Autor: Horwood@William

Der Stein von Duncton von William HorwoodDer Stein von Duncton beschreibt die Lebensgeschichte von drei ganz besonderen Maulwürfen: Bracken und Rebekka aus dem Duncton-Wald und Boswell von Uffington. Das Schicksal hat Besonderes mit ihnen vor. Doch viele Gefahren, Schmerzen und Leid müssen bewältigt werden, damit die Hauptakteure die ihnen erteilten Aufgaben erledigen können. Immer wieder dürfen sie jedoch auch Liebe, Freundschaft und Lebensglück erfahren. Doch all jene, die auf den Stein hören, die blind dem Stein vertrauen, die wird der Stein auch beschützen …

– Bracken wurde sechs Maulwurfjahre nach Rebekka in einer Aprilnacht geboren, in einem warmen dunklen Bau mitten im alten Dunctonsystem. Dies ist die Geschichte ihrer Liebe und ihres langen Weges zueinander. –
Prolog des Geschichtenerzählers

Dieses Buch ist eine wunderbare Parabel auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Moral und Ethik, Glaube und Zweifel, sowie die eigenen menschlichen, pardon, maulwürfischen Unzulänglichkeiten spielen eine zentrale Rolle im Duncton-Wald und den benachbarten Systemen. Aus der Sicht der Tunnelbewohner nimmt beinahe alles epische Ausmaße und tiefe Bedeutungen an. Jeden Tag geht es um Leben oder Tod. Rivalenkämpfe, Eulen, Krankheiten, Feuer, Nahrungsmangel oder Auswirkungen der menschlichen Zivilisation gefährden das Leben eines Maulwurfs ständig.
Vor diesem Hintergrund entwickelt sich eine Geschichte voll von schicksalhaften Begegnungen, alten Geheimnissen und heiligen Relikten lange versunkener Maulwurfdynastien, die sich über viele, viele Maulwurfjahre und -generationen hinwegzieht.
Obwohl die Maulwürfe in Horwoods Buch relativ gut sehen können, betreten wir beim Lesen eine Welt der Gerüche, der Geräusche und des Tastsinns. Die Tunnelsysteme sind derart lebhaft beschrieben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man völlig in die Welt der Maulwürfe eingetaucht ist. Keine Frage, ein Maulwurf, der schon sechs längste Nächte erlebt hat, muss einfach unglaublich alt sein, und das während der Paarungszeit andere Dinge mal eben links liegen gelassen werden, ist auch völlig verständlich.

Der Stein von Duncton (Duncton Wood) geht unter die Haut. Gefühle, egal welcher Art, spielen eine tragende Rolle. Das Wichtigste von allem aber ist die Liebe. Nun, das an sich ist ja nicht unbedingt etwas Neues, hier jedoch wird Liebe so echt und ursprünglich beschrieben, dass zynische Zweifler einfach keine Chance haben.
Gleichzeitig hält der Autor durch seinen besonderen Erzählstil immer eine gewisse Distanz zu seinen Charakteren. Die Geschichte wird anhand schriftlicher Aufzeichnungen und mündlicher Überlieferungen von Maulwurfgeneration zu Maulwurfgeneration weiter gereicht. Daher bleiben manche Dinge unklar, manche Abschnitte der Geschichte haben verschiedene Versionen. Welche der Quellen am glaubwürdigsten ist, kann nur vermutet werden. Dies führt dazu, dass insgesamt die Glaubwürdigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen Beteiligten erhöht wird.

