Sophie im Schloss des Zauberers

Sophie im Schloss des Zauberers von Diana W. JonesSophie ist gefangen in ihrem Leben als älteste von drei Töchtern. Als solche ist es ihr bestimmt, verantwortungsbewusst zu sein und außerdem den Familienbetrieb, ein Hutmachergeschäft, zu übernehmen. Diesem Schicksal hat die junge Sophie sich längst ergeben, als die teuflische Hexe der Wüste eines Abends ihren Hutladen betritt und das Mädchen ohne eine Erklärung in eine alte Frau verwandelt.
Jetzt, da Sophie sich nicht nur alt fühlt, sondern auch alt aussieht, flieht sie aus der Stadt und findet sich des nachts alleine in der Wildnis wieder. Dabei stolpert sie über das wandelnde Schloss des Zauberers Howl, von dem es heißt, er stehle die Seelen junger Mädchen und verspeise ihre Herzen.

-Im Lande Ingari, wo Dinge wie Siebenmeilenstiefel und Tarnkappen wirklich existieren, gilt es als ziemliches Pech, als ältestes von drei Geschwistern geboren zu werden. Alle wissen, dass das älteste Kind am schnellsten und am schlimmsten versagen wird, wenn die drei sich aufmachen, um ihr Glück zu suchen.-
1. Kapitel in dem Sophie mit Hüten spricht

Frau Jones hat hier eine zauberhafte Welt geschaffen, in der man selbst gerne ein paar Streifzüge machen würde. Das Ganze wird auf eine so humorvolle Weise verpackt, dass es schwer fällt, Sophie im Schloss des Zauberers (im Original: Howl’s Moving Castle) aus der Hand zu legen. Es ist wohl eines der wenigen Bücher, die  nachhaltig in Erinnerung bleiben und auch nach dem dritten, vierten und fünften Lesen noch immer Freude bereiten.

Zu verdanken ist dies wunderbar gezeichneten Charakteren, die von schrullig bis überdimensional wehleidig und wahrhaft seltsam alles abdecken. Wir haben hier eine grantige alte Dame mit Putzfimmel, einen Feuerdämon mit Existenzängsten, einen wahnsinnig mächtigen Zauberer mit einem ausgeprägten Eitelkeitsproblem, eine anhängliche Vogelscheuche, Hunde, die keine sind, und Zauber, über die man nicht sprechen kann. Mit einem außerordentlichen Gespür für Sprache haucht die Autorin der Welt Ingari und ihren verschiedenen kleinen Städten buntes Leben ein. Es bedarf tatsächlich nicht vieler Worte, um sich alles im Detail vorstellen zu können.
Die eigentliche Quest, den mysteriösen Vertrag zwischen Howl und dessen Feuerdämon Calcifer zu brechen, damit letzterer im Gegenzug Sophies Fluch aufhebt, wird dabei beinahe zur Nebensache, und doch wird das Buch nie langweilig oder sinnlos. Man erlebt die Handlungen und Entwicklungen der Charaktere so gerne und selbstverständlich mit, dass es einen mit Empörung zurück lässt, dass auch dieses Buch irgendwann enden muss.

Diana W. Jones gilt zwar als Kinderbuchautorin, und auch Sophie im Schloss des Zauberers wird offiziell als Kinderbuch gehandelt, dennoch wirken die vielen versteckten Anspielungen und Kniffe oft zu komplex für Kinder. Manches dürfte sich erst im Jugend- oder Erwachsenenalter tatsächlich erschließen, da es ein gewisses Maß an Allgemeinbildung oder auch emotionaler Entwicklung benötigt, um Anspielungen auf Hamlet, König Artus, Alice im Wunderland und Der Herr der Ringe zu erkennen oder auch Dinge wie die ersten Anzeichen von Verliebtheit  und Ironie. Denn der Humor springt einem hier nur selten mitten ins Gesicht.  Er zeichnet sich vor allem durch Wortwahl und teils hitzige Dialoge aus.
Vermutlich dürfte auch nicht einmal vielen Erwachsene auffallen, dass in dem Roman ein Gedicht von John Donne zu einem wichtigen Bestandteil der Handlung wurde.
Natürlich kann man Sophie im Schloss des Zauberers auch ohne das alles genießen, doch gerade diese Kleinigkeiten verleihen ihm seinen ganz eigentümlichen Charme. Die Verwendung bestimmter Begriffe, Namen oder bekannter Zitate unserer realen Welt geben dem Buch teilweise selbsterklärende Eigenschaften oder auch ein Gefühl von vertrautem Wiedererkennen.

Ungewöhnlich ist auch die Herangehensweise der Autorin an ihre Figuren. Anders als man es gewohnt ist, wird Sophie nach dem Tod ihrer Eltern nicht zum Spielball ihrer Stiefmutter. Nein, besagte Stiefmutter liebt sie sogar genauso sehr wie  ihre eigene Tochter, auch wenn die Autorin versucht, den Leser diesbezüglich auf eine falsche Fährte zu locken. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Diana W. Jones sich den typischen Klischees der Fantasy in diesem Roman widersetzt und alles ein wenig anders macht.
Ein einziges Mal wurde die Autorin schwach und verlieh dem Roman ein so umfangreiches Happy-End, dass einem glatt schwindelig werden könnte. Alles andere hätte Sophie im Schloss des Zauberers allerdings seinen märchenhaften und ohnehin vor seltsamen Ereignissen strotzenden Charakter genommen. Man kann also getrost sagen, Frau Jones ist ihrer Linie vom ersten bis zum letzten Satz treu geblieben.

Obwohl die Übersetzerin der deutschen Ausgabe, Gabriele Haefs, hier eine sehr gute Arbeit abgeliefert hat, geht natürlich doch der ein oder andere Wortwitz verloren und die Sprache wirkt manchmal etwas zu betont einfach. Wer gerne auch mal auf Englisch liest, sollte daher zur Originalausgabe greifen. Einen empfehlenswerten Lesegenuss bieten aber durchaus beide Sprachen.
Ignorieren sollte man allerdings den Klappentext der deutschen Ausgabe, denn der hat nur bedingt etwas mit dem Buch zu tun.

Für diejenigen, die nicht genug kriegen können von Sophie, Howl und Calcifer, gibt es noch zwei weitere Bücher, die in Ingari angesiedelt sind: Ziemlich viele Prinzessinnen (Castle in the Air) und House of many ways (noch nicht ins Deutsche übersetzt). Es handelt sich dabei nur indirekt um Fortsetzungen, da die bekannten Personen lediglich kleinere Nebenrollen einnehmen. Für Fans von Sophie und Howl dennoch zu empfehlen.

Verfilmung:
Das Buch wurde 2004 von den Ghibli Studios in einer wunderbaren Umsetzung verfilmt. Hier gibt es auch eine ausführliche Besprechung dazu.

Stand: 26. Oktober 2012
Originaltitel: Howl's Moving Castle
Erscheinungsjahr: UK 1986, D 2005
Verlag: Carlsen
Übersetzung: Gabriele Haefs
ISBN: 3551356947
Seitenzahl: 368