Zyklus: Robin Hood & Marian

Cover von Herrin der Wälder von Jennifer RobersonRobert von Locksley kommt von den Kreuzzügen zurück, erklärt Lady Marian, daß ihr Vater tot sei und daß sein letzter Wunsch gewesen sei, sie möge den Sheriff von Nottingham heiraten. Der einzige, der von diesem Wunsch angetan ist, ist der Sheriff, der diese Idee auch schon längere Zeit mit sich herumträgt. Lady Marians Begeisterung hält sich stark in Grenzen, Sir Guy von Gisbourne findet, daß die Lady einen besseren Gatten verdient hätte und Locksley kann sich die beiden auch nicht so recht als Ehepaar vorstellen. Das ist der Kern der Geschichte. Um diesen Kern hat Jennifer Roberson einen Roman gebaut, der die Legende von Robin Hood neu erzählt.

-Dunkelheit. Stille. Die Schwermut der Einsamkeit. Das waren die Waffen, die sie brechen sollten, die sie dazu bringen sollten, ihre trotzige Haltung aufzugeben und sich zu unterwerfen; die sie dazu treiben sollten, sich zu ergeben und um Gnade, Mitgefühl und Verständnis zu flehen.-
Prolog: Nottingham Castle. Spätes Frühjahr 1194

Wenn der Rezensent nicht im letzten Moment unter den Angaben zur Autorin die Bemerkung gefunden hätte, es handle sich bei “Herrin der Wälder” um “female fantasy”, dann hätte er das Buch hier gar nicht besprochen. Das wäre schade gewesen, denn es handelt sich um einen der besseren Romane. Das Gute daran ist nicht etwa, daß die Geschichte aus Sicht der Lady Marian erzählt wird. Die Idee einen alten Mythos aus der Perspektive einer Frau zu erzählen, kennen wir in der Fantasy schließlich spätestens seit Marion Zimmer Bradley und außerdem bedient sich die ganze feministische Literatur dieses Kunstgriffs. Nein, das Positive an dem Buch ist, daß Roberson die Handlungen ihrer Protagonisten schlüssig motiviert. Der Sheriff von Nottingham ist nicht einfach nur ein bösartiger, aber leicht trotteliger Mensch, den man braucht, um Robin Hood im Gegensatz dazu strahlender, edler und heldenhafter erscheinen zu lassen, wie es im Film oft ist. Roberson zeichnet Nottinghams Charakter sehr ausführlich und so ist er unzweifelhaft die interessanteste Figur in dem ganzen Roman. Das ist aber auch die Schwierigkeit. Die Schurken sind meistens einfacher zu gestalten als die Gutmenschen. Damit der gute Robin nicht zu langweilig gerät, stattet Roberson ihn mit einem Kriegstrauma aus und auch für ihre anderen Protagonisten hat die Autorin sich Originelles einfallen lassen. So hat der Sheriff von Nottingham eine Tochter, die eine ganz besondere Form des mittelalterlichen Feminismus’ pflegt. An Sir Guy endeckt man völlig neue Seiten und auch Richard Löwenherz pflegt Vorlieben, von denen man in den Erzählungen, die man als Kind gelesen hat, nichts gehört hat. Leider macht Lady Marian keine richtige Entwicklung durch, sie ist von Anfang an eine couragierte, mutige, liebenswerte Frau, die am Ende vielleicht noch ein bißchen mutiger ist als am Anfang, das war es dann aber auch an Entwicklung.
Wer Zauberer, Magie, Elfen oder Drachen erwartet wird enttäuscht sein, es handelt sich hier um einen pseudohistorischen Roman ohne jede Magie.
Sprachlich ist das Buch in Ordnung, nur manchmal stolpert man über kleinere Unzulänglichkeiten, die erst dann wirklich stören, sobald sie sich häufen. Wenn also irgendwelche Türen ständig über den Boden “schaben”, dann sollte man als Übersetzer vielleicht doch einmal einen Blick in das Wörterbuch für Synonyme wagen.

Cover von Herrin von Sherwood von Jennifer Roberson5 Jahre später: Als Richard Löwenherz stirbt, wird Prinz John König. Dadurch gewinnt auch der Sheriff von Nottingham wieder Oberwasser. Er ignoriert die Begnadigung Robins und seiner Freunde und drangsaliert Marian. Unterdessen versuchen einige Barone, Richards Neffen Arthur als König zu etablieren, der Löwenherz’ Geld geerbt hat.

-Der Teufel lag in Frankreich im Sterben. Aber nein, das war unmöglich. “Mylord”, sagte jemand leise. “Mein König.” Der Teufel war König. Oder war der König ein Teufel?-
Prolog

“Herrin der Wälder” war noch unterhaltsam und originell, der Folgeband “Die Herrin von Sherwood ” ist zum größten Teil nur langweilig. Das liegt zum einen daran, daß in diesem Roman nicht eine neue Idee entwickelt wird. Ging es im ersten Band um die Liebe zwischen Robin und Marian, den Konflikt zwischen Robin und seinem Vater und um die unterschiedlichen Auffassungen der Guten und der Bösen, was nun eigentlich mit den Steuergeldern anzufangen sei, so geht es im zweiten Teil um genau die gleichen Themen. Dazu kommt, daß schon in “Herrin der Wälder” die Passagen am schlechtesten waren, in denen Roberson über Robin und Marian schreibt; das hat sich nicht geändert, aber die beiden nehmen hier einen noch größeren Raum ein und somit wird das ganze Buch schlechter. An anderen Stellen merkt man, daß Roberson besser schreiben kann, geht es aber um Robin und Marian wird die Geschichte entweder langweilig, kitschig, unglaubwürdig oder unfreiwillig komisch. Man ist jedesmal erfreut, wenn der Sheriff von Nottingham auftaucht, der unsentimental, pragmatisch und natürlich fies ist und dessen Charakter Roberson viel glaubwürdiger darstellt. Eleanor, die im ersten Band noch frischen Wind in die Geschichte gebracht hat, hat nur einen Kurzauftritt. Außerdem ist das Buch voller unnötiger Wiederholungen. Ich weiß nicht, wie oft betont wird, daß Robin vor fünf Jahren, die Steuergelder ja nur gestohlen hat, um Löwenherz freizukaufen oder daß Marian entehrt ist, weil Will Scarlet sie verschleppt hatte. Für Leser, die den ersten Band nicht kennen hätte eine einmalige Erwähnung genügt. Auch andere Dinge werden mehrmals erwähnt, sodaß der Leser sich fragt, ob die Autorin ihn für ein begriffstutziges Kleinkind hält, dem alles zehnmal erzählt werden muß, damit er es sich ja merkt. Zudem häufen sich in diesem Buch die Druckfehler.