Zum 70. Geburtstag von Amadeus Firgau

Bibliotheka Phantastika gratuliert Amadeus Firgau, der heute 70 Jahre alt wird. Der am 31. Dezember 1943 in Graz geborene Amadeus Firgau arbeitete noch hauptberuflich als Lehrer, als er sich mit Erscheinen seines ersten Romans in die alles andere als überwältigend große Schar derjenigen Autoren und Autorinnen einreihte, die bereits vor dem im Kielwasser der Herr-der-Ringe-Verfilmung einsetzenden entsprechenden Boom erfolgreich deutschsprachige Fantasy veröffentlicht haben. Interessanterweise ist Sorla Flusskind (1990) nicht bei einem der einschlägigen großen Genreverlage sondern beim kleinen Stendel Verlag erschienen – der allerdings vermutlich das optimale Umfeld geboten hat, denn man war dort damals mit modernen Märchen sehr erfolgreich, und die Wurzeln von Firgaus Erstling liegen deutlich stärker in der mitteleuropäischen Märchen- und Volkssagentradition als in der angloamerikanischen Genrefantasy.
Sorla Flusskind erzählt die Geschichte von Sorle-a-glach, dem “Molch ohne Vater”, einem Menschenkind, das von seiner leiblichen Mutter als Dank für ihre Rettung vor den grausamen Chrebil schon vor seiner Geburt dem Flusstrollweib Squompahin-laschre versprochen wurde. Und so wächst Sorla – wie der Junge am liebsten genannt werden will – fernab von den Menschen unter den Fittichen der ebenso streitbaren wie fürsorglichen Laschre am Gnomfluss auf, lernt in der Wildnis zu überleben und Fische zu fangen. Als Sorla neun Jahre alt wird, schickt Laschre ihn zu den Gnomen im Berg Pelkoll, um noch mehr zu lernen. Im Pelkoll findet Sorla nicht nur in Gwimlin seinen ersten Freund, sondern erlebt mit ihm zusammen auch aufregende und alles andere als ungefährliche Abenteuer. Doch so wohl er sich bei den Gnomen auch fühlt – er spürt immer deutlicher, dass er eigentlich nicht zu ihnen gehört …
Sorla Schlangenei von Amadeus FurgauDie Welt, in der Sorla heranwächst, ist klein und überschaubar, und wir sehen sie durch seine Augen – das heißt durch die Augen eines Kindes, das naiv, unbefangen und neugierig seine Umgebung erkundet. Dass diese Welt weit größer ist als das, was Sorla von ihr kennenlernt, wird bereits zu Anfang des Romans und auch zwischendurch immer wieder deutlich, und in Sorla Schlangenei (1995) zieht Sorla auf der Suche nach anderen Menschen – vor allem seinen Eltern – in die große weite Welt hinaus, die allerdings zunächst einmal ganz klein und eng für ihn wird, als die grausame Hexe Markreske ihn gefangennimmt. Seine weiteren Begegnungen mit anderen Menschen verlaufen weniger schmerzhaft, doch auch wenn Sorla unter Menschen und somit eigentlich Seinesgleichen ist, spürt er, dass er “anders” ist – und das hat nicht nur mit der Schlange zu tun, die ihm gelegentlich im Traum erscheint und kluge Ratschläge erteilt …
Während Sorla Flusskind über weite Strecken das Gefühl vermittelt, ein Jugendbuch vor sich zu haben – was natürlich dem Alter und der damit verbundenen Weltsicht der Hauptfigur geschuldet ist, obwohl auch die Idylle am Gnomfluss nicht vor den gelegentlichen Härten des Lebens gefeit ist –, wirkt Sorla Schlangenei deutlich düsterer und erwachsener. Das liegt einerseits daran, dass Sorla es nun mit Menschen zu tun bekommt, auch wenn die nicht alle so böse wie Markreske sind, andererseits aber vor allem daran, dass immer klarer wird, dass auf Sorla ein besonderes Schicksal wartet – aber wie wird dieses Schicksal wohl aussehen?
Auf die Beantwortung dieser Frage mussten die Leser und Leserinnen ziemlich lange warten, denn die Sorla-Reihe wurde nach dem zweiten Band vom Stendel Verlag nicht weitergeführt. Was bedauerlich ist, schließlich dürften Sorla Flusskind und Sorla Schlangenei zu den eigenständigsten und originellsten deutschsprachigen Fantasyromanen der 90er Jahre zählen; darüberhinaus überzeugen sie nicht nur inhaltlich, sondern auch, was ihre Ausstattung angeht: das fängt bei den ungewöhnlichen, so gar nicht generischen Titelbildern an und setzt sich bei den Innenillustrationen, den mitwachsenden Karten und dem ebenso mitwachsenden Glossar fort. Und es ist erstaunlich, denn die beiden Romane waren – gemessen an den Möglichkeiten eines kleinen Verlags im Prä-Internetzeitalter – durchaus erfolgreich, auch wenn sie weit entfernt von den enormen Auflagen waren, die der Stendel Verlag mit seinen modernen Märchen erzielt hat.
2008 hat Amadeus Firgau die Sache schließlich selbst in die Hand genommen und die noch ausstehenden Romane des Sorla-ZyklusSorla Drachenvetter, Sorla Feuerreiter und Sorla Drachenkaiser – bei Lulu veröffentlicht. Leider entspricht der Satz dieser drei Romane so gar nicht dem, was man auch schon zu diesem Zeitpunkt von Print-on-Demand-Produkten erwarten konnte (und normalerweise geboten bekommen hat), was das Lesevergnügen, Sorla auf der Suche nach seinem Platz in der Welt der Menschen zu begleiten, deutlich mindert. Und das ist schade, denn auch wenn anhand der Titel bereits zu erahnen ist, wohin Sorlas Lebensreise ihn letztlich führen wird, gäbe es unterwegs vermutlich noch viel zu entdecken.
Insofern wäre es wünschenswert, dass vielleicht irgendwann einmal eine satztechnisch etwas überzeugender gestaltete Neuauflage der letzten drei Romane erscheint, denn inhaltlich und erzählerisch muss Amadeus Firgau sich mit seinem Sorla-Zyklus – gerade, weil er so anders ist, aus anderen Wurzeln schöpft und sich anderer Bilder bedient – vor der zeitgenössischen deutschsprachigen Konkurrenz absolut nicht verstecken. Im Gegenteil …