Die Reise ins Herzland von William HorwoodZurückgezogen und fast schon ausgerottet leben Europas letzte Wölfe, ohne Hoffnungen für die Zukunft, da die Menschen sie jagen und ihre Umwelt zerstören. Doch die alten Mythen der Wölfe, die schon fast in Vergessenheit geraten sind, besagen, daß ihnen am Ende eines dunklen Jahrtausends eine Chance bleibt, ihre einstige Stärke wiederherzustellen. Und eines Nachts versucht der junge Wolf Tervicz ein Rudel zusammenzuheulen, aus dem die Wölfe der Zeit werden sollen – ein Rudel bestehend aus Wölfen aus ganz Europa, die die Bruchstücke ihrer Mythen zusammentragen und gemeinsam das sagenumwobene Herzland finden sollen. Aus verschiedenen Ländern machen sich Wölfe auf den beschwerlichen Weg …

-Ein nebliger Morgen dämmert herauf. Es ist der erste Tag des Herbstes, jener Tag, an dem nach altem Brauch die jüngeren, umherschweifenden Wölfe das Rudel verlassen.-
Prolog: Die Reise ins Herzland

Eine Tiergeschichte über Wölfe hat im Rahmen des Jugendbuchs Wolfsaga schon einmal ganz hervorragend geklappt – man möchte also meinen, daß auch in einer erwachseneren Version mit einer komplexeren Handlung gar nichts schief gehen kann, besonders nicht bei einem etablierten Autor von Tierfantasy wie William Horwood, der mit Der Stein von Duncton schon die Mythen der Maulwürfe erfahrbar gemacht hat.
In diesem Auftakt-Band einer ursprünglich als Trilogie geplanten Saga breitet Horwood in mehr als 600 Seiten die Welt der Wölfe aus, und in diesen 600 Seiten verfranst sich die Geschichte – die eigentlich sehr gute Ansätze hat – so sehr, daß man als Leser nur bedingt mitgerissen und unterhalten wird.

Es steht nichts weniger auf dem Spiel als die Rettung der “Wolfheit”, und diese liegt in den Pfoten eines bunt zusammengewürfelten Rudels aus ganz Europa. Leider hat Horwood den unterschiedlichen Wölfen wie dem stolzen Aragon aus Spanien oder dem wortkargen Klimt aus Skandinavien keine besonders ausgeprägten Persönlichkeiten verliehen, sie statt dessen sogar mit (nationalen) Klischees ausstaffiert, ihre Konflikte wirken aufgesetzt und ebenso klischeegetrieben.
Dafür liest man aus dem ganzen Buch heraus Horwoods Anteilnahme an der Vergewaltigung der Natur durch den Menschen, die Schilderungen dazu sind eindringlich, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Zu Beginn des Buches drängt sich daher der Verdacht auf, es spiele zur Zeit, als der Umweltschutz sich durchzusetzen begann, doch wenn es später zu einer großen Seuche und einem Krieg der Menschen in Europa kommt, zeigt sich, daß es sich eher um ein Zukunftsszenario handelt.

Lange Landschafts- und Naturbeschreibungen stehen dem als Gegenentwurf gegenüber – aus Wolfssicht vermutlich hochinteressant, für den Leser trotz einer sehr angenehmen Sprache irgendwann ermüdend: Wenn es mehrere Seiten lang nur um Wolken, Felsen und Wildblumen geht, verliert dieser Kniff, die Welt aus Tiersicht zu zeigen, sehr schnell ihren Charme.
Die Handlung plätschert eher ziellos vor sich hin, und der einzige Dreh- und Angelpunkt sind die alten Geschichten der Wölfe, die von der Wiederkehr ihres Gottes Wulf erzählen. Diese Wolfsmythologie ist Horwood ausgesprochen gut gelungen; er schafft es, vielen Verhaltensweisen von Wölfen einen stimmigen tradierten Kontext zu geben, und diese Darstellungen gehören zu den besten Passagen des Romans. Hätte man die darauf basierende Geschichte gestrafft und mit etwas mehr Leben versehen, wäre vielleicht tatsächlich eine Wolfsaga für erwachsene Leser herausgekommen. Mit den dünnen, seltsam distanziert wirkenden Konflikten unter den Wölfen und dem geringen Tempo der Haupthandlung ist aber nur verständlich, daß der geplante Mittelband der Trilogie (Wanderers of the Wolfways) gestrichen wurde, so daß Horwood seine Geschichte in nur einem weiteren Band zu Ende erzählen mußte.