Tag: Jubiläen

Bibliotheka Phantastika gratuliert Angélica Gorodischer, die heute 85 Jahre alt wird. Die am 28. Juli 1928 in Buenos Aires geborene Angélica Gorodischer, die im Alter von acht Jahren nach Rosario in der zentralargentinischen Provinz Santa Fe gezogen ist und seither dort lebt, hat sich in ihrem Heimatland und weit über dessen Grenzen hinaus mit Krimis und in den verschiedenen Subgenres der phantastischen Literatur angesiedelten Erzählungen und Romanen einen Namen gemacht und gilt heute im Bereich dieser Genres als eine der wichtigsten lateinamerikanischen Schriftstellerinnen. Darüber hinaus hat sie mehr als 350 Vorträge – vor allem über phantastische Literatur und das Schreiben von Frauen – im In- und Ausland gehalten und 1998, 2000 und 2002 in ihrer Heimatstadt Rosario drei bedeutende Kongresse über das literarische Schaffen argentinischer Schriftstellerinnen organisiert.
Kalpa imperial von Angélica GorodischerAls ihr wichtigstes Werk im Bereich der Fantasy gilt Kalpa imperial, eine Sammlung von Erzählungen, die zunächst in zwei Bänden – Libro I: La casa del Poder (1983) und Libro II: El imperio más vasto (1984) – in Argentinien erschienen ist, kurz darauf aber auch in einem Band (als Kalpa imperial (1984)) in Spanien veröffentlicht und seither mehrfach neu aufgelegt wurde. Interessanterweise taucht Kalpa imperial in Angélica Gorodischers Bibliographie häufig als Roman auf, doch der Inhalt besteht aus elf nur durch den Hintergrund und die Stimme des Erzählers zusammengehaltenen Stories, die verschiedene Episoden aus der Geschichte des besagten Imperiums bzw. Reiches erzählen und sich häufig um dessen mal gute, mal schlechte, mal schlicht verrückte Herrscher und Herrscherinnen drehen. Da geht es um Reichsgründer und Usurpatoren, um Kronprinzen, die sich entscheiden müssen, um Generäle und Deserteure, für die das ebenfalls gilt, und manchmal auch um Städte und Karawanen. Außerdem spielt der Erzähler selbst gelegentlich eine wichtige Rolle. Manche dieser Geschichten sind ziemlich witzig, manche tragisch und manche auch brutal, und viele transportieren eine leise, unaufdringlich vermittelte Botschaft. Magie hingegen gibt es kaum. Was das angeht, bewegt sich Kalpa imperial eher in der Tradition des Magischen Realismus. Und all das zusammen ergibt eine Mischung, die über einen schwer zu beschreibenden Reiz verfügt.
Ein anderes, ebenfalls häufig gelobtes Werk Angélica Gorodischers ist Trafalgar (1979), ein Sammelband mit SF-Erzählungen.
Für deutschsprachige Leser und Leserinnen war und ist es allerdings nicht einfach, sich einen Einblick in das Oeuvre dieser Autorin zu verschaffen. Viele Jahre lang gab es von ihr auf Deutsch nur einen einen einzigen Roman – einen Krimi mit dem Titel Eine Vase aus Alabaster (1992; Originaltitel: Floreros de alabastro, alfombras de Bokhara (1985)) –, und erst 2010 ist mit Im Schatten des Jaguars ein Sammelband mit phantastischen Erzählungen hinzugekommen.
Die englischsprachige Welt ist da ein bisschen besser dran, denn dort ist Kalpa imperial – übersetzt von niemand Geringerem als Ursula K. Le Guin – im Jahr 2003 als Kalpa Imperial: The Greatest Empire That Never Was auf den Markt gekommen. Es ist kaum anzunehmen, dass Angélica Gorodischer auch ohne diese Veröffentlichung 2011 mit dem World Fantasy Award für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden wäre. Vor wenigen Wochen ist zudem eine Übersetzung von Trafalgar, des bereits erwähnten Sammelbands mit SF-Erzählungen unter eben diesem Titel in den USA erschienen. Es wäre zu hoffen, dass die englischsprachigen Verlage noch weitere Titel von Angélica Gorodischer veröffentlichen, denn dann hätten die nicht-spanischsprachigen Leser und Leserinnen eine Option mehr, um zumindest Teile des Werks dieser in der spanischsprachigen Welt so bedeutenden und angesehenen Autorin kennenzulernen.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Kate Elliott, die heute 55 Jahre alt wird. Wobei es sich bei Kate Elliott um ein (offenes) Pseudonym handelt, das die am 27. Juli 1958 in Des Moines, Iowa, geborene Alis A. Rasmussen seit 1992 für alle ihre Romane und Erzählungen benutzt. Begonnen hat sie ihre schriftstellerische Karriere unter ihrem richtigen Namen, unter dem The Labyrinth Gate (1988) – ein Fantasyroman um eine Alternativwelt mit matrilinearer Herrschaftsstruktur – und The Highroad Trilogy (1990) – eine Space Opera über eine junge Heldin und ihren überaus musikalischen robotischen Begleiter – erschienen sind. Doch aus vielerlei Gründen wollte sie einen Neuanfang, daher kamen die Novels of Jaran (1992-94) nicht nur bei einem anderen Verlag, sondern auch unter einem neuen Namen heraus. Und bei diesem Namen ist es bis heute geblieben.
