The Dispossessed

Cover von The Dispossessed von Ursula K. Le GuinFür den März haben wir Ursula K. Le Guins „ambivalente Utopie“ The Dispossessed (dt. Planet der Habenichtse/Die Enteigneten) ausgewählt. Verfasst Mitte der 1970er Jahre, in einer vom Kalten Krieg (und seinen Stellvertreterkriegen) geprägten Zeit, stehen sich auch im Roman die Vertreter zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme argwöhnisch gegenüber. Auf der einen Seite die politische Führung der parlamentarischen Republik A-Io auf dem fruchtbaren Planeten Urras, die gerade in einen mal mehr, mal weniger heißen Konflikt mit dem totalitären Thu verwickelt ist, auf der anderen Seite die egalitäre, regierungslose Gesellschaft des kargen Mondes Anarres, gegründet von politischen enfants terribles, die den Lehren der anarchistischen Philosophin Odo anhingen und deswegen von Urras verbannt wurden. Aus (wissenschaftlicher) Neugierde und um die Gegensätze zu überwinden, kehrt der renommierte Physiker Shevek nach über 100 Jahren als erster Anarresti nach Urras zurück.

Ursula K. Le Guin liefert in zwei zeitlich weit auseinander liegenden, aber doch stets zueinander in Beziehung stehenden Handlungssträngen – Shevek auf Urras und Shevek auf Anarres –, die von Kapitel zu Kapitel wechselnd beleuchtet werden, eine durch die Erzählweise mitreißende Studie zweier Gesellschaftssysteme, die der Leserschaft jedoch kein Urteil aufzwingt. Vielmehr sieht man sich mit den Ambivalenzen der Gesellschaften auf Urras und Anarres konfrontiert. Somit impliziert der Roman einerseits einen – angesichts seines historischen Kontexts erstaunlich abwägenden – Vergleich zwischen USA und UdSSR, liefert andererseits aber auch eine Alternative (eben die Utopie), von der aus beide Positionen kritisch zu betrachten sind. Die beiden Zeit- und Gesellschaftssphären sind dabei nicht nur über Shevek, sondern auch durch übergreifende Motive miteinander verdrillt, was nicht nur zusätzliche Aspekte eröffnet, sondern auch schlicht großen Spaß macht, wenn sich die Geschichte auch über die Querbezüge entfaltet.

Während modernere Romane (Iron Council, Aether) mit einem resignierten Abwinken der Hoffnung auf (revolutionäre) Weltverbesserung den Rücken zukehren, zeigt Le Guin, dass diese Hoffnung schon immer irreführend war (und die Resignation daher verfrüht ist). Das Austauschen der Elite kann niemals ausreichen, vielmehr bedarf es des Engagements aller und des steten Aushandelns, was erreicht werden soll – mit all den Schwierigkeiten, die dies birgt. Denn Le Guin verabsäumt es auch nicht, zu zeigen, wie schnell aus dem Verteidigen von Idealen Orthodoxie werden kann und wie rasch sich informelle Hierarchien in einer egalitären Gesellschaft ausbilden können.
Man liegt nicht ganz falsch, wenn man vermutet, The Dispossessed hätte etwas von einem akademischen Vergnügen. Der Entwurf ist ein Vehikel für eine genaue gesellschaftliche Beobachtung, aber eine lebendige und gerade im Bezug auf den Umgang jüngerer Autoren und Autorinnen mit Revolution und Utopie sehr aktuelle.

7 Kommentare zu The Dispossessed

  1. Raskolnik sagt:

    Ich finde es doch etwas fragwürdig, den Inhalt von “Iron Council” als ein “resigniertes Abwinken” der Hoffnung auf eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu charakterisieren.

    Mit Le Guins Schilderung eines anarchistischen Utopias habe ich allerdings so meine Probleme.

    Zum einen hatte ich immer das Gefühl, die Autorin sei der Frage aus dem Weg gegangen, wie man eine klassenlose Gesellschaft gründen könne, indem sie ihre anarchistische Ordnung eben gerade nicht aus einer Revolution, sondern aus einer Emigration hervorgehen lässt. Anarres ist im Grunde so etwas wie eine riesige Aussteigerkommune.

    Zum anderen halte ich es für völlig unmöglich, eine egalitäre Gesellschaft auf der Grundlage einer Mangelwirtschaft zu errichten. Bei derartig begrenzten Ressourcen wird sich sehr schnell eine Elite von “Verteilern” herausbilden, und es wird nicht lange dauern, und diese Elite wird sich selbst mehr “zuteilen” als ihren Mitbürgern. Mehr oder weniger das, was in der frühen Sowjetunion passiert ist.

