährleistet, dass es diese Dinge tatsächlich nicht gibt. Ein Gefühl von historischer Authentizität, überzeugend gestaltete Figuren – allen voran Christopher Marlowe – und ein Feenvolk, das ebenso faszinierend wie bedrohlich wirkt, machen aus Strange Devices of the Sun and Moon einen mehr als lesenswerten historischen Fantasyroman über das thinning, das Verschwinden der Magie aus der Welt.
Ein Jahr später erschien mit Travellers in Magic nicht nur der erste Sammelband mit Fantasy-Kurzgeschichten, sondern mit Summer King, Winter Fool auch Lisa Goldsteins einziger unter ihrem richtigen Namen veröffentlichter, ausschließlich in einer Anders- oder Sekundärwelt spielender Fantasyroman; in ihm geht es um höfische Intrigen, wahre und falsche Thronerben, Theateraufführungen und Götter des Winters und des Sommers, deren richtige Anbetung für den Wechsel der Jahreszeiten sorgt. Walking the Labyrinth (1996) und Dark Cities Underground (1999) haben wieder ein zeitgenössisches Setting; im erstgenannten Roman muss eine junge Frau feststellen, dass es in ihrer Familie mehr (magische) Geheimnisse gibt, als sie es sich jemals hätte träumen lassen, während in Dark Cities Underground eine unter der Erdoberfläche gelegene andere Welt existiert, in der sich die Settings aller phantastischen Kinderbücher wiederfinden lassen – und die man durch U-Bahnstationen betritt.
The Alchemist’s Door (2002) ist wieder ein historischer Fantasyroman, in dem der ehrgeizige Alchemist John Dee versehentlich einen Dämon beschwört und mit seiner Familie und seinem Mitarbeiter Edward Kelley nach Prag flieht, um beim exzentrischen König Rudolf Schutz zu suchen. Dort lernt er den Rabbi Judah Loew kennen, und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach den 36 Gerechten aus den jüdischen Legenden, die allein durch ihre Existenz verhindern, dass die Welt dem Bösen anheimfällt. Dummerweise hat der leicht beeinflussbare König Rudolf in dieser Hinsicht seine eigenen Ideen – und bald darauf sehen Dee und Loew sich gezwungen, einen Mann aus Lehm zu bauen, um das Judenviertel vor den Soldaten des Königs zu schützen. Allerdings erweist sich auch hier wieder, dass etwas herbeizubeschwören ungeahnte Folgen haben kann …
Einen weitereren Versuch, Anderswelt-Fantasy zu schreiben, stellte der unter dem (allein aus Vermarktungsgründen verwendeten und frühzeitig offengelegten) Pseudonym Isabel Glass erschienene Zweiteiler Daughter of Exile (2004; dt. Tochter der Verbannung (2008)) und The Divided Crown (2005, dt. Die geteilte Krone (2009)) dar, während ihr neuester, wieder unter ihrem richtigen Namen veröffentlichter und mit dem Mythopoeic Fantasy Award ausgezeichneter Roman The Uncertain Places (2011) wieder zeitgenössische Gegenwart mit magischen Untertönen vermischt.
Lisa Goldstein ist eine Autorin der leisen Töne. Oder, anders gesagt: Während man die Werke vieler anderer Autoren und Autorinnen als farbenprächtige oder vor Details überquellende Ölgemälde bezeichen könnte, sind ihre Romane wie in sanften Farben gehaltene Aquarelle. Wer allerdings auch stilistisch sehr ansprechende Fantasy abseits des Mainstreams mag und ein in die Tiefe gehendes Worldbuilding oder einen geradlinigen bzw. zumindest stringent durchgezogenen Plot nicht für die allein seligmachenden Bestandteile eines Romans hält, ist mit etlichen ihrer Romane nicht schlecht bedient.