The Golden Key von Kate ElliottNach den vier Novels of Jaran – in denen es um den Kontakt zwischen Erdenmenschen und dem nomadischen Volk der Jaran bzw. die sich daraus ergebenden Verwicklungen geht – schrieb Kate Elliott zusammen mit ihren Freundinnen und Kolleginnen Melanie Rawn und Jennifer Roberson (die damals wesentlich bekannter als sie selbst waren) The Golden Key (1996), einen ambitionierten Fantasyroman, der in den leicht verfremdeten, aber dennoch erkennbaren Ländern (v.a. Spanien, Frankreich und den nordafrikanischen Mittelmeerstaaten) einer Alternativwelt spielt. Im Mittelpunkt von The Golden Key steht die Malerfamilie der Grijalvas, deren männliche Nachkommen über die besondere Begabung verfügen, mit ihren Bildern die Welt um sich herum beeinflussen und verändern zu können. Seit Generationen nutzen die Grijalvas ihre Fähigkeiten, um Einfluss auf die Herrscherfamilie und die Politik ihres Heimatlandes zu nehmen, doch auch sie können die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich ringsum auf der Welt anbahnen, nicht dauerhaft verhindern. Hier in Deutschland ist dieser durchaus gelungene Roman in drei Teilen erschienen, so dass Leser oder Leserinnen, die nur an den Arbeiten von einer oder zwei der drei beteiligten Autorinnen interessiert sind, sich entsprechend für Das Bildnis der Unsterblichkeit (Roberson), Die Farben der Unendlichkeit (Rawn, beide 1997) oder Zeit der Wiederkunft (Elliott, 1998) entscheiden können (auch wenn das – auf die gesamte Geschichte bezogen – natürlich wenig sinnvoll sein dürfte).
1997 erschien dann mit King’s Dragon der Auftaktroman von Crown of Stars, einem insgesamt siebenteiligen Zyklus, der sich nahtlos in die Reihe der großen, vielbändigen Fantasy-Epen einreiht und so manche von ihnen in mehrfacher King's Dragon von Kate ElliottHinsicht übertrifft. In King’s Dragon beginnt die Geschichte der beiden Hauptfiguren Liath – oder Liathano – und Alain, die anfangs den Geschehnissen, die sich jeweils rings um sie herum entwickeln, hilflos ausgeliefert erscheinen, die aber im Verlauf der weiteren Bände Prince of Dogs (1998), The Burning Stone (1999), Child of Flame (2000), The Gathering Storm (2003), In the Ruins (2005) und Crown of Stars (2006) mehr und mehr ihre Bestimmung erkennen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das Setting ist ein Alternativwelt-Europa etwa zur Zeit der Ottonen, und eine der Stärken des Zyklus liegt in der für Fantasy-Verhältnisse relativ authentischen Darstellung einer frühmittelalterlichen Gesellschaft mit ihrem Reisekönigtum, den in immerwährende Machtkämpfe verstrickten Adelsfamilien oder den Verflechtungen zwischen weltlicher und kirchlicher Macht, aber auch dem Weltbild der in einer solchen Epoche lebenden Menschen. Hinzu kommen fantasyspezifische Komponenten wie die (durch eine erkennbar ans Christentum angelehnte, sich in einem Punkt aber von ihm wesentlich unterscheidende Religion begründete) deutlich aufgewertete Stellung der Frau, die nur noch aus Legenden bekannten, aber ein wichtiges Plotelement bildenden Lost Ones oder Aoi, die aus dem Land der Greife stammenden Qumaner – und nicht zu vergessen die Aika (bzw. Eikha). Und natürlich gibt es auch Magie. Das Worldbuilding, der sich erst allmählich entfaltende, gelegentlich mit überraschenden Wendungen aufwartende Plot – der ebenso von sehr irdischen Intrigen wie magischen Ereignissen getragen wird – und last but not least die überzeugend gezeichneten und vor allem glaubhaft agierenden Figuren – neben den bereits erwähnten Liath und Alain gibt es noch ein gutes Dutzend weiterer wichtiger Figuren und eine große Zahl von Komparsen – machen Crown of Stars zu einem der besten mehrbändigen Fantasyzyklen der letzten zwanzig Jahre. Von daher ist es bedauerlich, dass der Sternenkrone in ihrer zwölfteiligen (die ersten fünf Originalbände wurden gesplittet) deutschsprachigen Inkarnation – Erben der Nacht (1998), Im Namen des Königs, Auf den Flügeln des Sturms, Die Kathedrale der Hoffnung (alle 1999), Der brennende Stein, Das Rad des Schicksals (beide 2000), Kind des Feuers, Schatten des Gestern (beide 2001), Ins Land der Greife (2005), Die magischen Tore (2006), Das verwüstete Land (2007) und Die letzte Schlacht (2008) – nicht annähernd der Erfolg beschieden war, den sie verdient gehabt hätte.