4 Kommentare zu Zum 70. Geburtstag von Amadeus Firgau

  1. Lieber Gero,

    erst heute wies mich mein kluger Sohn auf diese schöne und einsichtige Besprechung meiner Sorla-Romane hin. Nachträglich vielen Dank!

    Inzwischen bin ich dabei, diese Reihe von LULU zu ShakerMedia überzusiedeln. Flusskind und Schlangenei sind schon erschienen. Spätestens zur Frankfurter Buchmesse wollen wir alle fünf beisammen haben.

    Die wichtigsten Gründe für diese Umsiedlung sind erstens die ISBN, die einen besseren Vertrieb ermöglichen – nicht mehr nur LULU, sondern alle Buchhandlungen sowie auch Amazon. Es gibt auch jeweils eine eBook-Version. Zweitens die Tatsache, dass ich menschliche Ansprechpartner habe, mit denen ich mich beraten kann, nicht nur eine Eingabemaske. Die Druckqualität scheint mir besser, und die Bücher werden preiswerter, allerdings auch mit DIN A5 etwas kleiner.

    Dass ich die ursprünglichen wunderschönen Coverbilder und Illustrationen der Stendelversion nicht übernehmen konnte, ist schade, doch wenigstens bekam ich das Recht für die Karten (die sowieso weitgehend von mir waren).

    Übrigens: Beim Korrekturlesen der neuen Druckfassungen habe ich mich immer wieder festgelesen, weil es so spannend war, und ich nervte meine Familie häufig mit begeisterten Ausrufen.

    Haben Sie auch die Bände 3-5 gelesen, oder hat Sie das Äußere der LULU-Version abgeschreckt? Das wäre schade, denn die Lektüre lohnt sich mit jedem Band mehr (sagen meine Leser).

    Noch einmal vielen Dank!
    Amadeus Firgau

  2. gero sagt:

    Hallo Herr Firgau,

    es freut mich natürlich, dass Sie sich bzw. Ihre Romane einigermaßen angemessen behandelt sehen, denn das ist in diesen Beiträgen, in denen konzeptionell bedingt immer nur kurze Schlaglichter auf das Werk bzw. die Werke eines Autors geworfen werden können, nicht immer ganz einfach (auch wenn wir uns Mühe geben ;)).

    Und es freut mich auch, dass Sie einen deutschen Verlag für die letzten drei Bände (und eine Neuauflage der ersten beiden) gefunden haben, denn Bestellungen bei Lulu waren zumindest früher immer ein bisschen kompliziert. (Okay, sie waren nicht wirklich kompliziert, aber aufwendiger als zwei Klicks bei einem der großen Online-Versender.) Außerdem hat mir der Satz der Lulu-Ausgabe von Band III überhaupt nicht gefallen.