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Allan Cole, der heute 70 Jahre alt wird. Als der am 19. November in Philadelphia, Pennsylvania, geborene, aber in Europa sowie im Nahen Osten und in Fernost aufgewachsene Allan George Cole 1982 mit Sten, The Far Kingdoms von Allan Cole und Chris Bunchdem gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Chris Bunch verfassten Auftakt der als The Sten Chronicles bekannten, achtbändigen Military-SF-Serie, seinen ersten Roman veröffentlichte, hatte er bereits knapp zwanzig Jahre lang sein Geld mit Schreiben verdient; anfangs als Journalist, dann als Drehbuchautor etlicher Episoden von Fernsehserien wie Quincy, The Rockford Files, The Incredible Hulk oder Buck Rogers in the 25th Century. In den folgenden Jahren schrieb er weiter für das Fernsehen und verfasste – immer in Zusammenarbeit mit Chris Bunch – die nächsten sieben Sten-Bände, sowie einen während des Vietnamkriegs- (Cole und Bunch sind bzw. waren Vietnam-Veteranen) und einen während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs spielenden historischen Roman, ehe sich die beiden Autoren mit The Far Kingdoms (1993) schließlich der Fantasy zuwandten.
Der auf Deutsch unter dem Titel Die fernen Königreiche (1994) erschienene Roman erzählt die Geschichte von Amalric Emilie Antero, der als alter Mann auf seine Jugend und jene Zeit zurückschaut, in der er sich als reicher Kaufmannssohn von dem Traum des Abenteurers und Magiers Janos Greycloak hat anstecken lassen, der regelrecht besessen davon ist, die legendären fernen Königreiche zu finden, die noch nie ein Mensch gesehen oder betreten hat. Gemeinsam unternehmen sie mehrere Reisen, begegnen Kannibalen, schwarzen Magiern und noch weit schlimmeren Wesen, und erleben Dinge, die sich nie hätten vorstellen können. Und als sie schließlich ihr Ziel erreichen, erweist es sich als anders als erwartet. The Far Kingdoms ist vor allem in Anbetracht seines Erscheinungsjahrs ein ungewöhnliches Buch, dessen Vorbilder viel mehr beim klassischen Abenteuerroman oder Filmen wie The 7th Voyage of Sinbad zu finden sein dürften, als bei der klassischen High Fantasy à la Tolkien. Von daher wirkt der Roman ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, auch wenn er als Fantasy-Abenteuerroman hervorragend funktioniert. Und da Cole/Bunch klug genug sind, die Veränderungen zu zeigen, die ihre Reisen und Erlebnisse bei Amalric Antero und Janos Greycloak bewirken, ist The Far Kingdoms sogar noch ein bisschen mehr als einfach nur ein Abenteuerroman.
Ein Jahr später zeigte sich, dass The Far Kingdoms keineswegs ein Einzelband bleiben sollte (auch wenn man ihn problemlos als solchen lesen kann), sondern der Auftakt zu einem locker zusammenhängenden Zyklus gewesen war, denn mit The Warrior’s Tale (1994; dt. Das Reich der Kriegerinnen (1995)) erschien eine Art Fortsetzung. In ihr steht mit Rali Emelie Antero ein weiteres Mitglied der reichen Kaufmannssippe der Anteros im Mittelpunkt, allerdings hat Rali sich für eine soldatische Laufbahn entschieden. Als Hauptmann der Elitetruppe, die für den Schutz ihrer Heimatstadt Orissa verantwortlich ist, erhält sie eines Tages einen überaus gefährlichen Auftrag, der sie auf eine Odyssee ganz besonderer Art führt. Die lesbische Rali unterscheidet sich deutlich von dem zumindest anfangs snobistischen und verweichlichten Amalric, und ihr derber, nicht immer herzlicher Ton verschafft ihr keineswegs nur Freunde, aber das schert weder sie noch ihre nur aus ähnlich gesinnten, kampferprobten Frauen bestehende Truppe.
Auf den inzwischen verwitweten und zum König gewordenen Amalric wartet in Kingdoms of the Night (1995; dt. Das Reich der Finsternis (1996)), dem dritten Band der Anteros Saga, ebenfalls noch einmal ein großes Abenteuer. Irgendwie ist er sich nicht mehr sicher, ob er und Janos damals wirklich die fernen Königreiche erreicht haben, und so lässt er sich nur zu leicht von dessen Urenkelin Janela verleiten, erneut zu einer Reise ins Unbekannte aufzubrechen, an deren Ende sie die wahren fernen Königreiche finden … oder doch nicht?