Traitor's Gate von Kate ElliottNach dem Ende von Crown of Stars hat sich Kate Elliott mit Crossroads – einem aus den Bänden Spirit Gate (2006), Shadow Gate (2008) und Traitors’ Gate (2009) bestehenden Zyklus – erneut der klassischen Fantasy zugewandt. In diesem Fall ist das Setting allerdings nicht an ein geschichtlich zu verortendes europäisches Vorbild angelehnt, sondern wesentlich fantasyhafter. So gibt es zum Beispiel die auf riesigen Adlern reitenden Reeves, eine Art Polizeitruppe, die nach dem Verschwinden ihrer Herren, der Guardians, die jahrhundertelang das Land of the Hundred beherrscht haben, allergrößte Mühe haben, weiterhin für Recht und Ordnung zu sorgen. Dabei bekommen sie es zunehmend nicht nur mit die Handelswege bedrohenden Räuberbanden zu tun, sondern auch mit Übergriffen fremder Mächte. In dieses unruhige, an der Schwelle zum Krieg stehende Land kommt der Qin-Krieger Anji, der aus bestimmten Gründen aus seiner Heimat flüchten musste und schon bald erkennt, dass turbulente Zeiten zwar bedrohlich sind, sich in ihnen für einen entschlossenen Mann aber auch außergewöhnliche Möglichkeiten ergeben. Auch Crossroads wartet mit überzeugenden Figuren auf, und auch hier wird erst nach und nach deutlich, in welche Richtung sich die Geschichte wirklich entwickelt und was es mit den sagenhaften Guardians wirklich auf sich hat. Wenn man der Trilogie – auf die nach einem Brückenband eine weitere, zeitlich deutlich später angesiedelte Trilogie folgen soll – etwas vorwerfen kann, dann allenfalls, dass sie dem Setting und dem Hintergrund der einen oder anderen Figur ein bisschen mehr Platz hätte einräumen können. Aber vielleicht wird das ja in den noch geplanten Romanen geschehen.
Bis es soweit ist, werden sich die Leserinnen und Leser aber noch ein bisschen gedulden müssen, denn zunächst einmal hat sich Kate Elliott mit der inzwischen vollständig vorliegenden Spiritwalker Trilogy (Cold Magic (2010), Cold Fire (2011) und Cold Steel (2013)) einem vollkommen neuen Setting zugewandt, das sich deutlich von ihren bisherigen High-Fantasy-Szenarien unterscheidet, und das sie am besten selbst beschreiben sollte: “Read an Afro-Celtic post-Roman icepunk Regency fantasy adventure with airships, Phoenician spies, the intelligent descendents of troodons, and a dash of steampunk whose gas lamps can be easily doused by the touch of a powerful cold mage.” Das klingt zunächst einmal ziemlich interessant.
Kate Elliott ist eine Autorin, die sich durch den in ihren Werken immer spürbaren, aber nie aufdringlichen emanzipatorischen Ansatz unter Fantasy-Lesern nicht nur Freunde gemacht hat. Dabei zählt sie zu den wenigen Autorinnen, denen es gelingt, diesen Ansatz bruchlos in das jeweilige Setting einzubetten, die Welt glaubwürdig zu gestalten und mit überzeugenden Figuren zu bevölkern – und das Ganze, ohne sich allzu sehr an bekannte Vorbilder (bzw. das eine, vor allem bekannte Vorbild) anzulehnen. Von daher kann man nur hoffen, dass sie noch lange weiterschreibt – denn immerhin hat sie bereits bewiesen, dass es möglich ist, ein mehrbändiges Fantasy-Epos nicht nur stimmig, sondern auch innerhalb eines zeitlich vertretbaren Rahmens zu Ende zu bringen.

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Der Schatten der Scheuermagd von Lord DunsanyAuch wenn es an Zeit & Muße mangelt, ihn mit einem richtigen Text zu würdigen, wollen wir nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass sich heute der Geburtstag von Edward John Moreton Drax Plunkett, dem 18. Baron Dunsany – vermutlich besser bekannt als Lord Dunsany – zum 135. mal jährt. Dunsany ist mit Geschichten wie The Hoard of the Gibbelins (1912), Sammlungen wie die um The Gods of Pegāna (1905) oder um Joseph Jorkens (1925-57) und Romanen wie The King of Elfland’s Daughter (1924) einer der Gründerväter der Fantasy, die allerdings nur einen Teil seines umfangreichen Schaffens ausmacht. Obwohl auch bei uns einige seiner Erzählungen und Romane erschienen sind (z.B. Jorkens borgt sich einen Whisky (1957), Die Königstochter aus Elfenland (1978), Der Schatten der Scheuermagd (1986)), dürfte der Mann, dessen Einflüsse im Werk von J.R.R. Tolkien über Ursula K. Le Guin bis hin zu Neil Gaiman zu spüren sind, hierzulande nur noch Lesern und Leserinnen bekannt sein, die sich länger und/oder intensiver mit dem Genre und seiner Historie beschäftigt haben.
Für eine ausführlichere Würdigung Lord Dunsanys anlässlich seines Geburtstags empfehlen wir einen Besuch bei Skalpell und Katzenklaue.

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Bibliotheka Phantastika erinnert an John Gardner, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Der am 21. Juli 1933 in Batavia im us-amerikanischen Bundesstaat New York geborene Romancier, Essayist, Literaturkritiker und Universitätsprofessor John Champlin Gardner, Jr. war eigentlich alles andere als ein typischer Genre-Autor, auch wenn er immer mal wieder phantastische Elemente in seine Romane und Erzählungen eingebaut und sozusagen mit der Phantastik geflirtet hat. Einmal hat er aber dann doch einen ernsthaften Ausflug in die Gefilde der phantastischen Literatur unternommen – und diesem Ausflug verdankt die Fantasy eines ihrer ungewöhnlichsten Werke.
Grendel (1971) ist eine Nacherzählung der Beowulf-Saga, allerdings aus der Sicht des Monsters. Wobei Grendel als “Monster” nur sehr eindimensional charakterisiert wäre. Ja, es stimmt, das wilde, einsame Geschöpf, das mit seiner Mutter in einer Höhle lebt, besitzt einen animalischen Tötungstrieb, den es auch oft und gerne auslebt. Doch gleichzeitig ist Grendel ein hochintelligentes Wesen, das die Sprache der Menschen erlernen kann und letztlich zu einem Verständnis der Welt gelangt, das man einem Monster gewiss nicht zutrauen würde. Dass es zwischen den sich immer weiter ausbreitenden und ihre ersten staatsähnlichen Gebilde errichtenden Menschen und Grendel zu einem Zusammenstoß kommt, ist mehr oder weniger unausweichlich. Dass dieser Zusammenstoß blutig ist und eine Folge aus Ereignissen in Gang setzt, in deren Verlauf Grendel immer wieder Menschen tötet und die Methalle des Königs verwüstet, an deren Ende aber sein eigener Tod steht, liegt in der Natur Grendels – und in der der Menschen.