    Um Ihre Frage zu beantworten: Ich habe Sorla Drachenvetter nach … 50, 60 Seiten abgebrochen, weil ich erstens gemerkt habe, dass ich Band I und II nochmal lesen sollte (die Lektüre war ja schon mehr als zehn Jahre her, und zwischenzeitlich hatte ich jede Menge andere Bücher gelesen), und weil ich zweitens mit dem Satz überhaupt nicht gut klargekommen bin und die Vorstellung, dass das etliche hundert Seiten so sein wird, mich doch abgeschreckt hat. (Um das ein bisschen zu erklären: Ich habe in den 90er Jahren für einen Kleinverlag selbst den Satz von einem guten Dutzend Büchern gemacht – mit der damals aktuellen Word-Version – und bin vielleicht deswegen ein bisschen empfindlich, was Hurenkinder, Einzüge oder Stege angeht; mir ist natürlich klar, dass es mit den Lulu-Vorgaben und wenn man sich vorher nie mit dem Satzspiegel beschäftigt hat, nicht einfach ist, ein gutes Ergebnis hinzukriegen, aber ich kann in dieser Hinsicht halt nicht so recht aus meiner Haut.)

    Von daher freut es mich wirklich, dass die Bände III-V in absehbarer Zeit in einer wahrscheinlich meinem ästhetischen Empfinden deutlich mehr entgegenkommenden Ausgabe vorliegen werden, so dass ich Sorlas Geschichte sicher irgendwann zu Ende lesen werde, denn inhaltlich und vom ganzen Ansatz her haben mir die ersten beiden Bände gut gefallen.

    Und ansonsten ist es natürlich schön, wenn sich hier mal ein Autor zu Wort meldet. 😉 Gerade diese Texte, in denen es nicht zuletzt darum geht, auch auf nicht mehr ganz so aktuelle oder vielleicht sogar schon vergessene Autoren & Autorinnen bzw. deren Werke hinzuweisen, schreiben wir ja ein bisschen in den luftleeren Raum hinein (und ganz bestimmt auch mal an den Interessen unserer Leserschaft vorbei). Andererseits ist es uns wichtig, auf die Geschichte und die Bandbreite des Genres, das uns am Herzen liegt, hinzuweisen, und wenn sich dann gelegentlich mal jemand meldet (egal, ob Autor oder Leserin), gibt einem das einfach ein gutes Gefühl (und das brauchen wir schließlich alle immer mal wieder).

    Beste Grüße
    Gerd Rottenecker aka gero

  3. Guten Tag, “gero”,

    danke für die ausführliche Antwort, die ich leider erst jetzt entdeckte (mein Verlag wies mich darauf hin)!
    Ich bin sicher, dass die neuen Ausgaben tatsächlich ansprechender ausfallen, zumindest haben wir uns große Mühe gegeben, was Umschlaggestaltung, Schriftbild etc betrifft. Und ich hoffe, dass auch keine Hurenkinder mehr einsam herum irren. Es kann aber sein, dass einzeilige Absätze sich auf die Folgeseite verirren, denn das ist bei Fließtext schwer abzustellen.
    Viel wichtiger ist aber der Inhalt. Und ich höre von allen Lesern, dass jeder Band noch “besser” war als der vorige. Das liegt wohl auch daran, dass Sorla in jedem Band älter und schließlich erwachsen wird, weshalb auch seine Aufgaben größere Dimensionen annehmen. Musste im ersten Band nur ein Gnomenkind gerettet werden, geht es zuletzt um die Verteidigung eines ganzen Kaiserreiches.
    Mir persönlich gefällt aber jenes Kapitel im vierten Band am besten, wo Sorla seine 12 (!!!) Töchter der Reihe nach besucht – und diese sind alle völlig verschieden voneinander. Aber ich bin als Autor in jede davon verliebt.
    Also wünsche ich weiterhin viel Lesevergnügen, auch mit meinen Sorla-Bänden!
    Amadeus Firgau

  4. Friederike K. sagt:

    Guten Tag, Herr Firgau,

    dieses Mal geht es nicht um Ihre Bücher, sondern ich suche Informationen über das Leben Ihrer Großmutter Thekla.
    Es wäre sehr freundlich, wenn Sie diesbezüglich per E-Mail Kontakt zu mir aufnehmen würden, damit unser Gespräch in einem weniger öffentlichen Rahmen stattfinden kann (wenn Sie möchten).

    Mit freundlichen Grüßen
    Friederike K.

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