Irgendwann zwischen dem Erscheinen dieses und des nächsten Bandes ist die langjährige Freundschaft zwischen Allan Cole und Chris Bunch zerbrochen, denn The Warrior Returns (1996; dt. Die Rückkehr der Kriegerin (1997)) wurde von Allan Cole allein verfasst. Hier erlebt Rali ihren zweiten Auftritt, nachdem sie etliche Jahre buchstäblich auf Eis gelegen hat. The Warrior's Tale von Allan Cole und Chris BunchDas hat ihr allerdings nicht sonderlich geschadet – sie ist immer noch so durchsetzungsfähig und wenig diplomatisch wie zuvor. Diplomatie wäre zu einem Zeitpunkt, da fast die gesamte Sippe der Anteros von einem mächtigen Feind ausgelöscht wurde, wohl auch reichlich fehl am Platz …
Mit den vier locker miteinander verbundenen und sich durchaus aufeinander beziehenden, aber jeweils sehr rund abgeschlossenen Romanen der Anteros Saga haben Allan Cole und Chris Bunch das Genre um ein paar Elemente bereichert, die man zeitweise viel zu selten in der Fantasy finden konnte, wie etwa die Neugier auf das, was hinter dem Horizont liegen mag, oder auch das Staunen angesichts unbegreiflich fremdartiger Wesen und Geschehnisse. Die von Rali im vierten Band mehr oder weniger angekündigte Fortsetzung scheint allerdings wirklich nicht mehr nötig zu sein.
1997 erschien mit When the Gods Slept der erste Band der von Allan Cole logischerweise nun ebenfalls allein verfassten Timura Trilogy. In diesem, auch unter dem Titel Wizard of the Winds (ebenfalls 1997; dt. Zauberer der Lüfte (1998)) veröffentlichten Roman und den Folgebänden der Timura-SagaWolves of the Gods (1998; dt. Die Wölfe der Götter (ebenfalls 1998)) und The Gods Awaken (1999; dt. Die Götter erwachen (2000)) – wird die Geschichte des mächtigen Magiers Safar Timura und seines Kindheitsfreundes, des Eroberers Iraj Protarus, erzählt, die zunächst gemeinsam gegen Dämonen und andere Feinde kämpfen, wobei Timura den Herrscher als dessen Großwesir mit all seinen Fähigkeiten unterstützt, bis Protarus beginnt, nach immer mehr Macht zu streben, und die Freundschaft der beiden zunächst zerbricht – und sich dann in eine erbitterte Feindschaft verwandelt …
Irgendwie ist es schon interessant, dass Chris Bunch mehr oder weniger parallel zur Timura Trilogy einen Zyklus veröffentlicht hat, in dem ein Krieger zur rechten Hand eines Magierkönigs wird und seinem Herrscher treu und ergeben dient, bis etwas geschieht, das alles verändert …

Reaktionen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Alan Moore, der heute 60 Jahre alt wird. Es mag manche unserer Leser und Leserinnen überraschen, dass der am 18. November 1953 in Northampton, England, geborene Alan Moore hier im Rahmen unserer Geburtstagstexte auftaucht, denn er hat kaum Fantasy im engeren Sinn geschrieben – und vor allem hat er fast ausschließlich als Comictexter gearbeitet. Das ist natürlich beides richtig, richtig ist aber auch, dass der bei weitem größte Teil der von Moore getexteten Comics auf irgendeine Weise phantastisch ist, und dass er einer der besten und beeindruckendsten (nicht nur phantastischen) Erzähler unserer Zeit ist. Beeindruckend ist schon allein der Umfang seines Oeuvres, der es praktisch unmöglich macht, Moore in diesem Rahmen gerecht zu werden. Deshalb wird sich dieser Beitrag nur um eine seiner längeren Arbeiten drehen. Sinnigerweise wird das aber nicht eines seiner (auch durch mal mehr, mal weniger – aber nie wirklich – werkgetreue Verfilmungen) bekanntesten Werke von V for Vendetta (mit David Lloyd, 1995)* über Watchmen (mit Dave Gibbons, 1987) und From Hell (mit Eddie Campbell, 1999) bis hin zu The League of Extraordinary Gentlemen (mit Kevin O’Neill, 2000) sein, sondern einer seiner generell eher weniger und vor allem in Deutschland wohl kaum bekannten Comics.