Denn auch wenn Grendels triebhafte Wildheit, seine Mordlust und sein Hass verhindern, dass er in der Geschichte zum good guy wird, kommen die Menschen mit ihrer Verschlagenheit, ihrer Habgier und ihrer Grausamkeit kaum besser weg. Und so kann man am Ende eigentlich nur Mitleid empfinden, wenn das ach so schreckliche – und gleichzeitig so freiheitsliebende – Monster die prophetischen Worte spricht: “Poor Grendel’s had an accident … so may you all.”
Grendel von John GardnerJohn Gardner hat den Menschen mit Grendel (dt. Grendel (1989 bzw. – mit einer dieses Mal dankenswerterweise nicht peinlichen Covergestaltung – 2009)) einen Spiegel vorgehalten, der uns so hässlich zeigt, wie wir viel zu häufig waren, sind und vermutlich auch in Zukunft sein werden. Und das Ganze im Rahmen eines in kraftvoller Sprache erzählten, zwischen boshafter Ironie und Schwermut changierenden Fantasyromans, der nebenbei auch den in Bezug auf Fantasy immer wieder gerne geäußerten Eskapismusvorwurf eindrucksvoll widerlegt.
Es ist schwer zu sagen, ob John Gardner sich im späteren Verlauf seines Schriftstellerlebens noch einmal so eindeutig dem Genre zugewandt hätte, und ob das Ergebnis wieder ähnlich überzeugend ausgefallen wäre. Doch diese Überlegungen sind müßig, denn am 14. September 1982 ist er mit seinem Motorrad verunglückt und noch am Unfallort seinen Verletzungen erlegen.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Liliana Bodoc, die heute 55 Jahre alt wird. Mit ihrer dreibändigen Saga de los Confines (dt. Die Grenzländersaga) hat die am 21. Juli 1958 in Santa Fe, der Haupstadt der gleichnamigen argentinischen Provinz, geborene Liliana Bodoc ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Werk geschaffen; während das Setting und etliche inhaltliche Komponenten deutlich an die Mythen und Sagen der indianischen Ureinwohner Mittel- und Südamerikas angelehnt sind und der Erzählduktus in vielerlei Hinsicht an den für die lateinamerikanische phantastische Literatur typischen Magischen Realismus erinnert, bedient sich der eigentliche Plot eines Musters, das man so oder so ähnlich auch aus der angloamerikanischen Fantasy kennt. Das Ergebnis ist eine Trilogie, die einerseits sehr neu, frisch und “anders” wirkt, andererseits ein bisschen zwischen allen Stühlen sitzt.
Inhaltlich lässt sich La Saga de los Confines am ehesten als Fantasyversion der Eroberung Mittel- und Südamerikas durch die spanischen Konquistadoren bezeichnen – allerdings mit ein paar bedeutsamen Abweichungen. Im ersten Band Los Días del Venado (2000) entdecken die Astronomen der FrucDie Tage des Hirsches von Liliana Bodochtbaren Länder dunkle Vorzeichen, die auf eine Bedrohung aus der Alten Welt von jenseits des Meers hinzuweisen scheinen. Und tatsächlich erweist sich die alte Legende, nach der Misaianes, der Sohn des Ewigen Hasses, eines Tages ein Heer schicken wird, um die Fruchtbaren Länder zu erobern, nur zu bald als wahr. Anfangs sieht es ganz so aus, als hätten die Verteidiger keine Chance gegen die eisengerüsteten, auf seltsamen Tieren reitenden Soldaten, doch schließlich gelingt es ihnen, das Blatt zu wenden. Was allerdings Misaianes nicht daran hindert, fünf Sonnenjahre später eine zweite Flotte zu schicken – und mit ihr eine ganz besondere Waffe in Form der Schattenfrau. Die Auseinandersetzung mit besagter Schattenfrau, die den Samen des Ewigen Hasses in den Fruchtbaren Ländern streuen will, spielt im zweiten Band Los Días de la Sombra (2002) eine wesentliche Rolle. Im dritten Band Los Días del Fuego (2004) unternimmt Misaianes dann einen weiteren Versuch, mit einer noch gewaltigeren Flotte die Bewohner der Fruchtbaren Länder unter seine Knute zu zwingen – doch so, wie es möglich ist, die Saat der Gewalt von einem Kontinent zum anderen zu tragen, ist es auch möglich, den Samen des Widerstands in die Alte Welt zu bringen … mit überraschenden Folgen.
