Zum 50. Geburtstag von Marlon James

Bibliotheka Phantastika gratuliert Marlon James, der am Dienstag seinen 50. Geburtstag feiern konnte. Wenn man sich die bis 2014 erschienenen ersten drei Romane des am 24. November 1970 in Kingston auf Jamaika geborenen Marlon James anschaut – John Crow’s Devil (2005; dt. Tod und Teufel in Gibbeah (2009), auch Der Kult (2018)), in dem es um einen bizarren Kult in einem jamaikanischen Dorf in den 1950er Jahren geht, The Book of Night Women (2009), in dessen Mittelpunkt eine jamaikanische Sklavin während der Kolonialzeit steht, und schließlich A Brief History of Seven Killings (2014; dt. Eine kurze Geschichte von sieben Morden (2017)), die fiktive Geschichte um einen tatsächlich geschehenen Mordanschlag auf den Reggae-Sänger Bob Marley – und außerdem in Betracht zieht, dass der letztgenannte Roman mit einer Vielzahl von Preisen – darunter dem Man Booker Prize*, dem wichtigsten britischen Literaturpreis – ausgezeichnet wurde, war nicht unbedingt zu erwarten, dass James sich anschließend der Fantasy und somit der Genreliteratur zuwenden würde. Von daher hat seine Ankündigung, dass er als Nächstes eine epische Fantasy-Trilogie schreiben würde (“an African Game of Thrones“) in der angloamerikanischen Literaturszene durchaus für Überraschung gesorgt. Aber auch für jede Menge Neugier.
Black Leopard, Red Wolf von Marlon JamesSomit dürfte Black Leopard, Red Wolf (2019; dt. Schwarzer Leopard, Roter Wolf (2019)) der vielleicht am meisten erwartete** und auch inner- wie außerhalb der angloamerikanischen Phantastik-Szene am häufigsten besprochene Fantasyroman der ersten Jahreshälfte, wenn nicht des ganzen Jahres 2019 gewesen sein. Und man muss James einfach zubilligen, dass er seine Ankündigung größtenteils wahr gemacht hat, denn im Gegensatz zu so manchen Kolleginnen und Kollegen, die in der “Hochliteratur” zu Ruhm und Ehren gekommen sind, hat er keineswegs nur ein bisschen mit dem Genre geflirtet, sondern hat es kräftig umarmt, ist sozusagen mitten rein gesprungen. Ein “African Game of Thrones” ist Black Leopard, Red Wolf, der Auftakt der Darkstar Trilogy allerdings nicht geworden, wie generell alle Vergleiche – sei es mit J.R.R. Tolkien oder Angela Carter – kräftig hinken bzw. nur jeweils einen kleinen Teilaspekt von James’ Roman abdecken, denn der stellt Genrekonventionen mindestens so häufig auf den Kopf oder zertrümmert sie regelrecht, wie er sich ihrer bedient.
Das geht schon mit Tracker (dt. Sucher), dem Ich-Erzähler los, der aufgrund seiner besonderen Spürnase den Auftrag bekommen hat, ein seit drei Jahren vermisstes Kind zu suchen, und der nun als Gefangener von dieser Suche erzählt. “The child is dead. There is nothing left to know”, sind seine ersten Worte – und dann erzählt er mehr als 600 Seiten lang drauflos. Denn Tracker erzählt nicht nur von der Suche nach dem Kind und all dem, was er dabei erlebt hat, sondern damit aufs Engste verwoben auch die Geschichte seines eigenen Lebens, wobei seine Art zu erzählen es teilweise schwierig macht, die jeweiligen Geschehnisse zeitlich zu verorten – ganz abgesehen davon, dass er ein unzuverlässiger Erzähler ist. Hinzu kommt mit einem mythischen Afrika ein Setting, in dem es von ebenso faszinierenden wie fremdartigen Wesen wimmelt, die sich deutlich von den Drachen, Elfen und Zwergen der typischen High Fantasy unterscheiden. Und ein Ausmaß an Gewalt und Sex, das man in dieser Form bislang selten erlebt hat.
Das alles macht Black Leopard, Red Wolf zu einer herausfordernden, manchmal vielleicht auch anstrengenden Lektüre, wobei man andererseits sagen muss, dass der Roman (zumindest im Original) mit sehr viel Stilwillen erzählt ist, mit einem beeindruckenden Bilderreichtum aufwartet und auch erzählerisch interessante Wege geht. Und trotz des Bluts und all der anderen Körperflüssigkeiten, die (etwas zu) überreichlich aus den Seiten quellen, hat man nie das Gefühl, dass die Gewalt, die in diesem Roman so präsent ist, als erzählerischer Selbstzweck dient (wie es in so vielen Grimdark-Romanen der Fall ist); sie wirkt eher wie die Münze, die in einer im Gegensatz zu vielen “klassischen” Fantasywelten instabilen, von Gewalttätigkeit und Willkür durchtränkten Welt das einzige allseits anerkannte Zahlungsmittel ist.
Black Leopard, Red Wolf stellt zweifellos eine Bereicherung des Genres dar; ob der Roman – bzw. genauer: ob die Darkstar Trilogy – als wichtiger neuer Eckpunkt der Fantasy oder eher als ein nach kurzer Aufregung vergessenes Kuriosum in die Geschichte des Genres eingehen wird, lässt sich heute noch nicht absehen. Einen ersten Anhaltspunkt könnte der zweite Band der Trilogie liefern, der unter dem Titel Moon Witch, Night Devil 2021 erscheinen soll und aus der Sicht der Hexe Sogolon erzählt wird (was vermutlich dazu führen wird, dass Vieles, was Tracker im ersten Band erzählt, in einem neuen, ganz anderen Licht erscheinen wird).

* – der seit 2019 nur noch Booker Prize heißt
** – okay, es gibt vermutlich mindestens zwei Romane, die noch mehr erwartet wurden … und immer noch werden, denn die sind bislang immer noch nicht erschienen …

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