Miracleman: A Dream of Flying von Alan MooreZu Beginn seiner Karriere als professioneller Comic-Autor Anfang der 80er Jahre arbeitete Alan Moore vor allem für zwei (schwarzweiße) englische Comicmagazine: das altehrwürdige 2000 AD (in dem z.B. der auch hierzulande bekannte Judge Dredd seine regelmäßigen Auftritte hat) und das damals neu gegründete Warrior. Für letztgenanntes Magazin, das ihm mehr künstlerische Freiheiten gewährte als 2000 AD und an das er die Rechte an seinen Schöpfungen nicht abtreten musste, schrieb er nicht nur das bereits genannte V for Vendetta, sondern belebte mit Marvelman einen bereits 1954 von Mick Anglo aufgrund von Copyright-Problemen des amerikanischen Lizengebers als urbritisches Substitut für den amerikanischen Captain Marvel geschaffenen Superhelden neu. Marvelman ist eigentlich der jugendliche Reporter Micky Moran, dem seine auf Atomenergie basierenden Superkräfte von einem Astrophysiker verliehen wurden, und der sich in einen Superhelden verwandelt, wenn er das Wort “Kimota” ausspricht. Während der ursprüngliche Marvelman allein oder zusammen mit seinen jugendlichen Sidekicks Young Marvelman und Kid Marvelman allerdings noch typische Superheldenabenteuer erlebt hatte (und das neun Jahre lang bzw. in 346 Comicbooks) fiel Moores Neuschöpfung wesentlich düsterer und bedrückender aus.
In Warrior begegnen wir einem erwachsenen, mittlerweile verheirateten Michael Moran, der sich nicht mehr an seine Superheldenexistenz erinnern kann, aber von Migräne und von seltsamen Träumen geplagt wird, die sich ums Fliegen drehen und in denen ein wichtiges Wort vorkommt – an das er sich beim Aufwachen ebenfalls nicht mehr erinnern kann. Alles ändert sich, als er eines Tages in Ausübung seiner Reportertätigkeit in einen terroristischen Anschlag auf ein neuerbautes Atomkraftwerk gerät und von hinten auf eine Glasscheibe schaut, auf deren Vorderseite das Wort “ATOMIC” steht. Zwar bekommt Michael Moran auf diese Weise seine Superkräfte – und damit seine Superheldenexistenz – zurück, doch dafür gerät sein Leben binnen kürzester Zeit völlig aus den Fugen. Schlimm genug, dass sich seine Frau über seine angeblichen Abenteuer lustig macht, für die es keine Beweise außer … nun ja, Comicbooks gibt, viel schlimmer sind allerdings die Konsequenzen, die sich für Michael Moran ergeben, als er feststellt, dass auch Kid Marvelman aka Johnny Bates noch lebt – und dass er sich verändert hat. Doch Michael Moran wird noch mehrfach feststellen müssen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen – und dass Dr. Gargunza, der Feind, mit dem er es in seinen Träumen zu tun hatte, auch in seiner realen Welt existiert.