Die faszinierendste Komponente von Liliana Bodocs Grenzländersaga – auf Deutsch als Die Tage des Hirsches (2008), Die Tage des Schattens und Die Tage des Feuers (beide 2009) erschienen – ist zweifellos das Setting: die Fruchtbaren Länder mit ihren (zumindest für die meisten deutschsprachigen Leser und Leserinnen) vermutlich sehr exotisch wirkenden Kulturen, ihren Stämmen, Astronomen und Erdzauberern. Hinzu kommt eine ungewohnt poetische Sprache und ein im Vergleich zur angloamerikanischen Fantasy ungewöhnlicher Erzählduktus voller märchenhafter Begebenheiten, Abschweifungen, Handlungssprünge und Geschichten in der Geschichte. Darüber hinaus bietet sich hier die Möglichkeit, einen etwas anderen bzw. deutlich verfremdeten Blick auf ein Stück realer irdischer Geschichte zu werfen. All das hat aber letztlich nicht ausgereicht, um aus der Grenzländersaga in Deutschland mehr als einem Achtungserfolg zu machen. Was darauf hindeuten könnte, dass die deutschsprachigen Fantasyleser und -leserinnen mit allzuviel Exotik und zu deutlichen Abweichungen von den üblichen Erzählkonventionen mehrheitlich eben doch nicht so richtig was anfangen können. Die, auf die das nicht zutrifft, können (und sollten) sich hingegen darüber freuen, dass mit La Saga de los Confines mal wieder eine wirklich ungewöhnliche, ein bisschen andere Fantasytrilogie auf Deutsch – und zwar vollständig – erschienen ist.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Erin Morgenstern, eigentlich Erin Christiansen, die heute 35 Jahre alt wird. Viele Werke gibt es von der am 08.07.1978 in Marshfield, Massachusetts, geborenen Erin Morgenstern noch nicht zu lesen. 2011 erst erschien ihr Erstlingswerk The Night Circus (dt. Der Nachtzirkus), das auf malerische Weise den kreativen Geist der Autorin zeigt und in die schwarzweiße Welt des Nachtzirkus entführt. Eine melancholische Verbindung aus Kunst und Literatur, die einen nicht so schnell wieder loslässt.

Anlässlich von Erin Morgensterns Geburtstag laden wir euch ein, das Portrait der Autorin zu besuchen.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Valery Leith, die heute 45 Jahre alt wird. Das heißt, genau genommen gratulieren wir der am 07. Juli 1968 in New Jersey in den USA geborenen Tricia Sullivan, die 1995 nach Großbritannien übersiedelte und ihre ersten SF-Stories veröffentlichte. Noch im gleichen Jahr erschien mit Lethe zudem ihr erster SF-Roman, dem schon bald darauf mit Someone to Watch Over Me (1997) und Dreaming in Smoke (1998) zwei weitere folgten. Für Letzteren erhielt sie den Arthur C. Clarke Award und galt spätestens ab diesem Zeitpunkt als eine der vielversprechendsten neuen Stimmen der SF. Was 1998 auch die deutschen SF-Fans feststellen konnten, denn in diesem Jahr erschien die Übersetzung von Lethe, und bereits ein Jahr später gab es ihre erste Fantasy-Kurzgeschichte “Die geheimnisvollen Blätter” (in der Anthologie Jenseits von Avalon und zwei Jahre früher als das englische Original) ebenfalls auf Deutsch – immer noch unter Tricia Sullivan.
The Riddled Night von Valery LeithAls 1999 mit The Company of Glass der erste Band von Everien, einem auf drei Bände ausgelegten Fantasy-Zyklus erschien, wusste zunächst niemand, wer sich hinter dem (als Pseudonym gekennzeichneten) Autorennamen Valery Leith verbarg. Warum Tricia Sullivan sich für Everien ein Pseudonym zugelegt hat, ist nicht ganz klar, einen Hinweis bietet aber vielleicht eine Aussage in einem ein Jahr später gegebenen Interview: “In my defense, I’ve been busy moonlighting in fantasy. I needed some dosh, and I’ve got caught up writing fantasies the past couple of years. Theoretically, they were supposed to be light and fluffy, and also they were meant to finance the new SF novel, but in practical terms, they have eaten up all my time and energy, and they are not as light and fluffy as I’d planned.”
Es stimmt, “light and fluffy” sind The Company of Glass und die beiden Folgebände The Riddled Night (2000) und The Way of the Rose (2001) wirklich nicht. Stattdessen weisen sie viele Merkmale auf, die schon Tricia Sullivans SF-Romane zu einer ebenso faszinierenden wie anstrengenden Lektüre gemacht haben. (Was vielleicht mit ein Grund ist, warum das Pseudonym schon im Klappentext von Band II aufgedeckt wurde.)
Aber worum geht es denn nun in Everien? Zunächst einmal geht es um das gleichnamige Königreich, einen ziemlich wackligen Zusammenschluss mehrerer (ungefähr eisenzeitlicher) Stämme und Klans, das auf den Ruinen einer sehr viel älteren und weit fortgeschritteneren Zivilisation aufgebaut ist. Deren magische Artefakte spielen eine wichtige Rolle, sind aber häufig mindestens ebenso gefährlich wie nützlich. Dieses fragile Gebilde sieht sich zwei Feinden gegenüber: da sind einmal die unheimlichen Sekk, die die Menschen Everiens verzaubern und kontrollieren können. Und da sind die Pharicians, deren Armee die Grenzen des Königreichs bedroht. Rettung vor beiden Bedrohungen könnten neue magische Artefakte bieten, die vermutlich in der Stadt Jai Pendu zu finden sind, doch Jai Pendu, “the floating city”, taucht nur in mehrjährigen Abständen aus dem Meer – oder einer anderen Dimension? – auf. Als ein solcher Zeitpunkt naht, muss sich Tarquin der Freie entscheiden, ob er Jai Pendu ein zweites Mal betreten will, auch wenn er noch heute unter den Folgen seines ersten Besuchs leidet. Denn wenn er es nicht tut, wird es womöglich Istar tun, die Tochter eines alten Kampfgefährten – aber Istar hat keine Ahnung, dass es in Jai Pendu noch etwas weit Gefährlicheres als magische Artefakte gibt …
Aus diesen und noch ein paar anderen Zutaten entwickelt sich eine Geschichte, die vor ebenso originellen wie bizarren Ideen förmlich überquillt und mit Konzepten aufwartet, die man in der Fantasy so zuvor noch nie gesehen hat. Möglicherweise kommt man – wenn man The Way of the Rose bis zum Ende mitgegangen ist – zu dem Schluss, dass der überbordenden Phantasie der Autorin ein bisschen mehr Kontrolle gut getan hätte, aber das ist wie so vieles Geschmackssache. Den deutschsprachigen Lesern und Leserinnen wird diese Entscheidung allerdings schier unmöglich gemacht, denn bei uns sind nur die ersten beiden Everien-Bände – als Die Schatten von Jai Pendu und Nacht und Istar (beide 2001) – erschienen.
