China Miéville

portraitiert von Fremdling

China Miéville; Quelle: www.luebbe.de

Klären wir doch eines gleich zu Anfang: Der Vorname ist, wie er selbst sagt, das Ergebnis von Hippie-Eltern.

China Miéville (*1972), geborener Engländer und aufgewachsen in London, studierte in Cambridge (Bachelor in Sozialanthropologie) und an der London School of Economics, wo er mit einem PhD in International Law abschloss. Der Titel seiner Dissertation Between Equal Rights: A Marxist Theory of International Law verrät auch bereits Miévilles politische Einstellung. Er ist bekennender Trotzkist und Mitglied der Socialist Workers Party. Im Jahr 2010 kandidierte er erfolglos für die Socialist Alliance bei den Wahlen für das Unterhaus.

Für Miéville selbst sind seine politische Einstellung und seine Tätigkeit als Autor nicht auseinander zu halten und er will dies auch gar nicht. Er stellt aber sehr wohl an sich den Anspruch, dass die Story immer im Vordergrund stehen wird und die Politik lediglich für diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen, als „Gimmick“ enthalten ist.

Miéville gibt als Inspirationsquellen unter anderem Autoren der sogenannten „weird fiction“ an, etwa H.P. Lovecraft oder Clark Ashton Smith, deren Werke Merkmale von Fantasy, Horror und Science Fiction aufweisen, so wie auch für ihn diese drei Genres zusammengehören. Die Verbindung zur „weird fiction“ ist auch für Miévilles Zugehörigkeit zur lockeren Autorengruppe (u.a. gehören auch M. John Harrison, Justina Robson, Stephanie Swainston, Ian R. MacLeod dazu) um das Subgenre „New Weird“ von Bedeutung, das in dieser Strömung ebenfalls seine Wurzeln sieht. Die AutorInnen des „New Weird“ schreiben sich auf die Fahnen, die Grenzen zwischen Subgenres zu verwischen und wollen die Fantasy von post-Tolkien Klischees wegbewegen. Dementsprechend kritisch ist auch Miévilles Verhältnis zu J.R.R. Tolkien. Mit seinem Artikel Tolkien – Middle Earth meets Middle England löste er schon recht früh in seiner Schriftstellerlaufbahn eine Kontroverse aus. In diesem Artikel kritisierte er Tolkien – neben C.S. Lewis – ebenso für seine bürgerlich-konservative Einstellung wie für die damit zusammenhängende Weltkonzeption, wobei er besonders den genetischen Determinismus angriff, der rassische Stereotypisierung stets zutreffen ließ. Aber auch Tolkiens Auffassung, dass ein Ende stets tröstlich für den Leser sein müsste, hielt (und hält) er für falsch und wendet sich gegen eine eskapistische Konzeption von Fantasy. Später hat Miéville für sich auch positive Aspekte an Tolkiens Werk entdeckt, ohne damit seine kritischen Aussagen zu revidieren, und er fasste diese in der Liste list of some Perhaps In Some Cases Somewhat Insufficiently Stressed Reasons We Should All Be Terribly Grateful To Tolkien (der entsprechende Blogeintrag heißt: There and Back Again: Five Reasons Tolkien Rocks) zusammen, wobei einige Punkte auch bereits in Middle Earth meets Middle England angeklungen waren.

Als weitere literarische Einflüsse werden von Miéville besonders M. John Harrison, Michael de Larrabeiti, Michael Moorcock, Thomas Disch, Charles Williams, Tim Powers, und J.G. Ballard hervorgehoben. Auch die Pen&Paper -Szene hat – wenn auch in etwas untypischer Weise – ihren Einfluss auf Miéville, der in seiner Jugend selbst gespielt hat: Er hegt eine Faszination für die darin entworfenen Kreaturen und dafür selbst Monster zu kreieren, weswegen er auch die Bestiarien von Trading Card Games sammelt.