Zunächst einmal hatte Marvelman allerdings mit sehr irdischen Problemen zu kämpfen, denn Warrior wurde eingestellt. Zum Glück gelang der Sprung über den großen Teich, und ab Mitte 1985 erschien Marvelman – jetzt (natürlich wieder einmal aus Copyright-Gründen) in Miracleman umgetauft – in den USA als Comicbook beim Independent-Verlag Eclipse. Nachdem in den ersten sechs Heften das von Gary Leach und Alan Davis gezeichnete Material aus Warrior (dieses Mal coloriert) nachgedruckt worden war, schrieb Alan Moore noch zehn weitere, größtenteils von Rick Veitch und John Totleben gezeichnete Ausgaben, in denen er nicht nur die Handlung z.B. durch die Einführung zweier Alienrassen – der Warpsmiths und der Qys – oder die Erweiterung der Miracle-Familie auf eine wesentlich breitere Basis stellte, sondern in denen er auch bewies, immer für einen Aufreger gut zu sein, sei es durch eine sehr plastisch dargestellte Geburtsszene, eine unglaublich drastische, in Superhelden-Comics so noch nie gesehene Kampfszene, in der London buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht wird, oder auch durch die – treffenderweise “Olympus” betitelte – letzte Ausgabe, in der Miracleman endgültig zum Gott aufsteigt. Die sechzehn Comicbooks wurden kurz danach in drei Tradepaperback- bzw. Hardcover-Ausgaben gesammelt – Miracleman Book One: A Dream of Flying, Miracleman Book Two: The Red King Syndrome (beide 1990) und Miracleman Book Three: Olympus (1991) – die aufgrund einer überaus unklaren Rechtelage bis heute nicht nachgedruckt wurden und längst vergriffen (und gebraucht kaum zu vernünftigen Preisen zu bekommen) sind. Das Gleiche gilt für die von Neil Gaiman getextete und Mark Buckingham gezeichnete Fortsetzung, von der nur der erste, aus sechs Comicbooks bestehende Teil komplett veröffentlicht wurde (auch gesammelt als Miracleman Book Four: The Golden Age (1992)), während der zweite, “The Silver Age”, nach zwei Heften abgebrochen wurde.
Miracleman: Olympus von Alan MooreDass Alan Moores Miracleman bis heute sozusagen im Comic-Limbus verschollen ist, ist in mehrfacher Hinsicht bedauerlich. Denn auch wenn vor allem das Warrior-Material grafisch mit den heutigen (nicht nur Superhelden-) Comics nicht mithalten kann, ist hier im Kern bereits fast alles enthalten, was in vielen von Moores späteren Comics deutlich ausgeprägter zu finden ist. Die Dekonstruktion des Superheldenmythos, die Moore selbst in Watchmen noch weiter vorangetrieben hat (und derer sich beispielsweise auch Mark Waid und Alex Ross in Kingdom Come oder J. Michael Straczynski in Rising Stars bedienen), hat hier ihren Ursprung. Genauso wie die Frage nach der geistigen Gesundheit von Superhelden, der Moore praktisch parallel zu Miracleman auch in Batman: The Killing Joke (1988) anhand einer DC-Ikone nachgeht. Und die tiefen Einblicke in die menschliche Psyche, die z.B. aus Rorschach einen der abgründigsten Charaktere der modernen Comics machen, finden sich bereits in der Darstellung von Kid Miracleman, einer in jeder Hinsicht ebenso tragischen wie entsetzlichen Figur.
Ironischerweise hat Alan Moore später aus Supreme, einem zuvor uninteressanten Superman-Verschnitt, eine Hommage an den Superman des sog. Silver Age gemacht – gesammelt in zwei Trades als Supreme: The Story of the Year (2002) und Supreme: The Return (2003) – und sinngemäß gesagt, dies sei eine Art Entschuldigung für seine ansonsten vorherrschende Dekonstruktion des Mythos.
Es ließe sich noch viel über Alan Moore und seine Comics von Swamp Thing über Brought to Light, A Small Killing und das leider gescheiterte Big Numbers bis hin zu Promethea, Tom Strong und Top Ten sagen, oder über seinen bislang einzigen Roman Voice of the Fire (1996), oder auch über den zweifellos hochinteressanten Menschen, der all diese Werke geschaffen hat, doch hier und heute wollen wir es dabei bewenden lassen. Und nur noch hinzufügen: Happy Birthday, Mr. Moore!

* – gefettete Titel stehen für einen Sammelband als PB- oder HC-Veröffentlichung (bzw. für eine eigenständige Buchausgabe), und die Jahreszahl nennt das Jahr der Erstausgabe der entsprechenden Ausgabe

Reaktionen