Unabhängig davon, inwieweit man das Gesamtergebnis als gelungen betrachtet, bleibt Everien auf jeden Fall einer der wenigen Fantasy-Mehrteiler, die nicht nur die Grenzen des Genres ausloten, sondern mehrfach über sie hinausgehen. Von daher ist es aus der Sicht eines Fantasylesers durchaus bedauerlich, dass Tricia Sullivan sich danach wieder der SF zugewandt hat.

Bibliotheka Phantastika gratuliert außerdem Jeff VanderMeer, der heute seinen 45. Geburtstag feiern kann. Auch im Falle des am 07. Juli 1968 in Bellefonte, Pennsylvania, USA, geborenen Autors, Kritikers und Herausgebers haben wir es mit einem Werk zu tun, das abseits des Fantasy-Mainstreams liegt.
VanderMeers fruchtbarste Schöpfung ist die Stadt Ambergris (bzw. Ambra), in der ein Großteil seiner Romane und Geschichten angesiedelt sind, darunter auch City of Saints and Madmen (2001), eine Sammlung von ursprünglich vier Erzählungen, die 2002 und 2004 um einen ausführlichen Anhang (inklusive einer riesigen Bibliographie ambraischer Literatur) und zwei weitere Geschichten erweitert wurde (auf der letzten Version basiert auch die deutsche Übersetzung, Stadt der Heiligen und Verrückten (2005)). Ambergris flimmert zwischen archaischer (es gibt kaum nennenswerte Technologie) und moderner Metropole (mitsamt Cafés, Kunstszene, Anwaltskanzleien), die ehemals einheimischen Grauhüte wurden allerdings verdrängt und können höchstens aus dem Untergrund zurückschlagen. Mit seiner Sammlung verschiedenster Textgattungen und den umfangreichen Materialien, die auch typographisch ansprechend aufbereitet sind, wird City of Saints and Madmen zu einem Gesamtkunstwerk, das vor Merkwürdigkeiten strotzt und sich seinen Platz als eines der Flaggschiffe des New Weird mehr als verdient hat.
Finch von Jeff VanderMeerJeff VanderMeer ist mit Shriek: An Afterword (2006, dt. Shriek (2008)) nach Ambergris zurückgekehrt, einem Roman, der die Geschichte zweier Geschwister erzählt, die schon in City of Saints and Madmen ihre Aufwartung gemacht haben. Auch Finch (2009) eröffnet ein weiteres Kapitel der Stadtgeschichte, diesmal in Form eines Noir-Krimis.
Als Herausgeber ist VanderMeer zwar schon seit den 90ern tätig, richtig große Wogen haben aber vor allem seine jüngeren Projekte geschlagen, die er zusammen mit seiner Frau Ann VanderMeer auf die Beine gestellt hat, unter anderem die Anthologie Steampunk (2008). Auf seinem Blog Extatic Days scheut er nicht vor Genre-Kritik und anderen kontroversen Themen zurück und ist sich nicht zuletzt auch dadurch zu einer Persönlichkeit geworden, die aus der Phantastik-Szene nicht mehr wegzudenken ist.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Meredith Ann Pierce, die heute 55 Jahre alt wird. Wenn man sich beim Blick auf das ohnehin vergleichsweise schmale Oeuvre der am 05. Juli 1958 in Seattle, Washington, geborenen Meredith Ann Pierce auf ihren Erstling The Darkangel (1982) und dessen Fortsetzungen A Gathering of Gargoyles (1984) und The Pearl of the Soul of the World (1990) beschränkt, die zusammen The Darkangel Trilogy bilden, könnte man sie durchaus als eine der eigenwilligsten und originellsten Erzählerinnen der angloamerikanischen Fantasy bezeichnen. Denn die Geschichte der jungen Aeriel, die sich mit dem titelgebenden (auch als Vampyre bezeichneten) Darkangel auseinandersetzen muss, nachdem er ihre Herrin entführt und deren Lebenskraft geraubt hat, folgt zwar einerseits traditionellen Mustern, entwickelt aber andererseits durch das ungewöhnliche Setting, die sich nach und nach enthüllenden Hintergründe, die auftretenden Wesen und vor allem durch die Art und Weise, wie das Ganze erzählt wird, die Qualität eines surrealen Traums. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Meredith Ann Pierce zu dieser Geschichte inspiriert wurde bzw. sie konzipiert hat, nachdem es in einer Vorlesung über C.G. Jung um einen Traum gegangen war, derA Gathering of Gargoyles von Meredith Ann Pierce diesem von einer Patientin erzählt worden war. Dass sich das auf nur märchenhaft zu nennende Weise umgesetzte Konzept eines seelenraubenden Vampirs in einem Fantasysetting nicht ganz leicht vermarkten lässt, dürfte auf der Hand liegen. Wenn man allerdings den zwar vorhandenen, aber keineswegs alles beherrschenden romantischen Aspekt der Geschichte betont – wie bei der unter dem Titel Gefangene des Engels 2011 erschienen deutschen Gesamtausgabe der Trilogie geschehen –, darf man sich über enttäuschte Leserinnen nicht wundern. Die ersten beiden Bände sind nebenbei bemerkt bereits in den 80ern schon einmal auf Deutsch erschienen (und zwar als Engel der Nacht (1986) bzw. Aeriel oder Das Vermächtnis der Gargoyles (1987)).