China Miéville möchte in jedem Genre einen Roman schreiben. Schauen wir uns einmal an, wie weit er bisher gekommen ist:

Er feierte sein Debüt auf dem Buchmarkt mit King Rat, einem Urban Fantasy Roman, dessen Handlung im London der 1990er Jahre spielt. Bereits sein zweiter Roman Perdido Street Station war jedoch in jener Welt angesiedelt, für die Miéville inzwischen bekannt ist: Bas-Lag. Handlungsschauplatz und heimlicher Star des ersten Bas-Lag Romans ist die Metropole (oder eher der urbane Moloch) New Crobuzon, ein expansionsfreudiger Stadtstaat, (nahezu diktatorisch) regiert vom Bürgermeister und bevölkert von einer Vielzahl unterschiedlicher Rassen. Technisch erinnert das Setting an ein alternatives spätes 19. Jahrhundert mit der Bedeutung von industrieller Fertigung, mit zeppelinartigen Fluggeräten und der Wichtigkeit von Dampfkraft finden sich Anklänge an Steampunk, außerdem verbinden sich in Bas-Lag Wissenschaft und Magie zu einem facettenreichen System. Im Zentrum der Handlung stehen die Käferfrau (Khepri) Lin und ihr Geliebter Isaac, ein exzentrischer menschlicher Wissenschaftler. Für Miéville war wichtig, mit diesen Protagonisten gegen den genetischen Determinismus von Tolkien (und dessen Epigonen) anzuschreiben und zu zeigen, dass die Beziehung eines Individuums zu seiner ethnisch-kulturellen Herkunft wesentlich komplexer und ambivalenter ist. Sein zweiter Bas-Lag Roman The Scar verabschiedet sich vom urbanen Setting und lässt stattdessen Seefahrerflair aufkommen, wenn man die spröde Linguistin Bellis Coldwine auf ihrer Flucht aus New Crobuzon begleitet und ihre Abenteuer auf der schwimmenden Piratenstadt Armada mitverfolgt. Miévilles dritter und bisher letzter Bas-Lag Roman Iron Council bietet schließlich Westernanklänge und neue Schauplätze, denn es soll eine Eisenbahnlinie durch den Kontinent gebaut werden. Es ist aber zugleich sein – auf mehreren Ebenen – politischster Roman in dieser Reihe, in dessen Zentrum zwei Revolutionen stehen.

Danach hat sich Miéville eine Pause von Bas-Lag gegönnt und mit Un Lun Dun einen Young-Adult-Roman vorgelegt – etwas, das er schon lange schreiben wollte – der in einem Paralleluniversen-London (der Titel ist abgeleitet von UnLondon) angesiedelt ist, in das die beiden 12jährigen Mädchen Zanna und Deeba geraten. Sein nächstes Buch war The City & The City, eine Detektivgeschichte im Film-Noir-Stil in den post-sowjetisch angehauchten Städten Besźel und Ul Qoma, die zwar geographisch denselben Raum belegen, deren Bürgern es jedoch nur erlaubt ist, eine davon wahrzunehmen. Das Buch hat aber auch einen privaten Hintergrund: Miéville hatte es für seine schwerkranke Mutter, einem großen Krimifan, geschrieben, sie verstarb jedoch, bevor es fertig wurde. Miévilles bisher letzter Roman ist Kraken, in dem eine Sekte von Tintenfischanbetern aus religiösem Eifer das Exemplar eines Riesenkalmars aus dem British Museum of Natural History stiehlt.
Embassytown (2011) stellt bisher Miévilles am leichtesten einem Genre zuzuordnenden Roman dar. Das Science-Fiction-Setting der kleinen Kolonie Botschaftsstadt bietet Miéville die perfekte Möglichkeit einerseits erneut seiner Faszination für das Urbane zu frönen und andererseits eine spannende Geschichte um Sprachphilosophie zu stricken. Denn die Bewohner des Planeten, auf dem Botschaftsstadt errichtet wurde, können nur Dinge in ihre Sprache einbauen, die wirklich in der Welt sind und können somit auch nicht lügen. Die Begegnung mit den Menschen krempelt ihre Beziehung zur Umwelt und zu ihrer Sprache grundlegend um.
Bisher wurden fast alle Bücher Miévilles ins Deutsche übersetzt, wobei allerdings die ersten beiden Bas-Lag Romane gesplittet wurden. Die Ausnahme bildet sein jüngster Roman Railsea, der 2012 im Original publiziert worden ist, und Miévilles ganz eigene Version von Herman Melvilles Klassiker Moby-Dick darstellt.

Im Jahr 2012 hat sich Miéville dem Comic-Genre zugewandt und mit Dial H for Hero eine bisher wenig erfolgreiche Superheldenserie von DC Comics wiederbelebt, die ihm die Chance bietet, sein Faible für das Monströse und phantasievolle Kombinationen verschiedenster Elemente mit Hilfe von Zeichner Mateus Santolouco in neuer Form auszuleben.