  2. mistkaeferl sagt:

    Ich glaube aber nicht, dass Anarres als leuchtendes Beispiel oder auch nur als gute Lösung verkauft werden soll. Genau die von dir genannten Probleme treten ja hervor und man merkt, dass es eigentlich so doch nicht funktioniert.

    Die “Lösung”, wenn man so will, bzw. die Erkenntnis, dass es nur den komplizierten Weg gibt, deutet sich dadurch erst an. Aber auch, dass diese Möglichkeit grundsätzlich schon besteht (das ist zumindest das, was ich aus dem Ende des Romans mitnehme). Das ist für mich tatsächlich ein Schritt weiter als die gewisse Hoffnungslosigkeit, die ich in “Iron Council” schon auch spüre.

    Mit den Ursprüngen von Anarres hast du aber auf jeden Fall recht.

  3. wurling sagt:

    Ich denke auch, dass Ursula K. Le Guin nicht im Sinn hatte einen funktionierenden egalitären Gesellschaftsentwurf zwischen Buchdeckel zu pressen. Dazu verleitet sie den Leser viel zu sehr zum Nachdenken. Nachdenken warum manches nicht funktioniert – was nötig wäre, um gewisse Strukturen zu schaffen und leztlich auch zu erhalten.
    Unter dem Strich stand für mich die Erkenntnis, dass es nicht unmöglich, aber wahnsinnig schwierig wäre und einen sehr langen Zeitraum des Wandels bedarf, um dorthin zu kommen einen funktonierenden Anarchismus zu entwickeln, der es dann auch für mich wert wäre ihn zu leben.
    Für mich war “Planet der Habenichtse” (mMn der bessere dt. Titel, wenn er auch nicht dem Original entspricht) nicht eines der besten (im Sinne von unterhaltsamsten), aber eines der interessantesten SF-Bücher, die ich bisher gelesen habe. Mein Erfahrungsschatz ist allerdings in der SF relativ begrenzt.

  4. Raskolnik sagt:

    Da habe ich mich offenbar etwas ungenau ausgedrückt. Wie ihr denke auch ich, dass Anarres kein makelloses Utopia sein soll. Das Interessanteste an dem Buch ist ja gerade, dass sich Ursula K. Le Guin kritisch mit einer Reihe von Problemen auseinandersetzt, die in einer anarchistischen Gesellschaft entstehen könnten. Ihr Anliegen war offenbar, ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen. Doch genau an diesem Punkt setzt meine Kritik ein.

    Anarres ist eine ziemlich arme Welt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sich eine klassenlose Gesellschaft im Grunde nur in Form einer “Post-scarcity”-Gesellschaft entwickeln kann. Jedenfalls muss sie sich auf dem Weg dahin befinden. {In dieser Hinsicht finde ich Iain Banks “Culture” sehr viel “realistischer”.} Wenn hingegen die vorhandenen Ressourcen & Konsumgüter so begrenzt sind wie auf Anarres, wird es jemanden geben müssen, der darüber entscheidet, wer was bekommt, und dafür sorgt, dass sich niemand etwas aneignet, was ihm nicht “zusteht”. Unter diesen Umständen halte ich es für unmöglich, dass man für längere Zeit auf staatliche Gewalt (Polizei etc.) verzichten kann. Das wäre nur möglich, wenn sich sämtliche Mitglieder dieser Gesellschaft einer schier unmenschlichen Selbstdisziplin unterwerfen würden.

    Es ist schon ein paar Jährchen her, dass ich “The Dispossessed” gelesen habe, aber wenn ich mich recht entsinne, wird die ziemlich rigide Moral von Anarres zwar angesprochen {das Erziehungssystem fand ich z.B. ziemlich gruselig}, die materielle Armut der Gesellschaft aber nicht als das eigentliche Problem dargestellt. In dieser Hinsicht erschien mir das Buch {zumindest damals} als typisches Produkt der konsumfeindlichen Counter Culture der 60er und 70er Jahre.

  5. Fremdling sagt:

    Bzgl. “Iron Council”: Zumindest entledigt man sich des Problems, einen alternativen Gesellschaftsentwurf vorzulegen (denn auch der Eiserne Rat bleibt in dieser Hinsicht eher mit groben Strichen skizziert) und sich mit dessen potentiellen Problemfeldern auseinanderzusetzen. Ich möchte allerdings potentielle LeserInnen jetzt auch nicht spoilern.