Verglichen mit der Darkangel Trilogy wirken die anderen Werke von Meredith Ann Pierce spürbar konventioneller. Die sich an etwas jüngere Leser wendende The Firebringer Trilogy (Birth of the Firebringer (1985), Dark Moon (1992) und The Son of Summer Stars (2003)) handelt von Einhörnern, die sich mit Wyrm (aka Drachen) herumschlagen müssen, während The Woman Who Loved Reindeer (1985; dt. Ren mit dem goldenen Fell (1988)) immerhin mit einem originellen Setting und der gelungenen Verwendung nordeuropäischer – nicht germanischer – Mythen punkten kann. In Treasure at the Heart of the Tanglewood (2001) steht wie in praktisch allen Werken Pierces wieder eine junge Frau im Mittelpunkt, die sich auf eine lange, gefährliche Reise begeben muss, die sie hinaus in die Welt und zu sich selbst führt, während es sich bei Waters Luminous and Deep (2004) um einen Sammelband mit bislang verstreut erschienenen Geschichten handelt.
Dem Vernehmen nach arbeitet Meredith Ann Pierce schon seit Jahren an einer Fantasytrilogie für eine erwachsene Leserschaft. Auf das Ergebnis darf man durchaus gespannt sein.

The Hidden Queen von Alma AlexanderAußerdem gratulieren wir Alma A. Hromic, die heute ihren 50. Geburtstag feiern kann. Die am 5. Juli 1963 in Novi Sad, Jugoslawien geborene Autorin veröffentlicht ihre Romane und Geschichten unter dem Pseudonym Alma Alexander und schlägt zwar nicht stilistisch, aber thematisch vordergründig ganz ähnliche Wege ein wie Meredith Ann Pierce. Ihre erste Fantasy-Reihe, bestehend aus den Bänden The Hidden Queen und Changer of Days, erschien 2001 und 2002 in Neuseeland, wurde nach Alma Alexanders Umzug in die USA aber auch dort noch einmal publiziert (und außerdem als Die verborgene Königin (2011) und Die Rückkehr der Königin (2012) ins Deutsche übersetzt). In den beiden Bänden verfolgt man das Schicksal von Anghara Kir Hama, der Erbin eines Königreiches, die von Kindesbeinen an auf der Flucht ist und sich ihren usurpierten Thron zurückerobern muss, wobei sie gezwungen ist, verschiedene Identitäten anzunehmen, und erst nach und nach eine eigene findet. Alma Alexander, die teilweise in Afrika aufgewachsen ist, gelingt es dabei vor allem, eine sehr faszinierende und detailreiche Wüstenkultur darzustellen (bei der Anghara eine Weile unterkriechen muss und den Kwisatz Haderach gibt Lektionen fürs Leben lernt).
Mit der historischen Fantasy The Secrets of Jin-Shei (2004 dt. Die Drachenkaiserin (2007)) und Embers of Heaven (2006) konzentrierte sich Alexander schließlich ganz auf eine Frauengeschichte: dort behauptet sich die Schwesternschaft der Jin-Shei mit Mitgliedern aus allen Schichten in der Gesellschaft eines alternativen, magischen China namens Syai. Mit ihrer Worldweavers-Trilogie (Gift of the Unmage (2007), Spellspam (2008) und Cybermage (2009)) hat Alexander zuletzt im Jugendbuch-Bereich Fantasy veröffentlicht, wo sie zwar einerseits das bewährte Konzept der Schule für angehende Magier umsetzt, andererseits aber auch ihrer Linie treu bleibt, sich vor allem auf starke Frauenfiguren zu konzentrieren.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Nancy Springer, die heute 65 Jahre alt wird. Die am 05. Juli 1948 in Montclair, New Jersey, geborene Nancy Springer begann in den 70er Jahren zu schreiben, d.h. zu einem Zeitpunkt, als die High Fantasy als Genre noch gar nicht existierte bzw. sich gerade erst auszuformen begann. Die Autoren und Autorinnen, die damals Fantasy schrieben, sich aber bewusst von der bis dahin den us-amerikanischen Markt dominierenden Sword & Sorcery mehr oder weniger deutlich absetzen wollten, versuchten dies auf ganz unterschiedliche Weise. Einer dieser Versuche war Nancy Springers The Book of the Isle, und dieser ursprünglich als Trilogie geplante, dann auf fünf Bände erweiterte Zyklus ist vor allem in genrehistorischer Hinsicht sehr interessant, denn er dürfte eines der ersten Beispiele für die Vermischung ganz bestimmter The Sable Moon von Nancy SpringerElemente sein, die sich in den 80er und 90er Jahren – mal mehr, mal weniger stark (oder erkennbar) – in vielen Werken des Genre-Mainstream finden lassen. So ist in den Romanen The White Hart (1979), The Silver Sun (1980, eine stark überarbeitete Version ihres Erstlings The Book of Suns (1977)), The Sable Moon (1981), The Black Beast (1982) und The Golden Swan (1983) beispielsweise der Einfluss Tolkiens deutlich spürbar (wobei sich dieser Einfluss – anders als in den Werken eines Eddings, Feist oder gar Brooks – vor allem in einzelnen Motiven sowie der Charakterisierung der Figuren zeigt, weniger in der Auswahl des Figurenarsenals oder dem Plot), während Springer beim Setting bzw. dem ganzen Weltenbau auf irdische (in diesem Fall keltische) Mythen zurückgegriffen hat. Hinzu kommen altbekannte Märchenmotive und schließlich pro Roman noch mindestens eine Liebesgeschichte, die jeweils von zentraler Bedeutung ist. Das Ergebnis dürfte einer der “romantischsten” High-Fantasy-Zyklen aus der Frühzeit des Genres sein, der als Das Inselreich (Einzeltitel: Weißhirsch, Silbersonne, Düstermond, Fabeltier (alle 1983) und Schwanengold (1984)) auch auf Deutsch erschienen ist.