China Miévilles Romane sind mehrfach preisgekrönt, Perdido Street Station gewann im Jahr 2001 einen Arthur C. Clarke Award und einen British Fantasy Award, The Scar 2003 erneut einen British Fantasy Award und einen Locus Award, Iron Council erhielt 2005 wiederum einen Arthur C. Clarke Award und einen Locus Award, Un Lun Dun gewann einen Locus Award for Best Young Adult Book, während The City & The City 2010 einen Arthur C. Clarke Award, einen Hugo Award (gemeinsam mit Bacigalupis The Windup Girl) und einen World Fantasy Award erhielt.

Links:
Interview mit China Miéville auf The Believer (mit Fokus auf Iron Council)
Interview mit China Miéville auf strangehorizons.com (aus dem Jahr 2001)
Interview mit China Miéville aus der Nr. 88 des International Socialism Journal
Tolkien – Middle Earth meets Middle England
There and Back Again: Five Reasons Tolkien Rocks
Eine von ihm selbst ins Deutsche übertragene Zusammenschau dieser Argumente liefert Molo(sovsky)

Bibliographie
Belletristik:

  • 1998: King Rat – König Ratte
  • 2000: Perdido Street Station (Bas-Lag) – Die Falter/Der Weber
  • 2002: The Scar (Bas-Lag) – Die Narbe/Leviathan
  • 2002: The Tain (Novella) – Spiegel
  • 2004: Iron Council – Der Eiserne Rat
  • 2005: Looking for Jake (Sammelband) – Andere Himmel
  • 2007: Un Lun Dun – Un Lon Dun
  • 2009: The City & The City – Die Stadt & Die Stadt
  • 2010: Kraken – Kraken
  • 2011: Embassytown


Kurzgeschichten
:

  • 1986: Highway Sixty One Revisited, in: Young Words
  • 1999: Looking for Jake, in: Royle, Nicholas (ed.): Neonlit Vol. 1
  • 1999: Different Skies, in: White, Tony (ed.): Brit-pulp!
  • 2000: An End to Hunger, in: Jakubowski, Maxim (ed.): Book of Internet Stories
  • 2002: Details, in: Pelan, John/Adams, Benjamin (eds.): The Children of Cthulhu
  • 2002: Familiar, in: Straub, Peter (ed.): Conjunctions: 39, The New Wave Fabulists
  • 2003: Buscard’s Murrain, in: VanderMeer, Jeff/Roberts, Mark (eds.): The Thackery T. Lambshead Pocket Guide to Eccentric & Discredited Diseases
  • 2004: Reports of Certain Events in London, in: Chabon, Michael (ed.): McSweeney’s Enchanted Chamber of Astonishing Stories
  • 2008: A Room of One’s Own, in: Golden, Christopher (ed.): Mike Mignola’s Hellboy: Oddest Jobs
  • 2008: Hellblazer 250, DC Vertigo
  • 2008: Jack, in: The New Weird
  • 2011: “Covehithe”, auf: www.guardian.co.uk, 22 April 2011


Sachliteratur:

  • 1998: The Conspiracy of Architecture: Notes on a Modern Anxiety, in: Historical Materialism, Vol. 2, 1, 1–32
  • 2002: Marxism and Fantasy: Editorial Introduction, in: Historical Materialism, Vol. 10, 4, 39–49
  • 2004: The Commodity-Form Theory of International Law: An Introduction, in: Leiden Journal of International Law, Vol. 2, 17, 271–302
  • 2005: Between Equal Rights: A Marxist Theory of International Law
  • 2005: Anxiety and the Sidekick State: British International Law after Iraq, in: Harvard International Law Journal, Vol. 2, 46, 441–458.
  • 2007: Floating Utopias, in: Davis, Mike/Monk, Daniel Bertrand (eds.): Evil Paradises: Dreamworld of Neoliberalism
  • 2008: Multilateralism as Terror: International Law, Haiti and Imperialism, in: Finnish Yearbook of International Law, Vol. 19, 63-92
  • 2008: M.R. James and the Quantum Vampire – Weird; Hauntological: Versus and/or and and/or or?, in: Collapse, Vol. 4, 85–108.
  • 2009: Weird Fiction, in: Bould, Mark/Butler, Andrew M./Roberts, Adam/Vint, Sherryl (eds): The Routledge Companion to Science Fiction
  • 2009: Cognition as Ideology: A Dialectic of SF Theory, in: Bould, Mark/Miéville, China (eds): Red Planets: Marxism and Science Fiction
Stand: 29. Juli 2013