    Ich weiß, es ist eher sinnlos, mit diesen Begrifflichkeiten zu diskutieren, wenn’s um Utopien geht, aber ich halte die Bedingungen der Gesellschaft von Anarres für deutlich “realistischer” als das post-scarcity-Szenario und eigentlich auch für die spannendere Wahl, was das Setting betrifft, gerade weil es so viel Potenzial für Spannungen bietet. Ob Le Guin den Aspekt physischer Gewalt zu sehr ausblendet, kann ich nicht beurteilen, die gruppeninterne Kontrolle kommt ja doch deutlich zum Ausdruck. Außerdem weiß ich nicht, ob ein staatlicher Gewaltapparat in der nicht gerade dicht besiedelten Welt von Anarres so gut funktioniert hätte – die Leute bleiben ja Teil von anderen, relativ eng geknüpften sozialen Netzen, die wiederum sozialen Druck ausüben können. (Um von den anderen daraus resultierenden Problemen, wie etwa Korruption, etc., gar nicht erst anzufangen. Schließlich wäre es dann erst recht wieder eine jeder Selbstverantwortlichkeit entledigte Gesellschaft – und genau darum geht es ja auch in “The Dispossessed”.)

    Und mal unqualifiziert dahinfabuliert (wenn ich was falsch verstehe, kläre mich bitte auf), scheint mir der bedingungslose Überfluss auch ein etwas “billiger” Ausweg zu sein, weil er jede Reflexion über Konsum (und Produktion) sinnlos macht – ich nehme niemandem etwas weg, egal wie viel ich konsumiere. Ich nehme mal an bei Ian Banks dreht es sich dann um die Problematik, dass nur weil ein Bedürfnis befriedigt werden kann, es nicht unbedingt befriedigt ist, sprich man Glück/Zufriedenheit empfindet?

  6. Anubis sagt:

    Was den Realismus angeht, finde ich die Culture auch überzeugender als Anarres, muss ich sagen. Das ist von meiner Seite kein Verdammungsurteil gegen The Dispossessed. Ich liebe das Buch. Aber an einer entscheidenden Stelle funktioniert es für mich ‚nur‘ als Gedankenexperiment, nicht als realistische Beschreibung, wie eine anarchokommunistische Gesellschaft* entstehen könnte: das schon erwähnte Massenaussteiger_innentum.

    In kleinem Maßstab gibt es Anarres ja auch bei uns, in Form von Kollektivbetrieben, Wohnprojekten mit gemeinsamer Ökonomie etc. Aber der Einfluss auf die Gesamtgesellschaft ist verschwindend gering, und meiner Erfahrung nach ist es so, dass viele in solchen Projekten Aktive dazu neigen, die Tatsache zu ignorieren, dass ihre Lebensweise (aus nachvollziehbaren Gründen, finde ich) für die meisten Menschen nicht die geringste Anziehungskraft hat. Ich halte es für so gut wie ausgeschlossen, dass es jemals zu so einem Massenausstieg kommen wird, wie Le Guin ihn schildert.

    Aber wenn man akzeptiert, dass die Entstehung der Gesellschaft von Anarres keine realistische Schilderung ist, sondern eine narrative Voraussetzung, um das Gedankenexperiment Anarres darstellen zu können, halte ich The Dispossessed für eine sehr zutreffende Beschreibung der Probleme, die ein unter Bedingungen der Knappheit errichtetes egalitäres Miteinander mit sich bringt. Große Teile des Buches handeln ja davon, welche Mittel die Gesellschaft von Anarres einsetzt, um Menschen davon abzuhalten, sich Dinge anzueignen, die ihnen nicht ‚zustehen‘ – vor allem ein gewaltiger moralischer Druck, der von der Kindheit an auf alle Individuen ausgeübt wird. Ich finde es interessant, dass im Buch zwei Szenen vorkommen, in denen die Menschen von Anarres zu offener Gewalt greifen: Einmal handelt es sich um Leute, die besonders unter der Knappheit leiden und sich plötzlich in einer gewaltsamen Konfrontation mit anderen befinden, die den Verteilungsplan verteidigen. Und zum anderen gibt es den Mob, der Shevek abhalten will, nach Urras zu reisen. Beide Male geht es darum, dass Menschen sich unangepasst verhalten (indem sie die planmäßige Verteilung stören; indem sie wissenschaftliche Forschung behindern, die ihnen nicht in den Kram passt). Das scheint mir in der Tat die unausweichliche Folge einer solchen Gesellschaft zu sein: Sie ist darauf angewiesen, Menschen zum Konformismus zu erziehen, und wer diesem Ideal nicht entspricht, sieht sich schlimmstenfalls einem Mob gegenüber.