Nach ein paar mehr oder weniger ähnlich gelagerten Werken – Wings of Flame (1985) und Chains of Gold (1986) sowie der aus den Romanen Madbond, Mindbond (beide 1987) und Godbond (1988) bestehenden Sea King Trilogy – und ersten Ausflügen ins nicht-phantastische Kinderbuch wandte Nancy Springer sich mit The Hex Witch of Seldom (1988) und Apocalypse (1989) der zeitgenössischen Fantasy bzw. Phantastik zu und schrieb mit Red Wizard (1990) ein erstes phantastisches Kinderbuch, dem weitere folgen sollten. Mehrere ihrer in den 90er Jahren verfassten phantastischen Romane wurden von der Kritik fast einhellig gelobt, und für einen davon – Larque on the Wing (1994) – hat sie den James Tiptree, Jr. Award erhalten, wohingegen ihre beiden Beiträge zum Artus-Mythos – I am Mordred (1998; dt. Mordred, Sohn des Artus (2004)) und I am Morgan le Fay (2001; dt. Ich, Morgan le Fay (2003)) – vor allem aufgrund der ungewöhnlichen Ich-Erzähler interessant sind.
Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat Nancy Springer sich hauptsächlich auf eine Serie um die Tocher Robin Hoods – beginnend mit Rowan Hood, Outlaw Girl of Sherwood Forest (2001; dt. Rowan, Tocher des Robin Hood (2006)) – und The Enola Holmes Mysteries konzentriert. Letzteres ist eine Reihe von Jugendbuchkrimis, in deren Mittelpunkt die 14-jährige Enola Holmes steht, bei deren knapp 20 Jahre älterem Bruder es sich um keinen Geringeren als den weltbekannten Meisterdetektiv aus der Baker Street handelt.

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Bibliotheka Phantastika gratuliert Karl-Heinz Witzko, der heute seinen 60. Geburtstag feiern kann. Wie einer ganzen Reihe seiner Kollegen ebnete auch dem am 02. Juli 1953 in Stuttgart geborenen Diplom-Statistiker Karl-Heinz Witzko die Beschäftigung mit dem Rollenspiel Das Schwarze Auge den Weg zur schriftstellerischen Karriere. Nachdem er bereits seit Mitte der 80er Jahre an der Entwicklung Aventuriens mitgearbeitet und eine ganze Reihe von Abenteuern und Spielhilfen verfasst hatte, erschien schließlich 1996 mit Treibgut sein erster DSA-Roman, dem noch im gleichen Jahr ein zweiter mit dem Titel Spuren im Schnee folgte. In diesen beiden Romanen steht ebenso wie in der aus den Bänden Tod eines Königs (1998), Die beiden Herrscher (1999) und Die Königslarve (2000) bestehenden Trilogie Das Leben König Dajins in Vergangenheit und Gegenwart die Insel Maraskan bzw. deren Bevölkerung und Kultur im Mittelpunkt. Dies gilt auch für Witzkos bislang letzten DSA-Roman Westwärts, Geschuppte! (2002), allerdings mit einer kleinen Einschränkung, denn in diesem Fall spielen keine Menschen die Hauptrolle.
Das Traumbeben von Karl-Heinz WitzkoKurz nach Beginn des neuen Jahrtausends wurde Witzko zu einem Viertel von Magus Magellan, als er mit seinen aus DSA-Zeiten bekannten Kollegen Thomas Finn, Bernhard Hennen und Hadmar von Wieser einen auf zwölf Bände angelegten Fantasy-Zyklus konzipierte, der anfangs unter dem Titel Die Gezeitenwelt, ab 2004 als Magus Magellans Gezeitenwelt erschien. Seine Beiträge zu diesem ehrgeizigen Konzept, das nach fünf Romanen und einem Kurzgeschichtenband allerdings fürs Erste auf Eis gelegt wurde, bestehen aus dem zusammen mit seinen Autorenkollegen unter dem “Pseudonym” Magus Magellan verfassten Prequel Das Geheimnis der Gezeitenwelt und dem Roman Das Traumbeben (beide 2004).
Im Zuge des neuen Fantasy-Booms, der im Gefolge der Herr-der-Ringe-Filme zu einer wahren Flut von Werken führte, die man mangels einer besseren Bezeichnung unter dem Begriff Tolkienvölker-Romane zusammenfassen könnte, suchte Karl-Heinz Witzko sich dann ein Völkchen aus, bei dem er seine schon in den Arbeiten für Das Schwarze Auge deutlich erkennbaren humoristischen Neigungen voll ausleben konnte. Das Ergebnis waren die Romane Die Kobolde (2007) und König der Kobolde (2008). Und auch in dem zuletzt veröffentlichten Roman Dämon wider Willen (2009) ist er der Funny Fantasy treu geblieben.

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