    Großartig finde ich The Dispossessed übrigens nicht nur, weil es schonungslos solche gewalttätigen Möglichkeiten aufzeigt, sondern vor allem auch deshalb, weil es auf der anderen Seite gegenüber den Menschen von Anarres und ihren Bemühungen nie in Häme verfällt.

    Während The Dispossessed in meinen Augen eine letztlich aporetische Entwicklung schildert, sehe auch ich die Grundvoraussetzung des Gesellschaftsmodells der Culture als eine an, um die man nicht herumkommt: Will man eine Gesellschaft, in der niemand gezwungen ist, anderen etwas wegzunehmen,** dann muss es eine Post-Scarcity-Gesellschaft sein. Das halte ich nicht für eine Weigerung, Konsum zu reflektieren, sondern für die Einsicht, das Knappheit nicht naturgegeben ist, sondern durch die Art der gesellschaftlichen Organisation zustande kommt.

    * So würde ich die Gesellschaft von Anarres einordnen, nicht als rein anarchistische Utopie.
    ** Dieser Zwang ist es, der den Kapitalismus in meinen Augen so menschenfeindlich macht: Habe ich Kapital oder Produktionsmittel, bin ich gezwungen, mit anderen um Profite zu konkurrieren. Habe ich weder Kapital noch Produktionsmittel, bin ich gezwungen, mit anderen im Verkauf meiner Arbeitskraft zu konkurrieren. In beiden Fällen beruht meine materielle Existenz zwangsläufig darauf, dass ich anderen etwas wegnehme.

  7. Raskolnik sagt:

    Ich weiß, hier sollte es eigentlich um “Planet der Habenichtse” gehen, und ich will da auf jedenfall auch noch was zu schreiben, aber {wenn’s erlaubt ist} erst einmal noch ein-zwei Gedanken zu “Iron Council”:

    Wie du ganz richtig anmerkst, Fremdling, weicht Miéville der Frage aus, wie genau die Gemeinschaft des Rates ihr Leben organisiert. Das bleibt wirklich alles seeehr verschwommen. Das ist auch für mich ein Schwachpunkt des Romans, allerdings nicht der größte. Ich denke die Zielsetzung des Buches besteht nicht darin, einen alternativen Gesellschaftsentwurf zu entwickeln. In meinen Augen ist “Iron Council” vor allem ein Roman über die Revolution. Mit am problematischsten finde ich darum auch die Darstellung des Massenaufstands. Ich finde nicht, dass es Miéville besonders gut gelungen ist, zu beschreiben, wie eine Revolution tatsächlich abläuft und was sie für die an ihr beteiligten Menschen bedeutet. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, bestehen die Revolutionskapitel in erster Linie aus der Schilderung von Straßenkämpfen, und eine solche Herangehensweise ist mir einfach zu oberflächlich.

    Was die Frage der Hoffnungslosigkeit angeht, finde ich es sehr interessant, dass die Handlung mit einem abgewandelten Zitat aus Rosa Luxemburgs Artikel “Die Ordnung herrscht in Berlin” (marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/ordnung.htm) schließt. Ich bin mir nicht sicher, wie man das zu interpretieren hat.
    Man könnte das eher pessimistisch deuten. Schließlich wurde Rosa kurz nach seiner Abfassung von den Freikorps ermordet, und trotz anhaltender Massenkämpfe in den nächsten Jahren, war es am Ende eben nicht die Revolution, die siegte, sondern der Nationalsozialismus.
    Allerdings glaube ich nicht so recht, dass eine solche Lesart in Miévilles Absicht gelegen hat. Wie Luxemburg wollte wohl auch er damit der Überzeugung Ausdruck verleihen, dass eine Niederlage, so schwer sie auch sein mag, nicht das Ende des Kampfes {und der Hoffnung auf Sieg} sein darf.
    Doch dann kommt da ja auch noch der Epilog. Und was in diesem geschildert wird, wirkt eher wie eine Fetischisierung der Idee der Revolution. Sie wird zu einer Art Mythos. Dieses Thema wurde bereits innerhalb der Handlung kritisch aufgegriffen. Bloß werde ich das Gefühl nicht los, dass der gute China selbst mit der Revolution oft ganz genauso verfährt.
    Um dieses Gewirr {scheinbarer?} Widersprüche aufzudröseln, wäre es vermutlich nötig, sich etwas eingehender mit Miévilles eigenen (partei)politischen Überzeugungen auseinanderzusetzen.

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